In dem RiskNET-Beitrag "Regierungs- und Bankenverhalten in der Griechenland-Krise" (siehe auch RISIKO MANAGER 11/2010) wurde das Regierungs- und Bankenverhalten während der Griechenlandkrise spieltheoretisch analysiert. Am 18. Mai reagierte die deutsche Regierung mit einem für die Märkte unerwarteten Gegenschlag. Wir untersuchen die neue Situation und kommen zu einer völlig neuen Bewertung der Euro-Krise.
Mit dem Verbot ungedeckter Leerverkäufe von Wertpapieren hat die deutsche Regierung einen Schritt getan, der eine einmalige Qualität hat: Sie hat einen Alleingang riskiert und ist damit über den langen Schatten des aus der Spieltheorie bekannten Gefangenen-Dilemmas gesprungen. Diesen Schritt hat die Finanzindustrie immer gefürchtet. Er ist für die Finanzkreise eine Katastrophe. Die hysterischen Reaktionen zeigen, dass die Regierung den richtigen Nerv getroffen hat. Es geht bei der neuen Regulierung gar nicht in erster Linie um den Inhalt; es geht vielmehr um die einmalige Methode des Vorgehens, den Alleingang. Vermutlich ist sich die Regierung der Tragweite ihres Tuns noch nicht bewusst. Wenn sie in einigen Tagen verstanden haben wird, was sie getan hat, dann besteht Hoffnung auf ähnliche Maßnahmen auf anderen Feldern der Finanzmarktregulierung. Vielleicht schließen sich andere Regierungen dem deutschen Alleingang an. In diesem Fall ist der Weg frei für eine fundamentale Neuordnung der Finanzindustrie. Ein Weitermachen nach den alten Spielregeln ist dann nicht mehr möglich.
Das Gefangenen-Dilemma
Wie aus dem Beitrag "Regierungs- und Bankenverhalten in der Griechenland-Krise" bekannt ist, geht es beim Gefangenen-Dilemma um die folgende Geschichte: Bonnie und Clyde haben ein Verbrechen begangen. Der Sheriff kann nichts Genaues nachweisen. Er führt getrennte Vernehmungen durch. Beide hatten vorher abgesprochen, nichts zu verraten. Ohne Geständnis kann nur eine geringe Strafe, beispielsweise wegen illegalen Waffenbesitzes, in Betracht kommen. Schweigen wäre also für beide die beste Lösung. Es gibt jedoch noch die Kronzeugenregel. Danach erhält der Geständige Straffreiheit. Aus Eigeninteresse ist es sowohl für Bonnie als auch Clyde vorteilhaft, die Absprache zu brechen. Weil jeder so denkt, legen beide ein Geständnis ab. Beide werden folglich zur Höchststrafe verurteilt. Hätten beide, wie abgesprochen, geschwiegen, wären sie beide besser davon gekommen. Das ist das Dilemma.
Aus der Geschichte folgt, dass Bonnie wie auch Clyde aus ihrer jeweiligen Sicht sehr vernünftig und rational gehandelt haben. Negativ ausgedrückt, handeln beide Spieler nur mit Blick auf das egoistische Eigeninteresse. Das daraus folgende Kollektivverhalten führt zur denkbar schlechtesten Lösung: Beide erhalten die Höchststrafe. Genau dieses Ergebnis charakterisiert das Verhalten der EU-Regierungen. Alle Regierungen wissen, dass die umfassende Regulierung der Finanzindustrie das Gebot der Stunde ist. Diese beste Lösung kommt aber nicht zustande. Der Grund dafür sind nationale Egoismen. Jede neue Regulierung wird natürlich die Finanzindustrie eines jeden Landes massiv belasten; Umsätze, Geschäftsvolumina und Profite werden einbrechen. Diese Nachteile mutet man aber nur der Finanzindustrie des Nachbarn zu; keine Regierung hat den Mut, diese Nachteile auch der eigenen Finanzindustrie zuzumuten. Da alle Regierungen so denken, kommt es zum Gefangenen-Dilemma. Alle Spieler lehnen die beste Lösung ab. Die schlechteste Lösung gewinnt: Alle Regierungen blockieren die Einführung neuer Regulierungen. Seit der Konferenz von Pittsburgh im Jahre 2009 beobachten wir genau dieses Verhaltensmuster. Nichts ist passiert. Keine Regierung war bereit, über den eigenen Schatten zu springen. Nationale Egoismen waren für die totale Blockade verantwortlich. Das Verhaltensmuster ist wie beim Doping: Die anderen Spieler sollen auf Doping verzichten. Wenn man selbst nur ein "wenig" gegen die Regeln verstößt, kann das ja nicht sehr dramatische Folgen haben.
Der unerwartete Regel-Bruch
Auf dieses Verhaltensmuster der Regierungen konnte sich die Finanzindustrie in der Vergangenheit verlassen. Man war sich sicher, dass keine Regierung die eigene Finanzindustrie im Stich lassen würde. Drohungen mit Regulierungen waren unglaubwürdig. Dass nun die deutsche Regierung aus dem Gefangenen-Dilemma ausbricht, ist für die Finanzkreise der Super-Gau. Die beobachtbare Hysterie zeigt, dass der Kurswechsel getroffen hat. Im Lichte dieser Hysterie erkennt man plötzlich auch, dass die Griechenland-Krise neu gedeutet werden muss. Im Griechenland-Szenario ging es primär gar nicht um den Euro. Die Heterogenität der verschiedenen Euro-Regionen und die Bankrott-Situationen vieler EU-Staaten waren lange bekannt. Dennoch blieb bis zum letzten Dezember alles ruhig. Die dann einsetzende Krise war ein Instrument, die drohende Aufweichung des Gefangenen-Dilemmas zu verhindern. In Finanzkreisen bestand schon im letzten Jahr die Befürchtung, die EU-Regierungen könnten aus ihrer selbstverschuldeten Gefangenschaft ausbrechen, also genau das tun, was die deutsche Regierung jetzt mit ihren Alleingang getan hat. Um diesen Ausbruch zu vermeiden, wurde im Dezember 2009 die Griechenland-Krise ausgelöst. Für die Finanzindustrie war das kein Problem. Die Krisen-Munition lag abholbereit vor der Haustür. Die Existenz von riesigen Budgetdefiziten in vielen EU-Staaten war seit Jahren bekannt. Jetzt konnten diese Defizite als Mittel zum Zweck eingesetzt werden. Der Zweck war die Blockade umfassender Regulierungseingriffe der EU-Regierungen.
Dieser Zusammenhang soll genauer erklärt werden. Drei Bereiche aus der Finanzindustrie wären von den neuen Regulierungen am Stärksten betroffen. Das sind Investmentbanken, Hedgefonds und Rating-Agenturen. Diese Institutionen konnten bis vorgestern in einem fast regulierungsfreien Raum ihre Geschäfte abwickeln. Sie müssen die neuen Regulierungen fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Wie kann man drohende Regulierungseingriffe verhindern? Die Finanzindustrie setzte auf einen hinterlistigen Trick. Der Trick bestand darin, die EU-Regierungen mit einem neuen Problem so stark zu beschäftigen, dass alle Regulierungsdiskussionen für lange Zeit in den Hintergrund treten müssen. Wie sah dieser Trick aus? Die Rating-Agenturen stuften aus heiterem Himmel am 8. Dezember 2009 die Kreditwürdigkeit Griechenlands von A- auf BBB+ herab. Damit hatten sie die Krise "künstlich" in die Welt gesetzt. Alle Regierungen mussten sich jetzt auf die Lösung der Euro-Frage konzentrieren. Die Defizit-Länder standen im Blickpunkt der Diskussionen. Finanzmarktregulierungen waren kein Thema mehr. In den Finanzkreisen konnte man aufatmen. Man kann die Auslösung der Krise auch anders interpretieren. Die Finanzindustrie sagt den Regierungen: Lasst uns in Ruhe. Wenn ihr diese Warnung nicht verstehen wollt, können wir auch anders. Das ist spätestens seit Griechenland eine glaubwürdige Drohung.
Fazit
Wir behaupten nicht, dass das Euro-Problem ignoriert werden darf. Das Problem des Euro folgt aus schweren Konstruktionsfehlern bei der Gründung der Währungsunion. Diese Fehler waren seit vielen Jahren wohl bekannt. Die Korrektur dieser Fehler ist eine langfristige Aufgabe. Die kurzfristigen Probleme sind ganz anderer Natur. Hier suchen wir Antworten auf ganz aktuelle Fragen: Warum stürzte der Euro seit Jahresbeginn so dramatisch ab? Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Euro-Krise und dem aktuellen Regulierungs-Defizit? Unsere Antwort lautet: Der Finanzsektor wollte mit der künstlich ausgelösten Euro-Krise die drohende Einführung neuer Maßnahmen zur Kapitalmarktregulierung blockieren. Wer in diesem Kampf die Oberhand gewinnen kann, ist offen.
Autoren:
Dr. Volker Bieta ist Lehrbeauftragter an der TU Dresden.
Dr. Hellmuth Milde ist Gastprofessor an der Universität Luxemburg.
Dr. Henry Schäfer ist Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Stuttgart.
[Bildquelle: iStcokPhoto]






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