Mittelstand spart sich stabil

Investitionsflaute


Investitionsflaute: Der Mittelstand spart sich stabil – und investiert sich womöglich schwach News

Der deutsche Mittelstand sendet derzeit ein widersprüchliches Signal. Auf den ersten Blick sieht ein Teil der Finanzierungsdaten robust aus: Die Eigenkapitalausstattung verbessert sich, der Anteil eigenkapitalstarker Unternehmen steigt, und viele Firmen scheinen weniger abhängig von Banken zu sein. Doch hinter dieser scheinbaren Stabilität verbirgt sich ein kritischer Befund: Die Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück, nutzen Bankkredite seltener und verschieben damit möglicherweise genau jene Zukunftsausgaben, die für Digitalisierung, Transformation, Energieeffizienz, Automatisierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit notwendig wären.

Die Kernaussage ist deshalb unbequem: Kredite sind für mittelständische Unternehmen eine sehr wichtige Finanzierungsquelle und erhöhen das sogenannte Risikodeckungspotenzial. Wie eine aktuelle Analyse von KfW Research zeigt, nimmt die Nachfrage jedoch ab und die Firmen halten sich immer stärker zurück. Bankkredite bleiben für KMU laut KfW das wichtigste externe Finanzierungsinstrument; 2025 wurden rund 32 Prozent des Investitionsvolumens im Mittelstand über Bankkredite finanziert, während eigene Mittel mit rund 51 Prozent die größte Rolle spielten. Gleichzeitig sank die grundsätzliche Bereitschaft, Bankkredite für Investitionen zu nutzen, auf nur noch 27 Prozent – 2017 waren es noch 66 Prozent.

Abb. 01: Entwicklung der Ertragslage und -erwartungen im deutschen Mittelstand [Quelle: Creditreform]Abb. 01: Entwicklung der Ertragslage und -erwartungen im deutschen Mittelstand [Quelle: Creditreform]

Ertragslage: Die Wunde ist noch offen

Die Creditreform-Daten zeigen: Die Lage hat sich nicht normalisiert. Zwar hellen sich die Erwartungen leicht auf, doch die aktuelle Ertragslage bleibt schwach. Im Frühjahr 2026 berichteten 37,2 Prozent der befragten Unternehmen von Ertragseinbußen, während nur 16,9 Prozent steigende Erträge meldeten. Besonders belastet sind Handel und Verarbeitendes Gewerbe; im Handel meldeten 45,6 Prozent Ertragsrückgänge, im Verarbeitenden Gewerbe 40,1 Prozent.

Das ist mehr als eine konjunkturelle Delle. Sinkende Erträge schwächen die Innenfinanzierungskraft, also die Fähigkeit, Investitionen aus Cashflow und einbehaltenen Gewinnen zu finanzieren. Wenn gleichzeitig die Bereitschaft sinkt, externe Finanzierung zu nutzen, entsteht ein gefährlicher Engpass: Die Unternehmen wollen investieren müssen, können oder wollen es aber nicht in ausreichendem Umfang finanzieren.

Die leicht positiven Ertragserwartungen ändern daran nur begrenzt etwas. Der Saldo der Ertragserwartungen liegt 2026 wieder bei plus 2,3 Punkten und damit erstmals seit 2021 wieder im positiven Bereich. Doch das ist noch kein Aufschwung, sondern eher ein vorsichtiges Auftauchen aus einer längeren Belastungsphase.

Eigenkapital: Guter Puffer, falsches Signal?

Eigenkapital ist grundsätzlich gut. Es ist ein Risikopuffer, stärkt die Bonität, sichert die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens und sorgt gerade in Krisenzeiten für Stabilität. Unternehmen mit solider Eigenkapitalbasis können Nachfrageschocks, Kostensteigerungen, Forderungsausfälle oder Finanzierungslücken besser überstehen als dünn kapitalisierte Betriebe.

Doch die aktuelle Entwicklung hat eine zweite Seite. Creditreform weist darauf hin, dass der Anteil eigenkapitalstarker Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von über 30 Prozent auf 36,0 Prozent gestiegen ist – der höchste Wert seit 30 Jahren. Gleichzeitig sank der Anteil eigenkapitalschwacher Unternehmen mit einer Quote unter 10 Prozent auf 27,6 Prozent. Entscheidend ist jedoch die Interpretation: Creditreform sieht darin auch einen Ausdruck der Investitionszurückhaltung. Wenn Unternehmen weniger investieren, weniger Bankkredite aufnehmen oder Kredite nicht verlängern, kann die Eigenkapitalquote rechnerisch steigen.

Abb. 02: Eigenkapitalausstattung im Mittelstand im Verhältnis zur Bilanzsumme [Quelle: Creditreform]Abb. 02: Eigenkapitalausstattung im Mittelstand im Verhältnis zur Bilanzsumme [Quelle: Creditreform]

Das ist der kritische Punkt: Eine steigende Eigenkapitalquote ist nicht automatisch ein Zeichen wachsender Zukunftsfähigkeit. Sie kann auch Ausdruck defensiver Bilanzpolitik sein. Wer Investitionen aufschiebt, hält die Bilanz schlank. Das sieht stabil aus, kann aber langfristig Substanz kosten.

Nicht gut ist es, wenn Unternehmen eigentlich erforderliche Investitionen aufschieben oder unterlassen. Das kann zum Problem werden, denn die Transformation der Wirtschaft und der internationale Wettbewerbsdruck machen Investitionen unumgänglich. Wer heute nicht in digitale Prozesse, Energieeffizienz, moderne Maschinen, Cyberresilienz, Fachkräftebindung oder neue Geschäftsmodelle investiert, verliert morgen Produktivität, Marktanteile und Innovationsfähigkeit.

Investitionsbereitschaft: Leichte Erholung auf schwachem Niveau

Die Creditreform-Zahlen zur Investitionsbereitschaft bestätigen die Zurückhaltung. 2026 planen 44,7 Prozent der Mittelständler ein Investitionsvorhaben. Das ist etwas mehr als 2025 mit 41,7 Prozent, liegt aber deutlich unter den früheren Werten: 2018 waren es noch 58,8 Prozent, 2019 noch 55,2 Prozent und selbst 2023 noch 52,8 Prozent.

Abb. 03: Entwicklung der Investitionsbereitschaft im deutschen Mittelstand [Quelle: Creditreform]Abb. 03: Entwicklung der Investitionsbereitschaft im deutschen Mittelstand [Quelle: Creditreform]

Besonders schwach ist der Handel mit nur 36,8 Prozent investitionsbereiten Unternehmen. Das Verarbeitende Gewerbe kommt auf 48,4 Prozent, bleibt aber ebenfalls unter früheren Werten. Das ist volkswirtschaftlich relevant, weil gerade das Verarbeitende Gewerbe kapitalintensiv ist und Modernisierungsinvestitionen benötigt, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

Die Investitionsflaute wirkt damit nicht sofort dramatisch, sondern schleichend. Maschinen werden länger genutzt, IT-Systeme später modernisiert, Automatisierungsprojekte verschoben, energetische Sanierungen vertagt. Kurzfristig verbessert das Liquidität und Eigenkapitalquote. Langfristig erhöht es den Modernisierungsstau.

Warum Kredite mehr sind als Schulden

In der öffentlichen Debatte werden Kredite häufig mit Verschuldung gleichgesetzt. Für Unternehmen ist diese Sicht zu kurz. Ein Kredit ist nicht nur eine Verbindlichkeit, sondern auch ein Instrument zur Finanzierung künftiger Ertragskraft. Wird ein Kredit für produktive Investitionen genutzt, kann er das Risikodeckungspotenzial erhöhen: Das Unternehmen schafft neue Kapazitäten, verbessert Prozesse, senkt Kosten, erschließt Märkte oder erhöht seine Resilienz.

Das gilt allerdings nur, wenn die Investition wirtschaftlich tragfähig ist. Kreditfinanzierung ersetzt keine solide Planung. Aber ohne Fremdkapital werden viele Investitionen im Mittelstand nicht realisierbar sein. KfW Research formuliert den Punkt deutlich: Angesichts hoher Investitionsbedarfe bleibe externes Kapital unverzichtbar, weil Eigenmittel allein dafür nicht ausreichen. Ohne Bereitschaft zur Kreditfinanzierung drohen notwendige Investitionen und Wachstumschancen zu unterbleiben.

Genau hier liegt das Risiko: Wenn Unternehmen aus Vorsicht auf Fremdkapital verzichten, reduzieren sie kurzfristig finanzielle Verpflichtungen. Gleichzeitig können sie aber ihre Zukunftsfähigkeit beschädigen.

Die neue Schuldenaversion

Die KfW-Analyse zeigt, dass die Zurückhaltung nicht nur aus hohen Zinsen resultiert. Der wichtigste Grund gegen Kreditfinanzierung ist der Wunsch, Schulden zu vermeiden. 63 Prozent der KMU, die keine Kreditfinanzierung in Betracht ziehen, nennen dies als Motiv. 50 Prozent geben an, grundsätzlich keine Fremdfinanzierung anzustreben. Beide Werte sind gegenüber 2023 deutlich gestiegen.

Das verweist auf eine psychologische und strategische Verschiebung. Viele Unternehmen wollen unabhängiger werden, weniger Berichtspflichten erfüllen, keine zusätzlichen Sicherheiten stellen und keine fixen Zins- und Tilgungszahlungen eingehen. Hinzu kommen schwache Wachstumsaussichten, geopolitische Risiken, Energiepreisunsicherheit, Fachkräftemangel und bürokratische und regulatorische Anforderungen.

Aus einzelbetrieblicher Sicht ist diese Vorsicht nachvollziehbar. Wer unsichere Umsätze erwartet, vermeidet fixe Finanzierungslasten. Aus volkswirtschaftlicher Sicht kann dieselbe Vorsicht jedoch problematisch werden. Wenn viele Unternehmen gleichzeitig Investitionen verschieben, sinkt die gesamtwirtschaftliche Modernisierungsdynamik.

Kleine Unternehmen als Bremsfaktor

Besonders stark ist der Rückgang bei kleinen KMU mit bis zu zehn Beschäftigten. Laut KfW würden 2026 nur noch 23 Prozent dieser Unternehmen Bankkredite für Investitionen in Betracht ziehen; 2017 waren es noch 69 Prozent. Da kleine Unternehmen rund 90 Prozent der mittelständischen Unternehmenslandschaft ausmachen, prägen sie den Gesamttrend. Größere KMU bleiben deutlich kreditoffener: Dort liegt die Bereitschaft weiterhin bei 56 Prozent.

Das ist strukturell bedeutsam. Kleine Unternehmen haben oft geringere Sicherheiten, weniger ausgebaute Finanzabteilungen, schwächere Verhandlungsmacht gegenüber Banken und höhere relative Transaktionskosten bei Kreditprozessen. Wenn diese Gruppe sich aus der Kreditfinanzierung zurückzieht, betrifft das nicht nur einzelne Betriebe, sondern die Breite der deutschen Unternehmensstruktur.

Die volkswirtschaftlichen Risiken der Investitionsflaute

Die Investitionszurückhaltung ist kein isoliertes Unternehmensproblem. Sie kann zu einem gesamtwirtschaftlichen Risiko werden.

Erstens droht ein Produktivitätsproblem. Investitionen sind eine Voraussetzung für effizientere Prozesse, moderne Maschinen, digitale Wertschöpfung und Automatisierung. Werden sie verschoben, altert der Kapitalstock. Unternehmen bleiben arbeitsintensiver, langsamer und teurer.

Zweitens verschärft sich der Wettbewerbsdruck. Internationale Wettbewerber investieren weiter in Technologie, Skalierung, Plattformen, künstliche Intelligenz, Energieeffizienz und neue Lieferketten. Wenn deutsche Mittelständler defensiv bleiben, verlieren sie nicht sofort, aber schrittweise.

Drittens wird die Transformation gebremst. Dekarbonisierung, Digitalisierung und Resilienz gegen Lieferketten- und Cyberrisiken erfordern Kapital. Wer Transformationsinvestitionen verschiebt, spart nicht nur Geld, sondern verschiebt Risiken in die Zukunft.

Viertens entstehen Beschäftigungsrisiken. Wenn Investitionen ausbleiben, entstehen weniger neue Geschäftsfelder und weniger produktive Arbeitsplätze. Gleichzeitig zeigen die Creditreform-Daten bereits eine angespannte Personalsituation: Mit Ausnahme des Dienstleistungssektors schrumpft die Beschäftigung im Mittelstand weiter.

Fünftens steigt die Verwundbarkeit gegenüber Schocks. Paradoxerweise kann übertriebene Vorsicht die Resilienz schwächen. Wer nicht in IT-Sicherheit, Energieunabhängigkeit, Prozessstabilität, Automatisierung oder neue Absatzmärkte investiert, bleibt anfälliger gegenüber Krisen.

Innenfinanzierung allein reicht nicht

Viele Unternehmen setzen statt auf Bankkredite auf Innenfinanzierung. Laut KfW nennen 43 Prozent der KMU, die derzeit keine Kreditfinanzierung nutzen würden, Innenfinanzierung als Alternative. 34 Prozent ziehen Leasing in Betracht, 30 Prozent Gesellschaftereinlagen oder Gesellschafterdarlehen und 19 Prozent Fördermittel. Auffällig ist jedoch, dass 59 Prozent der KMU nur ein einziges alternatives Finanzierungsinstrument nennen.

Abb. 04: Anteil KMU, die aktuell eine Kreditfinanzierung von Investitionen in Betracht ziehen; Anmerkung: Kleine KMU umfassen KMU mit zehn oder weniger Beschäftigten. Große KMU umfassen KMU mit mehr als 10 Beschäftigten [Quelle: Sonderbefragung zum KfW-Mittelstandspanel im Januar 2026]Abb. 04: Anteil KMU, die aktuell eine Kreditfinanzierung von Investitionen in Betracht ziehen; Anmerkung: Kleine KMU umfassen KMU mit zehn oder weniger Beschäftigten. Große KMU umfassen KMU mit mehr als 10 Beschäftigten [Quelle: Sonderbefragung zum KfW-Mittelstandspanel im Januar 2026]

Das deutet auf eine geringe Finanzierungsdiversifikation hin. Gerade in einer Transformationsphase wäre aber ein breiter Finanzierungsmix wichtig: Eigenmittel, Bankkredite, Fördermittel, Leasing, Beteiligungskapital und gegebenenfalls mezzanine Instrumente. Wenn Unternehmen sich einseitig auf Innenfinanzierung verlassen, begrenzen sie ihre Investitionsfähigkeit auf den aktuellen Cashflow. In schwachen Ertragsphasen wird daraus automatisch eine Investitionsbremse.

Fazit: Stabilität darf nicht zur Starre werden

Der deutsche Mittelstand steht vor einem klassischen Risikomanagement-Dilemma. Mehr Eigenkapital, weniger Fremdkapital und vorsichtige Finanzierungspolitik stärken kurzfristig die Stabilität. Doch wenn daraus Investitionsverzicht wird, kippt Stabilität in Starre.

Die aktuellen Analysen von KfW Research und Creditreform zeigen denselben Grundkonflikt aus zwei Perspektiven: KfW beschreibt den Rückzug aus der Kreditfinanzierung, Creditreform dokumentiert die schwache Investitionsbereitschaft bei zugleich steigender Eigenkapitalquote. Zusammengenommen entsteht das Bild eines Mittelstands, der sich finanziell absichern will, dabei aber Gefahr läuft, Zukunftsinvestitionen zu vernachlässigen.

Die Investitionsflaute ist deshalb kein Randthema. Sie betrifft Produktivität, Transformation, Wettbewerbsfähigkeit und langfristige Krisenfestigkeit der deutschen Volkswirtschaft. Eigenkapital bleibt ein notwendiger Risikopuffer. Aber Risikopuffer allein schaffen keine Zukunft. Dafür braucht es Investitionen – und in vielen Fällen auch die Bereitschaft, tragfähige Kredite nicht als Bedrohung, sondern als strategisches Finanzierungsinstrument zu verstehen.
 

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
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