Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts (1999 bis 2016)

"[...] Die ideale Versicherung tauscht Wahrscheinlichkeitsverteilungen des individuellen Einkommens oder Vermögens gegen sichere Beiträge von der Höhe der mathematischen Erwartungen der Verteilungen ein. Diese Funktion ist nützlich, weil Menschen eine Abneigung gegen Ungewissheit haben. […] Das Bedürfnis nach Sicherheit ist eines der fundamentalen Kennzeichen der menschlichen Präferenz, und die Existenz des  Versicherungssektors leitet sich aus der Aufgabe ab, es zu befriedigen. [...]"

Hans-Werner Sinn gilt als einer der einflussreichsten und international anerkanntesten marktliberalen Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands. Es ist jedoch weit weniger bekannt, dass er nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster im Jahr 1978 an der Universität Mannheim sein Doktorarbeit über das Thema "Ökonomische Entscheidungen bei Ungewissheit" geschrieben hat. Seine Arbeit wurde mit dem ersten Preis der Universität Mannheim für Dissertationen ausgezeichnet (Stiftung Rheinische Hypothekenbank).

Sinn weist in seiner Arbeit darauf hin, dass sich Entscheidungssituationen der Realität in zwei Kategorien unterteilen lassen, "nämlich solche, in denen Vermutungen über Tatsachen genutzt werden, und solche in denen das Ergebnis tatsächlich nicht determiniert ist."

Nach Hans-Werner Sinn können die verschiedenen Unsicherheitsgrade immer auf den Fall einer "sicher bekannten objektiven Wahrscheinlichkeit" zurückgeführt werden:

  • Bei an sich unsicheren Wahrscheinlichkeitsangaben, können Wahrscheinlichkeiten höherer Stufen genutzt werden.
  • Wahrscheinlichkeitsverteilungen von Wahrscheinlichkeiten lassen sich auf objektive Wahrscheinlichkeit erster Stufe umrechnen.
  • Ist keinerlei Wahrscheinlichkeit bekannt, so kann eine mit Sicherheit bekannte Gleichverteilung unterstellt werden.

Hieraus kann gefolgert werden, dass im Risikomanagement grundsätzlich alle Risiken zu quantifizieren sind, auch wenn nur subjektive Schätzungen verfügbar sind. Auch subjektiv geschätzte Risiken können genau so verarbeitet werden, wie (vermeintlich) objektiv quantifizierte. Man muss sich hier immer über die Alternativen klar sein: Die quantitativen Auswirkungen eines Risikos mit den best verfügbaren Kenntnissen (notfalls subjektiv) zu schätzen, oder die quantitativen Auswirkungen implizit auf Null zu setzen und damit den Risikoumfang zu unterschätzen. Insgesamt ist damit klar: Nur die Quantifizierung von Risiken schafft einen erheblichen Teil des ökonomischen Nutzens des Risikomanagements zur Unterstützung von Entscheidungen unter Unsicherheit. Die scheinbare Alternative einer Nicht-Quantifizierung von Risiken existiert sowieso nicht, da nicht quantifizierte Risiken kaum etwas anderes sind als mit Null quantifizierte Risiken.

Hans-Werner Sinn wechselte im Jahr 1974 nach seinem Volkswirtschaftsstudium nach Mannheim und promoviert dort. Nach der Promotion geht Sinn für ein Jahr als Junior-Professor an die University of Western Ontario nach Kanada. Wieder zurück in Deutschland habilitiert er an der Universität Mannheim und wird im Jahr 1984 an der Universität München Professor für Finanzwissenschaften. Sieben Jahre später will ihn die Uni Bern abwerben. Sinn bleibt in Deutschland, als er es schafft, sich in München sein eigenes Institut, das "Center for Economic Studies" (CES), auszuhandeln. Im Februar 1999 wird er zudem Präsident des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und baut mit der CES-Ifo GmbH eine Brücke zwischen CES und Ifo. In den Jahren 1997 bis 2000 war Sinn Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik. Die Amtszeit von Hans-Werner Sinn als ifo-Präsident endete im März 2016, als er 68 Jahre alt wurde und in den Ruhestand trat. Seit dem Jahr 2017 ist er "ständiger Gastprofessor" an der Universität Luzern.

In den vergangenen Jahren und aktuell beschäftigt sich Hans-Werner Sinn vor allem mit dem Euro, Griechenland, der Europäischen Zentralbank, grüner Energie, der Demographie und der Migration.

Download:

Romeike, Frank (2007): Hans-Werner Sinn, Ökonom und Präsident des Münchener Ifo-Instituts (Köpfe der Risk-Community), in: RISIKO MANAGER, Ausgabe 06/2007, Seite 23.

Download Artikel (PDF)

Weiterführende Literaturhinweise:

  • Sinn, Hans-Werner (1980): Ökonomische Entscheidungen bei Ungewißheit, Tübingen 1980.
  • Sinn, Hans-Werner (2005): Die Basar-Ökonomie, Berlin 2005.
  • Sinn, Hans-Werner (2005): Der Kasino-Kapitalismus, Berlin 2009.
  • Sinn, Hans-Werner (2012): Die Target-Falle - Gefahren für unser Geld und unsere Kinder, München 2012.
  • Sinn, Hans-Werner (2013): Verspielt nicht eure Zukunft, München 2013.
  • Sinn, Hans-Werner (2014): Gefangen im Euro, München 2014.
  • Sinn, Hans-Werner (2015): Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel, München 2015.
  • Sinn, Hans-Werner (2016): Der Schwarze Juni - Brexit, Flüchtlingswelle, Euro-Desaster - Wie die Neugründung Europas gelingt, München 2016.

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