Welchen Stellenwert wird das Risikomanagement in der Zukunft einnehmen? Was sind die größten Herausforderungen im Risikomanagement der Zukunft? Wie wird die Welt des Risikomanagements in 5 oder 10 Jahren aussehen? Was sind die wesentlichen Lehren aus der jüngsten Finanzkrise? Aus dem Mosaik an Meinungen und Stimmungen ergibt sich ein klares Bild: Das Thema Risikomanagement wird zukünftig eine noch größere Bedeutung haben und muss noch stärker mit der strategischen Steuerung im Unternehmen verknüpft werden. Die Redaktion der Fachzeitschrift RISIKO MANAGER hat - im Rahmen ihrer 100. Jubiläumsausgabe - Risikomanager aus Banken und Versicherungen sowie Wissenschaftler nach Ihrer Einschätzung befragt.
Joachim Oechslin, Chief Risk Officer, Munich RE: Turning Risk into Value
Unser Produkt ist Risikomanagement. Unsere Mission heißt: "Turning Risk into Value". Als Weltmarktführer in der Rückversicherung und als global tätige Versicherungsgruppe ist es unser Ziel, den Standard in Sachen Risikomanagement zu setzen. Schmerzvolle Erfahrungen in der Vergangenheit haben uns das klar vor Augen geführt. Heute können wir sagen, dass sich unser Risikomanagement-Ansatz in einer der schwersten Finanzkrisen der letzen 100 Jahre bewährt hat.
Die größten Herausforderungen im Risikomanagement der Zukunft? Erstens: Im Finanzsektor die Einsicht zu festigen, dass es im Risikomanagement nicht darum geht, die Kapitalanforderungen kleinzurechnen um die Eigenkapitalrendite in die Höhe zu treiben – das ist mittel- und langfristig eine schlechte Strategie. Zweitens: Die Früherkennung von systemischen Risiken zu schärfen. Hier bin ich allerdings eher Pessimist. Drittens: Es wird darum gehen, die Risikomanagement-Funktion vom Unternehmens-Polizisten in einen wahren Partner für das operative Geschäft zu entwickeln.
Univ.-Prof. Dr. Arnd Wiedemann, Inhaber des Lehrstuhls für Finanz- und Bankmanagement, Universität Siegen
Spätestens die dramatischen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit haben allen Beteiligten die herausragende Bedeutung eines funktionierenden Risikomanagements deutlich vor Augen geführt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Im Mittelpunkt müssen die verlässliche Quantifizierung der Risikotragfähigkeit einer Bank oder Versicherung und das systematische Abwägen zwischen Chancen und Risiken stehen.
Die Herausforderungen im Risikomanagement der Zukunft sehe ich in einer erheblich intensiveren Auseinandersetzung der handelnden Akteure mit den Ergebnissen der Risikomessung. Das Verständnis für die angewandte Methodik, die zugrunde gelegten Annahmen, die sachgerechte Interpretation der Ergebnisse, das stete Verproben und Plausibilisieren der Analysen sind fortlaufend zu trainieren. Lebenslanges Lernen gilt für das Thema Risikomanagement mehr denn je. Auch und gerade in die Qualifikation der Mitarbeiter und leitenden Führungskräfte muss daher zukünftig noch mehr investiert werden.
Jens Schmidt-Bürgel, Managing Director und Geschäftsführer der Fitch Deutschland GmbH
Vor dem Ausbruch der Finanzkrise hatte das Thema Risikomanagement bei vielen Banken sicherlich nicht den gleichen Stellenwert wie heute. Historisch niedrige Ausfallquoten ließen das Risiko so mancher Transaktionen eher gering erscheinen. Heute steht jedoch fest, dass die Banken am besten durch die Krise gekommen und Krisengewinner sind, die sich durch ein sehr gutes Risikomanagement auszeichnen. Seit der Börsenkrise 2002/03 und im Zuge der Vorbereitungen auf Solvency II, hat das bereichsübergreifende Risikomanagement bei den Versicherern einen deutlich höheren Stellenwert eingenommen. Das gilt besonders für kleinere bis mittelgroße Versicherer. Mit der Einführung von MaRisk (VU) und Solvency II werden Mindeststandards an das Risikomanagement gestellt. Die neuen Eigenmittelanforderungen nach Solvency II werden Art und Umfang des zukünftigen Geschäfts wesentlich beeinflussen.
Die größte Herausforderung stellt das strategische Risikomanagement dar. Darunter verstehen wir ein Risikomanagement für die Risiken, die mit den fundamentalen geschäftspolitischen Positionen verbunden sind und das die wesentlichen Annahmen der Strategie des Managements in Frage stellt. Hierbei geht es im Grunde um einen institutionalisierten Blick über den Tellerrand hinaus. Für alle anderen Herausforderungen wie antizyklische Risikovorsorge, Sicherheitserhöhung beim Hedging durch Kreditderivate, Modelle für Liquiditätsstresstests und so weiter, wird es aus unserer Sicht wohl schneller Lösungen geben.
Dr. Andreas Gottschling, Managing Director, Global Head of Risk Analytics & Instruments, Global Head of Operational Risk Management, Deutsche Bank AG
Ohne Risiko gibt es kein Bankgeschäft, daher ist ein disziplinierter Umgang mit dem Risiko eine Voraussetzung für die dauerhafte Existenz von Instituten. Das vorausschauende aktive Risiko- und Kapitalmanagement der Deutschen Bank hat sich in den Turbulenzen der Krise bestens bewährt. Die größte Herausforderung im Risikomanagement: Die Debatte über die Kapitalausstattung von Banken bezüglich Tier-1-Ratios und Kapitalqualität oder gar des Trennbankensystems ist zwar einfach, lenkt aber von entscheidenden Faktoren der zukünftigen Finanzmarktstabilität ab. Auf Einzelinstitutsebene sollte der holistische Umgang mit Risiken, statt der oft vorgefundenen siloartigen Divisionierung, Einzug halten. Auf systemischer Ebene sollten Vernetzung und Konzentrationen von Risiken – einschließlich solcher außerhalb des Bankensektors – in Betracht gezogen werden. Ohne Beachtung dieser komplexen systemischen Komponenten ist die nächste große Krise nur eine Frage der Zeit.
Prof. Dr. Axel Lehmann, Chief Risk Officer, Zurich Financial Services AG
Risiken übernehmen, beurteilen, bewerten und managen ist das Kerngeschäft von Zurich Financial Services. Risikomanagement ist damit integraler Bestandteil unserer Geschäftstätigkeit, sei das im Underwriting, im Investment Management oder in der Schadenbearbeitung. Gleichzeitig sind Risikoüberlegungen stets (expliziter) Bestandteil strategischer oder operativer Entscheidungen. Zurich achtet streng darauf, dass die Balance zwischen Risiko und Rendite mit unserer Strategie abgestimmt ist und wir uns nicht außerhalb unserer Risikotoleranz begeben.
Die größte Herausforderung im Risikomanagement der Zukunft: Die Verwerfungen der letzten zwei Jahre haben gezeigt, dass das Risikomanagement zwar in vielen Finanzinstitutionen nicht schlecht funktioniert hat – einige davon aber trotzdem in größte Probleme geraten konnten. Ein Risikomanagement, das nicht wirklich in die Entscheidungsprozesse eingebunden ist und nicht von Verwaltungsrat und Topmanagement getragen wird, vermag im entscheidenden Fall nichts auszurichten. Ein klares Bekenntnis von ganz oben ist daher unabdingbar, denn nur so kann in einem Unternehmen eine echte Risikokultur entstehen – eine, die nicht Risiken vermeidet, sondern eine, die stets Ertrag wie auch Risiko im Auge behält.
Hans Peter Lang, Leiter Konzernrisikomanagement, Wüstenrot & Württembergische AG
Risikomanagement hatte in der W&W bereits vor der Finanzkrise einen hohen Stellenwert. Das Risikomanagement gibt es für uns allerdings nicht – Risikomanagement ist eine dynamische Aufgabe, die laufender Weiterentwicklung und Anpassungen an ein geändertes Umfeld unterliegt. Die Finanzkrise hat dann auch bestätigt, dass wir mit der in den letzten Jahren intensiv vorangetriebenen Entwicklung unseres Risikomanagements auf dem richtigen Weg sind.
Die größte Herausforderung: Risikomanagement wird bis heute vielfach unter dem Aspekt der "Brandverhütung" betrieben. Zukünftig wird es die Herausforderung sein, die wertschöpfende Dimension des Risikomanagements deutlicher zu machen. Dies betrifft nicht nur, dass im Rahmen von Solvency II eine maßgeschneiderte Risikokapitalhinterlegung Wettbewerbsvorteile bringt, sondern auch das Risiko- und Ertragssicht auch auf operativer Ebene immer enger zusammenwachsen.
Univ.-Prof. Dr. Christoph J. Börner, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzdienstleistungen, Heinrich Heine Universität Düsseldorf
Banken und Versicherungsunternehmen sind Unternehmen, deren zentrale ökonomische Funktion im Umgang mit Risiken besteht. Sie "handeln und wandeln" Risiken. Damit ist klar, dass Risikomanagement die zentrale Aufgabe bei der Führung dieser Unternehmen ist und so etwas wie eine ganzheitliche Funktion hat. Wenn man diese etwas abstrakte Aussage operativ im Sinne einer konkreten Führungsfunktion interpretiert und betriebswirtschaftlich umsetzt, darf die zentrale Rolle des Risikomanagements nicht aus den Augen verloren werden.
In den nächsten Jahren wird es vor allem darauf ankommen, den Einsatz quantitativer Methoden und qualitativer Ansätze, auch Erfahrungswissen, auszubalancieren. Die Krise hat gezeigt, dass viele Modelle nur für „normale“ Marktsituationen geeignet sind. Unabhängig davon sind die Anwendungsvoraussetzungen immer zu reflektieren. Diese Modelle müssen natürlich vorangetrieben werden, weil sie wesentliche Entscheidungshilfen liefern. Sie dürfen aber die unternehmerischen Entscheidungen im Risikomanagement nicht ersetzen. Verantwortung darf nicht an Systeme delegiert werden; gleichzeitig müssen diese Systeme fortentwickelt werden.
Wolfgang Hartmann, Vorsitzender des Vorstands, Frankfurter Institut für Risikomanagement und Regulierung (FIRM)
Seit 2000 hat mit Basel II von der regulatorischen Seite das Risikomanagement der Banken starke Impulse erhalten (MaRisk, Solvabilitätsverordnung, Zertifizierung durch BaFin). Die Finanzmarktkrise hat die G20 auf den Plan gerufen. Im Zuge werden auf Jahre die Banken mit einer weiteren Verschärfung der Finanzmarktregulierung rechnen müssen. Kontrolle der Vergütungsmodelle, erhöhte Anforderungen an die Kernkapitalquoten und eine weltweite Einführung von Basel II nebst Verschärfung der Unterlegungsvorschriften beispielsweise für ABS-Produkte und OTC-Derivate werden kommen. Die Regulierungskosten der Finanzindustrie werden also auf absehbare Zeit weiter ansteigen, weshalb viele den Fokus auf eine möglichst kostengünstige Umsetzung der komplexen Vorschriften legen dürften. Sicher wäre es gefährlich, wenn hierdurch die Bedeutung, die ein leistungsfähiges Risikomanagement für die langfristige Geschäfts- und Erfolgspositionierung eines Finanzinstituts hat, in den Hintergrund gedrängt würde. Leider haben die Geschäftsleitung und das Aufsichtsorgan von Banken häufig die Lösung von Risikomanagementfragen einer kleinen "Spezialistenkaste" überlassen und dabei vergessen, dass ein erfolgreiches Risikomanagement eigentlich das Herzstück des Bankmanagements darstellt.
Die Herausforderungen an das Risikomanagement: Steigende Haftungsrisiken und Anforderungen an die Corporate Governance werden alle Mitglieder von Management und Aufsichtsrat dazu zwingen, sich mit der Frage, wie die Bank im Risikomanagement positioniert ist, auseinanderzusetzen. Dies erfordert fundierte Kenntnisse zu den Methoden und Erfolgskomponenten des Risikomanagement, um die richtigen Fragen zu stellen und Aussagen zum ökonomischen Kapitalverbrauch, dem erwarteter Verlust, zu Klumpenrisiken oder den Ertragsbelastungen (Einzel- und Pauschalrisikovorsorge, Impairments, direkte Handelsbuchverluste) zu verstehen und richtig einzuordnen. Und hierbei geht es weniger darum, nachzuvollziehen, was bereits eingetreten ist, sondern darum, die Risikopotenziale der Bank in der Zukunft aus ihrer Positionierung, den Umfeldbedingungen, der Risikostrategie und der Leistungsfähigkeit der Risikofrüherkennung beurteilen zu können. Das stellt hohe Anforderung an die Qualifizierung und Weiterbildung. Es geht also darum, auf allen Ebenen des Bankbetriebes einen Pool von Mitarbeitern mit guten Kenntnissen im Risikomanagement zu schaffen. Hierin sieht das Institut für Risikomanagement und Regulierung eine Schwerpunktaufgabe. Die interne und externe Risikokommunikation muss zudem weiter verbessert werden, damit alle Finanzmarktakteure gut zusammenarbeiten können und so frühzeitig Fehlentwicklungen erkennen.
Die 100. Jubiläumsausgabe der Fachzeitschrit RISIKO MANAGER enthält eine Vielzahl von Fachbeiträgen sowie Stimmen zum Thema Risikomanagement aus Wissenschaft und Praxis.
Auszug aus dem Inhalt:
> Stimmen aus Wissenschaft und Praxis
> Rating und Kreditvergabe in Zeiten der globalen Wirtschafts- und Finanzmarktkrise
> Kombination von Ratings bei Mehrfach-Produkt-Nutzung
> Risikoprophylaxe in Osteuropa
> Enterprise Risk Management zur Reduzierung der Kapitalkosten
> Fotonachlese Euro Finance Week 2009
> Risikokonzentrationen und Stresstests – ein integrierter Ansatz
> Anforderungen an das Risikomanagement nach der Finanzkrise
> Risikoaggregationsverfahren für die Kapitalallokation – Konsequenzen und Erkenntnisse aus der Finanzmarktkrise
> Fotonachlese RMA-Jahreskonferenz 2009
> Wirksame Verlustbegrenzung durch Portfoliooptimierung mit Hilfe des Conditional Value at Risk (CVaR)
> Rubriken: Editorial, Kurz & Bündig, Ticker, Buchbesprechung, Produkte & Unternehmen, Personalien
Mit Statements und Beiträgen von
> Univ.-Prof. Dr. Christoph J. Börner, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzdienstleistungen, Heinrich Heine Universität Düsseldorf
> Benoît Claire, Vorstandsvorsitzender Coface Deutschland
> Thies Clemenz, Geschäftsführer, HSBC Global Asset Management
> Andreas Gadmer, Chief Risk Officer, SIGNAL IDUNA Reinsurance Ltd, Zug/Schweiz
> Jörg Geisler, Leiter Risikocontrolling, TeamBank AG
> Dr. Andreas Gottschling, Managing Director, Global Head of Risk Analytics & Instruments, Global Head of Operational Risk Management, Deutsche Bank AG
> Wolfgang Hartmann, Vorsitzender des Vorstands, Frankfurter Institut für Risikomanagement und Regulierung (FIRM)
> Dr. Teo Jašić, Partner im Bereich Financial Services und Risikomanagement, PPI AG, Frankfurt/M.
> Hans Peter Lang, Leiter Konzernrisikomanagement, Wüstenrot & Württembergische AG
> Sabine Lautenschläger, Exekutivdirektorin Bankenaufsicht bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)
> Prof. Dr. Axel Lehmann, Chief Risk Officer, Zurich Financial Services AG
> Dr. Michael Lesko, ICnova AG
> Martina Neumayr, Director Risk Management Solutions & Partner bei D&B Deutschland
> Dr. Stefan Peiß, Bereichsleiter Risikomanagement und -controlling der KfW Bankengruppe
> Dr. Frank Schlottmann, msgGillardon AG
> Dr. Markus J. Rieder, Geschäftsführer der mjr quantitative solutions gmbh, Kufstein
> Jens Schmidt-Bürgel, Managing Director und Geschäftsführer der Fitch Deutschland GmbH
> Prof. Dr. Diethard B. Simmert, International School of Management (ISM) sowie Geschäftsführer der ISM IRCF GmbH, Dortmund
> Dr. Andreas von Stosch, Leiter Risikomanagement/-controlling, Financial Services, BMW Group
> Joachim Oechslin, Chief Risk Officer, Munich RE
> Olaf Wegner, Abteilungsdirektor für Marktpreisrisikomanagement und -controlling beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband e.V.
> Univ.-Prof. Dr. Arnd Wiedemann, Inhaber des Lehrstuhls für Finanz- und Bankmanagement, Universität Siegen
Weitere Informationen sowie Bestellmöglichkeiten unter www.risiko-manager.com
[Bildquelle oben: Bank-Verlag Medien GmbH, Bildquelle unten: diverse]





Kommentare zu diesem Beitrag
- Banken sollen im Notfall Kapital sowohl aus öffentlichen als auch privaten Quellen erhalten könnten.
- Zudem verpflichteten sich die Finanzminister und Notenbanker dazu, nationale Einlagensicherungen zu garantieren.
- Um das Vertrauen in die Finanzwirtschaft wieder herzustellen, sollte sowohl privates als auch staatliches Kapital in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt werden.
- Die Maßnahmen sollten so gewählt werden, dass die Steuerzahler geschützt (;-) wie soll das funktionieren?) und mögliche schädliche Auswirkungen auf andere Länder vermieden werden.
- Die G7 verpflichteten sich zudem, stärker zusammenzuarbeiten. (Gute Idee, wenn da nicht die nationalen Interessen im Weg stehen würden)!