Geopolitische Risiken werden an den Kapitalmärkten nicht nur diskutiert, sondern bepreist. Eine neue BIS-Studie zeigt anhand von 13 Schwellenländern, wie steigende Spannungen die Prämien für staatliches Ausfallrisiko erhöhen, weshalb Drohungen teilweise stärker wirken als bereits eingetretene Ereignisse und warum dieselbe Krise je nach makrofinanziellem Umfeld sehr unterschiedliche Finanzierungskosten auslösen kann.
Kriege, militärische Drohungen, Sanktionen oder die Eskalation zwischen Staaten erscheinen zunächst als politische Ereignisse. An den Finanzmärkten verwandeln sie sich jedoch innerhalb kurzer Zeit in messbare Preise: Versicherungen gegen staatliche Zahlungsausfälle werden teurer, Renditeaufschläge auf Schwellenländeranleihen steigen, Kapital wird vorsichtiger und die Refinanzierung öffentlicher Haushalte verteuert sich. Die Studie von Fredy Gamboa-Estrada und José Vicente Romero untersucht genau diese Übersetzung von Geopolitik in Finanzierungskosten.
Die zentrale Botschaft: Geopolitische Risiken erhöhen im Durchschnitt die Länderrisikoprämien von Schwellenländern. Wie stark und wie lange dieser Effekt wirkt, hängt aber nicht allein vom geopolitischen Ereignis ab. Entscheidend ist, auf welchen Zustand der Weltwirtschaft und der betroffenen Volkswirtschaften der Schock trifft. Angespannte globale Finanzbedingungen, ungünstige Rohstoffpreisentwicklungen, hohe Staatsverschuldung und eine starke Gleichbewegung der Schwellenländerrisiken können aus demselben geopolitischen Impuls einen deutlich größeren Finanzierungsschock machen.
Damit verschiebt die Untersuchung den Blick von der Frage "Wie groß ist der geopolitische Schock?" hin zu einer zweiten, für Risikomanagement und Politik mindestens ebenso wichtigen Frage: "In welchem Umfeld trifft der Schock auf die Märkte?" Gerade für Schwellenländer ist diese Unterscheidung zentral. Sie sind häufig stärker von internationalen Kapitalströmen, Fremdwährungsfinanzierung, Rohstoffpreisen und der globalen Risikobereitschaft abhängig als fortgeschrittene Volkswirtschaften.
Zwei Marktbarometer für staatliches Kreditrisiko
Die Autoren betrachten zwei etablierte Messgrößen. Der Spread fünfjähriger Sovereign Credit Default Swaps (SCDS) zeigt, wie teuer es ist, sich gegen den Ausfall eines Staates abzusichern. Ein höherer Spread signalisiert, dass Marktteilnehmer eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit oder größere Verluste im Ausfallfall einpreisen. Der J.P. Morgan Emerging Markets Bond Index Spread (EMBI) misst dagegen den Renditeaufschlag von Schwellenländerstaatsanleihen gegenüber US-Staatsanleihen. Auch er steht für die zusätzliche Entschädigung, die Investoren für Kredit-, Liquiditäts- und Marktrisiken verlangen.
Beide Indikatoren beziehen sich auf dasselbe Grundproblem, reagieren aber nicht identisch. CDS-Kontrakte sind unmittelbar auf das Kreditereignis zugeschnitten und werden gezielt zur Absicherung extremer Verluste eingesetzt. Der EMBI bündelt dagegen Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten und Liquiditätseigenschaften. Dadurch kann die Preisanpassung am CDS-Markt schneller und ausgeprägter ausfallen, während sich die Reaktion am Anleihemarkt breiter und teilweise verzögert verteilt. Die gemeinsame Betrachtung beider Größen ist deshalb eine Stärke der Studie: Sie zeigt nicht nur, ob sich staatliches Risiko verteuert, sondern auch, wie verschiedene Marktsegmente geopolitische Informationen verarbeiten.
Zwei Übertragungswege: Realwirtschaft und Risikobereitschaft
Geopolitische Risiken erreichen die Finanzierungskosten von Staaten über mehrere miteinander verknüpfte Kanäle. Die Studie greift eine Unterscheidung des Internationalen Währungsfonds auf: einen wirtschaftlichen beziehungsweise rohstoffbezogenen Kanal und einen Marktstimmungskanal.
Abb. 01: Übertragung geopolitischer Risikoschocks auf die Länderrisikoprämien von Schwellenländern [Quelle: Gamboa-Estrada, Fredy / Romero, José Vicente (2026): Geopolitical risk and emerging market sovereign risk premia, BIS Working Papers No 1368, Figure 1, S. 5; Darstellung der Autoren]
Im Rohstoffkanal können geopolitische Spannungen Öl- und andere Rohstoffpreise verändern. Für einen Rohstoffexporteur kann ein Preisanstieg die Terms of Trade, die Staatseinnahmen und die Außenbilanz verbessern. In diesem besonderen Fall kann der direkte Preiseffekt die Länderrisikoprämie sogar dämpfen. Für Nettoimporteure ist die Wirkung häufig entgegengesetzt: höhere Importkosten belasten Wachstum, Inflation, Leistungsbilanz und Fiskalposition. Der gleiche geopolitische Schock kann daher je nach Wirtschaftsstruktur unterschiedliche Vorzeichen und Größenordnungen annehmen.
Der Risikobereitschaftskanal ist breiter. Steigende Unsicherheit fördert Fluchtbewegungen in sichere und liquide Anlagen. Internationale Investoren reduzieren Engagements in Schwellenländern, Kapitalzuflüsse nehmen ab und externe Finanzierungskosten steigen. Dieser Kanal kann auch Länder treffen, die weder geografisch noch handelspolitisch unmittelbar am Konflikt beteiligt sind. Geopolitik wird so zu einem globalen Risikofaktor, der sich über Portfolioumschichtungen und Finanzierungsbedingungen verbreitet.
Wie lässt sich Geopolitik messen?
Die Untersuchung verwendet den "Geopolitical Risk Index" von Caldara und Iacoviello. Der Index basiert auf automatisierten Textauswertungen großer internationaler Zeitungen und misst, wie häufig dort Begriffe zu Kriegen, Terrorismus, militärischen Spannungen und internationalen Konflikten vorkommen. Er ist kein objektives Maß für die physische Intensität eines Konflikts. Er erfasst vielmehr die mediale Präsenz und damit einen wichtigen Teil der wahrgenommenen geopolitischen Unsicherheit, die für Erwartungen und Marktpreise relevant ist.
Abb. 02: Geopolitical Risk Index und bedeutende geopolitische Ereignisse, Januar 1985 bis Oktober 2025 [Quelle: Gamboa-Estrada, Fredy / Romero, José Vicente (2026): Geopolitical risk and emerging market sovereign risk premia, BIS Working Papers No 1368, Figure 2, S. 7; Index nach Caldara / Iacoviello (2022)]
Die Zeitreihe macht sichtbar, dass geopolitisches Risiko in Schüben auftritt. Markante Ausschläge stehen unter anderem für den Golfkrieg, die Anschläge vom 11. September, den Irakkrieg und die russische Invasion der Ukraine. Besonders relevant für die aktuelle Analyse ist, dass das Niveau seit 2022 nicht einfach zum früheren Durchschnitt zurückgekehrt ist. Die Märkte bewegen sich vielmehr in einem Umfeld anhaltend höherer geopolitischer Grundspannung.
Der Index wird zusätzlich in "Threats" und "Acts" zerlegt. Threats umfassen Drohungen, militärische Spannungen, Aufrüstung oder die Erwartung einer Eskalation. Acts bilden die tatsächliche Realisierung oder Verschärfung eines Ereignisses ab. Diese Trennung erlaubt eine ökonomisch bedeutsame Frage: Reagieren Märkte stärker, wenn ein Konflikt droht, oder erst dann, wenn er tatsächlich eintritt?
Datengrundlage: 13 Schwellenländer über zwei Jahrzehnte
Das Panel umfasst Brasilien, Chile, China, Kolumbien, Ungarn, Indonesien, Malaysia, Mexiko, Peru, die Philippinen, Polen, Südafrika und die Türkei. Die Monatsdaten reichen von Januar 2005 bis Oktober 2025. Der Zeitraum deckt damit sehr unterschiedliche Phasen ab: die globale Finanzkrise, die europäische Staatsschuldenkrise, die Pandemie, Rohstoffzyklen und die geopolitische Neuordnung seit dem Jahr 2022.
Die Auswahl ist datengetrieben. Berücksichtigt werden Länder, die zum MSCI Emerging Markets Index gehören und für die sowohl SCDS- als auch EMBI-Daten verfügbar sind. Das stärkt die Vergleichbarkeit der beiden Risikomaße, begrenzt aber zugleich die Übertragbarkeit auf alle Schwellen- und Entwicklungsländer. Besonders fragile Staaten oder Länder ohne liquide CDS- und internationale Anleihemärkte sind nicht abgebildet.
Neben dem geopolitischen Index berücksichtigen die Autoren zentrale makrofinanzielle Einflussgrößen: die zyklische Abweichung der Staatsverschuldung vom globalen Niveau, die zyklische Komponente der rohstoffbezogenen Terms of Trade, globale Finanzbedingungen über den Chicago Fed National Financial Conditions Index, einen länderspezifischen gemeinsamen Faktor der Schwellenländerrisikoprämien sowie einen Indikator für die Covid-19-Phase. Damit soll vermieden werden, dass eine allgemeine Verschlechterung der Weltfinanzbedingungen fälschlich vollständig der Geopolitik zugerechnet wird.
Lokale Projektionen mit Zustandsabhängigkeit
Zur Schätzung der zeitlichen Reaktion verwendet die Studie "Panel Local Projections". Das von Òscar Jordà entwickelte Verfahren schätzt für jeden Prognosehorizont eine eigene Regression. Dadurch entsteht eine Impulsantwort, die zeigt, wie sich ein Schock sofort und in den folgenden Monaten auf die Spreads auswirkt. Das Verfahren ist flexibler als Modelle, die eine einzige starre Dynamik für alle Variablen voraussetzen.
Die Autoren erweitern den Ansatz um Zustandsvariablen. Der Effekt des geopolitischen Risikos darf sich verändern, wenn sich globale Finanzbedingungen, Schuldenposition, Terms of Trade oder die allgemeine Schwellenländerrisikoprämie verändern. Das Modell beantwortet damit eine praxisnahe Frage: Welche Spread-Reaktion ist bei den aktuell beobachteten Fundamentaldaten zu erwarten?
Wichtig ist die wissenschaftliche Einordnung. Die Autoren interpretieren diese zustandsabhängigen Ergebnisse als projektionsbasiert und nicht als vollständig strukturell-kausal. Der globale GPR-Index kann gegenüber dem einzelnen Schwellenland plausibel als exogen behandelt werden. Die makrofinanziellen Zustände selbst sind jedoch Teil eines komplexen Systems. Die Ergebnisse eignen sich daher besonders für Szenarioanalyse und Prognose, weniger für den Nachweis eines unveränderlichen mechanischen Kausalgesetzes.
Der unmittelbare Preiseffekt: Spreads steigen
Die Basisschätzung liefert eine klare Größenordnung. Ein Anstieg des geopolitischen Risikoindex um eine Standardabweichung erhöht den fünfjährigen SCDS-Spread im selben Monat um rund 5,7 Basispunkte. Der EMBI-Spread steigt um etwa 4,6 Basispunkte. Beide Effekte sind statistisch hoch signifikant. Das mag gegenüber den extremen Ausschlägen einzelner Krisen zunächst moderat wirken. Es handelt sich jedoch um einen durchschnittlichen Effekt über 13 Länder und mehr als 20 Jahre - und um eine Erhöhung der Finanzierungskosten, die auf große ausstehende Schuldenbestände wirkt.
Hinzu kommt, dass der maximale Effekt nicht sofort erreicht wird. Die Märkte verarbeiten neue geopolitische Informationen über mehrere Monate. Lieferkettenrisiken, Sanktionsregime, fiskalische Reaktionen, Rohstoffpreise und Kapitalströme werden schrittweise neu bewertet. Die Studie zeigt deshalb eine ansteigende Impulsantwort in den ersten Monaten.
Abb. 03: Dynamische Reaktion von SCDS- und EMBI-Spreads auf einen geopolitischen Risikoschock [Quelle: Gamboa-Estrada, Fredy / Romero, José Vicente (2026): Geopolitical risk and emerging market sovereign risk premia, BIS Working Papers No 1368, Figure 3, S. 14]
Der SCDS-Spread erreicht nach ungefähr drei Monaten einen Höchstwert von rund 10 Basispunkten. Beim EMBI liegt der Spitzenwert im selben Zeitraum bei etwa 7 Basispunkten. Danach nimmt die Reaktion schrittweise ab. Beim SCDS nähert sie sich ungefähr im achten Monat, beim EMBI etwa im sechsten Monat wieder der Nulllinie. Der Effekt ist damit persistent, aber nicht dauerhaft.
Die stärkere und länger anhaltende CDS-Reaktion passt zur Marktstruktur. CDS werden unmittelbar zur Absicherung von Ausfall- und Extremrisiken eingesetzt und reagieren deshalb empfindlich auf neue Unsicherheit. Der EMBI bildet dagegen ein breiteres Anleiheportfolio ab. Diese unterschiedlichen Mikrostrukturen sind für das Risikomanagement wichtig: Ein Anleger, der nur auf Anleiherenditen schaut, kann die frühe und schärfere Neubewertung im Derivatemarkt unterschätzen.
Drohungen sind teilweise teurer als Taten
Besonders aufschlussreich ist die Trennung zwischen geopolitischen Drohungen und realisierten Ereignissen. Am CDS-Markt ist die unmittelbare Reaktion relativ symmetrisch: Threats erhöhen den Spread um rund 5,0 Basispunkte, Acts um etwa 4,8 Basispunkte. Beide Größen sind statistisch signifikant. Der Markt für Kreditausfallversicherungen bewertet somit sowohl die Erwartung als auch die tatsächliche Realisierung geopolitischer Risiken.
Am Anleihemarkt ist das Bild anders. Threats erhöhen den EMBI-Spread auf Anhieb um rund 5,2 Basispunkte. Acts führen nur zu etwa 2,3 Basispunkten und sind in der Basisschätzung nicht statistisch signifikant. Das spricht für einen ausgeprägten Antizipationseffekt: Investoren passen Anleihepreise bereits in der Phase an, in der ein Konflikt wahrscheinlicher wird. Tritt das Ereignis ein, ist ein Teil der erwarteten Schäden bereits in den Kursen enthalten.
Abb. 04: Reaktion von SCDS- und EMBI-Spreads auf den Gesamtindex sowie auf geopolitische Drohungen und tatsächliche Ereignisse [Quelle: Gamboa-Estrada, Fredy / Romero, José Vicente (2026): Geopolitical risk and emerging market sovereign risk premia, BIS Working Papers No 1368, Figure 4, S. 15]
Die dynamischen Verläufe bestätigen diese Asymmetrie. Beim SCDS ähneln sich Gesamtindex, Threats und Acts über weite Teile des Horizonts. Beim EMBI bleibt die Reaktion auf Threats deutlich stärker und länger statistisch relevant, während die Reaktion auf Acts schwächer ausfällt und die Unsicherheitsintervalle häufig die Nulllinie einschließen.
Für die Kommunikation von Risiken ist das ein wichtiges Ergebnis. Wer nur auf das eingetretene Ereignis wartet, reagiert möglicherweise zu spät. Marktpreise beginnen sich oft während militärischer Drohungen, diplomatischer Eskalation oder glaubwürdiger Sanktionsankündigungen zu verändern. Geopolitische Frühwarnindikatoren sollten deshalb nicht nur bestätigte Ereignisse zählen, sondern auch die Erwartungsbildung erfassen.
Der gleiche Schock, ein anderer Preis
Der wichtigste konzeptionelle Beitrag der Studie liegt in der Zustandsabhängigkeit. Durchschnittliche Impulsantworten können verdecken, dass ein geopolitischer Schock in ruhigen Finanzmärkten anders wirkt als in einer Phase hoher globaler Anspannung. Die Autoren vergleichen drei Zustände: den Durchschnitt des gesamten Panels, Dezember 2021 als Eskalationsphase vor der russischen Invasion und Juni 2022 als Zustand vier Monate nach Kriegsbeginn.
Abb. 05: Zustandsabhängige Reaktionen von SCDS- und EMBI-Spreads vor und nach Beginn des Russland-Ukraine-Krieges [Quelle: Gamboa-Estrada, Fredy / Romero, José Vicente (2026): Geopolitical risk and emerging market sovereign risk premia, BIS Working Papers No 1368, Figure 5, S. 17]
Beim SCDS ist die Reaktion im Zustand vor der Invasion zunächst geringer als im langfristigen Durchschnitt und klingt langsamer ab. Im Juni 2022 fällt sie dagegen deutlich größer aus und bleibt über einen längeren Zeitraum erhöht. Beim EMBI zeigt sich ebenfalls eine starke Abhängigkeit vom Umfeld: Im Nachkriegszustand steigt die Reaktion auf deutlich höhere Werte und bleibt über den betrachteten Horizont positiv.
Die Erklärung liegt nicht in der Invasion allein. Im Juni 2022 waren mehrere Verstärker gleichzeitig aktiv: angespanntere US-Finanzbedingungen, schlechtere Terms of Trade für rohstoffimportierende Schwellenländer und eine stärkere Gleichbewegung der Länderrisikoprämien. Der geopolitische Schock traf somit auf ein System, in dem die finanziellen Übertragungskanäle bereits verschärft waren. Die makrofinanzielle Konfiguration vergrößerte den Multiplikator.
Für Szenarioanalysen bedeutet das: Es reicht nicht, einen pauschalen Spread-Schock von beispielsweise zehn Basispunkten zu unterstellen. Eine plausible Stressrechnung muss die Ausgangslage berücksichtigen. Dieselbe Eskalation kann bei günstigen Rohstoffpreisen, niedriger Verschuldung und lockeren globalen Finanzbedingungen überschaubar bleiben, während sie bei hoher Refinanzierungsabhängigkeit und Kapitalabflüssen erhebliche fiskalische Folgewirkungen erzeugt.
Globale Finanzbedingungen bleiben ein mächtiger Verstärker
Die Kontrollvariablen zeigen, dass Geopolitik nur ein Teil der Risikopreisbildung ist. Eine Verschärfung des Chicago Fed National Financial Conditions Index um eine Einheit erhöht den SCDS-Spread in den Schätzungen um rund 20 Basispunkte und den EMBI-Spread um etwa 39 Basispunkte. Diese Größenordnung unterstreicht die Dominanz des globalen Finanzzyklus. Steigende US-Zinsen, geringere Dollarliquidität oder sinkende Risikobereitschaft können die geopolitische Belastung deutlich überlagern oder verstärken.
Auch der gemeinsame Faktor der Schwellenländerrisikoprämien ist hoch signifikant. Risiken werden länderübergreifend gemeinsam neu bewertet, selbst wenn nationale Fundamentaldaten unterschiedlich sind. Das verweist auf einen klassischen Ansteckungseffekt: In Stressphasen verkaufen Investoren nicht nur das unmittelbar betroffene Land, sondern reduzieren ganze Anlageklassen oder Regionen.
Die Staatsverschuldung wirkt ebenfalls in die erwartete Richtung. Eine ungünstigere zyklische Schuldenposition erhöht beide Spreads um ungefähr 3,6 bis 3,8 Basispunkte je Einheit des verwendeten Indikators. Verbesserte rohstoffbezogene Terms of Trade senken die Spreads, wobei der Effekt vor allem für den EMBI statistisch klar ist. Das bestätigt, dass fiskalische Puffer, Exportstruktur und Außenbilanz darüber entscheiden, wie teuer geopolitische Unsicherheit wird.
Was die Ergebnisse für Regierungen und Zentralbanken bedeuten
Für die Wirtschaftspolitik folgt daraus zunächst, dass geopolitisches Monitoring und makrofinanzielle Überwachung zusammengeführt werden müssen. Ein militärischer Konflikt ist nicht nur ein außenpolitisches Szenario. Er kann über Kapitalflüsse und Risikoaufschläge direkt in die Schuldentragfähigkeit, die Haushaltsplanung und die geldpolitische Transmission hineinwirken.
Finanzministerien sollten geopolitische Stressszenarien deshalb in ihre Debt-Management-Strategien integrieren. Dazu gehören längere Laufzeiten, geringere Konzentration von Fälligkeiten, ein ausgewogener Mix aus Fremd- und Lokalwährungsschulden sowie ausreichende Liquiditätspuffer. Je geringer der kurzfristige Refinanzierungsbedarf, desto weniger unmittelbar schlagen erhöhte Spreads auf den Haushalt durch.
Zentralbanken und Aufsichtsbehörden können die zustandsabhängige Methode nutzen, um Szenarien an aktuelle Bedingungen anzupassen. Ein geopolitischer Schock bei bereits hoher globaler Risikoaversion sollte in Stresstests stärker kalibriert werden als derselbe Schock in einem ruhigen Umfeld. Entscheidend ist nicht die Präzision einer einzelnen Punktprognose, sondern die systematische Verknüpfung von Geopolitik, Finanzbedingungen, Rohstoffexposition und fiskalischer Verwundbarkeit.
Konsequenzen für Investoren und Risikomanager
Für institutionelle Investoren zeigt die Studie, dass CDS- und Anleihemärkte unterschiedliche Informationen liefern. CDS reagieren stärker und länger auf geopolitischen Stress. EMBI-Spreads sind besonders sensibel für die Drohungsphase. Eine integrierte Überwachung beider Märkte kann daher frühzeitig anzeigen, ob sich ein politisches Risiko von der allgemeinen Nachrichtenlage in eine konkrete Neubewertung staatlicher Kreditqualität übersetzt.
Die Threats-Acts-Asymmetrie hat auch Bedeutung für Hedging-Strategien. Wird die Absicherung erst nach Eintritt eines Ereignisses aufgebaut, können Anleihepreise einen wesentlichen Teil der erwarteten Belastung bereits reflektieren. Frühwarnsysteme sollten daher Indikatoren für militärische Eskalation, Sanktionswahrscheinlichkeit, diplomatische Brüche und sicherheitspolitische Rhetorik mit Markt- und Fundamentaldaten verbinden.
Für Banken und Versicherer mit Schwellenländerexponierungen sind die Ergebnisse relevant für Länderlimite, Kreditspreadrisiken, Bewertungsreserven und Stresstests. Besonders kritisch sind Portfolios, in denen mehrere Länder gleichzeitig von denselben globalen Finanzbedingungen und Rohstoffpreisen abhängen. Die beobachtete Gleichbewegung macht deutlich, dass geografische Diversifikation in einer geopolitischen Krise weniger Schutz bieten kann als in normalen Zeiten.
Wissenschaftliche Stärken – und notwendige Grenzen
Die Studie verbindet mehrere Stärken: eine lange monatliche Stichprobe, zwei komplementäre Marktmaße, die Trennung von Drohungen und Taten sowie eine flexible zustandsabhängige Schätzmethode. Driscoll-Kraay-Standardfehler berücksichtigen Heteroskedastizität, zeitliche Korrelation und Querschnittsabhängigkeit. Robustheitsprüfungen ersetzen unter anderem den NFCI durch den VIX und die Terms-of-Trade-Komponente durch einen alternativen Rohstoffpreisindikator.
Gleichzeitig bleiben Grenzen. Erstens basiert der GPR-Index auf einer Auswertung von Zeitungsartikeln. Medienintensität und geopolitische Realität sind eng verbunden, aber nicht identisch. Insbesondere sind Zeitungsartikel mitunter ideologisch "geframed". Zweitens werden die Reaktionskoeffizienten über Länder gepoolt. Das verbessert die Präzision, kann jedoch nationale Unterschiede verdecken. Drittens umfasst das Panel nur Länder mit ausreichend liquiden CDS- und EMBI-Daten. Viertens ist die zustandsabhängige Auswertung bewusst projektionsbasiert. Sie liefert ein belastbares Szenarioinstrument, aber keine vollständige strukturelle Beschreibung aller Rückkopplungen zwischen Geopolitik, Politikreaktionen und Finanzmärkten.
Die Autoren selbst verweisen auf weitere Forschung. Höherfrequente Daten könnten die Identifikation enger Ereignisfenster verbessern. Länderspezifische Informationen zu Wechselkursen, Geldpolitik und Kapitalflüssen könnten genauer zeigen, über welche konkreten Kanäle geopolitische Risiken in einzelnen Volkswirtschaften wirken. Für die Praxis ist die bestehende Evidenz dennoch stark genug, um eine klare Schlussfolgerung zu ziehen: Geopolitisches Risiko muss in der Analyse staatlicher Kreditrisiken als dynamischer, vom Umfeld abhängiger Faktor behandelt werden.
Fazit
Geopolitische Risiken erhöhen die Finanzierungskosten von Schwellenländern messbar. Der Effekt beginnt sofort, erreicht seinen Höhepunkt häufig erst nach einigen Monaten und fällt am CDS-Markt stärker aus als am breiten Anleihemarkt. Besonders bemerkenswert ist, dass Drohungen an den Anleihemärkten teilweise mehr Gewicht haben als bereits realisierte Ereignisse. Märkte warten nicht auf den offiziellen Beginn einer Krise; sie bewerten erwartete Schäden im Voraus.
Noch wichtiger ist jedoch der Kontext. Hohe globale Finanzspannung, ungünstige Rohstoffbedingungen, fiskalische Verwundbarkeit und länderübergreifende Risikoaversion können geopolitische Schocks erheblich verstärken. Die Studie liefert damit kein einfaches Rezept für einen festen geopolitischen Risikoaufschlag. Sie liefert etwas Nützlicheres: ein analytisches Gerüst, um den Preis der Geopolitik aus der jeweiligen makrofinanziellen Ausgangslage abzuleiten.
Wesentliche Ergebnisse in kompakter Form
→ Geopolitisches Risiko wird unmittelbar in höheren staatlichen Ausfall- und Anleiherisikoprämien von Schwellenländern sichtbar.
→ Die Reaktion steigt in den ersten Monaten weiter an; der maximale durchschnittliche Effekt tritt nicht zwingend am Tag des Ereignisses ein.
→ SCDS-Spreads reagieren stärker und länger als EMBI-Spreads, was mit ihrer Liquidität und ihrer Funktion als direkte Kreditrisikoabsicherung zusammenhängt.
→ Geopolitische Drohungen werden am Anleihemarkt früh eingepreist; tatsächliche Ereignisse lösen häufig einen schwächeren zusätzlichen Effekt aus.
→ Globale Finanzbedingungen sind ein zentraler Verstärker und können die direkte geopolitische Wirkung übertreffen.
→ Hohe Staatsverschuldung erhöht die Sensitivität der Risikoprämien, während günstige rohstoffbezogene Terms of Trade die Belastung dämpfen können.
→ Die Reaktion nach Beginn des Russland-Ukraine-Krieges war stärker, weil mehrere ungünstige makrofinanzielle Faktoren gleichzeitig wirkten.
→ Durchschnittliche Schätzungen verdecken erhebliche Unterschiede zwischen ruhigen und angespannten Zuständen.
→ Für Stresstests und Länderanalysen sollten geopolitische Schocks mit der jeweils aktuellen finanziellen und fiskalischen Ausgangslage verknüpft werden.
→ Für Investoren ist die gemeinsame Beobachtung von CDS- und Anleihemärkten aussagekräftiger als die isolierte Betrachtung eines einzelnen Spreadmaßes.
Quellenhinweis:
- Gamboa-Estrada, Fredy / Romero, José Vicente (2026): Geopolitical risk and emerging market sovereign risk premia, BIS Working Papers No 1368, Bank for International Settlements, July 2026. Download



