Rating-Agenturen im Blickfeld der Behörden


Stefan Hirschmann
News

Die Bedeutung von Rating-Agenturen hat vor dem Hintergrund der stärkeren gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der Finanzmärkte in den letzten Jahren weiter zugenommen. Ratings sind eine wesentliche Grundlage für Kapitalmarktteilnehmer bei deren Investitionsentscheidungen. Damit besitzen Rating-Agenturen einen erheblichen Einfluss auf die Zins- und Preisgestaltung an den Kapitalmärkten und folglich auf die Finanzierungskosten der Unternehmen. Dieser Umstand hat vor allem die internationalen Rating-Agenturen verstärkt in die öffentliche Diskussion geraten lassen und damit auch ins Visier der Regulierer gerückt.

 

"... größte unkontrollierte Machtstruktur im Weltfinanzsystem"

Auf nationaler, internationaler und europäischer Ebene ist in den letzten Monaten ein intensiver Diskussionsprozess über den Umgang mit Rating-Agenturen in Gang gekommen. "Rating-Agenturen erfüllen eine wichtige Aufgabe im Bereich der Überprüfung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen", sagt der deutsche Bundestagsabgeordnete Stefan Müller. Allerdings stelle sich angesichts des zunehmenden Einflusses der Rating-Agenturen auf den Markt, auf einzelne Unternehmen und letztlich sogar auf die gesamte Volkswirtschaft die Frage nach möglichem Handlungsbedarf für die Politik. Bereits im Herbst 2003 hatten mehrere Abgeordnete der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung gerichtet und im Finanzausschuss die Durchführung einer nicht öffentlichen Anhörung angeregt. Darüber hinaus soll die Bundesregierung bei internationalen Verhandlungen über einen Verhaltenskodex für Rating-Agenturen darauf hinwirken, dass die Qualität und Integrität des Rating-Verfahrens gewährleistet ist. Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Jochen Sanio, bezeichnet die Rating-Agenturen gar als "die größte unkontrollierte Machtstruktur im Weltfinanzsystem". Sanio gilt weithin als Befürworter einer Verfahrenskontrolle über die Agenturen und bemängelt vor allem die hohen Markteintrittsbarrieren. Offenbar ist die Finanzaufsicht auch von der bisherigen Verfahrensweise bzw. Qualität des Rating-Verfahrens nicht restlos überzeugt. "Wir müssen insbesondere die Transparenz der Verfahren sowie die Unabhängigkeit und Integrität von Rating-Agenturen sicherstellen", sagt Dr. Anne Strunz-Happe von der BaFin. Die Agenturen sollten schriftlich festgelegte, strenge und systematische Verfahren für Ratings anwenden, die zu einer gründlichen Analyse der erhältlichen Informationen verpflichten. Vor dem Hintergrund der neuen Baseler Eigenkapitalübereinkunft (Basel II) werden externe Ratings an Bedeutung gewinnen, ohne aber die zentrale Bedeutung interner Ratings in Frage zu stellen. Voraussetzung zur Verwendung externer Rating-Urteile im Rahmen des Standardansatzes von Basel II ist, dass die betreffende Agentur eine Zulassung als so genannte ECAI (External Credit Asessment Institution) besitzt. Bankenaufseher müssen die Rating-Verfahren der Agenturen abnehmen, sofern deren Bewertungen als Maßstab für die Bonität von Kreditkunden und damit zur Eigenkapitalunterlegung von Banken herangezogen werden sollen. Dies impliziert auf Seiten der Rating-Agenturen u.a. die statistische Validierung der Rating-Zuordnung auf Grund historischer Erfahrung (Track Record). Hiermit werden allerdings neue Markteintrittsbarrieren geschaffen und dies in einem oligopolistisch strukturierten Markt mit überschaubarem Wettbewerb.

 

Internes Rating bei der Kreditvergabe maßgeblich

Welche Anstrengungen es allerdings erfordert, mit traditionellen Rating-Agenturen in Wettbewerb zu treten, zeigt die Unternehmensentwicklung von Fitch Ratings. Fitch gehörte neben S&P und Moody's zu den drei Rating-Unternehmen, die 1975 als erste von der US-Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission) zu national anerkannten statistischen Rating-Organisationen (NRSRO = Nationally Recognized Statistical Rating Organizations) erklärt wurden. 1997 fusionierte Fitch mit dem Londoner Unternehmen IBCA Limited. IBCA wurde 1978 gegründet und war die älteste europäische Rating-Agentur für Anleihenemissionen und ebenfalls eine NRSRO. Die Kombination von Fitch und IBCA führte zu einer erheblichen Ausweitung der internationalen Präsenz und Marktabdeckung von Fitch in den Bereichen Banken, Kreditinstitute und staatliche Emittenten. Durch die Fusion mit IBCA wurde Fitch Eigentum der Fimalac S.A., einem französischen Mischkonzern, der IBCA 1992 übernommen hatte. Im April 2000 wurde mit der Übernahme von Duff & Phelps Credit Rating Co., einer NRSRO mit Sitz in Chicago, sowie der späteren Übernahme des Rating-Geschäfts von Thomson BankWatch im gleichen Jahr die Entwicklung von Fitch zu einem globalen Wettbewerber weiter vorangetrieben. Erst in den letzten Jahren ist Fitch somit als neuer globaler Akteur an den Markt gekommen. Doch braucht der deutsche Mittelstand vor dem Hintergrund von Basel II in nächster Zukunft überhaupt ein externes Rating? "Für die Kreditfinanzierung: Nein!", sagt Helmut Bauer, Erster Direktor Bankenaufsicht bei der BaFin. Nach den Ergebnissen einer Umfrage, die die Aufsicht gemeinsam mit der Deutschen Bundesbank Mitte letzten Jahres durchgeführt hat, zeichnet sich ab, dass bereits am ersten Tag nach der Implementierung von Basel II mehr als die Hälfte der deutschen Banken interne Rating-Verfahren verwenden wird. "Die Gefahr einer möglichen Abhängigkeit von externen Ratings kann ich allein aus diesem Grund nicht erkennen", sagt Bauer. Wenn mehr als die Hälfte der deutschen Banken interne Rating-Verfahren nutzen wollen, dann brauche man sich um die mittelständischen Unternehmen keine Sorgen machen. Mittelständler müssten an sich arbeiten, müssten ihre Stärken ausbauen und sich auf intensive Fragen zu ihrer Bonität einstellen. Sie bräuchten aber keineswegs zu fürchten, dass die Kreditaufnahme am Fehlen eines externen Ratings scheitert. "Da mache ich mir schon eher Sorgen um diejenigen Banken, die meinen, es werde auch ohne interne Rating-Verfahren gehen", so Bauer. Die könnten es schwer haben, sich in einem veränderten Marktumfeld zu behaupten. "Ohne geeignete Instrumente zum Messen und Preisen der Risiken geht es nicht", meint der Bankenaufseher. Mit Blick auf die großen Rating-Agenturen sollten aus Sicht der Banken staatliche Maßnahmen zur Beeinflussung der Tätigkeit von Rating-Agenturen ausschließlich auf die Verbesserung der Funktionsfähigkeit des Finanzmarkts abzielen. Regulierungen oder Kontrollen, die unmittelbar in die Methoden und Verfahren der Rating-Prozesse innerhalb der Agenturen eingreifen, würden diesem Ziel nicht dienen und sollten deshalb ganz unterbleiben, heißt es beim Bankenverband. Denkbar wären hingegen Regulierungen, die die Einhaltung bestimmter Standards durch die Rating-Agenturen sicherstellen. Dazu gehört eine ausreichende Transparenz der verschiedenen Rating-Verfahren, die den Nutzern der Ratings deren Beurteilung erleichtert. Auch dürfen die Bonitätsbewertungen der Rating-Agenturen nicht durch wirtschaftliche und politische Interessen beeinflusst werden. Erwägenswert wäre es deshalb, Regelungen zur Behandlung potenzieller Interessenkonflikte im Geschäft der Rating-Agenturen zu schaffen.

 

Nationale oder internationale Aufsicht?

Für Carl-Ludwig Thiele von der FDP ist das Wichtigste, dass der Markt der Rating-Agenturen mehr Wettbewerb erfährt. Dies bedeute nicht, dass der Staat eine neue, europäisch geprägte Rating-Agentur auf dem Reißbrett entwerfen sollte. Dafür sei der Markt zuständig, meint Thiele. Die FDP, wie auch Die Grünen und die SPD, unterstützen aber Initiativen wie die im September 2003 verabschiedeten Ansätze zu einer aufsichtsrechtlichen Regulierung des Rating-Markts durch die Internationale Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden (IOSCO). "Ein internationaler Verhaltenskodex ist notwendig, da nur eine solche den global agierenden Rating-Agenturen gerecht werden kann", so Thiele. Hier zumindest rennen die Politiker bei den Betroffenen offene Türen ein. "Das Ganze ist ein internationales Problem, weil das System international funktioniert", sagt Jens Schmidt-Bürgel von Fitch Ratings. Im Hinblick auf einen Verhaltenskodex habe die Agentur keinerlei Probleme, so lange das Produkt Rating nicht geschädigt werde. Auch Moody's zeigt sich kooperativ. "Seit jeher sind wir starke Verfechter des von der IOSCO und dem Forum für Finanzstabilität (FSF) ins Leben gerufenen Gemeinschaftsprojekts zum Thema Rating-Agenturen", so Detlef Scholz, Geschäftsführer der Moody's Deutschland GmbH. Im Laufe des letzten Jahres habe der Technische Ausschuss der IOSCO eng mit Branchenvertretern und Marktteilnehmern zusammengearbeitet, um Eckpunkte für das von Rating-Agenturen erwartete Verhalten sowie aufsichtsrechtliche Maßnahmen festzulegen, mit deren Hilfe die unterschiedlichen Ansätze der einzelnen Regionalbehörden, die für die größten Kapitalmärkte der Welt zuständig sind, aufeinander abgestimmt werden sollen. Für September ist ein Konsultationsprozess anberaumt, bis Ende 2004 soll das Vorhaben abgeschlossen sein. "Wir sind zuversichtlich, dass die Mitglieder der IOSCO-Arbeitsgruppe ein weltweit konsistentes aufsichtsrechtliches Rahmenwerk schaffen werden", so Scholz. Nun ist es an der Zeit, dass diese Verhaltens- und Arbeitsstandards weiter konkretisiert werden. (...)

 

Quelle: RATINGaktuell

 

Den Titelbeitrag aus RATINGaktuell 04/2004 können Sie im Download-Bereich herunterladen!

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