Die neue Logik globaler Risiken

Risiken der neuen Weltordnung


Risiken der neuen Weltordnung: Die neue Logik globaler Risiken News

Leistungsbilanzsalden galten lange als technisches Resultat internationaler Arbeitsteilung. Diese Sicht ist zu eng geworden. China kann seine Stellung in industriellen Lieferketten und bei kritischen Rohstoffen als Verhandlungsmacht nutzen. Die Vereinigten Staaten kontrollieren einen zentralen Absatzmarkt, das dominante Finanzsystem und die wichtigste Reservewährung. Europa wiederum besitzt einen großen Binnenmarkt und regulatorische Macht, ist aber zugleich von chinesischen Vorprodukten, amerikanischer Technologie und globalen Kapitalströmen abhängig. Aus ökonomischer Verflechtung wird geopolitische Verwundbarkeit, so die Publikation "Globale Ungleichgewichte als Machtfaktor", veröffentlicht von der Assenagon Asset Management.

Die Ausgangsanalyse bringt diese Verschiebung auf eine prägnante Formel: Globale Ungleichgewichte sind nicht mehr nur Folge der Arbeitsteilung, sondern zunehmend ein Machtfaktor. Sie verweist auf Leistungsbilanzsalden, die gegenseitige Abhängigkeit von China und den USA, Europas strategisches Dilemma und die Folgen eines neuen Merkantilismus für Kapitalmärkte und Anleger. Die These ist überzeugend – sofern sie präzisiert wird. Denn ein Leistungsbilanzüberschuss ist noch keine Waffe, und ein Defizit ist nicht automatisch Schwäche. Macht entsteht erst durch die Verbindung von Salden mit Marktgröße, Finanzinfrastruktur, technologischem Vorsprung, Lieferkettenkonzentration und staatlicher Handlungsfähigkeit.

ChinaLeistungsbilanz 2025: +3,3 % des BIP (IWF-Schätzung)
USALeistungsbilanz 2025: +3,3 % des BIP (IWF-Schätzung)
US-Dollar57,13 % der ausgewiesenen Weltwährungsreserven im 1. Quartal 2026
Seltende Erden46,8 % der EU-Importmenge kamen 2025 aus China

Tab. 01: Vier Kennzahlen, die die neue Machtökonomie vermessen [Quellen: IWF Article-IV-Berichte 2026, IWF-COFER, Eurostat; Die Werte sind teilweise vorläufig bzw. geschätzt]

Die Rückkehr der globalen Ungleichgewichte

Die Debatte gewinnt an Schärfe, weil die globalen Leistungsbilanzungleichgewichte wieder zunehmen. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds weiteten sich die weltweiten Salden 2024 um rund 0,6 Prozentpunkte des Welt-BIP aus. Damit kehrte sich der langfristige Rückgang seit der globalen Finanzkrise zumindest vorläufig um. Diese Zahl spiegelt unterschiedliche Spar- und Investitionsmuster, schwache Binnennachfrage in Überschussländern, hohe öffentliche Defizite in den USA und eine Industriepolitik wider, die Produktion zunehmend entlang geopolitischer Grenzen organisiert.

Abb. 01: Leistungsbilanzsalden ausgewählter Länder [Quelle: Assenagon Asset Management S.A. (2026): Globale Ungleichgewichte als Machtfaktor, Perspectives Nr. 40, basierend auf Zahlen der Weltbank, Stand: 14.07.2026]Abb. 01: Leistungsbilanzsalden ausgewählter Länder [Quelle: Assenagon Asset Management S.A. (2026): Globale Ungleichgewichte als Machtfaktor, Perspectives Nr. 40, basierend auf Zahlen der Weltbank, Stand: 14.07.2026]

Parallel dazu hat sich das Instrumentarium der Handelspolitik verändert. Zölle sind zurückgekehrt, Subventionen werden an lokale Produktion gekoppelt, Exportkontrollen erfassen Rohstoffe und Technologien, und Investitionen werden anhand von Sicherheitskriterien geprüft. Der moderne Merkantilismus verfolgt nicht nur das klassische Ziel, Exporte zu fördern und Importe zu begrenzen. Er versucht, komplette Wertschöpfungsketten, Datenräume, Zahlungswege und technologische Standards unter politische Kontrolle zu bringen.

Von einer vollständigen Deglobalisierung kann dennoch keine Rede sein. Empirische Untersuchungen der WTO finden bislang keine flächendeckende Regionalisierung des Welthandels. Sichtbar ist vielmehr eine selektive Fragmentierung: In strategischen Branchen und in den Beziehungen zwischen politisch weit voneinander entfernten Staaten wird entkoppelt, während der Handel in vielen anderen Bereichen weiterläuft. Gerade diese Selektivität erhöht die Komplexität. Unternehmen müssen nicht mit dem Ende des Welthandels rechnen, wohl aber mit abrupten Eingriffen an einzelnen, besonders kritischen Knotenpunkten.

Leistungsbilanz: Bilanzidentität statt moralisches Urteil

Die Leistungsbilanz erfasst vereinfacht den Handel mit Waren und Dienstleistungen sowie grenzüberschreitende Einkommen und laufende Übertragungen. Volkswirtschaftlich entspricht ihr Saldo zugleich der Differenz zwischen nationalem Sparen und Investieren. Spart ein Land dauerhaft mehr, als es im Inland investiert, entsteht ein Überschuss und damit ein Kapitalexport. Investiert oder konsumiert es mehr, als es selbst spart, benötigt es Kapitalzuflüsse und weist ein Defizit auf.

Global müssen sich Überschüsse und Defizite – abgesehen von statistischen Differenzen – ausgleichen. Der Überschuss des einen setzt das Defizit eines anderen voraus. Deshalb ist die verbreitete Vorstellung irreführend, alle Staaten könnten gleichzeitig Exportüberschüsse erzielen. Ebenso problematisch ist die moralische Deutung: Ein Überschuss kann Ausdruck hoher Wettbewerbsfähigkeit sein, aber auch schwacher Binnennachfrage und unzureichender Investitionen. Ein Defizit kann auf Konsumexzesse hinweisen, aber ebenso auf attraktive Investitionsmöglichkeiten, sichere Institutionen und einen tiefen Kapitalmarkt.

Für geopolitische Macht kommt es daher nicht auf das Vorzeichen allein an. Entscheidend ist, welche realwirtschaftlichen und finanziellen Strukturen hinter dem Saldo stehen. Ein Gläubiger kann von seinem Schuldner abhängig sein, wenn er dessen Markt für seine Exporte benötigt. Ein Defizitland kann mächtig sein, wenn seine Währung und seine Finanzmärkte für den Rest der Welt kaum ersetzbar sind. Genau diese wechselseitige Abhängigkeit prägt das Verhältnis zwischen China und den Vereinigten Staaten.

China: industrielle Stärke mit eingebauter Abhängigkeit

Chinas Machtressource liegt vor allem auf der Angebotsseite. Das Land verfügt über große industrielle Kapazitäten, dichte Zuliefernetzwerke und starke Positionen in strategischen Technologien und Rohstoffketten. Der IWF schätzt Chinas Leistungsbilanzüberschuss für 2025 auf 3,3 Prozent des BIP. Als Ursachen nennt er robuste Exporte, eine im Verhältnis zu den Handelspartnern niedrige Inflation, eine reale Abwertung sowie eine weiterhin schwache private Binnennachfrage. Der Überschuss ist damit zugleich Stärke und Symptom: China produziert mehr, als die heimische Nachfrage absorbiert.

Besonders sichtbar wird der geopolitische Hebel bei kritischen Rohstoffen. China führte im April 2025 Exportbeschränkungen für sieben Seltene Erden und daraus hergestellte Magnete ein. Die Europäische Union bezog 2025 nach Eurostat 46,8 Prozent ihrer importierten Menge an Seltenen Erden aus China. Abhängigkeit entsteht dabei nicht nur beim Abbau, sondern vor allem bei Verarbeitung, Raffination, Magneten und anderen Vorprodukten. Eine Lizenzpflicht oder verzögerte Freigabe kann deshalb Produktionsketten treffen, obwohl der unmittelbare Warenwert der Rohstoffe vergleichsweise gering ist.

Doch auch dieser Hebel ist nicht kostenlos. Chinas Überschussmodell benötigt ausländische Nachfrage. Wenn die USA und Europa ihre Märkte abschotten, muss Peking neue Abnehmer erschließen, den privaten Konsum stärken oder Kapazitäten abbauen. Exportkontrollen beschleunigen zudem die Suche nach Ersatzlieferanten, Recycling, Lagerhaltung und eigener Verarbeitung. Macht durch Knappheit kann deshalb kurzfristig groß, langfristig aber selbstzerstörerisch sein, wenn sie Substitution wirtschaftlich attraktiv macht.

Hinzu kommt die finanzielle Gegenbuchung: Wer dauerhaft Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaftet, exportiert Kapital. Chinas Ersparnisse müssen im Ausland angelegt werden, häufig in liquiden Märkten und sicheren Anlagen. Das begrenzt die Vorstellung eines einseitigen Gläubigervorteils. Der Exporteur braucht den Käufer, und der Kapitalgeber braucht einen verlässlichen Schuldner beziehungsweise Anlageort.

USA: Das Defizit als Privileg – und als Verwundbarkeit

Die Vereinigten Staaten stehen auf der anderen Seite der globalen Bilanz. Der IWF beziffert das US-Leistungsbilanzdefizit 2025 auf rund 3,7 Prozent des BIP. www.imf.org/en/news/articles/2026/04/01/pr-26102-usa-imf-executive-board-concludes-2026-article-iv-consult Konventionell gelesen wäre dies ein Zeichen mangelnder Ersparnis, hoher Importabhängigkeit und schwindender industrieller Kapazität. Diese Diagnose trifft einen Teil der Realität, unterschätzt aber die strukturelle Macht der USA.

Die Vereinigten Staaten bieten einen der größten Absatzmärkte der Welt, den tiefsten Kapitalmarkt und die zentrale Infrastruktur des internationalen Finanzsystems. Der US-Dollar machte im ersten Quartal 2026 nach IWF-Daten 57,13 Prozent der ausgewiesenen globalen Währungsreserven aus. Unternehmen und Staaten benötigen Dollarfinanzierung, amerikanische Wertpapiere dienen als liquide Anlage, und ein erheblicher Teil des internationalen Zahlungsverkehrs berührt US-Institutionen oder US-Recht. Damit können die USA Marktzugang, Sanktionen, Exportkontrollen und Finanzierungsbedingungen als außenpolitische Instrumente einsetzen.

Das Defizit ist in diesem System nicht nur Schwäche, sondern auch die Kehrseite globaler Dollarnachfrage. Die Überschussländer müssen ihre Ersparnisse unterbringen; der US-Markt kann Volumina, Liquidität und Rechtssicherheit anbieten, die andere Finanzplätze bislang nicht in gleicher Größenordnung bereitstellen. Das erklärt, warum der Schuldner nicht automatisch die schwächere Verhandlungsposition besitzt.

Privileg bedeutet jedoch nicht Immunität. Hohe öffentliche Defizite, eine stark negative Nettoauslandsposition und der Verlust industrieller Kapazitäten erzeugen ökonomische und politische Kosten. Der IWF warnt, dass ein abrupter Wechsel der Präferenzen internationaler Investoren eine ungeordnete externe Anpassung auslösen könnte. Zudem verteuern Zölle Vorprodukte und Konsumgüter, während Gegenmaßnahmen Exporte treffen. Die Macht des US-Marktes bleibt groß, doch ihre Nutzung kann die Attraktivität des Systems schrittweise untergraben.

Europa zwischen Marktöffnung und Selbstschutz

Europa befindet sich in einer Zwischenposition. Deutschland und mehrere andere EU-Staaten haben über Jahrzehnte hohe Leistungsbilanzüberschüsse aufgebaut. Das Modell beruhte auf wettbewerbsfähiger Industrie, offenen Absatzmärkten, günstigen Vorleistungen und der Möglichkeit, Ersparnisse global anzulegen. Diese Voraussetzungen erodieren gleichzeitig: China ist vom Kunden zum Wettbewerber geworden, die USA knüpfen Marktzugang stärker an lokale Produktion, und strategische Vorprodukte werden zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen.

Ein Überschuss verschafft Europa deshalb nicht automatisch Macht. Anders als die USA verfügt die EU nicht über einen vollständig integrierten Kapitalmarkt und keine einheitliche Fiskal- und Sicherheitspolitik. Anders als China kontrolliert sie nur wenige globale industrielle Engpässe. Europas Stärke liegt im großen Binnenmarkt, in regulatorischen Standards, technischem Know-how, hohen privaten Ersparnissen und einer relevanten internationalen Währung. Diese Ressourcen bleiben jedoch fragmentiert, solange Mitgliedstaaten bei Industriepolitik, Energie, Verteidigung und Kapitalmarktintegration unterschiedliche Strategien verfolgen.

Das strategische Dilemma ist real: Offene Märkte erhöhen Wohlstand und Wettbewerb. Werden sie jedoch einseitig offen gehalten, während andere Wirtschaftsräume Produktion subventionieren, Exportkontrollen einsetzen oder Überkapazitäten politisch absichern, droht der Verlust industrieller Substanz. Breiter Protektionismus wäre dennoch die falsche Antwort. Er verteilt hohe Kosten auf Verbraucher und weiterverarbeitende Unternehmen, schwächt Produktivität und provoziert Vergeltung. Notwendig ist eine gezielte Politik wirtschaftlicher Sicherheit: Diversifizierung kritischer Lieferketten, Lagerhaltung, gemeinsame Beschaffung, schnellere Genehmigungen, europäische Kapitalmarktintegration und reziproker Marktzugang.

Der neue Merkantilismus: Resilienz hat einen Preis

Der neue Merkantilismus verändert die ökonomische Zielfunktion. Jahrzehntelang dominierte die Frage, wo ein Gut am effizientesten produziert werden kann. Heute tritt eine zweite Frage hinzu: Unter welchen politischen Bedingungen bleibt die Versorgung auch im Konfliktfall gesichert? Unternehmen und Staaten akzeptieren dafür Redundanz, höhere Lagerbestände, parallele Zulieferer und regionale Produktionskapazitäten. Diese Maßnahmen senken das Ausfallrisiko, erhöhen aber die laufenden Kosten.

Zölle wirken wie eine Steuer auf Importe. Subventionen belasten öffentliche Haushalte und können Fehlinvestitionen auslösen. Vorgaben zur lokalen Produktion duplizieren Kapazitäten und verringern Skaleneffekte. Exportkontrollen schaffen Knappheiten, erhöhen die Volatilität und fördern Vergeltungsmaßnahmen. Ökonomisch entsteht eine Sicherheitsprämie: Gesellschaften bezahlen für geringere Abhängigkeit mit höheren Preisen, zusätzlichem Kapitalbedarf und teilweise niedrigerer Produktivität.

Für die Kapitalmärkte bedeutet dies höhere Unsicherheit über Margen, Inflation und langfristige Zinsen. Wenn Staaten dauerhaft mehr ausgeben, Produktion teurer wird und Lieferketten weniger effizient sind, können Inflationsrisiken und Laufzeitprämien steigen. Gleichzeitig nimmt die Streuung zwischen Unternehmen zu. Gewinner sind nicht notwendigerweise die größten Konzerne, sondern jene, die regionale Produktionsoptionen, Preissetzungsmacht, alternative Lieferanten und Zugang zu staatlich priorisierten Investitionsprogrammen besitzen.

Kritischer Befund: Salden sind Indikatoren, keine Waffen

Die Formel von den Leistungsbilanzsalden als Machtfaktor ist analytisch produktiv, darf aber nicht kausal missverstanden werden. Der Saldo zeigt eine makroökonomische Position; er erklärt nicht allein, ob und wie ein Staat Druck ausüben kann. Geopolitische Hebel entstehen erst, wenn vier Bedingungen zusammentreffen: ein relevanter Engpass, geringe kurzfristige Ersetzbarkeit, institutionelle Kontrolle über den Engpass und die Fähigkeit, die eigenen Kosten einer Eskalation zu tragen.

Diese Bedingungen machen Macht relational und veränderlich. Ein Exportland, das Lieferungen beschränkt, kann kurzfristig dominieren, langfristig aber neue Konkurrenz erzeugen. Ein großer Importmarkt kann Bedingungen setzen, muss jedoch höhere Preise und geringere Auswahl akzeptieren. Eine Reservewährung verleiht Finanzmacht, bleibt aber auf Vertrauen in Institutionen, Rechtssicherheit und Marktliquidität angewiesen. Die Leistungsbilanz ist deshalb eher eine Warnleuchte als der Motor der Machtpolitik.

Was Anleger und Unternehmen daraus ableiten sollten

In einer fragmentierten Welt reicht klassische Diversifikation nach Anlageklassen nicht mehr aus. Zwei Aktienindizes können formal unterschiedliche Länder abdecken und dennoch von denselben chinesischen Vorprodukten, demselben US-Cloudanbieter oder derselben Dollarfinanzierung abhängen. Geopolitische Konzentration liegt oft unterhalb der sichtbaren Konzernstruktur – in Lieferanten, Absatzmärkten, Patenten, Logistikwegen und Zahlungsinfrastruktur.

Für die Unternehmensanalyse werden deshalb Fragen wichtig, die früher eher in der operativen Beschaffung lagen: Wo befinden sich kritische Produktionsstufen? Welche Umsätze hängen von einem einzelnen Markt ab? Wie schnell kann lokal produziert werden? Welche Exportlizenzen, Sanktionen oder Subventionen beeinflussen das Geschäftsmodell? In welcher Währung wird finanziert, und wie robust ist der Zugang zu Liquidität? Unternehmen mit mehreren Beschaffungsoptionen, regionalen Produktionsplattformen und Preissetzungsmacht besitzen einen höheren geopolitischen Optionswert.

Auch auf Ebene der Anlageklassen verschieben sich die Risiken. Bei Aktien steigt die Bedeutung der Margenresilienz und der politischen Standortqualität. Bei Anleihen können höhere Staatsausgaben, Handelsbarrieren und geringere Effizienz Inflations- und Laufzeitrisiken erhöhen. Währungen von Defizitländern ohne Reservewährungsstatus sind besonders anfällig, wenn sie auf volatile Kapitalzuflüsse angewiesen sind. Rohstoffe und strategische Vorprodukte bieten zwar Knappheitsprämien, tragen aber zugleich hohe Regulierungs-, Substitutions- und Technologierisiken.

Eine einfache Strategie nach dem Muster "Überschussländer kaufen, Defizitländer meiden" wäre daher wissenschaftlich nicht haltbar. Ein hoher Überschuss kann aus schwacher Nachfrage und fehlenden Investitionen entstehen. Ein Defizit kann mit Produktivitätswachstum, Innovation und einem attraktiven Kapitalmarkt einhergehen. Entscheidend sind Qualität, Finanzierbarkeit und politische Belastbarkeit der zugrunde liegenden Strukturen.

Fazit und Ausblick

Globale Ungleichgewichte sind politischer geworden. China nutzt industrielle Kapazitäten und Rohstoffketten, die USA ihren Markt, den Dollar und die Finanzinfrastruktur. Beide sind Antagonisten und zugleich aufeinander angewiesen: China benötigt Nachfrage und Anlageziele, die USA benötigen Waren, Kapitalzuflüsse und Vertrauen in den Dollarraum. Europa steht dazwischen – wirtschaftlich groß, institutionell aber nicht in allen strategischen Fragen handlungsfähig.

Der neue Merkantilismus ist deshalb weder bloße Rückkehr ins 19. Jahrhundert noch das Ende der Globalisierung. Er ist eine Neuordnung der Arbeitsteilung unter Sicherheitsvorbehalt. Sie macht Lieferketten robuster, aber teurer; sie schafft politische Hebel, aber auch Selbstschäden; und sie erhöht die Unterschiede zwischen Unternehmen, Branchen und Währungsräumen.
Die entscheidende Frage lautet nicht, wer den größten Überschuss oder das größte Defizit ausweist. Entscheidend ist, wer unverzichtbare Leistungen kontrolliert, glaubwürdige Alternativen anbieten kann und die wirtschaftlichen Kosten einer Störung länger trägt. Für Europa folgt daraus kein Plädoyer für Autarkie, sondern für kontrollierte Offenheit: offene Märkte, wo Wettbewerb funktioniert - und gezielte Absicherung, wo Konzentration zur strategischen Erpressbarkeit wird.

Quellenverzeichnis und weiterführende Literaturhinweise:

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
Risk Academy

Die Intensiv-Seminare der RiskAcademy® konzentrieren sich auf Methoden und Instrumente für evolutionäre und revolutionäre Wege im Risikomanagement.

Seminare ansehen
Newsletter

Der Newsletter RiskNEWS informiert über Entwicklungen im Risikomanagement, aktuelle Buchveröffentlichungen sowie Kongresse und Veranstaltungen.

jetzt anmelden
Lösungsanbieter

Sie suchen eine Softwarelösung oder einen Dienstleister rund um die Themen Risikomanagement, GRC, IKS oder ISMS?

Partner finden
Ihre Daten werden selbstverständlich vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.