Als europäische Automobilzulieferer im Frühsommer 2025 einzelne Produktionslinien stoppten, fehlte weder Stahl noch Energie und auch kein komplexer Halbleiter. Es fehlten kleine Hochleistungsmagnete. Chinas neue Exportkontrollen für mittel- und schwere Seltene Erden hatten die Lieferkette an einer Stelle getroffen, die im fertigen Fahrzeug kaum sichtbar ist, technisch aber unverzichtbar bleibt. Die Episode war mehr als eine vorübergehende Störung: Sie zeigte, dass der industrielle Wettbewerb um Elektromobilität, Windkraft, Robotik, Halbleiter, Verteidigung und künstliche Intelligenz längst vor der Fabrikhalle entschieden wird – bei Förderung, Trennung, Raffination und Verarbeitung kritischer Rohstoffe.
Ein Magnet stoppt ein Werk
Am 4. April 2025 führte das chinesische Handelsministerium Exportkontrollen für mehrere mittel- und schwere Seltene Erden sowie damit verbundene Produkte ein. Nur zwei Monate später meldete der europäische Zulieferverband CLEPA (European Association of Automotive Suppliers) bereits die Stilllegung mehrerer Produktionslinien und Werke. Das Problem lag nicht in einer absoluten geologischen Knappheit. Es lag in der Konzentration der Verarbeitung, der Magnetproduktion und der Genehmigungsmacht in einem einzigen Land. China exportierte 2024 rund 58.000 Tonnen Seltene-Erden-Magnete – genug für Millionen Fahrzeuge, industrielle Antriebe, Flugzeuge, Windturbinen, Rechenzentren und militärische Systeme. Als die Lizenzierung verzögert wurde, verwandelte sich ein scheinbar kleiner Vorleistungsmarkt in einen systemischen Engpass.
Die jüngsten Handelsdaten bestätigen die direkte Abhängigkeit. Im Jahr 2025 kamen 46,8 Prozent der mengenmäßigen EU-Importe Seltener Erden unmittelbar aus China. Weitere große Lieferanteile entfielen auf Russland und Malaysia. Diese Statistik unterschätzt jedoch die technologische Abhängigkeit, weil Rohstoffe und Zwischenprodukte häufig über Drittstaaten laufen, während zentrale Trenn-, Raffinations- und Magnetkapazitäten weiterhin in China konzentriert sind [vgl. Gourevich/Simmerding/Flach 2026].
Im Februar 2026 folgte ein zweites Warnsignal: GKN Powder Metallurgy gab Pläne für eine europäische Fabrik für Permanentmagnete auf. Als Grund galt nicht die technische Unmöglichkeit, sondern die unsichere Wirtschaftlichkeit gegenüber chinesischen Niedrigkostenanbietern. Damit zeigt sich das doppelte Rohstoffrisiko Europas: Es droht nicht nur eine Unterbrechung bestehender Lieferungen. Gleichzeitig können dominante Anbieter durch Preise, Skalenvorteile und integrierte Wertschöpfung verhindern, dass alternative Kapazitäten überhaupt entstehen. Versorgungssicherheit ist deshalb kein reines Beschaffungsproblem. Sie ist ein Investitions-, Marktstruktur- und Industriepolitikproblem.
Die Warnung war bereits vor Jahrzehnten unübersehbar
Dass Zukunftstechnologien immer materialintensiver und zugleich von kleinen Mengen spezialisierter Metalle abhängig werden, war in Deutschland früh bekannt. Bereits im Jahr 2008 präsentierte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln eine Analyse zum Thema "Sichere Energie- und Rohstoffversorgung. Herausforderung für Politik und Wirtschaft?" [vgl. Bardt 2008]. Eine zentrale Abbildung der Analyse zeigte, wie sich die Materialvielfalt in der Halbleiterindustrie von etwa zwölf Elementen in den 1980er-Jahren über 16 Elemente in den 1990er-Jahren auf rund 60 Elemente in den 2000er-Jahren ausgeweitet hatte. Auch das damalige Mobiltelefon, das Hybridfahrzeug und die CIS-Solarzelle wurden als komplexe Rohstoffsysteme beschrieben. Indium, Gallium, Germanium, Tantal, Kobalt, Neodym oder Dysprosium waren keine exotischen Randprodukte mehr, sondern Funktionsmetalle einer entstehenden digitalen und klimafreundlichen Industrie.
Besonders bemerkenswert ist, wie modern der damalige Rohstoff-Risiko-Index angelegt war. Er verband quantitative Indikatoren – Reichweite, Länderrisiko und Angebotskonzentration – mit qualitativen Kriterien wie Bedeutung für Zukunftstechnologien, Gefahr strategischer Industriepolitik und Substituierbarkeit. Damit wurde bereits vor vielen Jahrzehnten erfasst, was heute unter wirtschaftlicher Sicherheit, strategischer Verwundbarkeit und Geoökonomie diskutiert wird. Seltene Erden galten schon damals als hochriskant: China stellte mehr als 90 Prozent der Weltproduktion, setzte Exportbeschränkungen und eine harte Steuerpolitik ein, während leistungsfähige Substitute nicht absehbar waren.
Auch die Unternehmensbefragung lieferte ein nüchternes Bild. 61 Prozent der mehr als 700 befragten Unternehmen setzten auf langfristige Lieferverträge, 32 Prozent auf Preisabsicherung und 30 Prozent auf Ersatz- oder Sekundärrohstoffe. Nur drei Prozent beteiligten sich an Rohstoffunternehmen; 18 Prozent verfolgten überhaupt keine Strategie. Von der Politik erwarteten die Unternehmen vor allem offene Märkte, mehr Grundlagenforschung und gute diplomatische Beziehungen. Die damalige Lösungspyramide verteilte die Aufgaben zwischen Staat und Unternehmen: Marktöffnung, Diplomatie und Grundlagenforschung auf der staatlichen Seite; Effizienz, Verträge, Nachfragebündelung, vertikale Integration und Substitution auf der Unternehmensseite.
Was Politik und Unternehmen aus der Warnung lernten
Die politische Antwort kam noch im selben Jahr. Im Oktober 2010 verabschiedete die Bundesregierung ihre erste Rohstoffstrategie für nicht-energetische mineralische Rohstoffe. Sie setzte auf den Abbau von Handelshemmnissen, die Diversifizierung von Bezugsquellen, Garantien für ungebundene Finanzkredite, bilaterale Rohstoffpartnerschaften, heimische Gewinnung, Rohstoffeffizienz und Recycling. Mit der Deutschen Rohstoffagentur DERA entstand zudem eine Informations- und Beratungsplattform. Deutschland schuf damit Instrumente für Marktbeobachtung, Frühwarnung, diplomatische Unterstützung und einzelne Fördermaßnahmen. Gemessen an der bereits damals erkennbaren strategischen Dimension des Problems blieb die Reaktion jedoch vor allem analytisch und moderierend. Der Staat sammelte Informationen über Risiken, ohne zugleich eine belastbare Architektur zu schaffen, mit der kritische Lieferketten abgesichert, Verarbeitungskapazitäten aufgebaut und langfristige Bezugsrechte finanziert werden konnten.
Die zugrunde liegende Annahme war ordnungspolitisch zurückhaltend: Die Sicherung der Rohstoffversorgung sollte primär Aufgabe der Unternehmen bleiben; der Staat sollte flankieren, Märkte offenhalten und Informationsdefizite reduzieren. Für weitgehend offene Märkte, in denen Rohstoffe nach Preis und Verfügbarkeit gehandelt werden, war dies nachvollziehbar. Für eine geopolitisch geprägte Welt, in der Staaten Exportkontrollen, Subventionen, Staatsunternehmen, strategische Lager, Abnahmegarantien und Technologieverbote kombinieren, erwies sich der Ansatz jedoch als zu defensiv. Deutschland erkannte die Risiken, behandelte sie aber lange eher als Informations- und Außenhandelsthema denn als strategisches Versorgungs- und Investitionsrisiko. Der Staat wollte Risiken transparent machen, war aber nur begrenzt bereit, selbst Kapital-, Preis- oder Abnahmerisiken zu übernehmen.
Allerdings greift es zu kurz, die Versäumnisse allein der Politik zuzuschreiben. Auch in vielen Unternehmen blieb das Rohstoff-Risikomanagement deutlich hinter der Bedeutung des Themas zurück. Kritische Rohstoffe wurden häufig als operatives Beschaffungsproblem behandelt und nicht als strategisches Risiko für Geschäftsmodell, Produktion, Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit. Zwar existierten Lieferantenbewertungen und Einkaufskennzahlen, doch oftmals fehlten belastbare Szenarioanalysen zu Exportstopps, politischen Konflikten, Preismanipulationen oder dem Ausfall zentraler Verarbeitungsstufen. Risiken wurden nicht konsequent entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis zu Mine, Raffinerie und Vorprodukt zurückverfolgt. Besonders problematisch war, dass vermeintliche Lieferantendiversifikation häufig keine echte geografische Diversifikation bedeutete: Mehrere unmittelbare Lieferanten konnten letztlich von demselben Land, derselben Raffinerie oder demselben Vorprodukt abhängig sein.
Auch die Maßnahmen blieben vielfach unzureichend. Langfristige Abnahmeverträge, Beteiligungen an Rohstoffprojekten, strategische Lagerhaltung, technische Substitution, verbindliche Zweitquellen oder gemeinsame Beschaffungsmodelle wurden häufig erst dann geprüft, wenn Engpässe bereits sichtbar waren. Kurzfristige Preisoptimierung und geringe Kapitalbindung standen nicht selten höher im Kurs als Resilienz. Hinzu kam ein organisatorisches Problem: Rohstoffrisiken lagen an der Schnittstelle von Einkauf, Entwicklung, Produktion, Strategie, Nachhaltigkeit und Risikomanagement, ohne dass eine Stelle die Gesamtverantwortung übernahm. In vielen Risikoinventaren erschienen sie daher nur abstrakt als "Lieferkettenrisiko", ohne quantifizierte Auswirkungen auf Umsatz, Deckungsbeitrag, Produktionsstillstand oder Investitionsprogramme. Ein Risiko, das nicht monetär bewertet, mit Frühwarnindikatoren versehen und einem Maßnahmenverantwortlichen zugeordnet wird, bleibt jedoch häufig folgenlos.
Die Fortschreibung der Rohstoffstrategie im Jahr 2020 enthielt 17 Maßnahmen in den drei Säulen heimische Rohstoffe, Importe und Recycling. Hinzu kamen europäische Initiativen, Förderprogramme, Sorgfaltspflichten und stärkere Nachhaltigkeitsanforderungen. Doch der Abstand zwischen Diagnose und realwirtschaftlicher Kapazität blieb groß. Partnerschaften eröffneten politische Gesprächskanäle, sicherten aber nur selten verbindliche Liefermengen. Monitoring erzeugte Wissen, aber keine Mine, Raffinerie oder Magnetfabrik. Recycling wurde als strategische Quelle anerkannt, blieb bei vielen Funktionsmetallen jedoch technisch, mengenmäßig und wirtschaftlich begrenzt. Weder auf staatlicher noch auf unternehmerischer Ebene entstand in ausreichendem Umfang eine belastbare Umsetzungslogik, die Risikoanalyse, Finanzierung, Abnahme, Lagerhaltung, Substitution und Kapazitätsaufbau miteinander verband.
Erst ab 2024 – als die Schmerzen in der Industrie immer deutlicher waren – wurde die finanzielle Risikoteilung konkreter. Der von der KfW verwaltete Deutsche Rohstofffonds kann im Auftrag des Bundes bis zu eine Milliarde Euro in Bergbau-, Verarbeitungs- und Recyclingprojekte investieren. Vorgesehen sind Minderheitsbeteiligungen, typischerweise in einer Größenordnung von etwa 50 bis 150 Millionen Euro für Gewinnung und Verarbeitung. Entscheidend ist der langfristige Bezug kritischer Rohstoffe für deutsche oder europäische Produktionsstandorte. Damit nähert sich die Politik erstmals einem umfassenderen Risikomanagementinstrument: Der Staat übernimmt einen Teil des Kapitalrisikos, um private Investitionen, Verarbeitungskapazitäten und langfristige Abnahmebeziehungen zu ermöglichen. Ob daraus tatsächlich eine robustere Versorgung entsteht, hängt jedoch davon ab, ob Unternehmen diese Instrumente mit eigenen Abnahmeverpflichtungen, Beteiligungen, Lagerstrategien und technischen Anpassungen verbinden.
Der Fonds ist daher sowohl ein wichtiger Kurswechsel als auch ein Hinweis auf ein verlorenes Jahrzehnt. Zwischen der präzisen Risikoanalyse aus dem Jahr 2010 und dem Aufbau eines staatlich abgesicherten Beteiligungsinstruments lagen rund 14 Jahre. In dieser Zeit baute China seine Position in Verarbeitung und Weiterverarbeitung weiter aus, während europäische Projekte häufig an langen Genehmigungsverfahren, fehlender Skalierung, unsicherer Nachfrage und massivem Preisdruck scheiterten. Die Politik verfügte lange über keine wirksame Umsetzungsarchitektur. Gleichzeitig versäumten es zahlreiche Unternehmen, bekannte Abhängigkeiten konsequent zu quantifizieren und durch verbindliche Maßnahmen zu reduzieren. Das Ergebnis ist eine geteilte Verantwortung: Der Staat unterschätzte die geopolitische und industriepolitische Dimension, während Teile der Wirtschaft Rohstoffrisiken zu lange als kurzfristige Einkaufsfrage behandelten. Analysiert wurde viel – investiert, diversifiziert und vorgesorgt wurde deutlich weniger.
Rohstoff-Risikomanagement: besser vermessen als beherrscht
Aus Sicht des Risikomanagements lässt sich das Vorgehen von Politik und Unternehmen in vier Stufen zerlegen: Risikoidentifikation, Risikobewertung, Risikosteuerung und Wirksamkeitskontrolle. Bereits bei der Identifikation fällt die Bilanz weniger eindeutig positiv aus, als es die Vielzahl an Studien und Rohstofflisten vermuten lässt. DERA, BGR, EU-Kommission und zahlreiche Forschungsinstitute beobachten zwar Lieferkonzentrationen, Preisentwicklungen, Länderrisiken und Nachfrageprognosen. Der Europäische Rechnungshof weist jedoch darauf hin, dass selbst die europäischen Listen kritischer und strategischer Rohstoffe auf teilweise veralteten Handelsdaten, methodischen Unschärfen und unvollständigen Nachfrageprognosen beruhen. Die Politik verfügt damit über ein umfangreiches Berichtswesen, aber noch nicht über ein durchgehend belastbares Lagebild.
Auf Unternehmensebene ist die Informationsbasis häufig noch lückenhafter. Viele Unternehmen kennen ihre unmittelbaren Lieferanten, aber nicht die tatsächliche Herkunft der eingesetzten Erze, Metalle, Legierungen und chemischen Vorprodukte. Die Transparenz endet nicht selten beim Tier-1-Lieferanten. Mehrere vermeintlich unabhängige Lieferanten können jedoch dieselbe Mine, Raffinerie oder chinesische Verarbeitungsstufe nutzen. Eine formal diversifizierte Lieferantenstruktur verdeckt dann eine weiterhin hoch konzentrierte Rohstoffabhängigkeit. Besonders bei komplexen Produkten fehlt häufig eine belastbare Stücklistenanalyse, aus der hervorgeht, welche kritischen Rohstoffe in welchen Komponenten enthalten sind und welche Umsätze, Technologien oder Produktionsstandorte von ihnen abhängen.
Auch die Risikobewertung ist weniger ausgereift, als zahlreiche Kritikalitätsanalysen vermuten lassen. Staatliche Stellen erstellen Szenarien, Versorgungsindikatoren und Materialstudien. Der Europäische Rechnungshof kritisiert jedoch, dass die Zielwerte des Critical Raw Materials Act nur unzureichend begründet, aggregiert und nicht verbindlich sind. Zudem ist nicht transparent, welchen Beitrag einzelne Rohstoffe zur Erreichung der europäischen Gesamtziele leisten sollen. Eine Prozentvorgabe für alle strategischen Rohstoffe zusammen sagt wenig darüber aus, ob gerade jene Materialien abgesichert werden, bei denen ein Lieferausfall besonders schwerwiegende Folgen hätte.
Vielfach qualitative und abstrakte Bewertung in der Industrie
In vielen Unternehmen bleibt die Bewertung ebenfalls qualitativ und abstrakt. Rohstoffrisiken werden als "hoch", "mittel" oder "niedrig" klassifiziert, ohne die möglichen finanziellen Auswirkungen systematisch zu quantifizieren. Häufig fehlen Szenarien für Exportverbote, geopolitische Konflikte, Produktionsausfälle, Preissprünge oder den Verlust einer zentralen Raffinerie. Ebenso selten wird berechnet, nach wie vielen Tagen ein Rohstoffmangel die Produktion unterbrechen würde, welche Umsätze betroffen wären, wie lange die Qualifikation eines Ersatzmaterials dauert und welche Kosten eine alternative Beschaffung verursacht. Damit bleibt das Rohstoffrisiko zwar im Risikoinventar sichtbar, wird aber nicht konsequent mit Ergebnis-, Liquiditäts- und Fortbestandsrisiken verknüpft.
Die größte Schwäche liegt weiterhin in der Risikosteuerung. Auf politischer Ebene fehlen vielfach verbindliche Abnahmeverträge, ausreichend große Reserven, kurzfristig mobilisierbare Finanzierungsinstrumente und klare Prioritäten über Ressorts, Mitgliedstaaten und Rohstoffe hinweg. Strategische Partnerschaften schaffen diplomatische Beziehungen, aber noch keine garantierten Liefermengen. Projektlisten erzeugen politische Sichtbarkeit, aber noch keine produzierenden Minen, Raffinerien oder Recyclinganlagen. Der Engpass liegt daher weniger im Erkennen des Risikos als in der Bereitschaft, Kapital-, Preis-, Nachfrage- und Projektrisiken tatsächlich zu übernehmen.
Ein vergleichbares Defizit besteht in der Wirtschaft. Viele Unternehmen haben über Jahre Einkaufspreise, Lagerbestände und gebundenes Kapital optimiert, ohne die daraus entstehende Verwundbarkeit angemessen zu berücksichtigen. Strategische Vorräte, langfristige Abnahmevereinbarungen, Beteiligungen an Rohstoffprojekten, technisch qualifizierte Zweitquellen und systematische Substitutionsprogramme verursachen zunächst Kosten. Solange Lieferketten funktionieren, erscheinen diese Ausgaben als Belastung. Ihr Wert wird erst sichtbar, wenn ein Exportstopp oder Produktionsausfall eintritt. Diese kurzfristige Effizienzlogik hat dazu geführt, dass bekannte Konzentrationsrisiken häufig akzeptiert wurden, ohne ausreichende Vorsorgemaßnahmen zu finanzieren.
Am schwächsten ausgeprägt war lange die Wirksamkeitskontrolle. Der Europäische Rechnungshof stellte fest, dass die EU die Resultate ihrer über verschiedene Programme und Generaldirektionen verteilten Rohstoffförderung nicht systematisch nachverfolgt und deren tatsächliche Wirkung auf die Versorgung nicht bewertet hat. Entscheidend wäre nicht, wie viele Förderbescheide, Partnerschaften oder Projekte beschlossen wurden, sondern welche zusätzlichen und vertraglich gesicherten Mengen europäischen Abnehmern tatsächlich zur Verfügung stehen.
Auch Unternehmen messen häufig die falschen Größen. Einkaufspreise, Liefertermintreue und Lagerumschlag werden detailliert überwacht; die tatsächliche Resilienz der Rohstoffversorgung dagegen weit weniger. Relevante Kennzahlen wären beispielsweise der Anteil des Bedarfs aus dem größten Ursprungsland, die Abhängigkeit von einzelnen Raffinerien, die abgesicherte Reichweite strategischer Bestände, der Anteil langfristig kontrahierter Mengen, die Zeit bis zur Qualifikation einer Alternative sowie der potenzielle Deckungsbeitragsverlust bei einem Lieferausfall. Ohne solche Kennzahlen bleibt unklar, ob das Risikoprofil tatsächlich verbessert oder lediglich dokumentiert wurde.
Analyse der Rohstoffrisiken auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette
Ein funktionierendes Rohstoff-Risikomanagement müsste deshalb weit über eine Liste kritischer Materialien hinausgehen. Für jeden Rohstoff und jede Stufe der Wertschöpfungskette wäre festzulegen, welches Konzentrationsniveau akzeptabel ist, wie lange ein Ausfall überbrückt werden kann und welche Ersatzquellen technisch freigegeben sind. Zudem müsste bestimmt werden, welcher Anteil des Bedarfs durch langfristige Verträge, strategische Lager, Recycling, Substitution oder Beteiligungen abgesichert wird. Die zentrale staatliche Kennzahl wäre nicht die Zahl unterzeichneter Absichtserklärungen, sondern die belastbare, diversifizierte und kurzfristig mobilisierbare Versorgungskapazität. Auf Unternehmensebene müsste entsprechend gemessen werden, welcher Anteil der Wertschöpfung auch unter definierten Stressszenarien aufrechterhalten werden kann.
Mit dem Critical Raw Materials Act hat die EU seit 2024 erstmals quantitative Benchmarks formuliert. Bis 2030 sollen die europäischen Kapazitäten zehn Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen bei der Gewinnung, 40 Prozent bei der Verarbeitung und 25 Prozent beim Recycling erreichen. Zudem sollen auf keiner relevanten Verarbeitungsstufe mehr als 65 Prozent des Bedarfs aus einem einzigen Drittstaat stammen. Der Rechtsrahmen sieht außerdem eine stärkere Überwachung, Stresstests und eine koordiniertere Vorratshaltung vor. 2025 wählte die Kommission 47 strategische Projekte innerhalb und 13 Projekte außerhalb der EU aus.
Diese Vorgaben sind ein Fortschritt, dürfen aber nicht mit einer tatsächlichen Risikoabsicherung verwechselt werden. Die Benchmarks sind aggregiert und nach Einschätzung des Europäischen Rechnungshofs nicht hinreichend begründet. Selbst ihre vollständige Erreichung würde nicht gewährleisten, dass jedes besonders exponierte Material, jede relevante Reinheitsklasse oder jede kritische Verarbeitungsstufe ausreichend abgesichert ist. Ebenso wenig garantiert die Einstufung als strategisches Projekt dessen Finanzierung, rechtzeitige Genehmigung, wirtschaftliche Tragfähigkeit oder spätere Belieferung europäischer Unternehmen.
Für die Unternehmen erhöht der europäische Rahmen zugleich den Handlungsdruck. Große industrielle Abnehmer können sich nicht länger darauf beschränken, Risiken an Einkauf und Lieferanten weiterzureichen. Sie müssen ihre Rohstoffketten analysieren und bei wesentlichen Abhängigkeiten Gegenmaßnahmen entwickeln. Dazu gehören Abnahmeverpflichtungen, Nachfragebündelung, längerfristige Preisformeln, Vorräte, alternative Materialien und gegebenenfalls Beteiligungen an Projekten. Die 2025 gestartete EU-Plattform soll Unternehmen bei der Bündelung ihrer Nachfrage, der koordinierten Beschaffung, dem Abschluss von Abnahmeverträgen und der Verbindung mit Finanzierungs- und Lageranbietern unterstützen. Die Plattform kann jedoch unternehmerische Entscheidungen nicht ersetzen: Ohne verbindliche Nachfragezusagen entstehen auch mit politischer Unterstützung keine tragfähigen Geschäftsmodelle.
Ziele definiert, operative Umsetzung unzureichend
Der Ende 2025 vorgelegte RESourceEU-Aktionsplan führt diesen Ansatz weiter. Vorgesehen sind ein europäisches Zentrum für kritische Rohstoffe, gemeinsame Beschaffung, koordinierte Lagerhaltung und drei Milliarden Euro an EU-Mitteln für Projekte, die kurzfristig alternative Bezugsquellen erschließen können. Damit nähert sich die EU einem aktiveren Risikomanagement. Noch handelt es sich jedoch überwiegend um Instrumente und Finanzierungszusagen – nicht um nachgewiesene Versorgungssicherheit. Entscheidend wird sein, ob daraus bankfähige Projekte, verbindliche Abnahmebeziehungen und zusätzliche physische Liefermengen entstehen.
Der Europäische Rechnungshof kam 2026 deshalb zu einem ernüchternden Ergebnis: Die europäische Rohstoffpolitik gebe zwar eine strategische Richtung vor, beruhe aber auf unvollständigen Grundlagen. Die Diversifizierung der Importe habe noch keine greifbaren Ergebnisse erbracht, finanzielle, rechtliche und administrative Engpässe bremsten die heimische Produktion, und viele strategische Projekte dürften bis 2030 keinen ausreichenden Beitrag zur Versorgung leisten. Die EU hat somit Ziele definiert, deren operative Absicherung weiterhin nicht proportional zur Größe des Risikos ist.
Die Verantwortung liegt allerdings nicht allein bei der Politik. Unternehmen können staatliche Programme nicht als Ersatz für ein eigenes Rohstoff-Risikomanagement behandeln. Wer kritische Abhängigkeiten kennt, aber aus Kosten-, Bilanz- oder Renditegründen weder Lager aufbaut noch Alternativen qualifiziert oder Abnahmeverträge abschließt, akzeptiert das Risiko faktisch. Die bisherige Bilanz ist daher auf beiden Ebenen kritisch: Die Politik hat Risiken lange analysiert, ohne ausreichend wirksame Kapazitäten und Finanzierungsstrukturen aufzubauen. Viele Unternehmen haben dieselben Risiken dokumentiert, ohne sie konsequent in Investitions-, Beschaffungs- und Produktentscheidungen zu übersetzen. Das Problem war nicht fehlendes Wissen, sondern die zu geringe Bereitschaft, aus diesem Wissen rechtzeitig kostenträchtige Maßnahmen abzuleiten.
China denkt in Wertschöpfungsketten, nicht in Rohstofflisten
Der Unterschied zur chinesischen Rohstoffstrategie liegt weniger in einer einzelnen Maßnahme als in der Systemlogik. China hat Rohstoffpolitik über Jahrzehnte mit Industriepolitik, Technologiepolitik, Exportkontrolle, Staatsunternehmen, Infrastruktur und inländischer Nachfrage verbunden. Das Ziel war nicht nur der Zugang zu Erz. Entscheidend war die Kontrolle über jene Stufen, an denen aus geologischem Material ein qualifiziertes Zwischenprodukt wird: Trennung, Raffination, Metallurgie, Legierung, Magnet, Anode, Kathode oder hochreines Spezialmaterial.
Diese vertikale Integration erzeugt mehrere Vorteile gleichzeitig. Große heimische Absatzmärkte für Elektrofahrzeuge, Windkraft, Elektronik und Maschinenbau sichern Skaleneffekte. Staatlich gelenkte Finanzierung ermöglicht Investitionen über lange Zeithorizonte. Die Konsolidierung der Seltene-Erden-Industrie stärkt Kontrolle über Mengen, Preise und Umweltauflagen. Forschung und Produktion liegen räumlich eng beieinander. Auslandsinvestitionen und Rohstoffdiplomatie sichern zusätzliche Erzquellen. Exportkontrollen können schließlich dort ansetzen, wo die Abhängigkeit der Abnehmer am größten ist.
Seit 2023 weitete China Exportkontrollen auf Gallium, Germanium, Graphit, Antimon und weitere kritische Materialien aus. Im April 2025 folgten mittel- und schwere Seltene Erden, im Oktober 2025 zusätzliche Elemente, Komponenten und Verarbeitungstechnologien. Offiziell begründet Peking die Maßnahmen mit nationaler Sicherheit und Nichtverbreitung. Unabhängig von der Begründung entsteht dadurch strategische Verhandlungsmacht. Wer Trennanlagen, Prozesswissen und Magnetproduktion kontrolliert, kann nicht nur Rohstoffausfuhren steuern, sondern auch den Aufbau konkurrierender Wertschöpfungsketten verlangsamen.
Für Deutschland ist die entscheidende Lehre deshalb unbequem: Diversifizierung darf nicht beim Herkunftsland des Erzes enden. Ein Lithiumprojekt in Australien schafft keine europäische Batteriesicherheit, wenn das Konzentrat zur Verarbeitung nach China geht. Eine europäische Raffinerie schafft keine vollständige Autonomie, wenn Erz, Chemikalien, Technologie oder Abnehmer fehlen. Und eine Magnetfabrik kann gegen subventionierte oder strukturell günstigere Konkurrenz nicht bestehen, wenn sie ohne langfristige Nachfrage- und Preisabsicherung finanziert werden muss. Rohstoffsicherheit entsteht nur entlang der gesamten Kette.
Die USA und Japan behandeln Unsicherheit als finanzierbares Risiko
Andere Industriestaaten haben aus den chinesischen Erfahrungen stärker instrumentelle Konsequenzen gezogen. Die USA vereinbarten 2025 mit MP Materials ein Paket aus Eigenkapital, Darlehen, Preisabsicherung und Abnahmegarantie. Für Neodym-Praseodym wurde über zehn Jahre ein Preisboden von 110 US-Dollar je Kilogramm zugesagt; zugleich soll die Abnahme der künftigen Magnetproduktion abgesichert werden. Der Staat übernimmt damit genau jene Risiken, die private Investoren in einem volatilen und von nicht-marktlichen Wettbewerbsbedingungen geprägten Markt abschrecken: Preisrisiko, Absatzrisiko und Anlaufrisiko. Zusätzliche private Finanzierung wird dadurch mobilisiert.
Japan kombiniert seit Jahren Auslandsbeteiligungen über JOGMEC, Lagerhaltung, Recycling, Förderung heimischer Schmelzkapazitäten, langfristige Beschaffung und Rohstoffdiplomatie. Der japanische Energieplan von 2025 fordert ausdrücklich ausreichende strategische Bestände, flexible Freigabemechanismen, Risikokapital für Auslandsprojekte, langfristige Abnahmeverpflichtungen und die Analyse der Lieferkettenrisiken für jeden einzelnen Rohstoff. Japan versteht Rohstoffsicherheit als wirtschaftliche Sicherheitsaufgabe mit klarer staatlich-privater Arbeitsteilung.
Deutschland und die EU bewegen sich inzwischen in dieselbe Richtung, aber später und zurückhaltender. Das europäische Modell setzt stärker auf Regulierung, Nachhaltigkeitsstandards, Projektstatus und partnerschaftliche Außenwirtschaft. Das ist normativ nachvollziehbar, reicht aber nicht, wenn Projekte ohne garantierte Nachfrage keine Finanzierung erhalten. Der internationale Vergleich zeigt: Wer alternative Lieferketten will, muss die Mehrkosten der Resilienz sichtbar machen und verteilen. Versorgungssicherheit und Risikoabsicherung ist kein kostenloses Nebenprodukt.
Die neue ifo-Studie: Europas Produktionsbasis bleibt marginal
Vor diesem Hintergrund liefert die im Juli 2026 veröffentlichte ifo-Studie "Mapping the EU Landscape of Critical Raw Materials" eine aktuelle Bestandsaufnahme. Isabella Gourevich, Jakob Simmerding und Lisandra Flach untersuchen Reserven, Förderung, Raffination, Handel und Zölle für alle 34 kritischen Rohstoffe der EU. Die Produktions- und Handelsanalyse umfasst 413 Produkte auf achtstelliger Güterebene und nutzt Daten bis 2024. Damit macht die Studie sichtbar, an welcher Stufe einer Wertschöpfungskette die Abhängigkeit tatsächlich entsteht - ein entscheidender Fortschritt gegenüber aggregierten Rohstoffstatistiken.
Das erste Ergebnis ist ernüchternd: Bei nur vier der 27 untersuchten kritischen Rohstoffe erreicht die EU mehr als fünf Prozent der weltweiten Bergbauproduktion; bei neun liegt ihr Anteil bei null. Selbst die stärksten Positionen, etwa bei Rhenium und Strontium, machen Europa nicht zu einem dominanten Anbieter. Auf der Raffinationsstufe ist das Bild nur geringfügig besser. Bei Gallium oder Magnesium, die für strategische Technologien wichtig sind, spielt die EU kaum eine Rolle (vgl. Abb. 01).
Abb. 01: Anteil der EU am weltweiten Bergbau; Hinweis: Die Abbildung zeigt den Anteil der EU an der weltweiten Produktion im Jahr 2024. Ein fehlender Balken bedeutet, dass der Anteil der EU an diesem Material 0 % beträgt. Nicht dargestellte Materialien werden ausschließlich als Nebenprodukte bei der Verarbeitung anderer Metalle gewonnen und durchlaufen daher keine eigenständige Gewinnungsphase [Quelle: Gourevich, Isabella / Simmerding, Jakob / Flach, Lisandra (2026): Mapping the EU Landscape of Critical Raw Materials, S. 5]
Die historische Warnung des Instituts der deutschen Wirtschaft erhält dadurch eine neue Schärfe. 2010 stand die wachsende Zahl benötigter Elemente im Vordergrund; 2026 zeigt sich, dass Europa bei vielen dieser Elemente weder über ausreichende Förderung noch über robuste Verarbeitungsstufen verfügt. Die technologische Komplexität ist gestiegen, die geopolitische Konzentration aber nicht im gleichen Maße gesunken.
![Abb. 02: Zunehmende Bedeutung von Rohstoffen in Zukunftstechnologien [Quelle: Eigene Abbildung basierend auf einer Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (Keine Zukunft ohne Rohstoffe. Strategien und Handlungsoptionen, 2010)]. Abb. 02: Zunehmende Bedeutung von Rohstoffen in Zukunftstechnologien [Quelle: Eigene Abbildung basierend auf einer Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (Keine Zukunft ohne Rohstoffe. Strategien und Handlungsoptionen, 2010)].](/fileadmin/_processed_/e/6/csm_Abb-02a_Rohstoffe_20260714_f70a7243f1.png)
Abb. 02: Zunehmende Bedeutung von Rohstoffen in Zukunftstechnologien [Quelle: Eigene Abbildung basierend auf einer Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (Keine Zukunft ohne Rohstoffe. Strategien und Handlungsoptionen, 2010)].
Raffinerien lösen die Abhängigkeit nicht
Das zweite Ergebnis der ifo-Analyse betrifft die Importabhängigkeit. Für zentrale Materialien von Batterien, Halbleitern, Permanentmagneten und Verteidigung importiert die EU nahezu den gesamten Bedarf. Eine naheliegende Antwort lautet, mehr Raffinationskapazität in Europa aufzubauen. Die Studie warnt jedoch vor einer verkürzten Schlussfolgerung: Eine Raffinerie reduziert die Abhängigkeit nur auf einer Stufe. Sie benötigt weiterhin Erze und Konzentrate, die häufig importiert werden müssen. Der Engpass wandert damit stromaufwärts.
Lithium illustriert diese Verschiebung. Australien fördert einen großen Teil des weltweiten Lithiums, China deutlich weniger. Dennoch wird der größte Teil des australischen Spodumenkonzentrats zur Verarbeitung nach China exportiert. China kontrolliert dadurch einen erheblichen Anteil der Raffination zu Lithiumhydroxid und Lithiumcarbonat – genau jenen Formen, die Batteriehersteller benötigen. Wer nur auf die Mine blickt, übersieht den eigentlichen Flaschenhals [vgl. Gourevich/Simmerding/Flach 2026, S. 2 und S. 6-8].
Kurzfristig bleibt Europa deshalb auf diversifizierte Importe angewiesen. Die EU hat seit 2021 zahlreiche strategische Partnerschaften mit rohstoffreichen Staaten geschlossen. Die ifo-Autoren formulieren jedoch eine zentrale Kritik: Diese Vereinbarungen sichern bislang vor allem Zugang auf dem Papier, nicht physische Mengen. Ein Memorandum schafft weder einen kreditwürdigen Käufer noch einen kalkulierbaren Preis. Ohne Finanzierung, Risikoteilung und langfristige Abnahmeverpflichtungen wird aus geologischer Möglichkeit keine industrielle Kapazität.
Abb. 03: Importabhängigkeit der EU auf der Förderstufe; Hinweis: Die Importabhängigkeit wird für die Förderphase als Durchschnittswert für den Zeitraum 2019–2023 angegeben, wie er in den SCRREEN-3-Datenblättern zu den wesentlichen Fakten ausgewiesen ist. Diese Zahlen sind vorläufig. Nicht aufgeführte Materialien sind solche, für die keine Werte vorliegen [Quelle: Gourevich, Isabella / Simmerding, Jakob / Flach, Lisandra (2026): Mapping the EU Landscape of Critical Raw Materials, S. 7]
Abb. 04: Importabhängigkeit der EU auf der Raffinierungsstufe; Hinweis: Die Importabhängigkeit für die Raffineriephase wird als Durchschnittswert für den Zeitraum 2019–2023 angegeben, wie er in den SCRREEN-3-Informationsblättern zu wesentlichen Fakten ausgewiesen ist. Diese Zahlen sind vorläufig. Nicht aufgeführte Materialien sind solche, für die keine Werte vorliegen [Quelle: Gourevich, Isabella / Simmerding, Jakob / Flach, Lisandra (2026): Mapping the EU Landscape of Critical Raw Materials, S. 7]
Geologisches Potenzial ohne belastbare Entscheidungsgrundlage
Das dritte Ergebnis der ifo-Studie ist zugleich Hoffnung und Warnung. Europa verfügt über bekannte Vorkommen zahlreicher kritischer Rohstoffe. Die Karten zeigen Lagerstätten in Skandinavien, auf der Iberischen Halbinsel, in Mittel- und Osteuropa. Doch eine geologische Lagerstätte ist noch keine wirtschaftlich gewinnbare Reserve. Entscheidend sind Erzgehalt, Mineralogie, Energie- und Wasserbedarf, Infrastruktur, Genehmigungsfähigkeit, Umweltfolgen, gesellschaftliche Akzeptanz, Investitionskosten und erwartbare Preise.
Gerade hier ist die Datenbasis unvollständig. Für viele Vorkommen wurde die wirtschaftliche Tragfähigkeit nicht bewertet; nationale Daten sind unterschiedlich strukturiert und nicht vollständig harmonisiert. Besonders auffällig ist die deutsche Fragmentierung: Lagerstättendaten liegen bei den 16 Ländern, nicht zentral. Für den europäischen MIN4EU-Datensatz stellte nach Angaben der ifo-Studie nur Baden-Württemberg räumliche Daten bereit. In einer Politik, die technologische Souveränität anstrebt, fehlt damit bereits auf der ersten Stufe des Risikomanagements – der vollständigen Risiko- und Potenzialerfassung – eine konsistente Grundlage.
Hinzu kommt der Zeitfaktor. Von der Exploration bis zur Produktion können neue Bergwerke bis zu 18 Jahre benötigen. Selbst beschleunigte Genehmigungen ändern nicht, dass Probebohrungen, Machbarkeitsstudien, Finanzierung, Infrastruktur und Bau Zeit brauchen. Wer 2030 oder 2035 Versorgungssicherheit will, muss heute in Geodaten, Exploration und Projektentwicklung investieren. Rohstoffpolitik ist deshalb eine langfristige Vorsorgepolitik, deren Erfolg erst nach mehreren Legislaturperioden sichtbar wird.
Abb. 05: Bekannte Vorkommen kritischer Rohstoffe in Europa – geologisches Potenzial ist nicht mit wirtschaftlicher Gewinnbarkeit gleichzusetzen; Hinweis: GSEU stuft CRM-Lagerstätten anhand ihrer geologischen Ressourcen als mittelgroß, groß oder sehr groß ein, wobei diese Größe als Summe aus kumulierter bisheriger Förderung, Ressourcen und Reserven definiert wird. Die Lagerstättengröße sagt nichts über die wirtschaftliche Förderbarkeit aus. Es werden ausschließlich nicht vertrauliche Lagerstätten berücksichtigt [Quelle: Gourevich, Isabella / Simmerding, Jakob / Flach, Lisandra (2026): Mapping the EU Landscape of Critical Raw Materials, S. 8]
Abb. 06: Aktive und in Entwicklung befindliche Bergwerke für kritische Rohstoffe in Europa; Hinweis: MIN4EU ist der umfassendste harmonisierte Datensatz für europäische CRM-Bergbaustandorte. Der Erfassungsgrad variiert je nach Land, abhängig von der Beteiligung der nationalen geologischen Dienste. Das Fehlen von Markierungen deutet daher eher auf Datenlücken hin als auf das Ausbleiben von Bergbauaktivitäten [Quelle: Gourevich, Isabella / Simmerding, Jakob / Flach, Lisandra (2026): Mapping the EU Landscape of Critical Raw Materials, S. 9]
Zölle sind kein einfacher Preisboden
Das vierte Ergebnis der ifo-Analyse betrifft ein Instrument, das in der internationalen Debatte an Bedeutung gewinnt: Preisuntergrenzen. Alternative Minen, Raffinerien und Magnetfabriken sind häufig teurer als etablierte chinesische Anbieter. Ohne verlässliche Erlöse entsteht kein privates Kapital. Die USA reagieren mit Abnahmegarantien und Preisabsicherung. Eine andere Idee sind variable Zölle, die innerhalb eines Partnerblocks einen Mindestpreis gegen niedrigpreisige Importe verteidigen.
Für die EU ist der Spielraum begrenzt. Bei 96 Prozent der untersuchten Produkte, für die eine WTO-Zollbindung ermittelt werden konnte, entspricht der angewandte Meistbegünstigungszoll bereits der gebundenen Obergrenze. Ein einseitiger Zollaufschlag wäre daher in vielen Fällen nicht ohne Weiteres mit bestehenden Verpflichtungen vereinbar. Zudem sind die Märkte intransparent: Viele kritische Rohstoffe werden bilateral gehandelt, Preise und Reinheitsgrade sind nicht öffentlich, und verlässliche europäische Produktionskostendaten fehlen. Ein falsch gesetzter Mindestpreis könnte entweder wirkungslos bleiben oder hohe Renten erzeugen, ohne neue Kapazität zu schaffen [vgl. Gourevich/Simmerding/Flach 2026, S. 10].
Die Studie zieht daraus eine pragmatische Konsequenz: Direkte Instrumente sind derzeit belastbarer als abstrakte Preisregime. Dazu gehören Beteiligungskapital, Garantien, projektbezogene Risikoteilung und langfristige Abnahmeverträge. Genau hier entscheidet sich, ob europäische Rohstoffpartnerschaften von diplomatischen Rahmenwerken zu tatsächlich finanzierbaren Lieferketten werden.
Was ein politisches Rohstoff-Risikomanagement leisten müsste
Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob Deutschland und Europa über Rohstoffstrategien, Behörden, Förderprogramme und gesetzliche Zielvorgaben verfügen. Diese Instrumente sind inzwischen zahlreich vorhanden. Entscheidend ist vielmehr, ob daraus ein geschlossenes Risikomanagement entstanden ist, das politische und unternehmerische Verantwortung miteinander verbindet, Risiken methodisch belastbar bewertet, konkrete Maßnahmen finanziert und deren Wirksamkeit überprüft. Die Antwort fällt weiterhin ernüchternd aus: Die institutionelle Architektur ist sichtbar, doch zwischen Risikoanalyse, Investitionsentscheidung und physischer Versorgungssicherheit bestehen erhebliche Lücken.
Ein funktionierendes System darf Rohstoffsicherheit nicht allein dem Staat oder allein den Unternehmen zuschreiben. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, geopolitische Risiken abfedern, Genehmigungen ermöglichen, Informationen bereitstellen und dort Kapitalrisiken übernehmen, wo private Investitionen unter heutigen Marktbedingungen nicht zustande kommen. Unternehmen wiederum müssen ihre konkreten Abhängigkeiten kennen, bewerten und durch Beschaffungs-, Investitions-, Lager-, Technologie- und Produktentscheidungen begrenzen. Staatliche Partnerschaften ersetzen keine unternehmerischen Abnahmeverträge. Umgekehrt kann ein einzelnes Unternehmen keine geopolitischen Machtkonzentrationen, staatlich beeinflussten Preise oder langwierige Genehmigungsverfahren allein kompensieren.
Risiken müssen material- und stufenspezifisch analysiert werden
Erstens braucht es eine material-, produkt- und wertschöpfungsstufenspezifische Risikokarte. Der Begriff "Rohstoffabhängigkeit" ist zu grob, wenn er lediglich auf nationale Importquoten oder die Herkunft des unmittelbaren Lieferanten reduziert wird. Für Neodym kann nicht die Förderung, sondern die Trennung der Seltenen Erden oder die Produktion leistungsfähiger Permanentmagnete den entscheidenden Engpass bilden. Bei Lithium liegt das Risiko möglicherweise weniger in der Mine als in der chemischen Umwandlung zu batteriefähigem Lithiumhydroxid oder Lithiumcarbonat. Bei Gallium und Germanium sind die Gewinnung als Nebenprodukt, die begrenzte kurzfristige Ausweitung der Produktion und die Verfügbarkeit hoher Reinheitsgrade ausschlaggebend.
Die ifo-Studie verdeutlicht diese Notwendigkeit, indem sie 34 kritische Rohstoffe anhand von 413 Produkten über die Stufen Gewinnung, Verarbeitung, Fertigung und Recycling untersucht. Am Beispiel Lithium zeigt sie, wie irreführend eine Betrachtung allein der Minenproduktion sein kann: Obwohl Australien einen großen Teil des Lithiums fördert, wird ein erheblicher Anteil des Konzentrats in China weiterverarbeitet. Der eigentliche Engpass liegt damit nicht zwingend dort, wo der Rohstoff aus dem Boden kommt, sondern dort, wo er in eine industriell nutzbare Qualität umgewandelt wird.
Für Unternehmen bedeutet dies, dass eine klassische Lieferantenliste nicht ausreicht. Notwendig ist eine mehrstufige Transparenz bis zu Mine, Raffinerie, chemischem Vorprodukt und gegebenenfalls Recyclingquelle. Mehrere unmittelbare Lieferanten stellen keine echte Diversifikation dar, wenn sie dieselbe Raffinerie, dieselbe Verarbeitungsregion oder denselben chinesischen Vorproduzenten nutzen. Ein wirksames Rohstoff-Risikomanagement muss daher Stücklisten, Lieferantennetzwerke, Produktionsstandorte und Umsatzabhängigkeiten zusammenführen. Es muss beantworten, in welchen Produkten kritische Materialien enthalten sind, welche Mengen benötigt werden, welche Qualitäten erforderlich sind und welche Ergebnisbeiträge bei einem Ausfall gefährdet wären.
Kritikalität muss methodisch belastbar bewertet werden
Zweitens muss die Risikobewertung über pauschale Ampeln und qualitative Einstufungen hinausgehen. Bereits das Institut der deutschen Wirtschaft verband 2010 quantitative Indikatoren wie Konzentration, Länderrisiko und Reichweite mit qualitativen Kriterien wie Bedeutung für Zukunftstechnologien, Substituierbarkeit und der Gefahr strategischer Industriepolitik. Damit wurden zentrale Bestandteile moderner Kritikalitätsanalysen früh benannt.
Heute sollte die Bewertung mindestens zwei Dimensionen verbinden: die Wahrscheinlichkeit einer Versorgungsstörung und deren Auswirkungen auf das Unternehmen oder die Volkswirtschaft. Zur Eintrittsseite gehören Lieferanten- und Länderkonzentration, politische Stabilität, Exportkontrollen, Transportabhängigkeiten, Marktmacht einzelner Unternehmen, Preisvolatilität und die Länge der Wiederanlaufzeit. Zur Auswirkungsseite gehören Produktionsausfall, Umsatz- und Deckungsbeitragsverlust, Vertragsstrafen, Verzögerungen strategischer Projekte sowie die Zeit und die Kosten für die Qualifikation eines Ersatzmaterials.
Methodisch bieten sich hierfür mehrere sich ergänzende Instrumente an. Der Herfindahl-Hirschman-Index kann die Konzentration von Ländern, Lieferanten oder Raffinerien erfassen. Gewichtete Länderrisikoindizes können politische und regulatorische Risiken einbeziehen. Netzwerk- und Abhängigkeitsanalysen zeigen, an welchen Knotenpunkten mehrere Lieferketten zusammenlaufen. Szenarioanalysen sollten Exportverbote, Hafensperrungen, Minenausfälle, Preisschocks und den Wegfall zentraler Verarbeitungsanlagen abbilden. Stresstests können untersuchen, wie lange Produktion und Kundenbelieferung bei Ausfällen von 30, 90 oder 180 Tagen fortgesetzt werden können.
Bei besonders bedeutenden Rohstoffen sollten deterministische Szenarien durch stochastische Analysen ergänzt werden. Stochastische Simulationen können unterschiedliche Ausfalldauern, Preisentwicklungen, Wiederbeschaffungszeiten und Nachfrageeffekte kombinieren. Dabei ist jedoch Scheingenauigkeit zu vermeiden: Die Qualität des Ergebnisses hängt von der Datenbasis und den getroffenen Annahmen ab. Gerade auf wenig transparenten Rohstoffmärkten sollten deshalb Bandbreiten, Sensitivitätsanalysen und alternative Szenarien wichtiger sein als ein einzelner scheinbar exakter Risikowert.
Entscheidend ist außerdem eine klare Risikoakzeptanz. Unternehmen und Politik müssen festlegen, welches Konzentrationsniveau, welche ungesicherte Bedarfsmenge und welche maximale Unterbrechungsdauer noch akzeptabel sind. Ohne solche Schwellenwerte bleibt selbst eine detaillierte Analyse folgenlos.
Maßnahmen müssen nach Zeithorizont und Wirkung geordnet werden
Drittens müssen Maßnahmen nach ihrem Zeithorizont und ihrer tatsächlichen Risikowirkung strukturiert werden. Kurzfristig wirksam sind strategische Bestände, Notfallpläne, vertragliche Priorisierungsrechte und vorbereitete Ersatzlieferanten. Sie verhindern keine Störung, können aber deren Folgen begrenzen. Dabei muss die Lagerreichweite auf realistischen Stressszenarien beruhen. Ein Bestand von drei Monaten ist wertlos, wenn die Wiederbeschaffung oder Qualifikation einer Alternative zwölf Monate benötigt.
Mittelfristig wirken diversifizierte Lieferverträge, langfristige Abnahmevereinbarungen, gemeinsame Beschaffungsplattformen, Beteiligungen an Produzenten sowie die Qualifikation alternativer Materialien und Lieferanten. Unternehmen müssen dabei bereit sein, für Resilienz einen Preis zu zahlen. Eine zweite Bezugsquelle, die erst während einer Krise gesucht wird, ist keine zweite Bezugsquelle. Sie muss technisch freigegeben, vertraglich verfügbar und logistisch erreichbar sein.
Langfristig erforderlich sind Exploration, neue Minen, Raffinerien, chemische Verarbeitung, Recyclingkapazitäten, Kreislaufsysteme und technologische Substitution. Diese Maßnahmen benötigen häufig viele Jahre und müssen deshalb lange vor einer akuten Knappheit begonnen werden. Die ifo-Studie verweist darauf, dass die Entwicklung einer Mine von der Exploration bis zur Produktion inzwischen bis zu 18 Jahre dauern kann. Kurzfristige Versorgungssicherheit lässt sich daher nicht durch Projekte erreichen, die erst nach 2030 oder 2040 produzieren könnten.
Keines dieser Instrumente kann isoliert funktionieren. Eine europäische Raffinerie ohne gesicherte Erz- oder Konzentratlieferungen verschiebt die Abhängigkeit lediglich auf eine vorgelagerte Stufe. Eine Mine ohne langfristige Abnehmer erhält möglicherweise keine Finanzierung. Eine Recyclinganlage ohne ausreichende Rücklaufmengen bleibt unausgelastet. Eine strategische Lagerhaltung ohne klare Freigaberegeln ist im Krisenfall nur begrenzt wirksam. Rohstoff-Risikomanagement muss deshalb als Portfolio aufeinander abgestimmter Maßnahmen verstanden werden.
Resilienz muss wirtschaftlich bewertbar werden
Viertens muss die wirtschaftliche Bewertung über den kurzfristigen Einkaufspreis hinausgehen. Eine resiliente Lieferkette ist im Normalbetrieb häufig teurer als eine hoch konzentrierte Beschaffung beim jeweils günstigsten Anbieter. Werden jedoch nur Stückpreise, Lagerkosten und kurzfristige Margen betrachtet, erscheint Diversifikation als Ineffizienz. Die vermiedenen Schäden eines Produktionsstillstands bleiben unsichtbar.
Unternehmen sollten daher die zusätzlichen Kosten einer resilienteren Versorgung den erwarteten und gestressten Ausfallkosten gegenüberstellen. Dazu gehören nicht nur Mehrpreise für alternative Lieferanten, sondern auch Lagerhaltungskosten, technische Qualifikation, Vertragsbindungen, Investitionen in Recycling und Beteiligungen an Rohstoffprojekten. Auf der Schadenseite stehen Umsatz- und Deckungsbeitragsverluste, Wiederanlaufkosten, Vertragsstrafen, Marktanteilsverluste und möglicherweise die Verzögerung ganzer Technologieprogramme.
Methodisch lässt sich eine solche Bewertung durch Kapitalwertanalysen unter mehreren Szenarien, Expected-Loss-Ansätze, Stresstests und Realoptionsmodelle unterstützen. Eine qualifizierte Zweitquelle besitzt beispielsweise einen Optionswert: Sie verursacht laufende Kosten, gibt dem Unternehmen aber das Recht, bei einem Lieferausfall kurzfristig umzusteuern. Dieser Wert sollte nicht erst nach Eintritt einer Krise erkannt werden.
Wo geopolitische Marktverzerrungen, extreme Investitionsrisiken oder staatlich beeinflusste Dumpingpreise eine Diversifizierung verhindern, ist eine öffentliche Risikoteilung sachgerecht. Investitionsgarantien, Beteiligungen, Preisabsicherungen, Kredite und staatlich unterstützte Abnahmeplattformen können private Investitionen ermöglichen. Solche Instrumente sollten jedoch an konkrete industrielle Gegenleistungen gebunden sein: langfristige Lieferrechte, europäische Verarbeitung, verbindliche Abnahmezusagen und nachvollziehbare Beiträge zur Risikoreduktion.
Governance darf nicht an Organisationsgrenzen enden
Fünftens braucht ein wirksames Rohstoff-Risikomanagement klare Verantwortlichkeiten. In Unternehmen liegen die relevanten Informationen häufig verteilt bei Einkauf, Forschung und Entwicklung, Produktion, Nachhaltigkeit, Finanzen, Strategie und Risikomanagement. Ohne zentrale Steuerung besteht die Gefahr, dass jede Funktion nur einen Ausschnitt betrachtet. Der Einkauf optimiert Preise, die Entwicklung definiert Materialspezifikationen, das Risikomanagement dokumentiert abstrakte Lieferkettenrisiken und die Geschäftsleitung erhält kein konsolidiertes Gesamtbild.
Notwendig ist eine eindeutige Verantwortung auf Geschäftsleitungs- oder Vorstandsebene. Für besonders kritische Rohstoffe sollten interdisziplinäre Teams eingerichtet werden, die Beschaffung, Technik, Finanzen und Risikomanagement verbinden. Die Risikoanalyse muss in Produktentwicklung, Investitionsentscheidungen, Standortplanung und strategische Beschaffung einfließen. Produkte sollten nicht nur nach Leistung und Kosten, sondern auch nach Verfügbarkeit, Substituierbarkeit und Recyclingfähigkeit der eingesetzten Materialien bewertet werden.
Auch auf politischer Ebene muss Governance von Zuständigkeitsverteilung zu Ergebnisverantwortung übergehen. Geologische Daten der Mitgliedstaaten sind zu harmonisieren, Projekte zentral nachzuverfolgen und Partnerschaften anhand tatsächlich gesicherter Mengen zu bewerten. Ein Projekt darf nicht deshalb als Erfolg gelten, weil es als "strategisch" eingestuft wurde. Maßgeblich ist, ob Finanzierung, Genehmigung, Bau, Abnahme und Produktionsbeginn belastbar gesichert sind.
Die zentralen Kennzahlen sollten daher nicht die Zahl von Absichtserklärungen, Förderbescheiden oder Projektankündigungen sein. Relevanter sind zusätzlich verfügbare Tonnen, vertraglich gesicherte Liefermengen, geografisch unabhängige Bezugsquellen, Reichweiten strategischer Bestände, qualifizierte Alternativen und die unter Stressbedingungen aufrechterhaltbare Produktionsleistung. Reporting muss von Aktivitäten zu Wirkungen wechseln.
Das Ziel ist Resilienz, nicht Autarkie
Sechstens muss das strategische Ziel realistisch formuliert werden. Europa wird bei vielen kritischen Rohstoffen weder vollständige Autarkie erreichen noch sinnvoll anstreben können. Geologische Voraussetzungen, Kosten, Umweltfolgen und gesellschaftliche Akzeptanz setzen Grenzen. Vollständige Unabhängigkeit ist daher kein geeigneter Maßstab.
Resilienz bedeutet vielmehr, Abhängigkeiten so zu verteilen und abzusichern, dass der Ausfall eines Landes, einer Route, einer Raffinerie oder eines Lieferanten nicht unmittelbar zentrale Industrien stilllegt. Dazu gehört ein Portfolio aus geografischer Diversifikation, Redundanz, strategischen Beständen, Recycling, Substitution, langfristigen Verträgen und Wiederanlaufoptionen. Abhängigkeit lässt sich nicht vollständig beseitigen, aber ihre Konzentration, Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenswirkung können systematisch reduziert werden.
Fazit: Das Risiko war bekannt – seine Beherrschung blieb unzureichend
Die Analysen des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2010 waren in wesentlichen Punkten vorausschauend. Sie beschrieben die wachsende Materialvielfalt moderner Technologien, die hohe geografische und unternehmerische Konzentration der Rohstoffproduktion, die Bedeutung politischer Länderrisiken, die begrenzte Substituierbarkeit und die Gefahr, dass Rohstoffe zum Instrument strategischer Industriepolitik werden. Zukunftstechnologien wurden damit schon damals nicht nur als Forschungs- und Innovationsfrage, sondern auch als Problem physischer Verfügbarkeit erkannt.
Deutschland reagierte mit Rohstoffstrategien, der DERA, Garantien, Partnerschaften sowie Maßnahmen zur Rohstoffeffizienz und zum Recycling. Diese Instrumente verbesserten Marktbeobachtung und Informationsversorgung, führten aber lange nicht zu einer ausreichenden materiellen Absicherung. Die Politik blieb überwiegend in einer flankierenden Rolle und überließ die Versorgung weitgehend den Unternehmen. Verbindliche Abnahmemodelle, strategische Lager, größere Beteiligungen, schnell mobilisierbare Finanzierungen und eine übergreifende Umsetzungsarchitektur entstanden erst spät.
Auch die Unternehmensseite trägt Verantwortung. In vielen Unternehmen wurden Rohstoffrisiken über Jahre als Beschaffungs- oder Preisproblem behandelt, nicht als strategisches Risiko für Geschäftsmodell, Produktion und Innovation. Analysen endeten häufig beim unmittelbaren Lieferanten. Indirekte Abhängigkeiten über Raffinerien, chemische Vorprodukte und Unterlieferanten blieben verborgen. Risiken wurden qualitativ beschrieben, aber nur selten mit Produktionsausfällen, Umsatzverlusten oder dem Fortbestand strategischer Projekte verknüpft. Maßnahmen wie Lagerhaltung, Zweitquellen, langfristige Abnahmeverträge, Beteiligungen, Substitution und Recycling wurden häufig wegen ihrer kurzfristigen Kosten zurückgestellt. Damit bestand das Defizit nicht nur in fehlendem Wissen, sondern in der mangelnden Bereitschaft, aus bekannten Risiken frühzeitig finanzielle Konsequenzen zu ziehen.
China verfolgte demgegenüber einen integrierten Ansatz. Rohstoffzugang wurde mit Verarbeitungskapazitäten, Technologiepolitik, Finanzierung, inländischer Nachfrage und Exportkontrollen verbunden. Dadurch entstanden nicht nur hohe Anteile an der Förderung einzelner Rohstoffe, sondern vor allem dominante Positionen an strategisch wichtigen Verarbeitungsstufen. Die USA und Japan behandeln Rohstoffversorgung inzwischen ebenfalls explizit als Frage wirtschaftlicher und nationaler Sicherheit. Sie kombinieren Finanzierung, Beteiligungen, Preisstützung, Abnahmeverpflichtungen und Lagerinstrumente.
Europa hat mit dem Critical Raw Materials Act, strategischen Projekten, dem Deutschen Rohstofffonds und dem RESourceEU-Ansatz begonnen, diese Lücke zu schließen. Die aktuelle ifo-Studie zeigt jedoch, wie groß der Abstand zwischen politischen Zielvorgaben und der realen Ausgangslage bleibt. Ihre erste zentrale Erkenntnis lautet, dass die europäische Produktionsbasis marginal ist: Bei nur vier der 27 untersuchten Rohstoffe erreicht die EU mehr als fünf Prozent der weltweiten Minenproduktion; bei neun liegt ihr Anteil bei null. Selbst bei Rohstoffen mit vergleichsweise höheren Anteilen bleibt Europa ein kleiner Produzent.
Zweitens führt diese schwache Produktionsbasis zu einer entsprechend hohen Importabhängigkeit. Der Ausbau europäischer Raffinerien kann Abhängigkeiten auf der Verarbeitungsstufe reduzieren, löst das Problem aber nicht automatisch. Ohne eigene oder vertraglich gesicherte Erz- und Konzentratlieferungen wird die Abhängigkeit lediglich auf die vorgelagerte Gewinnungsstufe verschoben.
Drittens besitzt Europa zwar geologisches Potenzial, doch dieses ist unzureichend kartiert und wirtschaftlich kaum bewertet. Bekannte Lagerstätten sind nicht automatisch technisch, ökologisch oder wirtschaftlich erschließbar. Hinzu kommen unvollständige und zwischen den Mitgliedstaaten nicht harmonisierte Daten. Eine belastbare Rohstoffstrategie beruht damit teilweise auf einer Wissensbasis, die den politischen Zielsetzungen noch nicht entspricht.
Viertens sieht die ifo-Studie nur begrenzten Spielraum für tarifbasierte Mindestpreise. Bei einem großen Teil der betrachteten Produkte entsprechen die angewandten EU-Zölle bereits den WTO-Obergrenzen. Hinzu kommt, dass viele Märkte für kritische Rohstoffe intransparent sind: Preise werden bilateral vereinbart, Produktionskosten sind schwer vergleichbar und hochreine Qualitäten werden in der Statistik häufig nicht ausreichend unterschieden. Preisuntergrenzen allein bilden deshalb keine verlässliche Strategie.
Aus diesen Befunden folgt, dass weder politische Absichtserklärungen noch einzelne Unternehmensmaßnahmen ausreichen. Notwendig sind verbindliche Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern, die Finanzierung, Risikoteilung und langfristige Abnahmeverpflichtungen kombinieren. Gleichzeitig müssen europäische Produktion, Verarbeitung, Recycling und Substitution wirtschaftlich tragfähig gemacht werden. Voraussetzung dafür ist eine deutlich bessere geologische, kommerzielle und unternehmerische Datenbasis.
Die zentrale Lehre lautet daher: Rohstoff-Risikomanagement beginnt mit Transparenz, endet aber nicht mit einer Risikoliste. Es muss Abhängigkeiten entlang der gesamten Wertschöpfungskette identifizieren, ihre finanziellen und operativen Auswirkungen unter Stressbedingungen quantifizieren, akzeptable Risikogrenzen festlegen und konkrete Maßnahmen finanzieren. Seine Qualität zeigt sich nicht an der Zahl der Strategien, Studien oder Partnerschaften, sondern daran, wie viel Produktion auch dann aufrechterhalten werden kann, wenn ein Land, eine Raffinerie oder eine Lieferroute ausfällt.
Zukunftstechnologien sind nicht immateriell. Hinter jedem Halbleiter, Elektromotor, Windrad, Batteriespeicher und KI-Rechenzentrum steht eine physische Kette aus Lagerstätte, Mine, Raffinerie, Spezialchemie und Vorprodukt. Wer diese Kette weder kennt noch finanziert, diversifiziert und absichert, kann technologische Souveränität politisch beschließen – aber nicht industriell verwirklichen.
Quellenverzeichnis und weiterführende Literaturhinweise:
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- Romeike, Frank / Stallinger, Manfred (2021): Stochastische Szenariosimulation in der Unternehmenspraxis - Risikomodellierung, Fallstudien, Umsetzung in R, Springer Verlag, Wiesbaden 2021.
- Romeike, Frank / Wieczorek, Gabriele (2026): Data Analytics im Risikomanagement – Descriptive Analytics – Diagnostic Analytics – Predictive Analytics, Springer Verlag, Wiesbaden 2026.




