Wie hohe Staatsschulden Risikoprämien und Inflationserwartungen verstärken

Die Zinsfalle der Staaten 


Die Zinsfalle der Staaten: Wie hohe Staatsschulden Risikoprämien und Inflationserwartungen verstärken Studie

Es gibt einen Punkt, an dem Staatsschulden nicht mehr nur eine hohe Zahl in einer Haushaltsstatistik sind. Sie beginnen, die Reaktion der Finanzmärkte auf neue Defizite zu verändern. Genau diesen Verstärkereffekt untersucht ein aktuelles BIS Bulletin für Nord-, Mittel- und Südamerika. Die zentrale Botschaft lautet: Je höher Schuldenstand und Zinslast bereits sind, desto empfindlicher können Risikoprämien auf zusätzliche fiskalische Expansion reagieren – und desto stärker können sich diese Risikoaufschläge anschließend in kurzfristigen Inflationserwartungen niederschlagen. Das ist keine simple Geschichte vom Überschreiten einer magischen Schuldenquote. Es ist eine Geschichte über Nicht-Linearität, Glaubwürdigkeit und die schrumpfende Fehlertoleranz hoch verschuldeter Staaten.

Staatsschulden auf Mehrdekadenhochs

Die Ausgangslage ist eindeutig. Nach Berechnungen von Eduardo Amaral, Rafael Guerra, Alejandrina Salcedo, Pablo Tomasini und Christian Upper hat die öffentliche Verschuldung in vielen Volkswirtschaften der Amerikas Mehrdekadenhochs erreicht. Die Autoren betrachten 33 Volkswirtschaften aus Nord-, Mittel- und Südamerika sowie der Karibik. Die Entwicklung ist historisch von mehreren Schockwellen geprägt: der lateinamerikanischen "verlorenen Dekade" der 1980er Jahre, Krisen und Währungsabwertungen in den folgenden Jahrzehnten und zuletzt der Covid-19-Pandemie.

Im Median verdoppelte sich die Schuldenquote während der 1980er Jahre. Nach einer vorübergehenden Entspannung in den 1990er Jahren stieg sie bis 2005 wieder auf rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Pandemie trieb die Staatsschulden in den meisten betrachteten Ländern schließlich auf die höchsten Werte seit 1960. Für die aktuelle Lage verweisen die Autoren zusätzlich auf hohe Energiepreise und politische Erwartungen an fiskalische Stützungsmaßnahmen – ein Umfeld, in dem zusätzlicher finanzieller Spielraum besonders wertvoll, aber zugleich besonders knapp ist.

Der regionale Durchschnitt verdeckt erhebliche Unterschiede. In 27 von 33 Volkswirtschaften lag die Schuldenquote 2025 höher als zehn Jahre zuvor. In rund 40 Prozent der Länder betrug der Anstieg mehr als 20 Prozentpunkte des BIP; bei knapp einem Drittel lag er zwischen zehn und 20 Prozentpunkten. Damit ist der Schuldenanstieg kein auf einzelne Krisenstaaten beschränktes Phänomen, sondern ein breites Muster.

Jamaika zeigt: Schuldendynamik ist kein Naturgesetz

Besonders aufschlussreich ist die Ausnahme. Jamaika reduzierte seine Staatsschulden von einem Höchststand von 148 Prozent des BIP im Jahr 2012 auf 68 Prozent im Jahr 2025. Das Bulletin verweist auf gut konstruierte Fiskalregeln, breite politische und gesellschaftliche Kooperation sowie hohe Primärüberschüsse als zentrale Elemente dieser Entwicklung. Das Beispiel ist deshalb wichtig, weil es eine verbreitete Fehlinterpretation korrigiert: Ein hoher Schuldenstand ist zwar schwer zu reduzieren, aber er ist kein unabänderliches Schicksal.

Gleichzeitig taugt Jamaika nicht als simple Blaupause. Schuldentragfähigkeit hängt von Wachstum, Zinssätzen, Primärsaldo, Ausgabenstruktur, Währungszusammensetzung der Schulden und der Risikotragfähigkeit des Finanzsystems ab. Die Lehre ist daher weniger "so muss jedes Land sparen" als vielmehr: Glaubwürdige institutionelle Regeln und dauerhaft konsistente Politik können die Schuldendynamik verändern.

Abb. 01: Die Staatsverschuldung in den Amerikas ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. 2025 lag die Schuldenquote in 27 von 33 betrachteten Volkswirtschaften über dem Stand von 2015 [Quelle: Eduardo Amaral, Rafael Guerra, Alejandrina Salcedo, Pablo Tomasini und Christian Upper (2026): High public debt in the Americas: non-linear implications for risk premia and inflation expectations, BIS Bulletin No 133, Graph 1, S. 2; IMF; Berechnungen der Autoren]Abb. 01: Die Staatsverschuldung in den Amerikas ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. 2025 lag die Schuldenquote in 27 von 33 betrachteten Volkswirtschaften über dem Stand von 2015 [Quelle: Eduardo Amaral, Rafael Guerra, Alejandrina Salcedo, Pablo Tomasini und Christian Upper (2026): High public debt in the Americas: non-linear implications for risk premia and inflation expectations, BIS Bulletin No 133, Graph 1, S. 2; IMF; Berechnungen der Autoren]

Schuldenstand ist nicht gleich Zinslast

Eine Stärke der Analyse liegt darin, dass sie Bestands- und Stromgrößen trennt. Die Schuldenquote misst den Bestand bereits aufgelaufener Verbindlichkeiten. Die Zinslast zeigt dagegen, wie viel laufender fiskalischer Spielraum durch die Bedienung dieser Schulden gebunden wird. Beide Größen können sich auseinanderentwickeln. Ein Staat kann eine weitgehend stabile Schuldenquote aufweisen und dennoch mit stark steigenden Zinsausgaben konfrontiert sein – etwa wenn Leitzinsen steigen, die Währung abwertet oder alte Anleihen zu höheren Renditen refinanziert werden müssen.

Nach den BIS-Daten sind die öffentlichen Zinskosten in der Region in den vergangenen zehn Jahren im Allgemeinen gestiegen und häufig schneller gewachsen als die Staatseinnahmen. Die Autoren zerlegen die Veränderung in zwei Komponenten: den Effekt des höheren Schuldenstands und den Effekt eines veränderten impliziten Zinssatzes. Das ist analytisch relevant, weil zwei Länder mit identischer Schuldenquote vollkommen unterschiedliche fiskalische Belastungen tragen können.

Damit verschiebt sich die Debatte weg von einer einzigen Kennzahl. Die Frage lautet nicht nur: Wie hoch ist die Staatsverschuldung? Ebenso wichtig ist: Wie teuer ist sie geworden, wie schnell muss sie refinanziert werden und wie viel der laufenden Einnahmen wird durch Zinsen absorbiert? Gerade diese Kombination aus hoher Verschuldung und hoher Zinslast ist der Boden, auf dem sich fiskalische Schocks verstärken können.

Abb. 02: Die öffentlichen Zinskosten sind in vielen Volkswirtschaften der Amerikas gestiegen. Neben der höheren Verschuldung spielt in mehreren Ländern auch ein Anstieg der impliziten Finanzierungskosten eine wichtige Rolle [Quelle: Amaral et al. (2026), Graph 2, S. 3; IMF; Berechnungen der Autoren]Abb. 02: Die öffentlichen Zinskosten sind in vielen Volkswirtschaften der Amerikas gestiegen. Neben der höheren Verschuldung spielt in mehreren Ländern auch ein Anstieg der impliziten Finanzierungskosten eine wichtige Rolle [Quelle: Amaral et al. (2026), Graph 2, S. 3; IMF; Berechnungen der Autoren]

Der Verstärkereffekt: Wenn ein zusätzliches Defizit plötzlich viel teurer wird

Der empirische Kern des Bulletins betrifft die Reaktion von Risikoprämien auf fiskalische Expansion. Die Autoren untersuchen 21 Schwellen- und Entwicklungsländer der Amerikas mit Quartalsdaten von Anfang 2015 bis Ende 2025. Als Maß für die staatliche Risikoprämie dienen EMBI-Spreads. Methodisch verwenden sie Panel Local Projections nach Jordà und unterscheiden jeweils Beobachtungen mit hoher und niedriger Schulden- beziehungsweise Zinslast. "Hoch" bedeutet dabei nicht das Überschreiten einer universellen Grenzquote, sondern: oberhalb des jeweiligen länderübergreifenden Quartalsmedians.

Das Ergebnis ist deutlich. Ein Anstieg des Fiskaldefizits um einen Prozentpunkt des BIP führt in Ländern mit hoher Staatsverschuldung zu einer Risikoprämienreaktion, die nahezu dreimal so stark ist wie in Ländern mit niedrigerer Verschuldung. Auch bei hoher Zinslast fällt die Reaktion größer und persistenter aus. Besonders wichtig: Das Muster zeigt sich sowohl bei flexiblen als auch bei nicht flexiblen Wechselkursregimen.

Damit bekommt der Begriff "fiskalischer Spielraum" eine konkrete Bedeutung. Derselbe zusätzliche Euro oder Dollar Defizit kann je nach Ausgangslage sehr unterschiedliche Folgekosten erzeugen. In einem Staat mit niedriger Verschuldung mag eine temporäre Expansion nur begrenzte Marktreaktionen auslösen. In einem bereits angespannten fiskalischen Umfeld kann sie dagegen eine Neubewertung der Schuldentragfähigkeit anstoßen, die Finanzierungskosten erhöhen und die Wirkung des ursprünglichen Defizits vervielfachen.

Abb. 03: Fiskalischer Stress verstärkt die Wirkung zusätzlicher Defizite auf staatliche Risikoprämien. Bei hoher Verschuldung beziehungsweise hoher Zinslast fällt die Reaktion deutlich stärker aus [Quelle: Amaral et al. (2026), Graph 3, S. 4; Schätzungen auf Basis von Panel Local Projections für 21 Volkswirtschaften; 90%-Konfidenzintervalle]Abb. 03: Fiskalischer Stress verstärkt die Wirkung zusätzlicher Defizite auf staatliche Risikoprämien. Bei hoher Verschuldung beziehungsweise hoher Zinslast fällt die Reaktion deutlich stärker aus [Quelle: Amaral et al. (2026), Graph 3, S. 4; Schätzungen auf Basis von Panel Local Projections für 21 Volkswirtschaften; 90%-Konfidenzintervalle]

Warum ein fester Wechselkurs keine Immunität bietet

Auf den ersten Blick könnte man vermuten, dass flexible Wechselkurse den zentralen Übertragungskanal darstellen: höhere Risikoprämien führen zu Kapitalabflüssen, die Währung wertet ab, importierte Güter werden teurer und die Inflationserwartungen steigen. Das Bulletin zeigt jedoch, dass die Verstärkung der Risikoprämien auch in Ländern mit nicht flexiblen Wechselkursregimen zu beobachten ist.

Das ist plausibel. Ein fester oder gesteuerter Wechselkurs eliminiert das Risiko nicht, sondern kann seine Form verändern. Steigende staatliche Risikoaufschläge erhöhen die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit einer späteren diskreten Abwertung. Zugleich können Devisenreserven eingesetzt oder die heimischen Finanzierungsbedingungen verschärft werden müssen, um das Wechselkursziel zu verteidigen. Die fiskalische Belastung verschwindet also nicht; sie wandert in andere Bilanz- und Politikkanäle.

Vom Risikoaufschlag zur Inflationserwartung

Der zweite Teil der Analyse fragt, was geschieht, wenn Risikoprämien bereits gestiegen sind. Für 16 Volkswirtschaften, für die sowohl EMBI-Spreads als auch kurzfristige Inflationserwartungen professioneller Prognostiker verfügbar sind, untersuchen die Autoren die Reaktion der einjährigen Inflationserwartungen auf einen Anstieg der Risikoprämien um 100 Basispunkte.

Bei hoher Staatsverschuldung werden die Inflationserwartungen signifikant sensibler gegenüber Veränderungen der Risikoprämien. Dieser Befund gilt wiederum für flexible und nicht flexible Wechselkursregime. Für eine hohe Zinslast allein finden die Autoren dagegen keine dauerhaft signifikanten Unterschiede in der Reaktion der Inflationserwartungen. Das ist eine wichtige Nuance: Schuldenstand und Zinslast verstärken beide die Reaktion der Risikoprämien auf Defizite, aber nicht jede Verstärkungsstufe der Übertragungskette funktioniert identisch.

Die Autoren diskutieren drei plausible Kanäle. Erstens kann eine höhere Risikoprämie die Währung schwächen oder Abwertungserwartungen erzeugen und so über Importpreise die Inflationserwartungen erhöhen. Zweitens verteuert sich die Finanzierung von Banken und Unternehmen, weil staatliche Risikoprämien in private Kreditkosten und Working-Capital-Spreads einfließen können. Drittens kann bei sehr hoher Verschuldung die Sorge wachsen, fiskalische Spannungen könnten letztlich durch höhere Inflation, eine lockerere Geldpolitik oder politischen Druck auf die Zentralbank entschärft werden. Dann wird Glaubwürdigkeit selbst zu einer makroökonomischen Ressource.

Abb. 04: Bei hoher Staatsverschuldung reagieren kurzfristige Inflationserwartungen stärker auf einen Anstieg staatlicher Risikoprämien. Für eine hohe Zinslast allein zeigt sich kein dauerhaft signifikanter Unterschied [Quelle: Amaral et al. (2026), Graph 4, S. 5; Panel Local Projections für 16 Volkswirtschaften; Inflationserwartungen: Consensus Economics; 90%-Konfidenzintervalle]Abb. 04: Bei hoher Staatsverschuldung reagieren kurzfristige Inflationserwartungen stärker auf einen Anstieg staatlicher Risikoprämien. Für eine hohe Zinslast allein zeigt sich kein dauerhaft signifikanter Unterschied [Quelle: Amaral et al. (2026), Graph 4, S. 5; Panel Local Projections für 16 Volkswirtschaften; Inflationserwartungen: Consensus Economics; 90%-Konfidenzintervalle]

Keine magische Schuldenquote

Die Studie liefert gerade deshalb einen wichtigen Beitrag, weil sie nicht behauptet, eine universelle Schwelle gefunden zu haben. "Hohe" Verschuldung wird relativ zum jeweiligen Quartalsmedian der Stichprobe definiert. Die Ergebnisse zeigen also eine Nicht-Linearität, aber keinen naturgesetzlichen Kipppunkt bei 60, 80 oder 100 Prozent des BIP.

Das ist mehr als eine methodische Fußnote. Politische Debatten neigen zu scheinbar präzisen Grenzwerten. Tatsächlich hängt Schuldentragfähigkeit von einer Vielzahl veränderlicher Faktoren ab: nominalem und realem Wachstum, Zinsniveau, Laufzeitstruktur, Währungszusammensetzung, Primärsaldo, fiskalischer Flexibilität, institutioneller Glaubwürdigkeit und der Stabilität des Finanzsystems. Eine einzelne Schuldenquote kann diese Dimensionen nicht verdichten, ohne wichtige Informationen zu verlieren.

Gleichwohl ist die Warnung der Studie klar. Je höher die Ausgangsbelastung, desto geringer kann die Fehlertoleranz werden. Nicht jede zusätzliche Ausgabe löst eine Krise aus. Aber die Wahrscheinlichkeit einer überproportionalen Marktreaktion steigt, sobald Investoren die Tragfähigkeit des fiskalischen Pfads neu bewerten.

Was die Studie wissenschaftlich stark macht – und was offenbleibt

Die Autoren testen die Ergebnisse mit alternativen Risikomaßen. Für Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru bleiben die nicht-linearen Muster auch bei fünfjährigen Credit-Default-Swap-Spreads sichtbar. Sie kontrollieren zudem dafür, dass die Effekte hoher Zinslast nicht lediglich ein Spiegel hoher Schuldenstände sind – und umgekehrt.

Gleichzeitig bestehen klare Grenzen. EMBI-Spreads bilden vor allem Risiken in hartwährungsbezogenen Staatsanleihen ab; lokale Währungsrisikoprämien wären eine wichtige Erweiterung. Die Klassifikation "hoch" versus "niedrig" ist relativ zur Stichprobe und erlaubt keine allgemeingültige Schuldenobergrenze. Und die Analyse identifiziert die genauen Kausalmechanismen vom Risikoaufschlag zu Inflationserwartungen nicht direkt, sondern diskutiert plausible Kanäle. Die ausgewiesenen Konfidenzintervalle von 90 Prozent mahnen ebenfalls zu einer probabilistischen statt deterministischen Interpretation.

Damit ist das Bulletin keine Krisenprognose. Es ist eine empirische Warnung vor asymmetrischen Reaktionen: In einem hoch verschuldeten Umfeld können fiskalische Fehler teurer werden, weil Märkte, Wechselkurse, Kreditkosten und Inflationserwartungen enger miteinander gekoppelt reagieren.

Fiskalpolitik: Konsolidieren, ohne Wachstum zu zerstören

Die politische Schlussfolgerung der Autoren ist disziplinierte, glaubwürdige Fiskalpolitik. Doch das Bulletin plädiert nicht für undifferenziertes Sparen. Konsolidierung soll das langfristige Wachstumspotenzial schützen. Produktive öffentliche Investitionen und essenzielle staatliche Leistungen sollen möglichst geschont, strukturelle Reformen zur Erhöhung des Potenzialwachstums ergänzt werden.

Entscheidend ist die Institutionalisierung von Glaubwürdigkeit: klare regelgebundene Fiskalrahmen, transparente Berichterstattung und glaubwürdige Durchsetzungsmechanismen. Der entscheidende Satz steht sinngemäß am Ende des Bulletins: Institutionen wirken nur, wenn sie in der Praxis funktionieren und nicht lediglich auf dem Papier existieren. Damit verschiebt sich die Diskussion von der Frage "Wie viel Defizit ist erlaubt?" zu einer anspruchsvolleren Frage: Wie glaubwürdig ist der gesamte Anpassungspfad? Märkte bewerten nicht nur den aktuellen Schuldenstand, sondern auch die Fähigkeit einer Regierung, auf künftige Schocks zu reagieren, Primärsalden zu verbessern und Prioritäten so zu setzen, dass Wachstum und Schuldentragfähigkeit miteinander vereinbar bleiben.

Zentralbankunabhängigkeit als makroökonomischer Schutzwall

Je höher die Staatsschulden, desto politisch unbequemer können hohe Zinsen werden. Genau deshalb gewinnt die Unabhängigkeit der Zentralbank an Bedeutung. Wenn Marktteilnehmer befürchten, dass Geldpolitik unter fiskalischen Druck geraten könnte, kann sich der Anstieg staatlicher Risikoprämien schneller in höheren Inflationserwartungen niederschlagen.

Die BIS-Autoren formulieren daher eine klare institutionelle Priorität: Die Zentralbank muss auf Preisstabilität fokussiert bleiben und gegenüber politischen Zwängen geschützt werden. In einer hoch verschuldeten Volkswirtschaft ist Unabhängigkeit nicht nur eine ordnungspolitische Tugend, sondern Teil der fiskalischen Risikoinfrastruktur. Sie begrenzt die Erwartung, dass Schuldenprobleme letztlich monetär gelöst werden könnten.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Studie verschiebt den Blick auf Staatsschulden. Das Problem hoher Verschuldung liegt nicht allein in der absoluten Höhe der Verbindlichkeiten, sondern in der Möglichkeit nicht-linearer Verstärkung. Ein zusätzliches Defizit kann bei hoher Ausgangsverschuldung eine deutlich stärkere Neubewertung staatlicher Risiken auslösen als in einem fiskalisch entspannten Umfeld. Diese Neubewertung wiederum kann – insbesondere bei hoher Verschuldung – stärker in kurzfristige Inflationserwartungen durchschlagen.

Für Regierungen bedeutet das: Fiskalischer Spielraum ist nicht statisch. Er kann sich abrupt verengen, wenn Glaubwürdigkeit verloren geht. Für Zentralbanken bedeutet es: Die Qualität der Fiskalpolitik beeinflusst das Umfeld, in dem Preisstabilität gesichert werden muss. Und für Investoren bedeutet es: Schuldenquoten, Zinslasten und Defizite sollten nicht isoliert betrachtet werden, sondern als miteinander verknüpfte Zustandsgrößen eines dynamischen Risikosystems.

Der Ausblick ist daher weder alarmistisch noch beruhigend. Hohe Schulden müssen nicht zwangsläufig in eine Krise führen. Aber sie machen die Reaktion auf neue Schocks weniger linear und politische Fehler potenziell kostspieliger. Die zentrale Ressource ist Glaubwürdigkeit – aufgebaut durch belastbare Fiskalregeln, transparente Entscheidungen, wachstumsfreundliche Konsolidierung und eine unabhängige Geldpolitik.

Die Studie auf einen Blick

► Untersuchungsgegenstand: Staatsschulden, Zinslasten, Risikoprämien und Inflationserwartungen in den Amerikas.
► Datengrundlage: 33 Volkswirtschaften für die Verschuldungsentwicklung; 21 Volkswirtschaften für die Risikoprämienanalyse; 16 für die Inflationserwartungen.
► Zeitraum der zentralen Panelanalyse: Q1 2015 bis Q4 2025.
► Methode: Panel Local Projections; Risikoprämien gemessen mit EMBI-Spreads; 90%-Konfidenzintervalle.
► Kernbefund: Bei hoher Verschuldung reagieren Risikoprämien auf fiskalische Defizite nahezu dreimal so stark wie bei niedriger Verschuldung.
► Inflationskanal: Bei hoher Verschuldung reagieren kurzfristige Inflationserwartungen stärker auf steigende Risikoprämien.
► Keine universelle Schwelle: "Hohe" Schulden und Zinskosten werden relativ zum jeweiligen Quartalsmedian klassifiziert.
► Politische Folgerung: glaubwürdige, wachstumsfreundliche Fiskalkonsolidierung und Schutz der Zentralbankunabhängigkeit.

Quellenverzeichnis sowie weiterführende Literaturhinweise: 

  • Amaral, E.; Guerra, R.; Salcedo, A.; Tomasini, P.; Upper, C. (2026): High public debt in the Americas: non-linear implications for risk premia and inflation expectations. BIS Bulletin No 133, 19 August 2026.
  • Aguilar, A.; Cantú, C.; Guerra, R. (2023): Fiscal and monetary policy in emerging market economies: what are the risks and policy trade-offs? BIS Bulletin No 71.
  • Arslanalp, S.; Eichengreen, B.; Henry, P. B. (2024): Sustained debt reductions: the Jamaica exception. NBER Working Paper No 32465.
  • Bank for International Settlements (2026): High public debt and shifting financial markets: challenges for central banks. Annual Economic Report 2026, Chapter II.
  • Eichengreen, B.; Menuet, M.; Donnat, G. (2026): From stocks to flows: debt service and fiscal sustainability. CEPR Discussion Paper No 21723.
  • Jordà, Ò. (2005): Estimation and inference of impulse responses by local projections. American Economic Review, 95(1).
  • Romeike, F. (2026): Wie Staaten bankrott gehen – Die Gesetzmäßigkeit der Risikotragfähigkeit, in: ZInsO FOKUS (Zeitschrift für das gesamte Insolvenz- und Sanierungsrecht), 29. Jahrgang, 5/2026, 29.01.2026, S. 183-195.

 

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
Risk Academy

Die Intensiv-Seminare der RiskAcademy® konzentrieren sich auf Methoden und Instrumente für evolutionäre und revolutionäre Wege im Risikomanagement.

Seminare ansehen
Newsletter

Der Newsletter RiskNEWS informiert über Entwicklungen im Risikomanagement, aktuelle Buchveröffentlichungen sowie Kongresse und Veranstaltungen.

jetzt anmelden
Lösungsanbieter

Sie suchen eine Softwarelösung oder einen Dienstleister rund um die Themen Risikomanagement, GRC, IKS oder ISMS?

Partner finden
Ihre Daten werden selbstverständlich vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.