Warum Mittelwerte beruhigen – und Risiken trotzdem wehtun

Im Durchschnitt sicher


Im Durchschnitt sicher: Warum Mittelwerte beruhigen – und Risiken trotzdem wehtun Kolumne

Stellen Sie sich vor, der Produktionsleiter berichtet im Vorstand: "Unsere IT-Ausfälle dauern im Durchschnitt nur vier Stunden." Allgemeines Aufatmen. Vier Stunden – das überlebt man. Dummerweise setzt sich dieser Durchschnitt aus vielen kleinen Störungen von wenigen Minuten und einem einzigen Totalausfall von vierzig Tagen zusammen. Der CFO schaut noch einmal auf die Zahl, der Risikomanager auf den Produktionskalender. Beide sehen dasselbe Unternehmen – aber offensichtlich nicht dasselbe Risiko. Der Durchschnitt sagt: vier Stunden. Die Realität sagt: vierzigTage Produktionsstillstand, verärgerte Kunden, Vertragsstrafen, eine hohe Existenzgefährdung und sehr intensive Wochen für den Vorstand.

Genau darin liegt die Tücke von Durchschnittswerten. Sie sind mathematisch korrekt, wirken seriös und haben die wunderbare Eigenschaft, unangenehme Extreme freundlich glattzubügeln. Aus vielen kleinen Schäden und einem existenzbedrohenden Ereignis entsteht eine Zahl, mit der man hervorragend PowerPoint-Folien gestalten kann. Leider bezahlen Unternehmen ihre Krisen nicht im Durchschnitt. Kein Lieferant fällt "durchschnittlich" aus, keine Ransomware verschlüsselt "im Mittel" 37 Prozent des ERP-Systems und keine Liquiditätskrise interessiert sich dafür, dass in den vergangenen fünf Jahren eigentlich alles ganz ordentlich gelaufen ist.

Der Durchschnitt ist deshalb nicht falsch. Er beantwortet nur häufig die falsche Frage. Wer Risiken verstehen will, sollte weniger fragen: "Was passiert normalerweise?" und häufiger: "Was kann passieren, wenn mehrere Dinge gleichzeitig schiefgehen?" Wie lange könnte die Produktion tatsächlich stehen? Was passiert, wenn gleichzeitig ERP, Logistik und Rechnungsstellung betroffen sind? Wie stark kann sich ein Lieferantenausfall durch Abhängigkeiten im Unternehmen fortpflanzen? Und ab welchem Punkt wird aus einer technischen Störung ein Ergebnisproblem, aus dem Ergebnisproblem ein Liquiditätsproblem und aus dem Liquiditätsproblem ein Anruf beim Restrukturierungsberater? Genau hier beginnen Szenarioanalyse, Simulation und die Beschäftigung mit Wahrscheinlichkeitsverteilungen interessant zu werden. Nicht weil sie die Zukunft vorhersagen. Sondern weil sie sichtbar machen, welche Zukunft besonders unangenehm werden könnte.

Gutes Risikomanagement beschäftigt sich daher nicht primär mit dem gemütlichen Zentrum einer Verteilung, sondern mit den Szenarien, bei denen es wirklich weh tut. Das bedeutet nicht, überall den Weltuntergang zu vermuten. Es bedeutet, sich systematisch mit plausiblen kritischen Entwicklungen auseinanderzusetzen, bevor diese Realität werden. Durchschnittswerte helfen uns zu verstehen, was gewöhnlich passiert. Kritische Szenarien helfen uns zu überleben, wenn etwas Ungewöhnliches passiert.

Oder anders gesagt: Wenn ein Fluss im Durchschnitt 1,20 Meter tief ist, ist das eine interessante Information. Für die Entscheidung, ob man hindurchlaufen sollte, wäre allerdings noch eine zweite Information ganz hilfreich: Wo ist das fünf Meter tiefe Loch?

Im Durchschnitt sicher: Warum Mittelwerte beruhigen – und Risiken trotzdem wehtun

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
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