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Rezension

Immobilienblase: Ursachen, Auswirkungen, Handlungsempfehlungen

Von der Subprime-Krise zur Finanzkrise

Bloss/Ernst/Häcker/Eil, Oldenbourg Verlag, 247 Seiten, München 2008.

Veröffentlichungen mit klugen Analysen und Handlungsempfehlungen rund um die jüngste Finanzkrise schießen wie Pilze aus dem Boden.

Ziel des Buches – so die Autoren im Vorwort – ist es erstens , die Finanzkrise zu verstehen. Da die Analyse in einen volkswirtschaftlichen Rahmen eingebettet ist, soll zweitens das Verständnis gewonnen werden, dass die Finanzkrise das Platzen einer "Blase" innerhalb einer zeitlichen Reihe von Blasen ist. Drittens ist es das Ziel der Analyse, aus der Finanzkrise zu lernen. Eine Unterstützung durch die Politik ist das zentrale Anliegen des Buches, so die Autoren weiter. Insbesondere soll sich das Buch aber "fachlich und wissenschaftlich" von der bisherigen Literatur zu diesem Thema abheben. Nach der Lektüre der ersten Kapitel kommen erste Zweifel auf, ob dieses Ziel erreicht wurde.

Die Autoren konzentrieren sich bei ihren Handlungsempfehlungen im Wesentlichen auf Allgemeinplätze, die der Leser auch in der Wirtschaftspresse findet. Ein wissenschaftlicher Tiefgang fehlt. So weisen sie beispielsweise darauf hin, dass die wichtigste Lektion der Subprime-Krise sei, "dass man sich nicht ausschließlich auf die Risikobewertung der Ratingagenturen verlassen kann", und dass die Investoren zusätzlich ihre eigene Analyse durchführen müssen (Seite 108). Auf andere wesentliche Punkte, die für eine Ursachenanalyse relevant sind und die auch in der allgemeinen Diskussion häufig ausgeblendet werden, gehen die Autoren nicht ein. So haben beispielsweise viele Marktteilnehmer bestimmte Eigenschaften in die Ratings hineininterpretiert. Etwa wurde unterstellt, dass ein "AAA"-Produkt eine Anleihe sei, für welche es jederzeit einen liquiden Sekundärmarkt gibt. Fakt ist jedoch, dass Ratings keine Aussagen über die Liquidität einer Anleihe treffen, sondern "lediglich" die Wahrscheinlichkeit einer fristgerechten Zins- und Rückzahlung des Finanzinstruments bewertet. Auch die Probleme des Moral Hazard und der "Adverse Selection" werden nicht diskutiert.

Die Rolle der Regulatoren und Aufsichtsorgane werden von den Autoren weitgehend ausgeblendet. Bei der Analyse der "Opfer der Subprime-Krise" (Kapitel 7.2) konzentrieren sich die Autoren auf irrelevante Informationen und blenden die wesentlichen Ursachen (Geschäftsmodelle, Risiko-Rendite-Diagramm, Risikotragfähigkeitsanalyse, Ausblenden von Liquiditätsrisiken, Methodenschwächen etc.) komplett aus. Oder ist es für den Leser eine neue Erkenntnis, dass der Vorstandsvorsitzende Ortseifen und der Finanzvorstand Doberanzke zurücktreten mussten und Ingrid Matthäus-Maier wegen eines schlechten Krisenmanagements die KfW-Bankengruppe verlassen musste?

Insgesamt bewegt sich das Buch fast durchgängig auf Allgemeinplätzen. Detailanalysen und konkrete Empfehlungen fehlen fast durchgängig. So schreiben die Autoren, dass die Subprime-Krise uns gelehrt hat, "dass im Vergleich zu Marktrisiken, die großenteils unter Kontrolle sind, heutzutage Kreditrisiken eine größere Bedrohung darstellen." Diese Analyse ist zu oberflächlich, als dass sie die Komplexität einer integrierten Risikomessung hinreichend berücksichtigen würde. Die Risiken in komplexen Märkten, wie den globalen Finanzmärkten, können nicht monokausal auf einen einzigen Auslöser, beispielsweise ein Kreditrisiko, zurückgeführt werden. Wenn beispielsweise Liquiditätsrisiken, operationelle Risiken und Reputationsrisiken bei der Analyse und auch der Berechnung des ökonomischen und regulatorischen Kapitals ausgeblendet werden, dann werden immer nur einige wenige Bausteine der kompletten Risikolandkarte betrachtet. Daher hat die Finanzkrise vor allem die Bedeutung einer integrierten Gesamtrisikosteuerung (Enterprise Risk Management) verdeutlicht. Die klassischen Werkzeuge der Banken werden allerdings nicht ausreichen, um ein integriertes Risikomanagement umzusetzen und zu leben.

Fazit: Bei allen "Ex-post-Analysen" stellt sich konsequenterweise die Frage, warum die "Experten" ihre Bücher nicht bereits vor vielen Jahren geschrieben haben. Wenn Sie an einer allgemeinen – eher journalistischen – Zusammenfassung der Finanzkrise und dem Rezitieren von Handlungsempfehlungen (G20, Sachverständigenrat, BIZ, OECD, IMF  etc.) interessiert sind, dann bieten Ihnen das Buch auf 247 Seiten eine kompakte Zusammenfassung in einer klaren Sprache (die Sie aber auch woanders finden, beispielsweise im kostenfreien Jahresgutachten 2008/09 des Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (Vgl. hier). Wenn Sie an einer wissenschaftlich fundierten und ausgewogenen Analyse der Finanzkrise interessiert sind, dann investieren Sie Ihr Geld lieber in "Charles R. Geisst: Wall Street – A History: From Its Beginnings to the Fall of Enron." Das Buch ist bereits 2004 erschienen und analysiert auf etwa 500 Seiten die Geschichte einer Straße, von ihren frühen Anfängen, als Peter Stuyvesant sie 1652 als Verteidigungsbarrikade gegen Indianer und Briten erbaute, bis hin zum milliardenschweren computerbetriebenen Finanzzentrum.  Oder kaufen Sie "The great crash,1929" von John K. Galbraith. Auch dort werden Sie mehr über vergangene, die aktuelle und zukünftige Finanzkrisen lernen, als in jeder aktuellen Publikation.


Rezension von Frank Romeike,
Dr. Anette Köcher




Details zur Publikation

Autor: Bloss/Ernst/Häcker/Eil
Seitenanzahl: 247
Verlag: Oldenbourg Verlag
Erscheinungsort: München
Erscheinungsdatum: 2008

RiskNET Rating:

Praxisbezug
Inhalt
Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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Kommentare zu diesem Beitrag

Joody2009 /17.02.2009 11:51
das buch ist einfach nur voellig daneben. wie kann man nur so einen muell produzieren?
wawa /23.02.2009 10:45
Gleich der Beginn des Buches ist geschrieben wie ein Beipackzettel einer Arznei mit Fragen und kurzen Antworten. Es ist kaum zu glauben, dass ein wissenschaftlicher Verlag so etwas veröffentlicht. Es werden einem fast zusammenhanglos Begriffe, Schaubilder und Definitionen an den Kopf geworfen und in altkluger und einzelnen Schüleraufsätzen ähnelnden Weise erklärt. Hätte ich in meiner Diplomarbeit solch abgehacktes Zeugs geschrieben, wäre ich wahrscheinlich durchgefallen.
jens /08.12.2008 09:51
Ich kann mich der obigen Buchbesprechung leider überhaupt nicht anschließen. Diese ist schlicht weg nicht richtig. Habe das Buch bereits 2 mal gelesen und ettliche Mal etwas nachgeschlagen. Das Buch zeigt das komplette Spektrum der Problematik auf. Was die Handlungsempfehlungen angeht, so sind diese gut fundiert und wissenschaftlich begründet. Lieber solche Handlungsempfehlungen lesen als aus der Luft gegriffene Halbwahrheiten, welche keinen Bestand haben!
Sven /08.12.2008 09:56
Ich muss sagen, Ich fand das Buch sehr gut! Klar gegliedert, gut geschrieben und vor allem fachlich gut aufbereitet. Hab erhrlich gesagt, keinen Plan, was Ihnen an diesem Buch 1. nicht gefallen hat und 2. gefehlt hat!
TUM /08.12.2008 11:49
Aus meiner Sicht ist die Rezension objektiv und fair. Wer sich für eine allgemeine Einführung zum Thema Finanzkrise/Subprime interessiert, dem kann ich das Buch empfehlen (allerdings gibt es auch eine Reihe von alternativen Publikationen, die als Einführungstext geeignet wären). Die Rezensenten haben jedoch eindeutig recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass im Wesentlichen Handlungsempfehlungen (G20, Sachverständigenrat, BIZ, OECD, IMF etc.) wiederholt werden, die man auch in der Tagespresse lesen kann. Und damit bewegen sich die Autoren auf Allgemeinplätzen. Ich habe in dem Buch keine einzige "wissenschaftlich fundierte" Handlungsempfehlung gefunden (so wie von den Autoren im Vorwort angekündigt). Warum haben sich die Autoren beispielsweise nicht mit den Grenzen von traditionellen Risikobewertungsmaßen auseinandergsetzt? Welche Risikomaße sind erforderlich, um Risiko-spillover-Effekte zwischen Finanzinstitutionen erfassen zu können? Mir fehlt eine fundierte Auseinandersetzung mit der Rolle der Ratingagenturen (jenseits einer populistischen Diskussion) ... et cetera.

Sorry, Jens, Sven und Marcell, Ihre Kritik an der Kritik kann ich nicht nachvollziehen. @Marcell: Die Kritik, dass man nur aus aktuellen Büchern lernen kann, meinen Sie sicherlich nicht ernst. Das zitierte Buch von Galbraith wurde bereits 1955 veröffentlicht und enthält jede Menge wissenschaftlich fundierter Thesen, die auch in der aktuellen Krise noch Gültigkeit haben.
Axel /09.12.2008 12:07
An Marcell: Leider irrst Du Dich gewaltig mit Deiner Aussage, dass die "Thematik der wiederkehrenden Blasen bisher in dieser Form, noch nicht in diesem Kontext dargestellt" wurde. Es gibt Tausende Fachartikel und Bücher zur Ursache und Bekämpfung von Finanzkrisen. Hier eine Auswahl an (wirklich wissenschaftlich) fundierter Literatur:

- Allen, Franklin, and Douglas Gale. 1998. Optimal Financial Crises. Journal of Finance (August): 1245–84.
- Davis, Philip. 1995. Debt, Financial Fragility, and Systemic Risk. Oxford: Oxford University Press.
- Mishkin, Frederic. 1991. Asymmetric Information and Financial Crises: A Historical Perspective. In Financial Markets and Financial Crises, edited by R. Glenn Hubbard, 69–108. Chicago: University of Chicago Press.
- Kaufman, George G., and Steven Seelig (2002. Post-Resolution Treatment of Depositors at Failed Banks and the Severity of Bank Crises, Systemic Risk, and Too-Big-to-Fail. Economic Perspectives, Federal Reserve Bank of Chicago (second quarter): 27–41.
- Kaufman, George G. (2000) Banking and Currency Crises and Systemic Risk: Lessons from Recent Events. Economic Perspectives, Federal Reserve Bank of Chicago (third quarter): 9–28.
- Kaminsky, Graciela, and Carmen Reinhart. 1998. On Crises, Contagion, and Confusion. Working Paper, December. Washington, D.C.: George Washington University.
- Kindleberger, C.: Manias, Panics and Crashes. New York 1978.
- Minsky, H. P.: Die Hypothese der finanziellen Instabilität, Challenge, White Plains, N. Y. 1977, S. 20 ff.
Pleitegeier /09.12.2008 12:52
Um es mal ungeachtet der ausführlichen Analyse der Rezensenten und der Kommentatoren auf ein kurzes Fazit zu bringen: Das Buch liefert nach dem bewährten Konzept von Readers Digest eine "quick-and-dirty" Zusammenfassung der Tagespresse und hat sicherlich seine Berechtigung in der Ecke der Bahnhofs-Shop-Belletristik, wo es auf verspätete Züge wartenden Reisenden einen Zeitvertreib bietet, mehr aber auch nicht.... Die Pseudo-Wissenschaft lässt grüßen!
Steffen /09.12.2008 08:44
@Marcell: Wenn ich das Buch selber geschrieben hätte, dann hätte ich es auch bereits mehrfach gelesen ;-))
Admin RiskNET [TS] /09.12.2008 11:24
Wichtiger Hinweis für die Diskussionsteilnehmer: Jens, sven und Marcell:

Alle Diskussionsbeiträge wurden unter der IP-Adresse 89.56.90.nnn (die letzten drei Zahlen wurden anonymisiert) geschrieben. Daher gehen wir davon aus, dass ein Nutzer mehrere Benutzernamen verwendet (die Inhalte der Forumsbeiträge sowie die zeitliche Nähe bestätigen dies), um durch mehrere (mehr oder weniger identische Nachrichten) eine höhere Aufmerksamkeit zu erreichen.

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Börsenguru64 /09.12.2008 02:21
Sowas ist doch einfach nur peinlich! Es ist schon bei Amazon absolut üblich dass Buchautoren ihre Bücher unter anderen Namen selbst rezensieren (was bei diesem Werk wohl auch passiert ist wenn man mal anschaut, dass die vermeintlich grenzenlos begeisterten Rezensenten bisher eigentlich überwiegend Bücher von genau diesen Autoren bewertet haben. Scheint ja eine eingeschworene Fangemeinde zu sein.... ). Aber wie eitel muss man denn als Autor sein, wenn man es dann auch noch nötig hat unter mehreren Namen solche Kommentare zu schreiben? Und dass für so eine Sache auch noch ein Hochschullehrer seinen Namen hergibt ist ohne Worte und zeigt welches Spektrum an "Wissenschaftlern" sich in der deutschen Hochschullandschaft tummelt.
Panzerknacker74 /10.12.2008 08:55
Ich habe zu dem Buch nichts hinzufügen und das ist schon der positivste Kommentar den ich mir dazu abringen kann.
Voyager /12.12.2008 09:24
Möglicherweise haben die Autoren eine andere Auffassung über wissenschaftliches Arbeiten. Daher noch mal eine kurze Definition: Die Grundlage für Forschung ist die methodische Suche nach neuen Erkenntnissen, ihre systematische Dokumentation und Veröffentlichung in Form von wissenschaftlichen Arbeiten. Prinzipiell soll jedermann die Forschungsergebnisse nachvollziehen, überprüfen und für sich nutzen können. In dem Kontext ist vor allem wichtig, dass Informationsquellen offengelegt werden. Wer eine wissenschaftliche Arbeit liest, kann stets erkennen, aufgrund welcher Fakten und Beweise der Autor zu seinen Schlussfolgerungen gekommen ist und auf welche anderen Wissenschaftler er sich beruft.

Und da sind wir schon am Kern, warum das vorliegende Buch von "Bloss/Ernst/Häcker/Eil" rein garnichts mit Wissenschaft zu tun hat. Der Leser findet Zitate sehr spärlich (auch dort wo es angebracht wäre, d. h. dort die Autoren fremdes Wissen rezitieren). Und zum zweiten berufen sich die Autoren in ihren Ausführungen nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Vielmehr tragen sie journalistische Quellen zusammen, haben diese in Buchform verpackt und als "wissenschaftliche Arbeit" verkauft. Daher kann ich der obigen Buchbesprechung nur zustimmen ...
Paulsen /20.12.2008 07:20
Kann folgendes Buch nur wärmstens empfehlen: Minsky, H. P.: Stabilizing an Unstable Economy ... besser als alle Veröffentlichungen von Pseudo-Wissenschaftlern
SwissBanking68 /27.12.2008 09:17
Hab' das Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen und bin masslos enttäuscht. Habe mich leider auf die (wohl selbstgeschriebenen) Bewertungen bei Amazon verlassen. Die Risknet-Besprechung trifft den Nagel auf den Kopf! RK
Rofi /02.01.2009 10:52
Turbulente Diskussion. Kann die Buchbesprechung aber auch nur bestätigen. Mit einer wissenschaftlichen Analyse hat das Buch rein garnichts zu tun. Das Buch ist zwar gut lesbar, habe aber nicht viel Neues gelernt. ;-(
Sonja /27.10.2009 09:39
Leider ist der zweite Wurf "Von der Wall Street zur Main Street – Die Weltwirtschaft nach der Finanzkrise." (baut auf dem ersten Buch auf) kein Deut besser. Auch mit der heissen Nadel gestrickt und ohne großen Erkenntnismehrwert. Einzig das Kapitel Behavioral Finance ist lesbar ... nein, das Geld kann man sich sparen ...
Jo /03.02.2009 06:12
Ein Blick auf Amazon zeigt, dass das Hase-und-Igel-Spiel zwischen serösen und unabhängigen Buchbesprechungen (Langweilig und dazu noch unvollständig!, Unlesbar, kein Fachbuch, sondern mittelmäßige Unterhaltungsliteratur) und den eigenen Rezensionen der Autoren unter Pseudonym oder sonst irgendwie gekauft (Packend wie John Grisham, Das beste Buch zu diesem Thema!) weiter läuft.

@Börsenguru64: Du hast völlig recht. Einfach nur peinlich, dass Autoren - zudem noch (Pseudo-)Wissenschaftler - soetwas nötig haben. Es bleibt spannend auf Amazon ...