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Strategische Simulation im Unternehmen

Was ist eigentlich Business Wargaming?

Jan Spitzner

Was ist eigentlich Business Wargaming?

Wargames haben eine mehrtausendjährige Geschichte. Als eines der ersten Wargames wird von Peter P. Perla, einem der führenden Wargame-Experten der Vereinigten Staaten, das Spiel Wie-Hai genannt. Dabei handelt es sich um ein etwa 5.000 Jahre altes, durch den chinesischen General und Militärphilosophen Sun Zi entwickeltes Spiel. In diesem ging es darum, als Erster den Spielgegner zu umzingeln. Es spiegelt damit die Philosophie von Sun Zi wider, einen militärischen Konflikt durch eine Einkesselungsstrategie erfolgreich zu meistern. Weitere Spiele, die einen Konflikt als Hintergrund haben, sind beispielsweise das japanische Go, das koreanische Baduk oder das indische Chaturanga. In Europa dürfte das ursprünglich aus Persien stammende Schach das bekannteste Spiel dieser Art sein.

Eine wesentliche Weiterentwicklung erfuhren die Konfliktspiele durch das Militär. Mit dem Ziel einer besseren Ausbildung der Befehlshaber der eigenen Armee wurden beginnend etwa mit dem 17. bis 18. Jahrhundert die Spiele immer mehr der Realität angepasst. Im Kern ging es dabei um eine bessere Vorbereitung auf unvorhergesehene Entwicklungen in einer militärischen Auseinandersetzung sowie das Vermeiden von Fehlentscheidungen und den daraus resultierenden Verlusten. So hatte unter anderem der Einsatz von Wargames einen nicht unwesentlichen Anteil am Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht, welches diese Methode zunächst nur zur Ausbildung, dann jedoch auch zur Entwicklung der Kriegsstrategie und -taktik einsetzte. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang beispielsweise Georg Heinrich Rudolf Johann von Reißwitz oder Generalstabschef Gerhard Johann David von Scharnhorst. Jedoch wurden Wargames nicht nur in Preußen eingesetzt, sie erfreuten sich vielmehr einer weltweiten Beliebtheit, so etwa in Frankreich, Großbritannien, Italien, Russland, den Vereinigten Staaten oder Japan. Ihr Einsatz beschränkte sich jedoch nicht nur auf militärische Fragen, auch politische Fragestellungen wurden mit Wargames untersucht.

Wargaming als älteste Form der Simulation

Mit dieser Historie ist Wargaming eine der ältesten Simulationsmethoden. Dabei ist eine Simulation das aktive Durchführen einer Was-wäre-wenn-Analyse. Im Falle eines Wargames geht es ursprünglich insbesondere darum zu verstehen, wie sich militärische Kräfte in einem Konflikt optimal verhalten. Es ist dadurch charakterisiert, dass mehrere Parteien gegeneinander antreten. Jede dieser Spielparteien hat einen eigenen Spielauftrag beziehungsweise ein Spielziel, welches es zu erreichen gilt. Das wird jedoch dadurch erschwert, dass die Aktionen und Reaktionen der Spielgegner der eigenen Strategie und den daraus entwickelten Spielzügen entgegenstehen. Folglich sind diese mit in Betracht zu ziehen, um in solch einem Spiel erfolgreich zu sein.

Eine Methode, die Aktions-Reaktionsmuster sowie Konsequenzen und Wechselwirkungen von Handlungen in den Fokus stellt, musste natürlich früher oder später auch auf das Interesse im ökonomischen Umfeld stoßen. So entwickelte beispielsweise 1956 die American Management Association die Top Management Decision Simulation, die heute als das erste ökonomische Planspiel gilt. Der McKinsey-Mitarbeiter Gerhard R. Andlinger veröffentlichte 1958 seine Beiträge "Business Games – Play One!" und "Looking Around: What Can Business Games Do?" in der Harvard Business Review, die sich ebenfalls mit dem Einsatz der Wargaming-Methodik im ökonomischen Umfeld auseinander setzten.

Ziel: Erreichung des Spielauftrags

Im Kern geht es bei einem Business Wargame um die Simulation einer Situation, an der mehrere Spielparteien beteiligt sind. Jede dieser Spielparteien nimmt die Sicht- und Handlungsweise eines relevanten Stakeholders einer zu untersuchenden Situation ein. Sie erhält demensprechend einen Spielauftrag, der dem Wesen des jeweiligen Stakeholders entspricht oder zumindest sehr wahrscheinlich entsprechen würde. In einem rundenbasierten Spiel wird nun versucht, diesen Spielauftrag zu erreichen. Dabei sind bei einem Wargame die Grenzen zu einem Rollenspiel (am Wargame sind mehrere Spielparteien beteiligt), zur Szenarioanalyse (es wird eine bestimmte Situation unter gegebenen Rahmenbedingungen untersucht) oder auch zum Planspiel (beispielsweise verstanden als Lernmethode, Zusammenhänge zu erkennen) fließend.

Der Verlauf des Spiels ist nicht vorhersagbar, er wird vielmehr durch die Aktionen und Reaktionen der einzelnen Spieler beeinflusst. Dieser Wesenszug eines Wargames erlaubt jedoch in einer nachgelagerten Analyse, die Wirkungsmechanismen in der untersuchten Situation zu verstehen, zumindest dann, wenn die Spielteilnehmer ihre Rollen realitätsnah interpretieren. Und so liegt der Fokus eines Wargames auch in der Analyse von Spielzügen und Spielstrategien, die im Rahmen eines Wargames gemeinsam diskutiert werden. Der Anreiz, als Spieler das Wargame zu gewinnen, ist für die Analyse und das Erkennen von Wirkungszusammenhängen und Aktions-Reaktionsmustern zwar förderlich, jedoch ist der Sieg im Wargame nicht das primäre Spielziel.

Strategien der einzelnen Stakeholderteams werden offengelegt

In einem Wargame werden mehrere Runden gespielt. In jeder Runde ist es die Aufgabe der Spielparteien, in der jeweils aktuellen Situation (unternehmerische) Entscheidungen zu treffen. Um welche Entscheidungen es sich dabei konkret handelt, hängt von der zu untersuchenden Fragestellung und dem darauf aufbauenden Design des Wargames ab. Haben alle Spielparteien ihren Spielzug beendet, so werden die Spielzüge in einem Modell konsolidiert und die Rundenergebnisse ermittelt. Anschließend geht es mit einer neuen Marktsituation in die nächste Spielrunde. In regelmäßigen Abständen, das kann nach jeder Runde, aber auch nach einer bestimmten Anzahl an Runden sein, werden die Spielzüge und dahinter liegenden Strategien der einzelnen Stakeholderteams offengelegt und gemeinsam diskutiert. Damit wird erreicht, dass alle Teilnehmer ein Verständnis zu den Marktmechanismen entwickeln, was schließlich ein Ziel des Wargames ist. Der schematische Ablauf eines Wargames ist in Abbildung 1 dargestellt.

Methodik eines Business Wargames [Quelle: Weber, Jürgen/Spitzner, Jan/Stoffels Mario (2008): Erfolgreich steuern mit Market Intelligence. Marktentscheidungen fundiert treffen, Wiley-VCH, Weinheim 2008, S. 64.]
Abbildung 1: Methodik eines Business Wargames [Quelle: Weber, Jürgen/Spitzner, Jan/Stoffels Mario (2008): Erfolgreich steuern mit Market Intelligence. Marktentscheidungen fundiert treffen, Wiley-VCH, Weinheim 2008, S. 64.]

Dabei kann ein Wargaming sowohl rein qualitativ als auch quantitativ sein. Im letzteren Fall kommt heutzutage meist ein Computermodell zum Einsatz, welches die quantitativen Ergebnisse berechnet. In historischen Wargames erfolgte die Ermittlung der quantitativen Ergebnisse noch von Hand, häufig unter Verwendung von umfangreichen Berechnungsschritten und -tabellen. Dagegen muss sich in einem rein qualitativen Wargame die jeweils neue Ausgangssituation einer Spielrunde aus der Diskussion der teilnehmenden Spielparteien ergeben.


Bessere Qualität durch stärkere Identifikation

Das Besondere am Wargaming ist, dass hier die Simulation einen spielerischen Charakter hat. Gleichzeitig erlaubt ein Wargame jedoch den Teilnehmern, ihre Emotionen und Neigungen mit einzubringen und die Entscheidungen zu erleben. Dies führt in aller Regel zu einer stärkeren Identifikation mit der einzunehmenden Rolle, was sich dann häufig auch in der Qualität der Ergebnisse widerspiegelt. Das aktive Spielen und vor allem Erleben ist auch das wesentliche Unterscheidungsmerkmal des Wargaming im Vergleich zu anderen Simulationsmethoden.

Die an einem Wargame teilnehmenden Spielparteien bekommen unterschiedliche Speilaufträge. Wie in der Realität geht es im Spiel darum, die damit verbundenen Interessen durchzusetzen. Dies kann jedoch nur gelingen, indem man möglichst weit vorausschauend agiert. Um sich dabei nicht von anderen Spielern durch deren Aktionen überraschen zu lassen, ist ein Verständnis der Wirkungsmechanismen und möglichen Aktions-Reaktionsmuster geradezu zwingend notwendig.

Ideales Werkzeug im Risikomanagement

Eine Vielzahl betriebswirtschaftlicher Fragestellungen sind ebenfalls derartiger Natur und damit ein potenzieller Anwendungsfall für ein Business Wargame. Insbesondere dann, wenn kognitive Verhaltensweisen, psychologische Effekte und irrationales Agieren das Handeln der Einzelnen beeinflussen, sind Wargames eine geeignete Methodologie. Auch mangelnde Erfahrung oder eine neuartige Aktion, beispielsweise ein neues Produkt oder eine neue Vertragsbeziehung, sprechen für die Anwendung eines Wargames. Vor diesem Hintergrund sind typische Anwendungsfälle dieser Simulationsmethode beispielsweise:

  • Verhaltensanalyse für Wettbewerber, Kunden und Lieferanten. Ist man sich über das Verhalten anderer Stakeholder und die dahinter liegenden Ursachen im Unklaren, kann ein Wargame weiter helfen. Hier kommt insbesondere die Eigenschaft eines Wargames zum Tragen, dass über die durch die einzelnen Spieler verfolgten Spielstrategien und Spielzüge gemeinsam diskutiert wird. So lässt sich schrittweise ein Verständnis für die Aktionen und Verhaltensweisen der anderen Stakeholder aufbauen.
  • Produktneueinführung, Markteintrittsszenarien, Aufbau neuer Geschäftsbereiche. Bei derartigen Fragestellungen betritt ein Unternehmen in aller Regel Neuland, kann also nicht oder nur auf wenige Erfahrungen in diesem Umfeld zurückgreifen. Mit Hilfe eines Wargames wird nun beispielsweise der Eintritt in einen Markt simuliert, wodurch die Abwehrreaktionen der dort bereits etablierten Wettbewerber zu Tage treten. Mit dieser Kenntnis kann die eigene Markteintrittsstrategie angepasst und auf die erwarteten Gegenreaktionen hin optimiert werden.


Allein diese beiden Beispiele verdeutlichen, worin der Mehrwert eines Wargames auch für das Risikomanagement liegt. Aktionen und Reaktionen anderer Marktteilnehmer sind immer mit Unsicherheiten und damit mit unternehmerischen Risiken verbunden. Das Identifizieren möglicher, gegebenenfalls sogar wahrscheinlicher (Re-)Aktionen erlaubt es dem Unternehmen, sich darauf vorzubereiten und frühzeitig entsprechende Risikopräventionsstrategien zu entwickeln. Damit ist Business Wargaming ein ideales Instrument im Risikomanagement.


Autor:

Dr. Jan Spitzner ist geschäftsführender Gesellschafter der C21 Consulting GmbH mit Sitz in Wiesbaden.

Romeike, Frank/Spitzner, Jan (2013): Von Szenarioanalyse bis Wargaming. Betriebswirtschaftliche Simulationen im Praxiseinsatz, Wiley-VCH, Weinheim 2013.Die Ausführungen basieren auf Romeike, Frank/Spitzner, Jan (2013): Von Szenarioanalyse bis Wargaming. Betriebswirtschaftliche Simulationen im Praxiseinsatz, Wiley-VCH, Weinheim 2013 (Buch erscheint Anfang 2013). 




Quellenverzeichnis sowie weiterführender Literaturhinweise:

Frank/Spitzner, Jan (2013): Von Szenarioanalyse bis Wargaming. Betriebswirtschaftliche Simulationen im Praxiseinsatz, Wiley-VCH, Weinheim 2013.

Oriesek, Daniel F./Schwarz, Jan Oliver (2009): Business Wargaming. Unternehmenswert schaffen und schützen, Gabler Verlag, Wiesbaden 2009.


 

  

Tagesforum "Zukunftsorientierte Steuerung": Mit Business Wargaming Entscheidungen optimieren

Das Tagesforum "Zukunftsorientierte Steuerung" ist eine jährlich stattfindende Veranstaltung. Im Fokus stehen innovative betriebswirtschaftliche Methoden, die es Unternehmen ermöglichen, Herausforderungen einer unsicheren Zukunft erfolgreich zu meistern. Es wird vom Institut für Controlling und Rechnungswesen an der TU Hamburg-Harburg zusammen mit C21 Consulting, Wiesbaden, durchgeführt. Vertreter aus Praxis und Wissenschaft sind zu einem intensiven Austausch über Anwendungsmöglichkeiten und -grenzen von zukunftsorientierten Steuerungsinstrumenten eingeladen.

Im Fokus des Tagesforums 2013 stehen Erfahrungen aus dem praktischen Einsatz von Business Wargaming. Hochkarätige Referenten, u. a. von Henkel, Allianz und der Bundeswehr, berichten von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Instrument. Das Tagesforum findet am 1. März 2013 in Hamburg statt.

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.cur.tu-harburg.de/de/tagesforum-2013

 

[Bildquelle: © lassedesignen - Fotolia.com]



Kommentare zu diesem Beitrag

Sven /10.11.2012 07:32
Business Wargaming unterstützt das Denken in Szenarien und ist so eine Art Flugsimulator. So können teure Fehlentscheidungen vermieden werden und Chancen (!!!) und Risiken präventiv erkannt werden. Habe in der Praxis damit sehr gute Erfahrungen gesammelt.
CRO /11.11.2012 04:44
Leider basieren die meisten klassischen Instrumente zur Strategieplanung auf Erfahrungen aus der Vergangenheit - Business Wargaming hingegen ist ein in die Zukunft gerichtetes Instrument. Chancen und Risiken können so besser
eingeschätzt werden.

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