Perspektive eines Risikomanagers

Covid-19: Seriöser Umgang mit Unsicherheit?


Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]
Perspektive eines Risikomanagers: Covid-19: Seriöser Umgang mit UnsicherheitKolumne

In den letzten Wochen wurde ich immer wieder von Kollegen und Freunden gefragt, wie ich als Risikomanager die Risiken resultierend aus der Covid-19-Pandemie bewerten würde. Meine Antwort fiel ernüchternd aus. Denn auf der Suche nach Fakten für eine objektive Bewertung der Covid-19-Szenarien wurde ich diesbezüglich in den vergangenen Wochen immer wieder enttäuscht. Denn zu allen Fake News in den sozialen Medien und im Internet gesellte sich eine eher dünn gesäte Datenbasis.

Die Gründe: Viele der präsentierten Zahlen wurden als Fakten verkauft und hielten meinem Konsistenzcheck nicht stand. Daraus resultierend wurden viele Entscheidungen nicht basierend auf rationalen Daten und Fakten getroffen, sondern bauten auf eine eher emotional und subjektiv getriebenen Wahrnehmung der Realität. Und das sowohl im privaten sowie besonders im öffentlichen Umfeld.

Doch der Reihe nach. Die Risikowahrnehmung rund um SARS-CoV-2 bzw. Covid-19 (womit eine durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Viruserkrankung bezeichnet wird) basiert vor allem auf einer "gefühlten Wahrheit". Risikowahrnehmung ist ein Konstrukt unserer Sinne. Je komplexer die Zusammenhänge sind, desto unsicherer ist das Wissen. Die Folge sind Irrtümer und fehlerhafte Projektionen. Und das Gefühl der Unsicherheit in der aktuellen Diskussion, zu der nicht wenige "Experten" beitragen, führt zu Angst und noch mehr Unsicherheit.

Kassandra-Szenarien ernst nehmen

Seit mehr als 25 Jahren beschäftige ich mich als Risikomanager mit dem Aufzeigen potenzieller Stressszenarien – basierend auf fundierten (!) Methoden, beispielsweise deterministischen oder stochastischen Szenarioanalysen. In diesem Vierteiljahrhundert habe ich mich immer wieder darüber geärgert, dass Unternehmenslenker und Politiker sehr häufig die Augen vor Stressszenarien verschließen. Man sei ein "Schwarzmaler" und "Hypochonder" und müsse auch endlich mal die Chancen sehen. Nicht selten sogar wird man beschimpft. Ich bezeichne seit vielen Jahrzehnten die aufgezeigten Szenarien als Kassandra-Szenarien. Warum?

Die Lektüre eine der ältesten und einflussreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur, der "Odyssee", liefert uns die Antwort. In der griechischen Mythologie ist Kassandra die Tochter des trojanischen Königs Priamos und der Hekabe. Mit ihren hellseherischen Fähigkeiten war sie die perfekte Risikomanagerin. So sagte Kassandra die Zerstörung Trojas voraus, aber keiner interessierte sich dafür. Insbesondere die siegestrunkenen Trojaner schenkten ihr kein Gehör und zogen das hölzerne Pferd in ihre Stadt. Der Rest dürfte bekannt sein.

Auf die heutige Zeit übertragen heißt das: In vielen Unternehmen und auch in der Politik verschließen die Verantwortlichen die Augen vor möglichen schmerzhaften (Stress-)Szenarien. Nicht wenige Unternehmen orientieren sich an Artikel 3 des Rheinischen Grundgesetzes: "Et hätt noch emmer joot jejange" ("Es ist bisher noch immer gut gegangen.") oder auch an Artikel 2 "Et kütt wie et kütt." ("Es kommt, wie es kommt."). Aus der Perspektive des Risikomanagements wäre es sinnvoller, wenn Entscheider und auch Risikomanager Artikel 5 beherzigen würden: "Et bliev nix wie et wor." ("Es bleibt nichts, wie es war."). Kurzum: Sei offen für Neuerungen und denke auch über schmerzhafte Szenarien nach.

Wirksames Risikomanagement beschäftigt sich im Kern mit dem "Antizipieren von potenziellen Überraschungen in der Zukunft". Es geht im Kern um ein Lernen aus (!) der Zukunft! Und dieses Lernen aus der Zukunft erfordert Methoden, die dieses Lernen ermöglichen. So bieten Simulationsverfahren eine ganz Reihe an fundierten und praxiserprobten Methoden. Leider sind diese Methoden häufig weder in der Praxis der politischen Entscheidungsträger noch in den Unternehmen bekannt. Stattdessen werden die Ressourcen in überbürokratisierte Risikodokumentationssysteme und "Risikobuchhaltungssysteme" gesteckt, die weder wirksam sind noch irgendeinen Mehrwert stiften.

Ein paar Kostproben aus einem Vierteljahrhundert Risikomanagement

Viele Jahre vor der letzten Finanzkrise habe ich immer wieder meinen Finger in die Wunde gelegt und Vorstandsmitglieder großer Banken und Exekutivdirektoren der Finanzaufsicht sowie Politiker nach ihrer Einschätzung über die Wirkungen systemischer Risiken gefragt. Die Antwort war immer die Gleiche: Ein Systemrisiko sei nicht existent und man habe sowieso alles im Griff. Die Erkenntnis reifte erst, als im Jahr 2007/2008 die Finanz- und Bankenkrise wie ein Tsunami über die Banken hinwegfegte und die Marktteilnehmer weltweit mit vielen Billionen US-Dollar vom Steuerzahler gerettet werden mussten.
Zweites Beispiel: Die Frage nach dem Risiko der Disruption des eigenen Geschäftsmodells durch den größten Kunden bei einem der global führenden Logistikkonzerne führte nur zu Kopfschütteln und der Antwort: "So ein Szenario kann gar nicht eintreten, da wir gegenseitig voneinander abhängig sind." Wenige Monate später trat genau dieses Szenario ein, an dem der Konzern bis heute noch zu knabbern hat. Ich nenne es das Wahrnehmungs- und Arroganzrisiko.

Weiteres Beispiel aus der Praxis: Mit Black-Out-Profis haben wir Stressszenarien – etwa im Bereich der Stromversorgung – aufgezeigt, die sehr häufig mit Kopfschütteln quittiert wurden. Man wolle sich mehr mit den Chancen beschäftigen und die Risiken habe man alle im Griff. Ein Black-Out-Szenario sei etwas für Science-Fiction und Hypochonder!

Einige dieser blinden und selbstgefälligen Unternehmen, mit denen ich im vergangen Vierteljahrhundert Risikoanalysen durchgeführt habe, existieren heute nicht mehr oder wurden mit Steuergeldern in Milliardenhöhe gerettet. Und das ist die Folge von Selbstzufriedenheit und Arroganz ihrer Unternehmenslenker. Nicht selten gepaart mit der Unfähigkeit, zukünftige Stressszenarien zu antizipieren und vor allem auch ernst zu nehmen.

Und auch Infektionsrisiken und Pandemien bereiten Wissenschaftlern sowie weitsichtigen Risikomanagern seit vielen Jahren schlaflose Nächte. In renommierten Fachzeitschriften, wie etwa Nature, Science und Nature Reviews Microbiology, wurden Studienergebnisse über die Risiken einer globalen Epidemie veröffentlicht, die beispielsweise durch Coronaviren verursacht werden können. "Der Ausbruch von Wuhan war kein Zufall", so Ralph Baric, Virologe an der University of North Carolina in Chapel Hill. Oder anders formuliert: Die Epidemie war geradezu unvermeidbar. Der exzellente Statistiker und Professor für Internationale Gesundheit, Hans Rosling, hat bereits vor vielen Jahren auf die fünf globalen Risiken hingewiesen, die uns beunruhigen sollten. Als Top-1-Risiko beschreibt er in seinem Buch "Factfulness" das Risiko einer globalen Pandemie. Und an dieser Stelle sei zur Versachlichung der Diskussion darauf hingewiesen, dass das Virus Sars-Cov-2 zu den RNA-Viren (Erbmaterial besteht aus Ribonukleinsäure, ribonucleic acid) zählt, die nicht so stabil sind wie jene Viren, deren Erbgut aus DNA besteht. Potenzielle neue und wirklich kritische Pandemieviren töten 30 bis 50 Prozent ihrer Opfer, so Dirk Pfeifer, Epidemiologe und Professor an der City University of Hong Kong in einem Interview, das in der Fachzeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" veröffentlicht wurde. Im Jahr 2006 (!) haben wir auf RiskNET den Artikel "Risiken einer Pandemie werden unterschätzt" veröffentlicht, der auf die massiven Risiken einer globalen Pandemie und die Notwendigkeit entsprechender Notfallpläne hinweist ("Unternehmen müssen sich durch Business-Continuity-Pläne einen individuellen Rahmen schaffen, statt sich auf allgemeine staatliche Abwehrpläne, die für die Unternehmensrisiken nicht ausreichend sein können, oder auf die Herstellung von unerprobten Impfstoffen und Medikamenten zu verlassen.")

Seit vielen Jahrzehnten diskutieren wir mit Unternehmenslenkern immer wieder die Szenarien einer Pandemie oder auch geopolitischer Konflikte und deren Auswirkungen auf die globalisierten Wertschöpfungsnetze. Statt die "Supply Chains" resilienter zu machen, wurden hingegen die Systeme eher noch komplexer und fragiler (etwa durch Single Sourcing).

Was lernen wir daraus? Wir sollten zukünftig besser zuhören und potenziellen Kassandra-Szenarien eine größere Aufmerksamkeit widmen. Statt den "Kopf in den Sand zu stecken", sollten wir präventive und reaktive Maßnahmen definieren, damit wir beim Eintritt des Kassandra-Szenarios nicht völlig überrascht und ohne Notfallpläne und Strategien dastehen. Ein möglicher Ansatzpunkt hierfür bieten die Bow-Tie Analyse sowie Simulationsmethoden (etwa die deterministische/klassische Szenarioanalyse oder System Dynamics sowie stochastische Analysemodelle).

Mit fundierten Daten und Methoden arbeiten

Das Aufzeigen potenzieller Kassandra-Szenarien bedingt, dass wir sauber und methodisch fundiert sowohl mit Daten als auch mit Methoden arbeiten. Hier zeigen das aktuelle Krisenmanagement und vor allem die Krisenkommunikation in vielen Bereichen Defizite.

So weist das Robert Koch-Institut (RKI) darauf hin, dass es sich bei der aktuellen Risikobewertung um eine deskriptive und qualitative Beschreibung handelt. Als Begründung wird aufgeführt, dass für die verwendeten Begriffe "gering", "mäßig", "hoch" oder "sehr hoch" keine quantitativen Werte für Eintrittswahrscheinlichkeit oder Schadensausmaß zugrunde liegen.

Exakt hier beginnt das Problem, vor dem wir aktuell stehen. Die Politik trifft Entscheidungen basierend auf Informationen, die weder bekannt, noch verlässlich sind. Die Krux: Bei Epidemien und Pandemien handelt es sich um ein komplexes und dynamisches System, in dem es zu ständigen Rückkoppelungen kommt. Doch unser Denken (das belegen auch die oben zitierten Ausführungen des RKI) basiert auf einfachen Ursache-Wirkungsbeziehungen und vermeidet weitgehend die Auseinandersetzung mit komplexen Vernetzungen und Wechselwirkungen, die durch die zunehmende technische und gesellschaftliche Vernetzung entstehen. Aktuelle (komplexe) Herausforderungen werden oft stark vereinfacht und in Einzelthemen zerlegt, um sie mit den bisherigen Verfahren analysieren und bearbeiten zu können. Die Risiken eines komplexen Systems können nicht qualitativ mit "gering", "mäßig", "hoch" oder "sehr hoch" bewertet werden.

Was lernen wir daraus? Das SD-basierte Simulationsmodell: Komplexe Systeme sind durch einen hohen Grad an Unsicherheit gekennzeichnet. Dies ist für Risikomanager nichts Neues. Daher werden in der Praxis Methoden angewendet, die mit diesem hohen Grad an Unsicherheit umgehen können. Insbesondere quantitative Simulationsmethoden, etwa System Dynamics (SD) sowie stochastische Szenarioanalyse sind ideal geeignet, um das Verhalten komplexer Systeme zu analysieren und daraus fundierte Handlungsalternativen abzuleiten. Die Ergebnisse der Simulation komplexer Systeme liefern neue und wichtige Erkenntnisse, da unser Gehirn die Wirkungsmechanismen und Rückkopplungsschleifen in komplexen Systemen nicht verstehen kann.

So haben wir bereits vor Wochen ein SD-basiertes Simulationsmodell entwickelt, um potenzielle Szenarien und Strategien resultierend aus dem komplexen Pandemie-Gesamtsystems zu simulieren. Die aktuelle Risikokommunikation im Zusammenhang mit der Pandemie liefert uns viele Beispiele für die Inkompetenz vieler "Experten" beim Thema Stochastik sowie im Umgang mit Unsicherheit (und damit einer Anmaßung von Wissen).

Ähnlich wie in einem Flugsimulator für Piloten bieten Simulationsmodelle basierend auf stochastischen Methoden oder System Dynamics einen Weg, dynamische Verflechtungen mit positiven (reinforcing loops) und negativen (balancing loops) Wirkungsketten zu simulieren und zu verstehen. Wichtig hierbei ist auch, dass das Lernen über komplexe dynamische Systeme nicht nur mathematische Modelle benötigt, sondern einen interdisziplinären (!) Diskurs. Hierzu gehören Virologen, Epidemiologen, Soziologen, Psychologen, Ökonomen, Mathematiker, Risikomanager und viele andere Experten.

Die Wahrheit ist: Je mehr wir über komplexe Zusammenhänge wissen, desto häufiger entdecken wir stochastische Wirkungen. Potenzielle Risiken können in der Regel nur über Bandbreiten bzw. statistischer Verteilungsfunktionen, d.h. mit Hilfe der Stochastik, beschrieben werden. Die Ausführungen des RKI auf deren Webseite zu der Nichtberechnung von Eintrittswahrscheinlichkeit oder Schadensausmaß zeigt vor allem, dass Stochastik nicht verstanden wird. Denn auch wenn quantitative Daten existieren würden, lassen sich komplexe Systeme nicht mithilfe einer Bernoulli- bzw. Binomialverteilung beschreiben. Im Gegensatz dazu lassen sich Pandemieszenarien – die über einen hohen Grad an Unsicherheit verfügen – sehr gut über schwankungsorientierte Verteilungsfunktionen beschreiben (oder eben auch mit SD-Modellen).

Außerdem präsentiert die aktuelle Diskussion um Covid-19 die Unfähigkeit exponentielle Entwicklungen in komplexen Systemen zu verstehen. Komplexe Systeme, bei denen es permanent zu einem Austausch, zu Rückkoppelungen und Veränderungen kommt, können mit vielen klassischen und deterministischen Werkzeugen nur beschränkt beschrieben werden. In vernetzten Systemen steigt die Möglichkeit der Wechselwirkungen exponentiell an, womit die Steuerbarkeit drastisch sinkt.

Übrigens ist der Kollaps – nach einem exponentiellen Anstieg – in komplexen Systemen kein Fehler, sondern ganz im Gegenteil, ein Designmerkmal: Damit wird in der Natur eine periodische Erneuerung und Anpassung sichergestellt.

Wenn ich keine Daten habe, dann helfen mir Stichproben

Aus der Perspektive eines Risikomanagers ist es nicht nachvollziehbar, warum wir beispielsweise in Deutschland und in vielen anderen Ländern bis heute keine systematischen und repräsentativen SARS-CoV-2-Tests durchführen. Stichproben in ausgewählten Regionen würden uns viel belastbarere Aussagen über das Infektions- und das Todesfallrisiko durch das Coronavirus liefern – als die "Best Guess"-Ansätze aus Wissenschaft und Politik, mit denen wir täglich bombardiert werden. Und die nur zu mehr Unsicherheit und Angst führen.

Wenn wir als Risiko- oder Qualitätsmanager in der Praxis beispielsweise in einer großen Grundgesamtheit das Risiko von Rückrufen in Folge von Qualitätsschwankungen bewerten wollen, so verwenden wir eine repräsentative Stichprobe und legen diese als Basis etwa für eine stochastische Simulation des Gesamtsystems zugrunde. Die Ergebnisse sind fundiert und sachlich. Experten sollten aktuell ehrlich bleiben und transparent kommunizieren, dass weder die Anzahl der Infizierten bekannt ist, noch die Sterblichkeitsraten berechnet werden können. Hier geht es auch um ein Miss- und Nichtverständnis von Kausalität, beispielsweise bei den kommunizierten Zahlen aus Italien. Es geht um einen ehrlichen Umgang mit Unsicherheit.

Wie viele Menschen sind bereits immun gegenüber SARS-CoV-2? Beeinflusst eine Saisonalität den Verlauf der Epidemie? Wir wissen es nicht! Das RKI beschreibt in einem Papier beispielsweise das Szenario, dass ein Drittel der Bevölkerung bereits immun ist. Das Ergebnis eines solchen Szenarios: Die meisten Erkrankten treffen auf bereits immune Personen, so dass insgesamt deutlich weniger Menschen infiziert werden. Um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen, wäre es sinnvoll, dass wir repräsentative SARS-CoV-2-Tests durchführen. Nur dann lassen sich Maßnahmen fundiert belegen.

Was lernen wir daraus? Wir sollten bei der Bewertung von Risiken mit sauberen Daten und Methoden arbeiten (Datenethik und Datenkompetenz). Stochastische Aussagen sind dabei kein Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr die Stärke wissenschaftlicher Erkenntnis. Mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden der Stochastik können wir auch unsichere und scheinbar willkürliche Ereignisse und Prozesse sowie komplexe Systeme bewerten und beschreiben. Wenn uns Daten fehlen, sollten wir diese Daten in Form einer repräsentativen Stichprobe durch SARS-CoV-2-Tests generieren.

Wichtig: Das Gesamtsystem analysieren

Bei der Bewertung von Szenarien muss immer das Gesamtsystem mit seiner Dynamik und Komplexität betrachtet werden. Bevor ein Risikomanager Maßnahmen definiert, sollte er immer alle Wirkungen der Risiken auf das Gesamtsystem analysieren.
Definierte Maßnahmen bringen neue Risiken hervor, die es zu berücksichtigen gilt. So generieren wir aktuell eine große Anzahl neuer Risiken, die nicht bis in die letzte Konsequenz in einem Gesamtsystem analysiert wurden. Wer hat die ökonomischen und psychologischen Risiken antizipiert und bewertet? Maßnahmen müssen hinsichtlich ihrer Vor- und Nachteile immer abgewogen werden. Aktuell basieren viele der beschlossenen Maßnahmen auf einer äußerst schiefen oder auch eindimensionalen Wahrnehmung von Risiken. Die Corona-Krise zeigt vor allem auf, dass wir uns zu Tode ängstigen und wir den Tod nicht mehr als unvermeidlich wahrnehmen. Viele der definierten Maßnahmen der Politik basieren nicht auf Fakten (!), sondern auf einer schiefen Wahrnehmung von Risiken. Das Ergebnis sind massive Folgerisiken (Insolvenzen, Suizide, Totalüberwachung, Geldschwemme etc.), die durch eine eindimensionale Risikobewertung generiert werden.

Dies bedingt vor allem auch, dass wir die Wirkungen in einem komplexen Gesamtsystem interdisziplinär bewerten sollten. Virologen und Epidemiologen haben eine andere Risikowahrnehmung als ein Soziologe, Psychologe oder Wirtschaftswissenschaftler. Jeder "Experte" hat seine höchst individuelle Wahrnehmung von Risiken, die immer ein Konstrukt unser Sinne ist. Ein Laie bewertet Risiken basierend auf der Frage "Habe ich Angst?". Angst produziert neue Unsicherheit und noch mehr Angst. Yoda hat in Star Wars die Wirkungskette unmissverständlich aufgezeigt: "Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid."

Ein Risikomanager sollte die Risiken in einem komplexen System immer aus einer ganzheitlichen Perspektive analysieren und unterschiedliche Szenarien bewerten. Er vermeidet eine "Anmaßung von Wissen"! In der aktuellen Situation müssen wir vor allem die Grenzen des Unwissens erweitern. Wir sollten fundierte Methoden und Daten nutzen und uns von einem linearen Ursache-Wirkungsdenken verabschieden.

[ Bildquelle: Adobe Stock ]

Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion /24.03.2020 13:23
+++ Ende aller Freiheit und staatliche Panikmache +++

In einem Interview mit dem Handelsblatt zeigt sich der Ex-Deutschlandchef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, besorgt über die gesellschaftspolitischen Auswirkungen der Pandemie: "Der nahezu diskussionslose und mit dem zusätzlichen moralischen Zeigefinger implementierte kollektive Shutdown der Wirtschaft und des Sozialwesens macht mir mehr Angst als diese Virusinfektion."

Der ehemalige Assistenzarzt in der Herzchirurgie ist vor allem beunruhigt von der widerstandslosen Durchsetzung eines Shutdown einer demokratisch verfassten Gesellschaft: "Wer nur mit genug Führungsanspruch auftritt und seine Ideen lang genug als alternativlos postuliert, könnte das Land künftig in Geiselhaft nehmen und jedes Ziel durchboxen, das gerade opportun scheint."

Und auch die von der Politik kommunizierten Versprechen, dass wir das Ganze ohne erheblichen Wohlstandsverlust bewältigen könnten, "ist leider unseriös."

Sein Fazit: Die Folgen der Pandemie für die globale Wirtschaft sind riesig. Auf den Straßen können wir sie im Moment schon sehen – bald werden wir sie auf unseren Konten auch spüren. Corona macht erst Angst, dann arm. Dieser Virus schafft das, was die Amerikaner einen "life changing moment" nennen, so der Arzt und Investment-Profi.
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