Digitale Frontlinien

Wie Cyberangriffe und AI globale Risiken verschärfen


Digitale Frontlinien: Wie Cyberangriffe und AI globale Risiken verschärfen Studie

Der Global Risks Report 2026 beschreibt eine Welt in einem "Zeitalter des Wettbewerbs", in der geopolitische Spannungen, technologische Beschleunigung und gesellschaftliche Fragmentierung zusammenwirken. In diesem Umfeld nehmen Cyberrisiken und Risiken aus dem Einsatz von Artificial Intelligence (AI) eine zentrale Rolle ein. "Cyber insecurity" zählt im Zwei-Jahres-Horizont zu den am höchsten bewerteten technologischen Risiken (Platz 6), während "adverse outcomes of AI technologies" im Zehn-Jahres-Horizont zu den fünf gravierendsten globalen Risiken aufsteigen (vgl. Abb. 01).

Abb. 01: Globale Risikorankings – technologische Risiken (2- und 10-Jahres-Horizont) [Quelle: Global Risks Report 2026, S. 9]Abb. 01: Globale Risikorankings – technologische Risiken (2- und 10-Jahres-Horizont) [Quelle: Global Risks Report 2026, S. 9]

Die Rankings der Risiken verdeutlichen eine zeitliche Verschiebung: Während Cyberangriffe kurzfristig dominieren, entfalten AI-Risiken ihre volle Wirkung strukturell und langfristig. Der Bericht betont, dass technologische Risiken selten isoliert auftreten, sondern mit geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dynamiken interagieren. D.h. bei der Risikoanalyse sollten diese Interdependenzen zwischen "Cyber insecurity", Fehl- und Disinformation, gesellschaftlicher Polarisierung und Infrastrukturstörungen berücksichtigt werden. Die Interconnections Map (vgl. Abb. 02) liefert die Basis für die Aggregation der einzelnen Risikoszenarien zu einem Gesamtbild.

Abb. 02: Interconnections Map – Verknüpfung von Cyber insecurity mit anderen Risiken [Quelle: Global Risks Report 2026, S. 11]Abb. 02: Interconnections Map – Verknüpfung von Cyber insecurity mit anderen Risiken [Quelle: Global Risks Report 2026, S. 11]

Cyberrisiken als systemische Bedrohung

Cyberangriffe betreffen längst nicht mehr nur einzelne Organisationen, sondern ganze Versorgungs- und Kommunikationssysteme. Der Report verweist auf die steigende Verwundbarkeit kritischer Infrastrukturen wie Energieversorgung, Verkehr, Gesundheitswesen und Finanzsysteme. Digitale Abhängigkeiten führen dazu, dass lokale Störungen globale Auswirkungen entfalten können, insbesondere wenn Cloud-Infrastrukturen oder zentrale Softwareplattformen betroffen sind (vgl. Abb. 03).

Abb. 03: Interkonnektivität zwischen Risikoszenarien [Quelle: Global Risks Report 2026, S. 55]Abb. 03: Interkonnektivität zwischen Risikoszenarien [Quelle: Global Risks Report 2026, S. 55]

Besonders herausfordernd für ein präventives Risikomanagement ist die zunehmende Professionalisierung cyberkrimineller Gruppen sowie die mögliche staatliche Unterstützung solcher Aktivitäten im Kontext geopolitischer Konflikte. Angriffe werden gezielter, persistenter und strategischer eingesetzt. "Cyber insecurity" wird damit zu einem Instrument geoökonomischer und geopolitischer Machtprojektion.

Cyberrisiken sind eng mit anderen globalen Risiken verknüpft. In der Interconnections Map erscheint "Cyber insecurity" als Knotenpunkt, der multiple Wirkpfade zu gesellschaftlicher Polarisierung, Desinformation, wirtschaftlichen Schocks und Infrastrukturstörungen aufweist (vgl. Abb. 02). Daraus ergeben sich Kaskadeneffekte, bei denen ein einzelner Vorfall mehrere Risikodimensionen gleichzeitig aktiviert.

Die Rolle von Artificial Intelligence in der Eskalation von Cyberbedrohungen

Artificial Intelligence wirkt als Beschleuniger bestehender Cyberbedrohungen. AI-gestützte Phishing-Kampagnen, Deepfakes, synthetische Identitäten und adaptive Malware senken die Eintrittsbarrieren für komplexe Angriffe und erhöhen deren Skalierbarkeit erheblich. Gleichzeitig erschwert AI die Attribution von Angriffen, was politische Reaktionen und Abschreckung schwächt.

Langfristig rücken "adverse outcomes of AI technologies" in den Vordergrund, da AI zunehmend in sicherheitsrelevanten, wirtschaftlichen und administrativen Kernprozessen eingesetzt wird. Fehlerhafte Modelle oder manipulierte Trainingsdaten können systematische Fehlentscheidungen verursachen, etwa in Kreditvergabe, Personalsteuerung oder medizinischer Diagnostik. Darüber hinaus entstehen neue Abhängigkeiten von proprietären Modellen, Cloud-Plattformen und spezialisierten Halbleitern. Diese Konzentration erhöht geopolitische Verwundbarkeiten und verstärkt den technologischen Wettbewerb zwischen Staaten.

Quantum Leaps: Quantencomputing als Verstärker digitaler Risiken

Das Kapitel "Quantum leaps"im Global Risks Report zeigt, dass Fortschritte im Quantencomputing erhebliche Auswirkungen auf Cyber- und Datensicherheit haben könnten. Besonders kritisch ist die potenzielle Gefährdung heutiger kryptografischer Verfahren, die Grundlage nahezu aller digitalen Sicherheitsarchitekturen sind.

Der Übergang zu quantensicherer Kryptografie erfordert globale Koordination und langfristige Migrationsprozesse. Verzögerungen könnten Zeitfenster eröffnen, in denen gespeicherte Daten nachträglich entschlüsselt werden ("harvest now, decrypt later"). In Kombination mit AI-gestützter Auswertung könnten so massive strategische Informationsvorteile entstehen.

Zugleich wird Quantenforschung Teil des geopolitischen Wettbewerbs. Investitionen, Exportkontrollen und sicherheitsrelevante Anwendungen verstärken die Technologiewaffenisierung auch in diesem Bereich.

AI at large: Gesellschaftliche und sicherheitspolitische Langzeitfolgen

Im Kapitel "AI at large" analysiert der Global Risks Report die langfristigen Effekte einer umfassenden AI-Durchdringung von Wirtschaft, Verwaltung und Militär. Neben Produktivitätsgewinnen werden Risiken für Arbeitsmärkte, Qualifikationsprofile und Einkommensverteilung hervorgehoben. Die adversen Wirkungen von AI-Technologien sind in Abb. 04 skizziert.

Abb. 04: Adverse Wirkungen von AI-Technologien [Quelle: Global Risks Report 2026, S. 64]Abb. 04: Adverse Wirkungen von AI-Technologien [Quelle: Global Risks Report 2026, S. 64]

Sicherheitspolitisch wird AI als Multiplikator militärischer Fähigkeiten betrachtet, etwa durch autonome Waffensysteme, Entscheidungsunterstützung in Echtzeit und automatisierte Zielerkennung. Der Report warnt vor einer Senkung der Eskalationsschwelle, wenn Entscheidungen zunehmend algorithmisch vorbereitet werden.

Auch im zivilen Bereich kann die starke Automatisierung kritischer Funktionen die Resilienz von Gesellschaften schwächen. Systemfehler oder gezielte Manipulationen könnten dann großflächige Auswirkungen entfalten.

Zweckentfremdung ziviler Technik und geopolitischer Wettbewerb

Der Report beschreibt eine zunehmende gezielte Nutzung ziviler oder kommerzieller Technologien als Mittel strategischer Macht, Erpressung oder Schadenszufügung in geopolitischen, wirtschaftlichen oder militärischen Konflikten (Weaponization of Technology). Exportkontrollen, Software-Sanktionen, Cyberoperationen und Kontrolle über Lieferketten werden strategisch genutzt, um geopolitische Vorteile zu sichern.

In einem multipolaren System ohne starke multilaterale Regeln steigt das Risiko, dass technologische Abhängigkeiten gezielt instrumentalisiert werden. Cyberangriffe auf Software-Updates oder Satelliteninfrastruktur können Teil strategischer Auseinandersetzungen werden, ohne formelle Kriegserklärungen auszulösen.

Governance-Defizite und Regulierungsdynamiken

Technologische Entwicklung verläuft schneller als politische Regulierung. Nationale Alleingänge bei AI-Gesetzgebung, Datenschutz und Cybersicherheit fragmentieren globale Standards. Gleichzeitig erschwert geopolitischer Wettbewerb die Etablierung internationaler Normen für Cyber- und AI-Einsatz.

Fehlende Transparenz, proprietäre Modelle und unklare Haftungsregeln erhöhen systemische Risiken, so der Report. Sicherheitsanreize geraten in Konflikt mit wirtschaftlichen und strategischen Interessen.

Kaskadeneffekte in kritischen Infrastrukturen

Die Kombination aus Cyberangriffen, AI-gesteuerten Steuerungssystemen und perspektivisch quantenunterstützten Angriffen erhöht die Gefahr nichtlinearer Schadensverläufe. Ein einzelner Angriffspunkt kann ganze Versorgungsnetze destabilisieren.
Ein reales Beispiel dafür ist der Ransomware-Angriff auf den US-Pipelinebetreiber Colonial Pipeline im Jahr 2021, bei dem nicht die industrielle Steuerung selbst, sondern die IT-Abrechnungssysteme kompromittiert wurden. Aus Vorsicht wurde der gesamte Pipelinebetrieb abgeschaltet, was zu regionalen Treibstoffengpässen, Hamsterkäufen und Preissteigerungen führte. In einem stärker automatisierten Umfeld könnten AI-basierte Optimierungssysteme solche Abschaltungen selbstständig auslösen oder verstärken, während künftig leistungsfähigere Rechenverfahren – etwa aus dem Quantenumfeld – die Entschlüsselung erbeuteter Daten und die Analyse komplexer Netztopologien weiter beschleunigen würden. Damit wird aus einem punktuellen IT-Vorfall ein sektorübergreifender Versorgungsschock.

Was bedeutet dies für die Risikobewertung und -steuerung in Organisationen? AI-basierte Effizienzoptimierung reduziert häufig Redundanzen und damit die Robustheit gegenüber Störungen. Der Global Risks Report betont daher, dass Effizienzgewinne ohne parallele Investitionen in Resilienz die Verwundbarkeit komplexer Systeme erhöhen.

Fazit und Ausblick: Strategische Implikationen für Risikomanagement

Cyber-, AI- und Quantenrisiken erfordern einen integrierten Ansatz im Risikomanagement. Klassische und qualitative IT-Sicherheitsstrategien greifen zu kurz, wenn Angriffe geopolitisch motiviert und systemisch wirksam sind. Notwendig sind Szenarioanalysen, die technologische, gesellschaftliche und geopolitische Faktoren gemeinsam berücksichtigen. Resilienz gewinnt gegenüber reiner Prävention an Bedeutung: Wiederherstellungsfähigkeit, manuelle Fallback-Systeme, redundante Kommunikationskanäle und internationale Koordinationsmechanismen werden zu zentralen Schutzfaktoren.

Der Global Risks Report 2026 positioniert Cyberrisiken, Artificial Intelligence und Quantenentwicklungen als zentrale Treiber systemischer Instabilität. Kurzfristig dominieren Cyberangriffe und Desinformation, langfristig rücken strukturelle Risiken durch umfassende Integration von AI und potenziell disruptive Quantentechnologien in den Vordergrund. In einem Umfeld geopolitischer Konkurrenz verstärken sich diese Risiken gegenseitig und erhöhen die Wahrscheinlichkeit globaler Kaskadeneffekte.

 

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
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