Was Banken vom Darts über Risk Governance lernen können

Präzision unter Druck


Präzision unter Druck: Was Banken vom Darts über Risk Governance lernen können Kolumne

Volatile Märkte, geopolitische Verwerfungen und zunehmende regulatorische Anforderungen – etwa durch MaRisk, DORA und KI-Verordnung – erhöhen den Entscheidungsdruck auf Banken. In diesem Umfeld entscheidet nicht allein analytische Kapazität über den Erfolg, sondern die strategische Qualität der Risk Governance. Wer die Präzisionsprinzipien des Darts auf die Gesamtbanksteuerung überträgt, gewinnt Ruhe und Übersicht für fundierte Entscheidungen.

Die Gesamtbanksteuerung gleicht heute der Bühne eines professionellen Dart-Turniers: Der Druck ist hoch, und schon kleine Fehlwürfe können erhebliche Folgen für das Ergebnis nach sich ziehen. Ob Nachhaltigkeitsfaktoren, die operative Resilienz unter dem Digital Operational Resilience Act (DORA) oder abrupte Zinswenden – Banken benötigen heute mehr als funktionsfähige Modelle und isolierte Risikokennzahlen, um adäquat auf die rasanten Veränderungen in ihrem Marktumfeld reagieren zu können. Dafür bedarf es einer Risk Governance, die als strategisches Bindeglied zwischen Corporate Governance und operativem Risikomanagement agiert. Sie integriert die Interessen relevanter Stakeholder – von Eigentümern über Kunden bis zu Aufsichtsbehörden – in die strategische Risikosteuerung. Der Mehrwert für die Geschäftsleitung liegt nicht in einer formalen Übersteuerung durch zusätzliche Regeln, sondern in höherer Entscheidungsqualität, geringerer Ergebnisvolatilität und größerer Handlungssicherheit unter Stress. Mithilfe der zentralen Elemente aus dem Darts lässt sich anschaulich illustrieren, wie die Brückenfunktion der Risk Governance praktisch wirkt.

Das Oche: Die regulatorische Wurflinie

Im Darts bezeichnet das "Oche" die exakte Wurflinie und damit die vorgeschriebene Position für den Abwurf. In der Gesamtbanksteuerung symbolisiert es das gesetzliche und aufsichtsrechtliche Fundament, auf dessen Basis strategische Entscheidungen getroffen werden müssen – von den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) und der Kapitaladäquanzverordnung (CRR) bis hin zu sektorübergreifenden Regulierungen wie der Verordnung über künstliche Intelligenz (KI-Verordnung). Hierauf aufbauend verbindet die Risk Governance die normativen Mindeststandards mit der strategischen Ausrichtung des Geschäftsmodells. Dabei integriert sie die Interessen relevanter Stakeholder und bindet die langfristige Risikotragfähigkeit in konsistente Entscheidungslogiken ein.

Ein Übertreten des Oche führt zur Ungültigkeit des Wurfs und stellt in der Gesamtbanksteuerung den Bruch regulatorischer Anforderungen dar. Dies führt zwar nicht unmittelbar zum Lizenzentzug, entwertet die strategische Leistung jedoch massiv: Sanktionen, SREP-Zuschläge oder Reputationsverluste mindern den erzielten "Score" drastisch, sodass eine nachhaltige Stärkung der ökonomischen Substanz ausbleibt. Die Herausforderung besteht darin, regulatorische Konformität sicherzustellen, während die Akteure – von der Geschäftsleitung über den Vertrieb bis hin zur Treasury – durch Innovation ihre Wurftechnik am Oche variieren. Die Risk Governance definiert konzeptionelle Vorgaben für Steuerungslogiken und Risikomodelle, sodass strategische Entscheidungen konsistent und fundiert getroffen werden können.

Das Board: Segmentierung der Ertrags- und Risikofelder

Die Triple-Segmente im Dartboard versprechen hohe Scores, sind jedoch besonders präzisionskritisch. Schon geringe Abweichungen können dazu führen, dass Würfe in angrenzende Low-Score-Segmente abgleiten – wie von der Triple-20 in die Felder 1 oder 5. Übertragen auf die Gesamtbanksteuerung symbolisieren diese Segmente Geschäftsfelder, die mit hohem Ertragspotenzial, aber geringer Fehlertoleranz verbunden sind. Dies betrifft etwa die Fristentransformation bei inversen Zinskurven sowie die Ausweitung des Kreditvolumens in volatilen oder konjunktursensiblen Marktsegmenten. Um diese Präzision zu sichern, adressiert die Risk Governance gezielt die Bestimmung von Modellrisiken. Sie etabliert ein robustes Modellrisikomanagement, das die methodische Streuung (Varianz) interner Systeme bewertet.

Modellrisiken beschränken sich nicht auf statistische Unsicherheiten oder Schätzfehler. Sie umfassen vor allem konzeptionelle Fehlannahmen und blinde Flecken in der Abbildung des Geschäftsmodells – etwa bei der Einschätzung von Kundenreaktionen auf Marktveränderungen – sowie falsche Anreizwirkungen, die aus der Anwendung der Modelle entstehen können. Eine strategisch konsistente Ausrichtung auf die gewählten Ertragsfelder im Vertrieb und der Treasury setzt voraus, dass die Präzision der Modelle die Ertragserwartungen und Risiken zuverlässig widerspiegelt. Liegt die methodische Unsicherheit eines Modells über einer kritischen Schwelle, kann die Ausrichtung auf ertragsmaximale Segmente – analog zur Triple-20 – eher zu erhöhter Ergebnisvolatilität führen als zu einer Optimierung.

Eine vorausschauende Risk Governance bewertet daher kontinuierlich die Balance zwischen der Präzision von Risikomodellen und ihrer strategischen Robustheit. Ist die Streuung der Modelle zu hoch, erfolgt der bewusste Wechsel auf stabilere Zielsegmente – vergleichbar mit dem Wechsel auf die Triple-19, die durch "gutmütigere" Nachbarfelder das Risiko massiver Score-Verluste bei Abweichungen minimiert. Diese strategische Entscheidung sichert eine krisenfeste Entwicklung des Gesamtergebnisses.

Neben der Festlegung strategischer Zielsegmente sorgt die Risk Governance auch für die Integrität des Gesamtsystems. "Bouncer" – also Abpraller der Pfeile – symbolisieren hierbei operationelle Risiken. Im Bankkontext sind diese in den meisten Fällen keine Zufälle, sondern Resultate mangelhafter Prozessqualität, unklarer Verantwortlichkeiten oder instabiler IT-Strukturen.

Vergleichbar ist dies mit einem Bouncer, der entsteht, wenn der Pfeil auf eine beschädigte Drahtspinne trifft oder auf ein bereits voll besetztes Segment gezielt wird. Die Risk Governance adressiert solche Risiken antizipativ, indem sie Anforderungen an operative Resilienz, Systemstabilität (DORA) und Anpassungsfähigkeit definiert, um die Ursachen von Bouncern systemisch zu minimieren. Ziel ist es, die Qualität der Gesamtbanksteuerung so zu erhöhen, dass jeder strategische Wurf sicher im Board stecken bleibt und zur Wertschöpfung beiträgt.

Das Training: Methodenentwicklung und Innovation für Risikopräzision

Im Darts üben Profis nicht nur ihre Wurftechnik, sie analysieren auch systematisch ihre Treffer und entwickeln neue Strategien. Übertragen auf die Gesamtbanksteuerung liefert die Risk Governance hier ihren Beitrag durch die kontinuierliche Weiterentwicklung des Risikoinventars und des Risikoappetit-Frameworks sowie die Validierung bestehender Modelle. Sie sorgt dafür, dass methodische Fortschritte, neue analytische Ansätze und innovative Modelle kontinuierlich evaluiert werden. Dazu gehört die Integration von KI-basierten Analysen oder die Anpassung von Stresstests an sich verändernde Marktbedingungen. Diese Weiterentwicklung erfolgt stets im Abgleich mit der Strategie und den Stakeholdererwartungen.

Auf diese Weise wird die Risk Governance zum lernenden System einer zukunftsorientierten Gesamtbanksteuerung, statt sich ausschließlich auf vergangene Erfahrungen zu stützen. So werden Risikosteuerung und Entscheidungsprozesse kontinuierlich verbessert und die Bank proaktiv auf neue Herausforderungen vorbereitet.

Der Checkout: Strategische Steuerung unter Stress

Verfehlt ein Pfeil das anvisierte Ziel, berechnen die Dart-Profis unmittelbar die verbleibende Punktzahl und passen die optimale Abfolge ihrer Würfe zum Checkout an. Entsprechend unterstützt die Risk Governance diesen Checkout-Pfad durch dynamische Szenarioanalysen sowie qualifizierte Beratung der Geschäftsleitung. Die entscheidende Frage lautet: Erhalten wir relevante Informationen schnell genug, um die erfolgreiche Krisenbewältigung einzuleiten? Der Checkout steht dabei nicht nur für akute Krisen, sondern für die Fähigkeit, jederzeit tragfähige Entscheidungssequenzen abzuleiten und bei Abweichungen systematisch nachzusteuern.

In Stress- und Krisensituationen fungiert die Risk Governance als analytischer Rahmengeber. Sie sichert die strategische Handlungsfähigkeit der Geschäftsleitung, stärkt die organisationale Resilienz und stellt durch gezielte Beratung sowie dynamische Entscheidungsoptionen sicher, dass Entscheidungen auch unter hohem Druck fundiert getroffen werden können. Dabei gibt sie den Rahmen vor und unterstützt methodisch sowie analytisch, ohne die operative Verantwortung zu übernehmen – die Spieler stehen weiterhin selbst am Oche.

Darüber hinaus definiert sie belastbare Eskalationsmechanismen, die Entscheidungswege, Verantwortlichkeiten und Informationspflichten unter Stress eindeutig regeln. Dies verhindert das im Sport gefürchtete "Choking under pressure" – das Versagen routinierter Abläufe unter Stress – und befähigt die Geschäftsleitung zu rationalen Entscheidungen. Gleichzeitig integriert sie die wesentlichen Risikoarten, die aufgrund ihrer Volatilität und Hebelwirkung den Checkout-Pfad maßgeblich beeinflussen können. Damit stellt die Risk Governance sicher, dass die strategischen Ziele und Stakeholderwartungen auch bei Marktturbulenzen nicht aus dem Blick geraten.

Souveränität am Oche: Die Architektur einer resilienten Gesamtbanksteuerung

Die Risk Governance stellt den festen Stand am regulatorischen Oche sicher, segmentiert das Board, fördert die Methodenentwicklung sowie Innovation für die Risikopräzision und unterstützt die Planung des Checkout durch die Bereitstellung von Rahmen, Szenarien und Entscheidungsoptionen. Sie ist Ausdruck einer organisationalen Fähigkeit, strategische Entscheidungen unter Unsicherheit konsequent am Geschäftsmodell und an den Erwartungen zentraler Stakeholder auszurichten. 

Letztlich liefert die Risk Governance einen Beitrag, um die regulatorische Pflicht in eine strategische Kür zu überführen. Sie fungiert als notwendiges Präzisionsinstrument für das Management, das weit über die isolierte Betrachtung von Modellrisiken hinausgreift und die gesamte strategische Steuerungslogik kohärent verzahnt. In einer Zeit der permanenten Polykrise ist dies ein entscheidender Faktor für den Erfolg einer Bank. Es gewinnt das Institut, das unter höchstem Druck die Ruhe bewahrt und die eigene Risikotragfähigkeit in mutiges sowie präzises Handeln übersetzt. Wer dieses System beherrscht, behält die volle Kontrolle über den Wurf und verwandelt Marktvolatilität in kalkulierbare Chancen.

Kompakt:

  • Die Risk Governance sichert den festen Stand am regulatorischen Oche als Voraussetzung für jede strategische Entscheidung.
  • Eine enge Verzahnung von Risikomodellierung und Geschäftsstrategie ermöglicht die gezielte Balance zwischen Ertragsstärke und strategischer Robustheit.
  • Dynamische Checkout-Pfade sichern die Handlungsfähigkeit der Geschäftsleitung auch unter hohem Stress.

Autoren:

Yanik Bröhl

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Lehrstuhl für Finanz- und Bankmanagement
Universität Siegen

Univ.-Prof. Dr. Arnd Wiedemann
Lehrstuhl für Finanz- und Bankmanagement
Universität Siegen

 

Literaturhinweis:

 

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
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