Pfadabhängigkeit bedeutet, dass frühere Entscheidungen den zukünftigen Handlungsspielraum massiv einschränken. Einmal eingeschlagene Wege lassen sich dadurch nur noch schwer oder gar nicht mehr korrigieren. Werden dabei kritische Kipppunkte überschritten, drohen dem System zudem unumkehrbare Veränderungen. Solche Prozesse verselbstständigen sich durch Rückkopplungen und machen eine Rückkehr zum Ursprungszustand (nahezu) unmöglich.
Um solche Kipppunkte zu vermeiden ist es für Entscheidungsträger geboten, sich frühzeitig mit den Dynamiken des eigenen Umfeldes vertraut zu machen und Pfadabhängigkeiten zu identifizieren. Diesem Thema wurde sich im Rahmen des 15. Forums "Zukunftsorientierte Steuerung" am 12.03.2026 gewidmet. Die Veranstaltung wird regelmäßig an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg ausgerichtet und dient dazu, Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Militär zu einem sektorübergreifenden Austausch zusammenzubringen. Veranstalter sind das betriebswirtschaftliche Institut der Universität Stuttgart, die Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften der Führungsakademie der Bundeswehr sowie Spitzner Consulting.
Zur Eröffnung der Veranstaltung verwies der stellvertretende Kommandeur der Führungsakademie, Brigadegeneral Thorsten Ilg, auf aktuelle Entwicklungen und deren Bedeutung. Die gegenwärtige Zeit sei geprägt von Krisen, neuen geopolitischen Kräfteverhältnissen sowie disruptiven Innovationen. Im Kontext dieser Entwicklungen sei ein intersektoraler Austausch unabdingbar. So könne man in einer von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägten Zeitgemeinsam Methoden diskutieren, um mit Pfadabhängigkeiten und Kipppunkten umzugehen.
Brigadegeneral Thorsten Ilg
Nach weiteren einführenden Worten zu der Veranstaltung von Prof. Dr. Andreas Größler, Prof. Dr. Maren Tomforde und Dr. Jan Spitzner hatten die Teilnehmer am Vormittag die Gelegenheit, eines von fünf parallel stattfinden Modulen zu unterschiedlichen Themen zu besuchen. Unter Anleitung von Experten aus der Praxis erhielten die Teilnehmer spannende Einblicke in unterschiedliche Themenfelder.
Navigation von Pfadabhängigkeiten mit Kipppunkten in einem dynamischen Umfeld – Natur als Vorbild, Bildung als Auftrag.
In seinem Workshop erörterte Prof. Dr. André Bresges vom Institut für Physikdidaktik der Universität zu Köln, dass das menschliche Gehirn gemäß der "Predictive Coding Theory" unter Unsicherheit gute Entscheidungen treffen kann. Konsequenz dieses Entscheidungsverhaltens sind verhaltensbeeinflussende Zukunftsvorhersagen. Prognosefehler können hier jedoch eine stressbedingte Anpassung erzeugen. Bei sehr starker Entwicklungsdynamik und einer Vielzahl an Ereignissen entsteht eine Vielzahl von Vorhersagefehlern, die zu Dauerstress, Angst und einem blockierten Entscheidungsraum führen. In dem Modul wurde aufgezeigt, wie sich dieser Zustand durch naturwissenschaftliches Arbeiten in vielseitig zusammengesetzten Teams, die gemeinsam Hypothesen entwickeln und deren Wirkungen messen, überwunden werden kann. Mithilfe von Planspielen und speziellen Methoden wie dem "Tree of Life" wurde im Rahmen des Moduls ein gesunder und nachhaltiger Arbeitsstil entwickelt.
Kipppunkt Ehrlichkeit – Die Kraft der Signale in Organisationen
Alexandra Eckert und Christian Stindt von Dohm, beide wissenschaftliche Mitarbeiter und Doktoranden am Institut für Controlling und Simulation an der Technischen Universität Hamburg, untersuchten in ihrem Modul, welche Entwicklungen Organisationen von einer ursprünglichen ehrlichen Grundtendenz hin zu Unehrlichkeit oder Betrug verleiten lassen. Hierfür griffen sie auf die Methodik der agentenbasierten Simulation zurück. Gemeinsam mit den Teilnehmern wurden Alltagssituationen reflektiert, um drohende Kipppunkte im kollektiven Werteverständnis frühzeitig zu erkennen. Dabei wurden die spezifischen Rollen des Einzelnen sowie die besondere Verantwortung von Führungskräften für der Prävention solcher Dynamiken diskutiert mit dem Ziel, Organisationen durch bewusstes Handeln und klare Signale widerstandsfähiger gegen unethisches Verhalten zu machen.
Kipppunkte der Transformation – vom Beharrungsvermögen zur Veränderungsbereitschaft
Organisationen stehen heute unter einem enormen Transformationsdruck. Verantwortlich hierfür sind Entwicklungen wie die Digitalisierung und die Dekarbonisierung. Dennoch verharren viele Organisationen trotz des erheblichen Handlungsbedarfes und aufgrund von Pfadabhängigkeiten in veralteten Strategien und Strukturen. Dieses Festhalten an suboptimalen Wegen wird meist durch "sunk costs", starre Anreizsysteme oder Koordinationsprobleme zwischen den Akteuren verursacht. In diesem Modul analysierte Prof. Dr. Dr. habil. Robert Rieg von der Hochschule Aalen anhand des Praxisbeispiels "Stranded Assets" jene Mechanismen, die notwendige Veränderungen blockieren. Zur Vermeidung dieser Blockaden wurden Kipppunkte mithilfe einer Kombination von Instrumenten aus dem Controlling, System Dynamics und der Spieltheorie identifiziert, um Umsteuerungen und Transformationen trotz der anreizbedingten Restriktionen zu gewährleisten.
KI-Lösung ohne Kollateralschaden entwickeln (Grundlagen einer Responsible AI)
Unsere Gesellschaft ist von zunehmenden Krisen, geopolitischen Spannungen und schwer steuerbaren Dynamiken geprägt. Künstliche Intelligenz wirkt in diesem Umfeld als technologischer Beschleuniger, der bestehenden Entwicklungen und Entscheidungsprozesse zusätzlich intensiviert. Angesichts dieser Komplexität rückt die Notwendigkeit von "Responsible AI" in den Fokus, um langfristig tragfähige Lösungen zu schaffen. Im Rahmen seines Moduls eröffnete Martin Talmeier vom Hasso-Plattner-Institut den Teilnehmern einen Denkraum zu einer erweiterten und fundierten Entscheidungsfindung unter Berücksichtigung von Verantwortungs- und Nachhaltigkeitsaspekten, sodass mögliche Wirkungen, Risiken und Rückkopplungen diesbezüglich abgebildet werden.
Predictive Risk Intelligence – AI als Seismograph für Unternehmensrisiken
Predictive Risk Intelligence beschreibt den Einsatz von AI zur frühzeitigen Erkennung, Bewertung und Einordnung von Unternehmensrisiken und die Ableitung von Handlungsempfehlungen zur Vermeidung von Schäden, Compliance-Verstößen oder strategischen Nachteilen. In ihrem Modul erläuterten Prof. Dr. Gabriele Wieczorek von der Hochschule Hamm-Lippstadt und Frank Romeike von RiskNET, wie Predictive Risk Intelligence durch die Verknüpfung interner und externe Daten die Governance und Risikosteuerung präziser und frühzeitiger unterstützt. Wichtig dabei sei die Tatsache, dass AI-gestützte Erkenntnisse die menschliche Expertise nicht ersetzen, sondern diese datenbasiert anreichern und erweitern. Zudem wurden kritische Faktoren wie Datenqualität, diverse Bias und regulatorische Anforderungen thematisiert, um die Resilienz von Unternehmen messbar zu steigern. Dies wurde anhand eines praxisnahen Beispiels aus dem Bereich Machine Learning (ML) zur Mustererkennung von Cyberrisiken – basierend auf Daten aus einer Incident-Datenbank – gemeinsam mit den Teilnehmern umgesetzt.
Der Nachmittag des 15. Forums Zukunftsorientierte Steuerung bestand aus vier spannenden Fachvorträgen, die unterschiedliche Perspektiven auf Kipppunkte & Pfadabhängigkeiten darstellten. So wurden unter anderem Implikationen auf die Thematiken aus politischer, wirtschaftlicher, militärischer und ökologischer Sicht erörtert.
In seinem Vortrag "Wie zukunftsorientiertes Regieren aussehen könnte" stellte Prof. Dr. Andre Bächtinger, Geschäftsführer des Instituts für Sozialwissenschaften an der Universität Stuttgart, eine empirische Analyse von Alternativszenarien vor, in denen vier politische Systemvarianten auf ihre Akzeptanz hin untersucht wurden, einerseits auf der Erde und andererseits in einem fiktiven Szenario auf dem Mars. Durch das Alternativszenario auf dem Mars konnte die Pfadabhängigkeit reduziert werden. So wurden in der Analyse vier Governance-Modelle – die repräsentative, die partizipatorische, die expertokratische Demokratie sowie das Konzept des "strongman leader" – auf ihre Akzeptanz in beiden Szenarien überprüft. Im Ergebnis konnte festgestellt werden, dass Bürger mehr gemischte Modelle, wie beispielsweise eine Kombination aus direkter und repräsentativer Demokratie, präferieren. Das Szenario des Mars akzentuierte dabei in den Ergebnissen die Trends auf der Erde.
In dem zweiten Vortrag "Warum ist das Management der Resilienz eine Führungsaufgabe?" erläuterte Prof. Dr. h. c. Gerhard Stahl die Notwendigkeit, Führungskräfte eines Unternehmens in den Prozess der Informationsgewinnung und Risikoabschätzung explizit miteinzubinden. Für die Versicherungsbranche wurde ein Ansatz eruiert, um zu starke regulatorisch bedingte Pfadabhängigkeiten zu reduzieren. Diese entstehen institutionell durch die rechtliche Einbindung der Branche in stark regulierte Geschäftsaktivitäten. Um diesen Effekten entgegenzuwirken bedarf es eines stärker auf Leadership basierten Ansatzes anstelle eines überdimensionierten Risikomanagements.
In seinem militärhistorischen Vortrag "Umkehrbarkeit von Entscheidungen im Krieg" erörterte Prof. Dr. Jörg Schimmelpfennig, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls der theoretischen und angewandten Mikroökonomik an der Ruhr-Universität Bochum sowie ehemaliger Senior Research Fellow am GIDS, dass der Ausgang militärischer Konflikte von Entscheidungen der jeweiligen Gegner abhängt und dadurch Krieg als Spiel im Sinne der Spieltheorie verstanden werden kann. Anhand historischer Seegefechte zeigte er auf, wie Pfadabhängigkeiten in der Seekriegsführung wirken und welche modelltheoretischen Ansätze zur de- und präskriptiven Darstellung verwendet werden können.
Zum Abschluss des Forums zeigte Frau Dr. habil. Stephanie Hänsel, Klimawissenschaftlerin beim Deutschen Wetterdienst, in ihrem Vortrag "Kipppunkte im Klimasystem" auf, welche Bedeutungen Kipppunkte in dem Klimasystem der Erde haben. Die einzelnen Kipppunkte, wie beispielsweise das Schmelzen der Eisschilde oder die atlantische Umwälzzirkulation, wurden intensiv diskutiert. Darauf aufbauend wurden Handlungsempfehlungen abgeleitet, die sich sowohl auf Klimaschutz als auch Klimaanpassung beziehen.
Die einzelnen Vorträge stellten ein fachspezifisch breites Spektrum unterschiedlicher Herangehensweisen, Analysemethoden und Handlungsleitlinien diverser Fachdisziplinen dar und bildeten eine abgerundete Veranstaltung. Um mit den Worten von Andreas Größler das Forum zu schließen: "Wir haben heute unser Wissen erweitert, jetzt müssen wir’s nur noch anwenden".




