Kolumne

Regulierung fördert Marsch der Lemminge

Investition in Know-how statt in Regulierung

Wolfgang Hartmann [FIRM]

Investition in Know-how statt in Regulierung - Regulierung fördert Marsch der Lemminge

Mitte April erschien in der "Welt" ein Artikel unter der Überschrift "Deutsche könnten bald für ihre Schulden bezahlt werden". Hierin wird Frank Kohler, Vorstand der Sparda Bank Berlin, zitiert: "Negativzinsen sind sowohl auf der Anlage- als auch auf der Kreditseite möglich." Ein Schlaraffenland für Baufinanzierer? Oder doch die Wurzel der nächsten Finanzmarktkrise?

Durch das "quantitative Easing"-Programm der EZB, die zunächst bis September 2016 monatlich im großen Stil Europäische Staatsanleihen aufkauft, wurden in der Tat die Zinsen deutscher Staatsanleihen auch für längere Laufzeiten temporär in den Minuszinsbereich gedrückt.

Schaut man sich aktuell in Vergleichsportalen die Zinsen für erststellige Baufinanzierungen an, so bieten die besten Anbieter derzeit für 5 Jahre fest Zinsen von 0,65 bis 0,8 Prozent, für 10 Jahre fest von 0,9 bis 1,1 Prozent und für 15 Jahre fest von 1,3 bis 1,6 Prozent an. Seit dem 2. Weltkrieg, das heißt seit 70 Jahren, sind die deutschen Zinsen somit auf einem "all time low" und viele Investments auf dem Immobilienmarkt erzielen dadurch bei ausreichender Fremdfinanzierung Traumrenditen. Banken, die noch ausreichend Bestände an Baufinanzierungen mit höherverzinslichen Zinsfestschreibungen in den Büchern haben, können sich glücklich schätzen. Aber diese Bestände schmelzen ab. Zinsen für Baufinanzierungen von über 6 Prozent waren nach dem Krieg in Deutschland die Regel und erreichten teilweise sogar über 11 Prozent. Wird uns das derzeitige "Schlaffenland" für Baufinanzierer noch lange erhalten bleiben und wo liegen die Gefahren für die Wirtschaft?

Ich muss dabei immer an die Lottogewinner denken, von denen viele nur deshalb pleite gegangen sind, weil sie viel Geld in die Hände bekommen und dadurch noch mehr ausgegeben haben. Aber es gibt auch genügend Beispiele aus Börsengängen, wo Unternehmen wenige Jahre später durch Fehlinvestments ihres Managements in die Pleite getrieben wurden.

Auch in Niedrigzinsphasen wird die Saat ausgebracht, die zum einen zu blühenden Feldern und damit zu Wohlstand, zum anderen aber auch zu wucherndem Gestrüpp führt, das später vom Markt erbarmungslos ausgerissen wird. Die Subprime-Krise in den USA, die weltweit im Jahr 2008 die Finanzmarktkrise auslöste und später in die Europäische Staatsschuldenkrise führte, war das Ergebnis niedriger Zinsen in den USA – kombiniert mit den neuen "value chains" des Investment-Banking. Die laxen Bonitätsstandards wurden in komplexen ABS-Papieren verpackt und zu Hauf an "dumme" Europäische Investoren, wozu auch viele Banken ohne ausreichendes Aktivgeschäft (beispielsweise die Landesbanken) gehörten, verkauft. Als die Blase im Zuge der ansteigenden Zinsen in den USA dann platzte und auf "Schrottimmobilien" basierte vermeintliche Triple-AAA-Papiere sich als wertlos erwiesen, brach das Vertrauen an den internationalen Finanzmärkten zusammen. Die Pleite von Lehman im September 2008 war nur der "Durchlauferhitzer" dieser Krise und nicht deren Auslöser!

Egal wie lange die derzeitige durchaus  als historisch zu wertende Niedrigzinsphase auch noch anhält und zu welchen Übertreibungen sie noch neigt, eines ist sicher: Die Zinsen werden früher oder später weltweit wieder ansteigen (in den USA wohl spätestens in 2016 mit heftiger Ausstrahlwirkung auf die Weltfinanzmärkte) und die Nachfrage nach Krediten (wer will schon eine Chance verpassen) kurzfristig sprunghaft ansteigen lassen.

Erfahrungsgemäß steigen die Zinsen von einem Tief bei Trendumkehr deshalb kurzfristig steil an. Und dieser steile Zinsanstieg wird die in der Niedrigzinsphase entstandenen "Asset Bubble" erneut schonungslos zum Platzen bringen, wo immer diese denn auf der Welt entstanden sein mögen.

Die Globalisierung der Finanzmärkte wird uns erneut alle an diesen Verwerfungen teilhaben lassen, es gibt kein Rückzugsgebiet mehr. Müssen wir uns dabei Sorgen um den vermögenden Investor machen, der in München am Englischen Garten zuvor eine Eigentumswohnung für 20.000 Euro pro qm gekauft hat? Sicher nicht, solche Vermögensverluste der "Reichen" tangieren die Wirtschaftsentwicklung kaum. Ihr Lebensstandard wird sich zudem kaum verändern. Gefährlich für die Konjunktur ist dagegen, wenn sich private und gewerbliche Immobilienmärkte zunächst stark überhitzen und dann in der Breite stark abgebremst werden. Denn durch die langen Planungsphasen an den Immobilienmärkten sind diese sehr anfällig für den so genannten "Schweinezyklus".

Dieser führt zu hohen Volatilitäten bei Preisen und dem Bauvolumen. Dann werden kreditfinanzierte Fehlinvestments schonungslos offen gelegt und die Banken, deren Kreditstandards versagten oder die einfach nur das Pech haben, in den falschen regionalen Märkten tätig gewesen zu sein, werden ebenso ins "Schlingern" geraten. Man kann nur hoffen, dass der Zinsanstieg bald kommt, denn sollte die Niedrigzinsphase noch lange anhalten, dann erodiert die Kostendeckung von kommerziellen Banken mit schwachem Aktivgeschäft beispielsweise bei einigen Sparkassen), aber auch Kapital-Lebensversicherer können ins Schlingern geraten.

Extreme Wettersituationen an den Kredit- und Kapitalmärkten erfordern Steuerleute, die auch im Sturm das Ruder fest in der Hand halten können und Kapitäne, die umschlagendes Wetter früh erkennen und zuvor die Segel für die richtige Route gesetzt haben. Dagegen brauchen wir dann sicher keine "Häkchenmacher", die akribisch die Erfüllung von Auflagen des neuen Basel-III-Regimes nachhalten und von denen nun so viele zu Amt und Würden gekommen sind.

Der Politik kann ich nur zurufen: Noch mehr Regulierung kostet viel Geld, entzieht dem Bankmanagement den Kundenfokus und harmonisiert bürokratisch den "Marsch der Lemminge". Aber niemals wird Regulierung die Volatilitäten aus den Finanzmärkten nehmen sowie Fehlsteuerungen und Pleiten von Banken verhindern können. Diese sind für unsere Wirtschaftsentwicklung zudem so wichtig (siehe Schumpeters Prozess der schöpferischen Zerstörung). Deshalb sollte sich die deutsche Politik sinnvollerweise auf die Aus- und Weiterbildung guter Risikomanager für die Finanzmärkte durch ihre Universitäten und Hochschulen konzentrieren und in gute Forschung investieren, die ein besseres Verständnis der Wirkungszusammenhänge an den Finanzmärkten schafft. Auch in der Breite unserer Bevölkerung ist das Wissen über das "Finanzwissen" unzureichend. Da bleibt noch sehr viel zu tun. Insofern bin ich sicher, dass FIRM von Jahr zu Jahr mehr gebraucht werden wird.

Autor:

Wolfgang Hartmann, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für Risikomanagement und Regulierung e. V., Frankfurt am Main.

[ Bildquelle: © xunantunich / Fotalia.com ]


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