Warum Ehrlichkeit jetzt überlebenswichtig ist

Die Energieversorgung am Limit


Die Energieversorgung am Limit: Warum Ehrlichkeit jetzt überlebenswichtig ist Kolumne

(Zu) viele Energiehändler und Einkäufer in der Industrie zogen aus vergangenen Krisen falsche Schlüsse. Sie bauten fest auf staatliche Rettungsschirme, doch die deutsche Regierung verweigert mittlerweile weitere Hilfen und überlässt die Unternehmen ihrem Schicksal. Die Zeche begleichen am Ende die Verbraucher. Die Höhe der Kosten richtet sich nun nach den weiteren Temperaturentwicklungen oder möglichen Ausfällen bei der Einfuhr. Diese Unsicherheiten werden die Preise an den Handelsplätzen nach oben treiben, während geopolitische Spannungen die Lage weiter verschärfen.

Große Verbraucher sowie Händler haben in den vergangenen Jahren eine Lektion gelernt: Spontane Käufe kosten weniger Geld als das Anlegen teurer Vorräte. Und als Backup gab es noch den staatlichen Schutzschirm. Diese Strategie ging bisher auf, weil glückliche Umstände und staatliche Geldspritzen den Markt stützten. Die deutsche Wirtschaftsministerin verweigert jetzt ihre Teilnahme an diesem Spiel und setzt auf einen riskanten Einsatz. Dieses Mal droht jedoch ein anderes Ergebnis, dessen Folgen jeden Einzelnen treffen werden. Scheitert der Plan, wofür es viele Anzeichen gibt, zahlen wieder die Bürger und die Wirtschaft die Zeche, denn auch der "staatliche" Handlungsspielraum ist mittlerweile sehr begrenzt. 

Denn die bloße Überwachung und reservierte Leitungskapazitäten sichern keine sofortige Ankunft des Brennstoffs. Erdgas fließt träge durch die Röhren, Druckänderungen beanspruchen Zeit und es besteht eine sehr hohe Importabhängigkeit. Selbst perfekte Buchungen helfen nichts, wenn die Moleküle nicht dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Die Bundesnetzagentur "überwacht engmaschig", doch Monitoring ersetzt keine Reserven – besonders nicht im verbrauchsintensiven Süden Deutschlands.

Kollektive Wiederholung alter Fehler

Erste Schwachstellen treten bereits deutlich hervor. Dicke Eisschichten bedecken die Ostsee und behindern die Schiffe beim Transport von Flüssigerdgas. In Norwegen steht ein Verdichter in 1.000 Meter Meerestiefe still, während die Vorräte in den niederländischen Erdgasspeichern in Kürze die 10-Prozent-Marke erreichen. Jede Störung erschüttert den Markt mit seinen geringen Reserven, auch wenn niedrige Preise aktuell Stabilität vortäuschen. Einzelne Unternehmen übertragen ihre Wagnisse aus rein rechnerischer Sicht auf Dritte. Volkswirtschaftlich betrachtet ist dieses Vorgehen ein sehr riskantes Spiel, bei dem die gesamte Gesellschaft ihren Wohlstand gefährdet.

Die aktuelle Situation erinnert an ein Duell zwischen zwei Kontrahenten, bei dem jeder auf die erste Bewegung des anderen lauert. Sobald ein Beteiligter den Abzug betätigt, und eine Person verletzt zu Boden sinkt, stellt sich die Frage nach der finanziellen Verantwortung. Solche riskanten Auseinandersetzungen bilden keine verlässliche Grundlage für die grundlegende Versorgung der Bürger oder einen stabilen Staatshaushalt.

Wir erleben eine kollektive Wiederholung alter Fehler. Wie vor der Finanzkrise hat sich eine Haltung eingeschlichen, Gewinne werden privatisiert, während Risiken und Verluste sozialisiert werden. Man vertraut darauf, dass es "irgendwie gutgeht" oder zur Not der Staat einspringt. Doch Energiesysteme funktionieren nicht nach Glück, sondern nach Physik, Logistik und Vertrauen. Sobald eines dieser Elemente bricht, kann das gesamte Gefüge kippen. Die volkswirtschaftlichen Kosten und die entsprechenden Risiken sind enorm. Doch wer trägt sie am Ende?

"Feuerlöschen mit Geld" ist keine Option

Besonders gefährlich: Ein offizielles Eingeständnis der Regierung über die kritische Lage würde die Märkte sofort in Unruhe versetzen, woraufhin eine Preisexplosion zu erwarten ist. Deshalb beschwichtigen die Verantwortlichen, solange sie Zeit gewinnen können. Der Mechanismus aus Verdrängung und politischer Angst blockiert jedoch jede echte Krisenvorsorge. Hinzu kommt ein verbreiteter Wunderglaube, dass die Politik ein komplexes Energiesystem durch administrative Maßnahmen oder finanzielle Hilfen stabilisieren könne. Dieses "Feuerlöschen mit Geld" klappt nur bei ausreichender Wirtschaftskraft, doch genau diese schwindet zusehends. Daher besteht die Gefahr, dass sich eine Energiekrise rasch zu einer Wirtschafts- und Finanzkrise ausweiten könnte. Ähnlich wie bei der Immobilienkrise in den Nullerjahren. Nur diesmal mit deutlich weniger Handlungsspielraum.

Ein weiterer Energiepreisschock würde zahlreiche Betriebe in den Ruin treiben und Lieferketten massiv belasten oder zum Ausfall bringen. Selbst vorübergehende Engpässe könnten Dominoeffekte auslösen, die weit über die Energieversorgung hinausreichen. Wir stehen auf einem Pulverfass und die verbleibenden Lösungen haben allesamt massive Nebenwirkungen. Die Symptome lassen sich vielleicht hinauszögern, die Krankheit selbst jedoch nicht mehr heilen.

Behörden und Politik bemühen sich weiterhin um Gelassenheit, doch die Wut der Bürger nimmt zu. Die Menschen beobachten besorgt, wie ihre Ersparnisse aufs Spiel gesetzt werden. Teure Energie trifft auf steigende Preise, schwindendes Vertrauen und gesellschaftliche Konflikte, was radikalen Kräften Zulauf verschafft. Diese Verbindung zu ignorieren, unterschätzt die Tragweite der Energiekrise. Die Kosten beeinflussen den Lebensstandard jedes Einzelnen und der Wirtschaft massiv. Davon hängen der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Zuversicht ab, mit der die Bevölkerung auf staatliches Handeln blickt – besonders mit Blick auf die anstehenden Wahltermine.

Ein Blick auf das Simulationstool von Marco Felsberger verdeutlicht die Dramatik. Bereits wenige Stellschrauben lassen das System spürbar schwanken. Die Wirklichkeit vereint deutlich mehr Einflüsse, was die Vorhersage erschwert. Diese Untersuchungen liefern keine punktgenaue Prognose, sondern schärfen den Blick für die Lage. Sie verdeutlicht, wie eng die Energieversorgung inzwischen am Limit operiert.

Schweigen aus Angst, Bequemlichkeit oder politischem Kalkül

Dass wir in diese prekäre Lage geraten sind, liegt zu einem großen Teil an Selbsttäuschung. Zu oft wurde weggesehen, schöngefärbt und gelobt, anstatt Schwächen ehrlich anzusprechen. Man versichert sich gegenseitig, alles im Griff zu haben, obwohl hinter den Kulissen längst klar ist, dass der Kaiser keine Kleider mehr trägt. Dieses Schweigen aus Angst, Bequemlichkeit oder politischem Kalkül ist vielleicht der gefährlichste Teil der Krise.

Wenn wir als Gesellschaft jetzt schon etwas daraus lernen können, dann, dass Ehrlichkeit und andere Meinungen keine Schwäche sind, sondern Voraussetzungen für Resilienz und rechtzeitige Anpassungsfähigkeit. Wir brauchen den Mut, das große Ganze klar zu betrachten und Widersprüchlichkeiten klar anzusprechen. In unsicheren und turbulenten Zeiten geht die größte Gefahr für die Gesellschaft von ideologisch motiviertem oder einfachem, linearem Denken und Handeln aus. Dabei werden wesentliche Zusammenhänge missachtet und die Illusion erzeugt, mit einfachen Antworten nachhaltige Lösungen schaffen zu können. Denn es gibt nicht die eine Wahrheit, und wer verhindert oder duldet, dass Risiken und Widersprüchlichkeiten offen benannt werden, trägt dazu bei, dass das Ganze im Chaos enden muss. Alle reden derzeit von Resilienz, blickt man jedoch hinter die Worthülse, bleibt meist wenig übrig. Wir alle sind daher mitverantwortlich, wie es nun weitergeht. Denn auch Dulden macht mitschuldig. 

Energieversorgung ist kein Glücksspiel

Wir müssen wieder klarmachen, dass unsere Energieversorgung kein Glücksspiel ist und diejenigen, die damit Gewinne erwirtschaften können, auch die Risiken zu tragen haben – und nicht der "Staat", wenn das Zocken schiefgeht. Wir brauchen bei der Energieversorgung wieder eine bessere und langfristig ausgelegte Governance, die derzeit nicht erkennbar ist und daher von uns allen eingefordert werden muss.

Das zunehmende Chaos im System löst oft ein Gefühl der Ohnmacht aus. Solche Gefühle sind normal, eröffnen aber gleichzeitig neue Möglichkeiten. Während Stillstand oder Angst schaden, stärkt eigenes Handeln das Vertrauen in die Zukunft. Den Grundstein dafür bildet die persönliche Vorsorge. Anstatt panisch Vorräte anzuhäufen, sollten Sie und Ihre Familie für jede Notlage so vorbereitet sein, dass Sie 14 Tage ohne externe Unterstützung gut überstehen können. Besonders die mentale Vorbereitung, dass es wohl turbulent werden kann, hilft Ihnen bereits, in einer tatsächlichen Krise die auftretende Ohnmacht rascher zu überwinden und handlungsfähig zu werden. 

Genauso stehen Betriebe in der Pflicht. Holen Sie Ihre BCM- und Krisenpläne aus den Schubladen. Testen Sie im kleinen Team, wie die Abläufe bei Energieengpässen oder blockierten Lieferwegen funktionieren. Bringen Sie Ihre Logistikketten, Lagerbestände und Notfallteams auf den neuesten Stand und motivieren Sie Ihre Mitarbeitenden zur Eigenvorsorge. Denn Sie sind Ihre wichtigste Ressource, um möglichst rasch wieder Stabilität herzustellen. Wer Krisen durchspielt und seine Reserven kennt, übersteht harte Phasen mit weniger Schaden. Wirkliche Resilienz beginnt genau hier!

Vorsorge ist kein Luxus, sondern eine zentrale Überlebensstrategie. Die Evolution ist dabei emotionslos und unbarmherzig und scheidet nichttaugliche Konzepte ohne große Verhandlungen aus. Vielleicht brauchen wir tatsächlich mehr künstliche Intelligenz, wenn unsere menschliche Intelligenz wieder einmal kollektive Blindheit zeigt – als Spiegel unserer eigenen Verantwortung.

Autor
Herbert Saurugg, MSc, ist ein international anerkannter Experte für Blackout- und Krisenvorsorge sowie der Präsident der Gesellschaft für Krisenvorsorge.

Herbert Saurugg, MSc, ist ein international anerkannter Experte für Blackout- und Krisenvorsorge sowie der Präsident der Gesellschaft für Krisenvorsorge. Der ehemalige Berufsoffizier beschäftigt sich seit 2011 intensiv mit der zunehmenden Komplexität und Verletzlichkeit unserer Gesellschaft und insbesondere mit dem Szenario eines möglichen überregionalen Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfalls ("Blackout"). Saurugg ist Autor zahlreicher Fachpublikationen und als Keynote-Speaker und Interviewpartner zu diesen Themen bekannt. Sein umfangreicher Fachblog ist eine wertvolle Ressource für Kommunen, Unternehmen und Organisationen, aber auch für Privatpersonen, die ihre Blackout-Vorsorge verbessern und krisenfit werden wollen. Mit seiner langjährigen Erfahrung und seinem fundierten Fachwissen unterstützt er aktiv bei der Entwicklung und Umsetzung von ganzheitlichen Lösungen zur Bewältigung von außergewöhnlichen Krisensituationen.

 

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
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