Frühwarnsignale aus 6.300 Unternehmensstimmen

Bürokratie frisst Resilienz


Bürokratie frisst Resilienz: Frühwarnsignale aus 6.300 Unternehmensstimmen Studie

Wenn Unternehmen Politik in Schulnoten übersetzen, entsteht mehr als ein Stimmungsbild: Es entsteht ein verdichteter Frühindikator für Standort- und Transformationsrisiken. In den ifo Konjunkturumfragen vom Januar 2026 bewerten rund 6.300 Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung mit einer Gesamtnote von 4,2 – klar im Bereich "ausreichend bis mangelhaft". Bemerkenswert ist nicht nur das Niveau, sondern die Breite der Kritik: Positive Ausreißer fehlen, die Noten für einzelne Politikfelder liegen eng zwischen 4,0 und 4,6. Für Risikomanager ist das relevant, weil es auf ein systemisches Problem hinweist: Unsicherheit wird nicht punktuell erlebt, sondern als übergreifende Rahmensetzung.

Eine Durchschnittsnote ist keine Risikokennzahl – sie wirkt aber wie ein Kompass. Denn politische Rahmenbedingungen schlagen selten als singuläres Ereignis zu; sie wirken über Investitionsanreize, Regulierungs- und Planungskosten, Arbeitsmarktregeln, Energiepreise oder Steuern in nahezu jede Wertschöpfungskette hinein. Die ifo-Daten zeigen eine "Flächenkritik": Selbst die vergleichsweise am besten bewerteten Bereiche – Finanzpolitik sowie Infrastruktur- und Digitalisierungspolitik – erreichen nur rund 4,0. Schlusslicht ist die Sozial- und Rentenpolitik (4,6). Aus Risikosicht bedeutet das: Unternehmen rechnen nicht mit einem einzelnen, gut adressierten Reformhebel, sondern mit einem Bündel von Reibungsverlusten, die sich in Summe auf Wachstum, Kostenbasis und Wettbewerbsfähigkeit auswirken.

Verteilung statt Mittelwert: Kritik ist breit getragen

Für Risikomanager ist die Streuung wichtiger als der Mittelwert. Die Verteilung der Gesamtnoten zeigt, dass sehr gute oder gute Bewertungen praktisch keine Rolle spielen: Die Anteile der Noten 1 und 2 liegen zusammen über alle Wirtschaftsbereiche hinweg jeweils unter 3 Prozent. Rund 24 Prozent vergeben eine 3, doch die Verteilung wird von 4 und 5 dominiert: knapp 40 Prozent entfallen auf die Note 4, weitere gut 25 Prozent auf die Note 5. Hinzu kommt ein relevanter Anteil der Note 6 (je nach Bereich rund 8–10 Prozent). Damit ist die Kritik nicht ein "Randphänomen", sondern Mainstream – und damit ein robuster Input für Szenariodesign (vgl. Abb. 01).

Abb. 01: Verteilung der Gesamtnoten nach Wirtschaftsbereichen – Schwerpunkt im Bereich 4 und 5 [Quelle: Wohlrabe (2026): Versetzungsgefährdet? Wie Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bewerten, in: ifo Institut, 2 | 2026, 5. Februar 2026, S. 3].Abb. 01: Verteilung der Gesamtnoten nach Wirtschaftsbereichen – Schwerpunkt im Bereich 4 und 5 [Quelle: Wohlrabe (2026): Versetzungsgefährdet? Wie Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bewerten, in: ifo Institut, 2 | 2026, 5. Februar 2026, S. 3].

Differenzierung ist vorhanden – aber ohne Ausreißer nach oben

Der Befund "alles schlecht" wäre analytisch wenig hilfreich. Interessant ist daher, dass Unternehmen durchaus differenzieren: Auf Unternehmensebene liegen die Korrelationen zwischen den Bewertungen einzelner Politikfelder zwischen 0,39 und 0,70. Am stärksten korrelieren Industriepolitik und Wettbewerbspolitik (0,70) – plausibel, weil beide Felder über Marktregeln, Förderlogik und Wettbewerbsbedingungen gemeinsam wirken. Die Infrastruktur- und Digitalisierungspolitik hängt vergleichsweise weniger stark mit anderen Bereichen zusammen und scheint eigenständiger bewertet zu werden. Die mediane Standardabweichung der vergebenen Noten über alle Politikbereiche liegt bei 0,76: also moderate Differenzierung, aber keine fundamentalen Unterschiede. Für Risikomanager ist das ein Hinweis, dass Maßnahmenpakete nicht isoliert betrachtet werden sollten: Risiken sind gekoppelt, aber nicht vollkommen synchron.

Branchenblick: Industrie und Dienste sind im Urteil erstaunlich nah beieinander

Auch der Branchenblick liefert keinen "Hoffnungsträger": Keine Branche sticht durch besonders positive Bewertungen hervor. In der Industrie reichen die Durchschnittsnoten ungefähr von 3,8 (Getränkeherstellung) bis etwa 4,4 (Metallerzeugung und -bearbeitung). Im Dienstleistungssektor liegen die Bestwerte ebenfalls nur bei rund 3,8–3,9 (Tourismus, Architektur- und Ingenieurbüros), während die Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften mit etwa 4,7 am unteren Ende liegt. Die begrenzte Spannweite ist ein Risikosignal: Standortfaktoren wirken branchenübergreifend – und reduzieren die Möglichkeit, Risiken durch reine Branchenallokation zu diversifizieren (vgl. Abb. 03 und Abb. 04).

Abb. 02: Notenverteilung nach Branchen (Industrie) – keine Branche erreicht gute Durchschnittswerte [Quelle: Wohlrabe (2026): Versetzungsgefährdet? Wie Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bewerten, in: ifo Institut, 2 | 2026, 5. Februar 2026, S. 4].Abb. 02: Notenverteilung nach Branchen (Industrie) – keine Branche erreicht gute Durchschnittswerte [Quelle: Wohlrabe (2026): Versetzungsgefährdet? Wie Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bewerten, in: ifo Institut, 2 | 2026, 5. Februar 2026, S. 4].

Abb. 03: Notenverteilung nach Branchen (Dienstleistungen) – Bestwerte bleiben im "3er"-Bereich [Quelle: Wohlrabe (2026): Versetzungsgefährdet? Wie Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bewerten, in: ifo Institut, 2 | 2026, 5. Februar 2026, S. 5].Abb. 03: Notenverteilung nach Branchen (Dienstleistungen) – Bestwerte bleiben im "3er"-Bereich [Quelle: Wohlrabe (2026): Versetzungsgefährdet? Wie Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bewerten, in: ifo Institut, 2 | 2026, 5. Februar 2026, S. 5].

Geschäftslage und Erwartungen: "Besser" heißt nicht "gut"

Die Umfrage zeigt einen erwartbaren Zusammenhang: Unternehmen mit guter Geschäftslage oder besseren Erwartungen benoten die Wirtschaftspolitik etwas günstiger – bleiben aber skeptisch. Bei guter Lage liegt die Gesamtnote im Mittel bei 3,9, bei schlechter Lage bei 4,5. Ähnlich sind die Unterschiede nach Erwartungslage. Für die Risikopraxis ist das ein wichtiger Filter: Stimmungsdaten sind nicht nur ein Spiegel der Politik, sondern auch der konjunkturellen Betroffenheit. Entsprechend sollten Risikomanager die Daten nicht als "objektives Urteil", sondern als robusten Indikator für Erwartungsbildung und Planungshorizonte lesen (vgl. Tab. 01).

Tab. 01: Durchschnittsnoten nach Geschäftslage und Erwartungen [Quelle: Wohlrabe (2026): Versetzungsgefährdet? Wie Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bewerten, in: ifo Institut, 2 | 2026, 5. Februar 2026, S. 2].Tab. 01: Durchschnittsnoten nach Geschäftslage und Erwartungen [Quelle: Wohlrabe (2026): Versetzungsgefährdet? Wie Unternehmen die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung bewerten, in: ifo Institut, 2 | 2026, 5. Februar 2026, S. 2].

Reformwünsche: Wo Unternehmen den größten Handlungsdruck sehen

Neben Noten ist für das Risikomanagement entscheidend, welche Treiber Unternehmen benennen. In einem Freitextfeld formulierten 4.068 Unternehmen ihre Prioritäten. Eine Keyword-Analyse gruppiert die Nennungen in sechs Reformfelder. Das Ergebnis ist eindeutig: Bürokratieabbau/Deregulierung steht mit 40,4 Prozent der Nennungen an erster Stelle. Es folgt Steuern und Abgaben mit 37,1 Prozent – hier reichen die Forderungen von Senkung bis Vereinfachung und schließen auch Reformen der Sozialversicherungssysteme ein. Arbeitsmarkt und Fachkräfte (24,6 Prozent) sowie Energiepolitik (23,3 Prozent) bilden das Mittelfeld. Investitionen/Standort/Infrastruktur werden von 21,3 Prozent genannt; Digitalisierung kommt mit 8,2 Prozent deutlich seltener vor. Wichtig: Die Anteile addieren sich über 100 Prozent, weil Unternehmen häufig mehrere Felder zugleich adressieren.

Fazit: Hoch relevanter Frühwarnindikator für die Politik

Die ifo-Befragung ist nicht nur eine Standortdiagnose aus Unternehmenssicht, sondern ein hoch relevanter Frühwarnindikator für politische Entscheidungsträger: Wo Erwartungen an Planbarkeit, Kosten- und Investitionssicherheit erodieren, folgen auf Worte rasch Taten. Unternehmen leiten aus solchen Rahmenbedingungen Maßnahmen ab – von Investitionsaufschub über Verlagerung einzelner Funktionen bis hin zur Stilllegung oder Schließung von Standorten. Damit wird aus "Stimmung" eine reale Risikoübertragung auf Beschäftigung, Wertschöpfung und fiskalische Tragfähigkeit.

Für die Politik ist das eine Warnlampe: Je stärker der Staat "plant" – im Sinne von kleinteiliger Vorgaben, wechselnder Regeln und hoher Transaktionskosten –, desto schwerer wird Planung für Unternehmen. Hayek formulierte diese Wirkung prägnant: 

"The more the state 'plans', the more difficult planning becomes for the individual."

[Friedrich A. von Hayek, The Road to Serfdom (1944), Kap. 6 ("Planning and the Rule of Law")]

Gerade die mittelständische Industrie ist für eine Volkswirtschaft mehr als ein Sektor unter vielen: Sie stabilisiert regionale Arbeitsmärkte, trägt über Export- und Innovationsleistung zu Produktivität und Technologiepfaden bei und bildet das Rückgrat vieler Zuliefer- und Kompetenznetzwerke. Wenn diese Basis unter Bürokratie, Belastungsdruck (Steuern/Abgaben) oder Unsicherheiten bei Energie, Arbeitsmarkt und Regulierung leidet, trifft das nicht nur einzelne Unternehmen – es verschiebt die Resilienz einer ganzen Volkswirtschaft.

Politik sollte die Ergebnisse daher als kritische Frühwarnindikatoren lesen – nicht defensiv, sondern steuernd: attraktive, verlässliche Rahmenbedingungen sind kein "Wunschkonzert" der Wirtschaft, sondern die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen, Ausbildung leisten und Transformation finanzieren können. Der Befund einer breiten "Flächenkritik" signalisiert, dass es nicht um kosmetische Einzelmaßnahmen geht, sondern um Priorisierung: Entbürokratisierung, wettbewerbsfähige Steuer- und Abgabenstrukturen und planbare Energie- und Infrastrukturpfade.

Kritisches Schlussfazit: Wenn politische Steuerung die Warnsignale als "Stimmungsrauschen" abtut, wird die Note 4,2 zum Vorboten einer schleichenden Deindustrialisierung – nicht als Schlagzeile, sondern als Summe vieler Einzelentscheidungen. Dann verlagern Unternehmen Risiken konsequent: erst Investitionen, dann Funktionen, schließlich Wertschöpfung. Die Studie liefert damit einen klaren Auftrag: Planung wieder möglich machen – durch einfache, stabile und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen.

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[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
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