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Rezension

Wie Bots und künstliche Intelligenz Medien und Massenkommunikation verändern

Dialogroboter

Frank Romeike [Redaktion RiskNET]

Dialogroboter, Sprachdialogsysteme, Bots und weitere digitale Assistenten sind in unserem Alltag angekommen. Siri, Alexa, Cortana & Co. stehen in vielen Haushalten und liefern und erste Eindrücke der bevorstehenden digitalen Transformation. Algorithmen analysieren permanent die Datenströme, Banking-Bots sollen den Kundenservice von Banken schneller und effizienter gestalten, Robo-Advisor bieten eine automatisierte Vermögensberatung an, Roboter-Redakteure ersetzen immer häufiger menschliche Schreiber. Bereits heute begegnen wir beim Lesen von Sportnachrichten, Wettermeldungen, Quartalsberichten, Börsennews oder diversen Kurznachrichten über das aktuelle Tagesgeschehen Dialog- bzw. Textrobotern. Ein Textroboter stellt aus verschiedenen Daten sinnvolle Satzkonstruktionen zusammen. Daher sind vor allem Sportnachrichten oder Wettermeldungen ideal hierfür geeignet, da die Texte tendenziell sehr einfach geschrieben sind und häufig wiederkehrende und typische Formulierungen enthalten. Eine aktuelle Studie der Agentur nextMedia-Hamburg zeigt auf, dass nicht einmal mehr jeder zweite Leser von AI-geschriebene Texte von "echten" Texten unterscheiden kann.

Technologien wie "Artificial Intelligence" (AI) und "Natural Language Generation" (NLG) werden zum Auslöser der sogenannten "Dialogwende". Dialogroboter sind der nächste logische Schritt im Zuge eines fortschreitenden Automatisierungsprozesses. Unter der "Dialogwende" versteht Armin Sieber die massenweise Verbreitung von autonom sprechenden Sprachdialogsystemen und automatischen Sprachassistenten. In seinem Buch diskutiert der Autor konkrete Anwendungen und Einsatzfelder von Bots und stellt sich die Frage, was bei der Planung und Konzeption bedacht werden muss, welche Veränderungen in Medien und Unternehmenskommunikation zu erwarten sind. Das Buch diskutiert zudem Risiken und potenzielle psychosoziale Folgen, die auf unsere Gesellschaft zukommen, wenn Sprachdialogsysteme in großer Zahl zum Einsatz kommen.

Armin Sieber ist sich sicher, dass AI unsere Vorstellung von Unternehmenskommunikation deutlich verändern wird. Digitale Maschinen lernen sprechen. Aus "mobile first" wird "voice first". Viele neue Produkte werden dahingehend entwickelt, dass man sie durch Sprache sinnvoll steuern oder gar dialogisierbar machen kann. Beispiele liefern Siri, Alexa, Cortana & Co.

Die "Dialogwende" wird weiter voranschreiten, und sie wird auch die Verbreitung von Medieninhalten erfassen, davon ist Armin Sieber überzeugt. Wir stehen am Beginn eines Paradigmenwechsels in der Massenkommunikation: Automatisierte Dialoge könnten bald immer mehr klassische Texte ersetzen.

Das Verführerische an Dialogrobotern ist, dass sie Computer menschlich erscheinen lassen, so Armin Sieber. Sie begegnen uns und passen sich uns an wie vertraute Personen. Sie verleiten uns zur Interaktion und nutzen dabei die archaischste, älteste und intuitivste Kommunikationsform: den Dialog. Doch heute ist der Computer nicht mehr nur intuitiv – er macht uns abhängig. "Die gesamte haptische, visuelle und informelle Gestaltung ist darauf ausgerichtet, dass wir Computer als persönliche Begleiter bei uns tragen und ständig nutzen. Genau dieser Mechanismus lässt junge Menschen im Schnitt 56-mal pro Tag nach dem Smartphone greifen.", so Armin Sieber.

Was passiert nun, wenn diese Maschinen zu sprechen beginnen? Bots könnten heute soziale Kontakte recht erfolgreich simulieren – und ersetzen. Der Kognitionspsychologe Douglas Hofstadter nannte es den "Eliza"-Effekt. Darunter versteht man die Neigung der Menschen, die Antworten einer künstlichen Intelligenz (KI) als "menschlich" zu bewerten. Sie projizieren etwas in die Maschine, was sie weder ist noch sein kann: ein soziales Wesen, das versteht und empfindet.

Dialogsysteme treten immer häufiger an die Stelle sozialer Gesprächspartner und bauen "echte" Beziehung zu ihren Menschen auf. Frei verfügbare Bots wie "Cleverbot", "Mitsuku" oder "Rose" sind nur dafür gebaut, Menschen so lange wie möglich in Dialogen zu halten. Diese Maschinen haben immer ein offenes Ohr für den Nutzer. Sie haben keine Fehler und Egoismen – sie sind in vielfacher Hinsicht ein perfekter Gesprächspartner.

Dialogroboter könnten eine Grenzverschiebung zwischen Mensch und Maschine vorantreiben. In dem Kontext wird die Beantwortung einer Frage immer drängender: Machen wir die Maschinen immer menschlicher? Ein wesentlicher Erfolgsfaktor von Bots dürfte in dem Aufbau von Nähe liegen (siehe Alexa), die dem dialogischen System inhärent ist. Dabei handelt es sich aber nur um eine Simulation von Nähe und Vertrautheit. Es besteht daher nach Ansicht von Armin Sieber durchaus das Risiko, dass die zunehmende Nutzung von künstlich intelligenten Sprachdialogsystemen die Erfahrung von Entfremdung, sozialer Isolation und Entpersönlichung eher steigern.

Dialogroboter sind – nach Ansicht von Armin Sieber – Illusionsmaschinen. Sie geben sich, "als ob" sie Menschen wären. Das Gespräch mit einem Dialogsystem simuliert eine natürliche, authentische Situation, an der aber nur wenig Natürliches oder Authentisches ist.

Die Digitalisierung der Medienwelt hat vor allem einen tiefgreifenden Einfluss auf den Sprachgebrauch der Menschen sowie ihre Denk- und Handlungsweisen. Armin Sieber weiter: "Als gravierender Einflussfaktor könnte sich das Zurückdrängen der Schrift erweisen, was noch viel grundlegender in den Prozess der kognitiven Verarbeitung […] eingreift."

Armin Sieber leitet aus der "Dialogwende" vor allem ab, dass diese zu einer umfassenden Renaissance des Gesprächs führen sollte. "Ein wichtiger Schritt wäre, dass wir die Dialogwende als Aufbruch verstehen, uns den Raum für echte Dialoge zurückzuerobern. Eine Neubewertung des Dialogs wird uns zeigen, dass echte Gespräche vielfältig und unaufgeräumt sind, bereichernd und anstrengend, fordernd und befreiend. Sie sind in einer Weise zutiefst menschlich, wie sie kein Sprachdialogsystem leisten kann."

Fazit: Das Buch von Armin Sieber liefert einen eindrucksvollen, fundierten und kritischen Blick in die Welt der Dialogroboter und liefert wertvolle Impulse für die eigenen Meinungsbildung. Nach der Lektüre des Buches wird vor allem eines deutlich: Die neuen digitalen Technologien haben zwei Seiten, eine zerstörerische und eine mehrwertstiftende. Diese unterschiedlichen Perspektiven sollte man jedoch kennen, um ohne jegliche Vorurteile in der neuen Kommunikationswelt zurechtzukommen.

[ Bildquelle: Springer VS ]



Details zur Publikation

Autor: Armin Sieber
Auflage: 1. Auflage
Seitenanzahl: 228
Verlag: Springer VS
Erscheinungsort: Wiesbaden
Erscheinungsdatum: 2019

RiskNET Rating:

sehr gut Praxisbezug
sehr gut Inhalt
sehr gut Verständlichkeit
sehr gut Gesamtbewertung

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