Warum sich große Betrugsfälle immer wieder wiederholen

Wirecard & Co.: Same, same but different?!


Christian Glaser
Kolumne

Der Untersuchungsausschuss um die Vorgänge bei Wirecard und den größten Finanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte fördert immer mehr Details ans Tageslicht. Für die Jüngeren ist dies ein beispielloser Schock, für viele alte Hasen dürfte es ein Déjà-vu hervorrufen. Aber zunächst einmal der Reihe nach.

Wirecard brachte endlich einmal internationales Flair an den Finanzplatz Deutschland. Nicht Wenige träumten vom Flair der Big-Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley – nur eben in Aschheim bei München anstatt in Kalifornien. Die Ursprünge des Unternehmens, die sich in der Zahlungsabwicklung von Online-Glücksspielen und Erotik-Seiten befanden, wurden dabei geflissentlich ignoriert. Und auch Jahre danach, als diese Ursprünge gemäß eigenen Angaben längst überwunden waren, stellte sich im Nachgang heraus, dass es lediglich diese Bereiche waren, die tatsächlich Gewinne machten.

Aber zurück zur scheinbar makellosen Erfolgsgeschichte. Nichts schien den neuen Stern am FinTech-Himmel trüben zu können. Auch nicht die rigorosen Verbote der US-Regierung von Online-Glücksspiel im Jahr 2006, die Wirecard zumindest in den Zahlen nichts ausmachen konnte. Irgendwann in diese Zeit datieren viele Beobachter übrigens den Zeitpunkt, an dem Wirecard vom "Pfad der Tugend" abkam. Denn vermutlich zu dieser Zeit begann die Bilanzmanipulation.

Im Jahr 2008 gab es bereits erste Zweifel, adressiert durch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK), an Wirecards Bilanzierungsmethoden. Es wurden Vorwürfe laut hinsichtlich Insiderhandel, Bereicherung etc. Die Behörden wurden damals auch aktiv, allerdings fingen sie an, die Whistleblower statt die Wirecard-Bilanzen zu untersuchen.

Den Stein so richtig ins Rollen brachte dann ein Artikel in der Financial Times Anfang 2019 unter dem Titel "Wirecard: Inside an Accounting Scandal". Der Journalist Dan McCrum hatte bereits im April 2015 im FT Blog unter dem Titel "The House of Wirecard" seine Skepsis über die Unternehmenszahlen geäußert. Zehn Monate später schlossen sich mit Matt Earl und Fraser Perring zwei professionelle Shortseller McCrum an, um die Verdachtsmomente anonym aufzuarbeiten. Es begann eine Reise mit Repressalien, Verleumdungen und Klagen. Am Ende stand allerdings das Ergebnis, dass das Geld auf den vermeintlichen asiatischen Treuhandkonten von Wirecard wohl nie existiert hat. 1,9 Mrd. EUR einfach weg bzw. wohl nie existent!

Ähnlich gelagerte Betrugsskandale

Wirecard ist nicht der erste große Betrugsskandal. Es gibt zahlreiche weitere – sowohl in Deutschland als auch international – vergleichbare Fälle. Allein die drei Namen Steinhoff, FlowTex und Enron dürften bei vielen Lesern immer noch ein Stirnrunzeln und Kopfschütteln hervorrufen, wie dies möglich sein konnte.

Steinhoff

Beim Möbelkonzern Steinhoff fehlten 11 Mrd. EUR. Für die Jahre 2015/2016 musste das Unternehmen seine Bilanzen zurückziehen, nachdem mehrere Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, diese nicht testieren wollten. Im Juni 2017 berichtete der Londoner Hedgefonds Portsea Asset Management negativ über Steinhoff, fortan war der Kurs unter Druck und rutsche immer weiter ab. Auch der berühmte Leerverkäufer Fraser Perring wettete auf fallende Kurse. Danach nahm auch die breite Öffentlichkeit Notiz von den Vorgängen.

FlowTex

Mit Horizontalbohrmaschinen sollte das Verlegen von Strom-, Wasser-, und Gasleitungen revolutioniert werden. Nachdem die Verkaufszahlen nicht so wie gewünscht verliefen, wurden die Bilanzen mittels Scheingeschäften und Mehrfachübereignungen aufgehübscht. Banken und Leasinggesellschaften verloren im Tatzeitraum von 1994 bis 1999 über 4 Mrd. EUR. Denn anstatt der 3.400 Bohrmaschinen existierten nur 280 Stück.

Der Inhaber, "Big Manni" Manfred Schmider, hatte damit aber nicht genug. Er wollte sein Unternehmen an die Börse bringen. Er ließ sich dazu sogar noch von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG die "transparente Rechnungslegungspraxis" und den "konservativen Führungsstil" bestätigen. Wenige Tage vor dem geplanten Börsengang schlugen die Ermittler zu und setzten "Big Manni" fest. KPMG zahlte übrigens 100 Mio. EUR Schadensersatz.

Enron

Bis heute ist der Fall des US-Energiehändlers Enron einer der größten Betrugsfälle der amerikanischen Geschichte. Jahrelang wurde das Unternehmen als hochinnovativ gefeiert, ehe es Anfang 2000 pleiteging, nachdem die Bilanzmanipulation mit Scheinumsätzen von mehreren Milliarden USD aufflog. Warnhinweise, wie beispielsweise auffällige Aktienverkäufe hochrangiger Manager, wurden aufgrund der euphorischen Marktatmosphäre allzu lange ignoriert.

Die US-Börsenaufsicht reagierte sehr scharf auf den Enron-Skandal und die dort zutage getretenen laxen Prüfungen und erließ mit dem Sarbanes Oxley Act ein sehr umfangreiches Gesetzespaket, um die Verlässlichkeit der Berichterstattung zu verbessern.

"Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich"

Frei nach Mark Twain zeigt sich, dass man sich nach vielen großen Bilanzskandalen und Betrugsfällen immer wieder verwundert die Augen reibt und sich fragt: "Wie konnte das denn nun schon wieder passieren?". Denn viele Fälle ähneln sich frappierend. Es gibt immer sehr ähnliche Grundmuster.

Unbekümmertheit der Anleger

Große Bilanzfälschungsskandale gehen häufig einher mit einem langen Börsenboom, der die Anleger immer euphorischer und unbekümmerter werden lässt. Und eben auch gieriger und fordernder. Normale Geschäftsmodelle mit konstanten, aber überschaubaren Gewinnspannen sind schnell "langweilig". Risikomanagement und Absicherung sind etwas für Langweiler, es gilt das Motto "höher, schneller, weiter" – Risiken werden völlig ausgeblendet, sie scheint es nicht zu geben! Die Erfolgsgeschichten von "Ten-Baggern", die scheinbar mühelos immer neue Höhen erklimmen, sind ja auch viel interessanter und spektakulärer…

Abb. 01: Größter DAX-Skandal der Geschichte - Aktienkurs Wirecard und DAX [Eigene Abbildung]Abb. 01: Größter DAX-Skandal der Geschichte - Aktienkurs Wirecard und DAX [Eigene Abbildung]

Abb. 02: Einer der größten Bilanzskandale in der Geschichte - Aktienkurs Enron und S&P 500 in Punkten [Eigene Abbildung]Abb. 02: Einer der größten Bilanzskandale in der Geschichte - Aktienkurs Enron und S&P 500 in Punkten [Eigene Abbildung]

Im Fall von Wirecard gab es sicherlich auch Übertreibungen des Marktes, der befürchtete Einbruch des Aktienmarktes analog zum Bilanzskandal bei Enron blieb (bisher) allerdings aus. Hierbei muss aber auch betont werden, dass die makroökonomischen Rahmenbedingungen in beiden Fällen nicht zwingend vergleichbar sind, denn aktuell ist die Weltwirtschaft durch eine beispiellose Geldschwemme im Zuge des "Quantitative Easing" der Zentralbanken gedopt und es ist kein Ende absehbar.

Größenwahn

Der langjährige CEO von Wirecard, Markus Braun, hatte das Ziel, die Deutsche Bank nicht nur zu überflügeln, sondern gleich zu übernehmen. Dieser Plan wurde intern übrigens bis kurz vor der Pleite als "Projekt Panther" geführt.

Auch Enron stellte seine Allmachtsphantasien bis zum Ende zur Schau: Bis wenige Monate vor seinem Untergang im Dezember 2001 wollte das Unternehmen noch die Welt erobern. In der Firmenzentrale in Houston wurde unter dem Jubel der Belegschaft ein Transparent ausgerollt mit der Aufschrift: "Vom größten Energiekonzern der Welt zum größten Konzern der Welt".

Charismatische "Schwindler"

Markus Braun inszenierte sich gerne in Steve Jobs-Manier als Technik-Guru mit Rollkragenpulli auf großer Bühne. Auch auf den Firmenveranstaltungen und Weihnachtsfeiern hielt er regelmäßig seine monologisierenden Selbstbeweihräucherungen. Auch Enron-CEO Jeffrey Skilling war scheinbar schon lange von sich selbst überzeugt, denn nur so ist zu erklären, dass er sich an der prestigeträchtigen Harvard Business School als "fucking smart" vorstellte.

Zwei weitere Fälle, die zeigen, dass die großen Betrüger häufig ein unglaubliches Charisma haben, sieht man am Aldi-Betrüger Helge Achenbach, der mit dem Who is Who des Geldadels verkehrte. Auch Bernie Madoff – dem legendären Jahrhundert-Betrüger – gelang es über Jahre hinweg, eine Aura von Respektabilität und Seriosität aufzubauen und diese für sein milliardenschweres Schneeballsystem zu missbrauchen.

Undurchsichtige Konstrukte

Bei Wirecard war es übrigens nicht das Kerngeschäft in Deutschland oder Europa, das für den gigantischen Betrug verantwortlich ist, sondern vielmehr das Asien-Geschäft, das über Lizenzen vergeben wurde und damit viel schwerer physisch nachzuprüfen war. Auch war das Geld eben nicht auf einem Konto einer europäischen Bank, sondern vermeintlich in einem Treuhandfonds zuerst in Singapur und dann auf den Philippinen "geparkt".

Hochprofitabel ohne erkennbares USP

Das Problem bei vielen Betrügern ist, dass sie nicht auf ehrlichem Wege genügend Geld verdienen können, um ihren Schein aufrecht zu erhalten. Wie in den dargestellten Schneeballsystemen, muss ein immer "größeres Rad gedreht" werden, um "den Laden am Laufen" zu halten.

Vor gut 100 Jahren, im Jahr 1920, lieferte ein Betrüger namens Victor Lustig in den USA ein Paradebeispiel für diesen Sachverhalt: Er verkaufte vermeintliche Gelddruckmaschinen. Die Betrogenen trauten sich freilich nicht, zur Polizei zu gehen, mussten sie doch damit rechnen, selbst verurteilt zu werden. Fünf Jahre nachdem sein erster Schwindel aufflog, wurde er allerdings mit seiner "Meisterleistung" weltberühmt. Er verkaufte einem gutgläubigen Geschäftsmann den Pariser Eiffelturm. Als er dasselbe nochmals versuchte, wurde er schließlich geschnappt.

Bei Lustig dürfte es – stellvertretend für viele Betrüger – eine Mischung gewesen sein aus gnadenloser Selbstüberschätzung, nachdem alle anderen Coups zuvor auch geklappt hatten und er immer riskanter agierte und andererseits einer fehlenden ehrlichen Geschäftsgrundlage, die regelmäßige Erträge einbringt.

Wachstumsunternehmen scheinen generell anfälliger für Betrügereien zu sein. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch der Anlagebetrüger Bernie Madoff, der seinen Anlegern konstant hohe Renditen von 10 bis 15 Prozent versprach. Obwohl bei der US-Börsenaufsicht seit Ende der 1990er Jahre zahlreiche Hinweise hierzu eingingen, flog der Schwindel erst im Jahr 2008 auf.

Unzureichende Kontrollen

Im Bericht des Sonderermittlers Martin Wambach wird EY im Falle Wirecard beispielsweise eine grundsätzlich fehlende, kritische Grundhaltung bestätigt. Zur Erinnerung: Es fehlten am Ende 1,9 Mrd. EUR in den Büchern, obwohl EY zehn Jahre lang die Bilanzen des Unternehmens testiert hatte.

Darüber hinaus wurde die ordnungsgemäße Befolgung von Prüfungsstandards angezweifelt, wie beispielsweise die Einholung von Banksaldenbestätigungen. Stattdessen ließ sich EY mit Bestätigungen von Treuhändern abspeisen, die wiederum gefälscht und rückdatiert waren.

Whistleblower, Journalisten und Leerverkäufer

Wirecard ist ein Paradebeispiel, wie lange Hinweis auf Verfehlungen nicht nur ignoriert, sondern teilweise sogar aktiv unterdrückt wurden. Eine junge Bundesbank-Prüferin, die bereits im Jahr 2016 auf Ungereimtheiten hinwies und als "kleine Maus verlacht" wurde, das Leerverkaufsverbot auf Wirecard-Aktien, die zahlreichen Journalisten – allen voran Dan McCrum von der FT – die mit Klagen eingedeckt oder anderweitig eingeschüchtert wurden. Oder auch die zahlreichen Hinweise gegenüber den Aufsichtsbehörden, beispielsweise durch den Shortseller Fraser Perring. Fast schon grotesk mutet der Vorwurf an, dass die Hinweise von Perring an der BaFin-Whistleblower-Hotline nicht aufgenommen werden konnten, da die Mitarbeiter kein Englisch konnten.

Gier frisst Hirn

Nicht nur die Betrüger selbst sind von der Gier getrieben, sondern insbesondere die Anleger und sonstigen Profiteure. Solange die Zahlen stimmen, wird das Risiko völlig ausgeblendet. Dabei gibt es die risikolose Anlage nicht – und bei großen Erfolgsgeschichten, die scheinbar mühelos in immer neue Sphären gleiten, sollte gelten "Nachtigall ick hör dir trapsen"!

Dies zeigte sich beispielsweise beim Chef der Wirtschaftsprüferaufsicht Apas, Ralf Bose, der trotz laufender, kritischer Berichterstattungen mit Wirecard-Aktien spekulierte. Auch BaFin-Präsident Felix Hufeld musste seinen Hut nehmen. Er spekulierte zwar nicht selbst, aber einige seiner Mitarbeiter und letzten Endes war es wohl die Gesamtsumme an unglücklichen Vorgängen, die zu seiner Demission geführt hatte.

Fehlentscheidungen der Kontrolleure

Wohl die zentralste Fehlentscheidung, die die BaFin als oberste Kontrollinstanz von Wirecard zu vertreten hat, war die beispiellose Entscheidung vom Februar 2019, Wetten auf Wirecard-Kursverluste ("Leerverkäufe") zu verbieten. Damit ergriff die BaFin – zumindest ungewollt – Partei für Wirecard, das sich als Opfer eines gezielten Angriffs in Form einer angeblichen Erpressung darstellte.

Lobby-Arbeit und gutes Netzwerk

Wirecard wurde in vielerlei Hinsicht protegiert. Eine zentrale Frage im Untersuchungsausschuss, die allerdings (noch) nicht abschließend beantwortet wurde, war, weshalb die Kanzlerin sich für Wirecard während ihrer China-Reise einsetzte, obwohl zu dieser Zeit bereits der Financial-Times-Artikel veröffentlicht und ein grundsätzlicher Betrugsverdacht im Raum stand.

Im Fall FlowTex wurde das Unternehmen übrigens auch sehr lange als mittelständisches Vorzeigeunternehmen gefeiert. Die Kontakte von "Big Manni" reichten bis zu den Außenministern und Landesfürsten, aber auch zu dubiosen Gestalten im Milieu. Ähnlich wie übrigens bei Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, dem Kontakte zu Geheimdiensten nachgesagt werden. Auch gibt es Gerüchte, dass er Milizen für Libyen organisieren wollte und auch dass er ein V-Mann des österreichischen Geheimdiensts gewesen sein könnte. Kurzum: die Netzwerke der zentralen Player in Wirtschaftsskandalen sind häufig weitreichend, teilweise aber auch sehr dubios.

Auch im Abgasskandal um manipulierte Dieselfahrzeuge bei VW zeigte sich, wie gefährlich eine zu große Nähe von Kontrollinstanzen und Unternehmen ist. Das Kraftfahrtbundesamt war lediglich eine "Drive-Through-Einrichtung" für VW. Und auch Hinweise auf Abschalteinrichtungen wurden geflissentlich ignoriert. Die Deutsche Umwelthilfe wies übrigens zehn Jahre vor dem VW-Skandal auf "ein ausgeprägtes Eigenleben" der Abschalteinrichtung hin.

Wenn es darum geht, die eigenen Interessen zu vertreten, sind auch die Wirtschaftsprüfer nicht ganz untätig. So verwehrt sich die Wirtschaftsprüfer-Lobby bisher sehr erfolgreich gegen verschärfte Haftungsregeln 

Was muss passieren, damit so etwas nicht noch mal passiert?

Im Nachhinein ist bekanntlich jeder ein Prophet gewesen. Es zeigt sich aber, dass es gewisse Konstellationen gibt, die großangelegte Betrugsfälle erleichtern. Insbesondere das altbekannte Principal-Agent-Problem sorgt immer wieder dafür, dass "Gelegenheit Diebe" macht, in der Hoffnung oder Selbstüberschätzung, dass "einem schon nichts passiere".

  • Keine wirksamen Kontrollen: Wie sollen Wirtschaftsprüfer wirklich unabhängig arbeiten, wenn die Mandanten entscheiden können, welche Prüfungsgesellschaft sie beauftragen bzw. ob sie die Gesellschaft im Folgejahr wieder beauftragen? Solange sich an diesem System nichts ändert, wird es sehr schwer, jegliche Fehlanreizstrukturen zu reduzieren. Diese Frage wird gefühlt nach jedem größeren Bilanzskandal gestellt, genauso wie die Frage, ob Beratung und Prüfung nicht noch strenger getrennt werden müssen.
  • Suche der Elite nach Schlupflöchern: Es ist insbesondere die Elite, die aktuell ins Zentrum der Kritik geraten ist. Scheinbar geht es immer nur darum, die nächste Lücke im Regelungssystem zu finden und in einem gefährlichen Hase-Igel-Spiel, noch möglichst lange das Rad am Laufen zu halten und noch möglichst viel Gewinne einzustreichen, bevor die Blase platzt. Wie eben Wirecard seit dem Jahr 2008, in dem die Bilanzfälschungen aller Voraussicht nach angefangen hatten. Oder eben auch wie zahlreiche Banken und institutionellen sowie privaten Großanleger beim Cum-Ex-Skandal hinsichtlich illegaler Steuerrückerstattungen.
  • Turbokapitalismus und "Survival of the Richest"? Es dürfte wohl unbestritten sein, dass die soziale Marktwirtschaft einer der, wenn nicht DER, zentrale Treiber für den Wohlstand in der Bundesrepublik Deutschland ist und ganz allgemein der Kapitalismus für die westliche Welt. Gleichzeitig zeigt sich aber auch immer wieder, dass es zu Kapriolen kommt und der "Raubtierkapitalismus" einigen Schaden anrichten kann, wenn er nicht konsequent gebändigt wird. Im Grundgesetz steht im Artikel 2 Absatz 2 bekanntlich geschrieben "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Dieser Grundsatz wird nicht selten versucht umzudrehen, indem versucht wird, sich Sonderrechte durch Reichtum zu sichern, zulasten der Allgemeinheit. Der Nobelpreisträger Robert Shiller hat sich bereits im Jahr 2012 mit Ideen auseinandergesetzt, um ein "besseres Finanzsystem" zu schaffen. Diese Ideen sind es zumindest Wert, diskutiert zu werden!

Was übrig bleibt

Der Wirecard-Skandal kam, wenn man die zahlreichen Verfehlungen und Hinweise anschaut, die immer wieder zutage gefördert werden, nicht überraschend. Viele Frühwarnindikatoren lagen auf dem Tisch und wurden geflissentlich von Behörden, Aufsichtsorganen, Wirtschaftsprüfern und Aktionären ignoriert. Es war ein Versagen an vielen Stellen. Dies ist allerdings typisch für ähnliche Skandale bzw. ganz allgemein für Katastrophen, sei es nun im Risikomanagement oder beispielsweise bei Flugzeugabstürzen. Häufig hätte es bereits gereicht, wenn eines der zahlreichen schwachen Signale aufgegriffen worden wäre, dass die Katastrophe verhindert werden hätte können. Was wäre nur passiert, wenn die kritischen Hinweise des Datenanalysten Thomas Borgwerth im Herbst 2013 oder der jungen Bundesbankerin ernstgenommen worden wären oder die ersten Hinweise der SdK im Jahr 2008 oder wenn die Politik ihre schützenden Hände nicht allzu lange über das Geschäftsgebaren gehalten hätte oder, oder, oder. Letztlich spielt sich das Leben aber nicht im Konjunktiv ab und es ist wichtig, dass die richtigen Schlüsse aus diesem neuerlichen Bilanzskandal gezogen werden – vom Gesetzgeber, vom Regulator, von der Gesellschaft, von den Aktionären und von den zahlreichen Kontrollinstanzen, seien es die Wirtschaftsprüfer, der Aufsichtsrat, die Compliance- und Risikofunktion etc.

Autor

Dr. Christian Glaser
ist promovierter Risikomanager und als Generalbevollmächtigter der Würth Leasing GmbH & Co. KG tätig. Er ist außerdem Dozent an mehreren Hochschulen und Buchautor mehrerer Fachbücher sowie zahlreicher Fachveröffentlichungen in den Bereichen Finanzdienstleistungen, Unternehmensführung und Management, Controlling sowie Risikomanagement.

 

[ Bildquelle: Adobe Stock.com / Comugnero Silvana ]
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