IDW EPS 340: Risikofrüherkennung

Von Wortmonstern und Hirngespinsten


Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]
IDW EPS 340: Risikofrüherkennung: Von Wortmonstern und HirngespinstenKolumne

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Die Neufassung des Prüfungsstandards 340, herausgegeben vom Institut der Wirtschaftsprüfer (kurz: IDW) heißt in voller Länge "Die Prüfung der Maßnahmen nach § 91 Abs. 2 AktG im Rahmen der Jahresabschlussprüfung gemäß § 317 Abs. 4 HGB". Im Kern geht es schlicht und einfach um die Prüfung der Risikofrüherkennungssysteme in Unternehmen. Albert Einstein hatte bereits erkannt: "Wenn du es nicht einfach erklären kannst, hast du es nicht gut genug verstanden."

Die Überschrift ist weder leicht verständlich noch schön zu lesen. Gesetzgeber, Regulatoren und auch Wirtschaftsprüfer gelten allgemein als Profis beim Kreieren von Wortmonstern und verwirrenden Buchstabenkombinationen. Einen Höhepunkt der Wortungetüme liefert die kryptische Buchstabenkombination "SozSichAbkÄndAbk2ZAbkTURG" und "RkReÜAÜG M-V". Beim ersten Buchstabensalat ist das "Gesetz zu dem Zusatzabkommen vom 2. November 1984 zum Abkommen vom 30. April 1964 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Türkei über Soziale Sicherheit und zu der Vereinbarung vom 2. November 1984 zur Durchführung des Abkommens" gemeint. Und das RkReÜAÜG M-V war jahrelang der Superlativ des Bandwurmwörterbildens. Hiermit wurde nämlich das "Rinderkennzeichnungs- und Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz" abgekürzt. Das im Jahr 2013 zu Grab getragene 63-Buchstaben-Monstrum führte bei Sprachwissenschaftlern zu tiefster Trauer.

Die Welt der Regulierung und Gesetzgebung ist voll mit unsinnigen Wortungetümen. Was verbirgt sich wohl hinter dem folgenden Buchstabensalat: "Delegierte Verordnung (EU) Nr. 231/2013 der Kommission vom 19. Dezember 2012 zur Ergänzung der Richtlinie 2011/61/EU des Europäischen Parlaments und des Rates im Hinblick auf Ausnahmen, die Bedingungen für die Ausübung der Tätigkeit, Verwahrstellen, Hebelfinanzierung, Transparenz und Beaufsichtigung."

Warum sind wir blind für das Einfache?

Warum sind Menschen blind für das Einfache, das Offensichtliche und das Naheliegende? Warum verstecken wir uns hinter solchen Wortungetümen? Warum werden simple Dinge verkompliziert?

So bilden Wissenschaftler aus der einfachen Aussage "Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln" das folgende Wortungetüm: "Die Expansion der interranen Tuberosa steht in inverser Proportionalität zur intellektuellen Kapazität des kultivierenden Agronoms." Wer versteht schon den folgenden Satz: "Bei der intendierten Realisierung der linguistischen Simplifizierung des regionalen Idioms resultiert die Evidenz der Opportunität extrem apparent, den elaborierten und quantitativ opulenten Usus nicht assimilierter Xenologien konsequent zu eliminieren!". In einer einfachen Sprache wird aus diesem 253 Zeichen umfassenden Bandwurmsatz: Zur Vereinfachung der Muttersprache ist es sehr sinnvoll, nicht so viele schwierige Fremdwörter zu verwenden.

Warum so ein verschleierndes Wortungetüm "Die Prüfung der Maßnahmen nach § 91 Abs. 2 AktG im Rahmen der Jahresabschlussprüfung gemäß § 317 Abs. 4 HGB (IDW EPS 340 n.F.)". Warum nicht einfach "Prüfung der Risikofrüherkennungssysteme"? Dann wüsste jeder sofort, um was es geht. Welcher Vorstand, Geschäftsführer, Aufsichtsrat oder Anteilseigner weiß, was sich hinter § 91 Abs. 2 AktG oder § 317 Abs. 4 HGB verbirgt?

Frühwarnung – nicht Spätwarnung!

Ein Frühwarnsystem verfolgt das Ziel, aufkommende zukünftige Gefahren frühzeitig als solche zu erkennen und Gefährdete möglichst schnell darüber zu informieren. In diesem Kontext sei etwa an das Tsunami-Frühwarnsystem im Indischen Ozean erinnert. Dort registrieren Messstationen im Meer Seebeben oder den erhöhten Wasserdruck, der durch die riesigen Tsunami-Wellen entsteht. Die Daten werden via Satellit an zentrale Frühwarnzentralen übertragen. Von dort können die Warnungen per Internet, E-Mail und SMS an alle angeschlossenen Nutzer gesandt werden.

Risikomanagement hat per definitionem nicht das Ziel, die Vergangenheit zu erklären, sondern will zukünftige Risiken und Überraschungen antizipieren. Also genau das Gegenteil von den Systemen, die wir häufig in der Vergangenheit gesehen haben. Die Mehrzahl der Banken wurden von der Wucht der letzten Finanzkrise überrascht. Frühwarnung? Fehlanzeige! Und auch Quelle, Arcandor, Praktiker, Air Berlin, Walter Bau, Karmann und viele weitere Unternehmen verfügten über Risikomanagement-Systeme, die auch von Wirtschaftsprüfern – basierend auf IDW PS 340 – testiert wurden. Allerdings fehlte diesen Systemen ein wesentliches Element: präventive und antizipierende Frühwarnung.

Anstatt einen Blick auf Frühwarnindikatoren zu werfen, erfolgte die Unternehmenssteuerung eher durch einen Blick in den Rückspiegel. Reagiert wurde – wenn überhaupt – erst, als die Katastrophe bereits eingetreten war. Frühwarnsysteme hingegen setzen früher ein und sollen rechtzeitig auf latente (d. h. verdeckt bereits vorhandene) Risiken hinweisen, so dass noch hinreichend Zeit für die Ergreifung geeigneter Maßnahmen besteht. Frühwarnsysteme verschaffen dem Unternehmen Zeit für Reaktionen und optimieren somit die Steuerbarkeit eines Unternehmens, d. h. sie tragen zur Reduzierung potenzieller "Überraschungen" bzw. Risiken bei.

Ein Frühwarnsystem bedingt vor allem

  1. adäquate Methoden,
  2. eine angemessene Organisation,
  3. einen wirksamen Prozess und
  4. eine gelebte Risiko-/Fehler-/Unternehmenskultur.

Ein wirksames Frühwarnsystem aufzubauen, was diesen Namen tatsächlich verdient, ist keine triviale Aufgabe. Die Methoden hierfür existieren seit Jahren. Eine fundierte Risikoanalyse vermeidet Scheingenauigkeiten und Einzelszenarien und bietet dafür realistische Bandbreiten der zukünftigen Entwicklung. Eine fundierte Risikoanalyse wäre offensichtlich in vielen Entscheidungssituationen (u.a. auch bei der Bewertung von Pandemie-Risiken) nötig – sie existiert aber vielfach immer noch nicht, was nichts anderes bedeutet als das vollständige Ignorieren des gesamten Wissens aus der Risikoforschung.  Vielleicht, weil Virologen, Politiker und auch viele Unternehmer zu wenig von Entscheidungsfindung bei Risiken verstehen?

Im Ergebnis würden dann nämlich manche Gespenster zu Hirngespinsten – und manche Szenarien zu realen Risiken. Und das wäre Frühwarnung.

[ Bildquelle: Adobe Stock ]
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