Der Global Risks Report 2026 des World Economic Forum (WEF) identifiziert Staatsverschuldung als zentrale strukturelle Verwundbarkeit der Weltwirtschaft. Die weltweite Gesamtverschuldung belief sich im Jahr 2024 auf rund 251 Billionen US-Dollar – etwa 235 Prozent des globalen BIP. Besonders kritisch ist die Entwicklung der staatlichen Verschuldung, die in allen Einkommensgruppen weiter steigt.
Abb. 01: Anstieg der Bruttostaatsverschuldung im Verhältnis zum BIP, 2023–2030 (Prognose), nach Einkommensniveau. [Quelle: WEF Global Risks Report 2026, S. 41]
Wie Abb. 01 zeigt, wird insbesondere in fortgeschrittenen Volkswirtschaften ein Schuldenstand von deutlich über 110 Prozent des BIP in den nächsten Jahren erwartet. Aber auch Schwellen- und Entwicklungsländer sehen sich wachsenden Refinanzierungsrisiken ausgesetzt. Entscheidend ist dabei nicht nur das absolute Niveau, sondern die strukturelle Dauerhaftigkeit der Defizite.
Zinswende und Refinanzierungsfalle
Ein zentrales Risiko ergibt sich aus der zeitlichen Konzentration fälliger Staatsanleihen. Rund 45 Prozent der Anleihen der OECD-Länder laufen zwischen 2025 und 2027 aus. Diese ungewöhnliche Konzentration ist die direkte Folge der pandemiebedingten Neuverschuldung. Parallel bestehen weiterhin hohe Haushaltsdefizite, die zusätzliche Emissionen erforderlich machen.
Steigende Zinsen erhöhen die Schuldendienstquoten, also der Anteil der Zinsausgaben am Staatshaushalt bzw. an den laufenden Einnahmen, erheblich und schränken fiskalische Handlungsspielräume weiter ein. Der Bericht warnt explizit vor selbstverstärkenden Dynamiken, bei denen steigende Zinsen neue Defizite erzeugen, die wiederum zusätzliche Schulden erfordern. Während sich die politische Debatte häufig auf die Schuldenquote in Prozent des BIP konzentriert, entscheidet in der Praxis die Schuldendienstfähigkeit darüber, ob ein Staat fiskalisch manövrierfähig bleibt. In mehreren europäischen Ländern ist die Schuldendienstquote in den vergangenen zwei Jahren deutlich angestiegen. Frankreich stellt hierbei ein instruktives Beispiel dar. Die französische Staatsverschuldung liegt inzwischen bei rund 110 Prozent des BIP, doch entscheidender ist die Dynamik der Zinsausgaben: Aufgrund der Refinanzierung älterer Niedrigzinsanleihen zu deutlich höheren Marktzinsen steigt der jährliche Schuldendienst rapide. Bereits heute zählen die Zinsausgaben zu den am schnellsten wachsenden Haushaltsposten und konkurrieren zunehmend mit Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Verteidigung.
Diese Problematik ist nicht auf Frankreich beschränkt. Auch Italien, Spanien und Belgien weisen steigende Schuldendienstquoten auf, die den fiskalischen Handlungsspielraum spürbar einengen. Der Global Risks Report verweist in diesem Zusammenhang auf die Gefahr einer "Zins-Schulden-Spirale", in der steigende Refinanzierungskosten selbst bei moderaten Defiziten zu einer dynamischen Verschlechterung der Haushaltslage führen können.
Was wäre, wenn Deutschland sein AAA-Rating verlöre?
Besonders relevant für Risikomanager ist die Frage, wie empfindlich selbst fiskalisch vergleichsweise stabile Staaten auf Marktreaktionen reagieren würden. Deutschland profitiert bislang von seiner Rolle als sicherer Hafen mit entsprechend niedrigen Finanzierungskosten. Ein hypothetisches Ratingsdowngrade von AAA auf AA+ – etwa infolge anhaltend hoher Defizite, steigender impliziter Verpflichtungen oder politischer Reformblockaden – hätte jedoch unmittelbare Auswirkungen auf die Schuldendienstquote.
Bereits ein moderater Renditeanstieg von beispielsweise 50 bis 80 Basispunkten auf neu emittierte Bundesanleihen würde, angesichts des hohen jährlichen Refinanzierungsvolumens, innerhalb weniger Jahre zu zusätzlichen Zinsausgaben im zweistelligen Milliardenbereich führen. Diese Mittel müssten entweder durch höhere Steuern, zusätzliche Verschuldung oder Einsparungen in anderen Politikfeldern kompensiert werden. In allen drei Fällen sinkt die fiskalische Reaktionsfähigkeit auf zukünftige Krisen.
Zudem würde ein solcher Renditeanstieg nicht isoliert wirken. Da Bundesanleihen als Referenz für viele europäische Finanzinstrumente dienen, könnten sich auch die Finanzierungskosten für Banken, Unternehmen und Haushalte erhöhen. Der fiskalische Schock würde damit über den Finanzsektor in die Realwirtschaft übertragen – ein klassisches Beispiel für die systemischen Rückkopplungseffekte, die der Global Risks Report als zentrales Merkmal moderner Schuldenkrisen beschreibt.
Systeme Kettenreaktionen
Der Global Risks Report zeigt, dass wirtschaftliche Abschwünge eng mit gesellschaftlichen Spannungen verknüpft sind. Die globale Risiko-Landkarte verdeutlicht die Wechselwirkungen zwischen ökonomischen Schocks, politischer Polarisierung, Arbeitslosigkeit und sozialer Ungleichheit.
Abb. 02: Komplexe Risikolandschaft – Interdependenzen zwischen Risikoszenarien. [Quelle: WEF Global Risks Report 2026, S. 43]
Wie in Abb. 02 sichtbar wird, wirken wirtschaftliche Abschwünge als Katalysator für eine Vielzahl weiterer Risiken. Fiskalische Instabilität verstärkt soziale Spannungen, die wiederum politische Entscheidungsfähigkeit einschränken und Reformprozesse blockieren. Für das Risikomanagement bedeutet dies, dass Einzelrisiken nicht isoliert bewertet werden dürfen, sondern in ihrer gemeinsamen Wirkung auf die staatliche Risikotragfähigkeit zu analysieren sind. Erst die Aggregation von Risiken unter expliziter Berücksichtigung von Abhängigkeiten und Verstärkungseffekten erlaubt es, nichtlineare Eskalationspfade und Kipppunkte zu identifizieren, an denen sich stabile Entwicklungen abrupt in systemische Krisen verwandeln können.
Staatsbankrotte sind aus Sicht des WEF keine isolierten fiskalischen Ereignisse, sondern Auslöser komplexer systemischer Risikoszenarien. Zahlungsausfälle können Finanzmärkte destabilisieren, Lieferketten unterbrechen und geopolitische Konflikte verschärfen. Besonders betroffen sind Staaten mit hoher Importabhängigkeit bei Energie und Nahrungsmitteln.
Finanzinstrumente als Stabilisierungsmechanismus
In der Befragung des WEF werden Finanzinstrumente als wichtigstes Mittel zur Bewältigung von Schuldenrisiken identifiziert. Dazu zählen Versicherungsmechanismen, öffentliche Risikopools, Katastrophenanleihen sowie Debt-for-Development-Swaps.
Abb. 03: Die wichtigsten Risiken, die durch Finanzinstrumente (Versicherungen, Katastrophenanleihen, öffentliche Risikopools) abgedeckt werden, 2026–2036 ("Welcher Ansatz bzw. welche Ansätze haben Ihrer Meinung nach das größte Potenzial, um in den nächsten 10 Jahren Maßnahmen zur Risikominderung und Vorsorge voranzutreiben?"). [Quelle: WEF Global Risks Report 2026, S. 45]
Abb. 03 zeigt, dass Schuldenkrisen als der Risikobereich gelten, der am stärksten durch Finanzinstrumente adressiert werden kann. Gleichzeitig weist der Bericht darauf hin, dass diese Instrumente bislang nur einen Bruchteil der globalen Schuldenproblematik abdecken.
Für Risikomanager folgt daraus, dass Staatsfinanzen als integraler Bestandteil unternehmerischer Risikoanalysen betrachtet werden müssen. Fiskalische Instabilität beeinflusst Währungsentwicklungen, Zinsmärkte, regulatorische Rahmenbedingungen und die Funktionsfähigkeit von Lieferketten.
Wesentliche Beobachtungsfelder sind insbesondere Schuldendienstquoten, politische Durchsetzbarkeit fiskalischer Anpassungen, Abhängigkeit von Fremdwährungsfinanzierung, institutionelle Stabilität von Zentralbanken sowie gesellschaftliche Spannungen als fiskalischer Verstärker.
Ausblick: Historische Muster und Risikotragfähigkeit von Staaten
Die historische Forschung von Reinhart und Rogoff zeigt, dass Staatsbankrotte regelmäßig nach langen Phasen scheinbarer Stabilität auftreten. Ray Dalio ordnet diese Prozesse in langfristige Machtzyklen ein, in denen reife Volkswirtschaften steigende Defizite, monetäre Finanzierung und politische Polarisierung aufweisen.
Man kann diese Perspektive explizit auf das Konzept der Risikotragfähigkeit von Staaten übertragen (vgl. Romeike 2026). Staaten verfügen demnach – ähnlich wie Unternehmen – über begrenzte Risikodeckungspotenziale, die durch wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, institutionelle Qualität und gesellschaftliche Akzeptanz bestimmt werden. Diese Risikotragfähigkeit ergibt sich aus der Fähigkeit, Schocks zu absorbieren, ohne dass zentrale staatliche Funktionen, die finanzielle Stabilität oder die politische Ordnung dauerhaft beeinträchtigt werden.
Ökonomisch wird die staatliche Risikotragfähigkeit primär durch das Potenzialwachstum, die Breite der Steuerbasis, die Produktivität der Volkswirtschaft sowie die Struktur der Staatsverschuldung bestimmt. Sinkt das langfristige Wachstum, während die Ausgaben strukturell steigen, reduziert sich der Spielraum zur Stabilisierung in Krisenzeiten. In diesem Sinne ist die Schuldentragfähigkeit eines Staates keine statische Kennzahl, sondern eine dynamische Funktion der künftigen Ertragskraft – ein Befund, der sowohl in der Wachstumsökonomik als auch in der empirischen Schuldenforschung breit belegt ist.
Institutionell hängt die Risikotragfähigkeit davon ab, ob ein Staat in der Lage ist, politische Entscheidungen konsistent, glaubwürdig und langfristig umzusetzen. Stabile Haushaltsregeln, funktionsfähige Verwaltung, unabhängige Zentralbanken und verlässliche Rechtssysteme wirken als Risikopuffer, weil sie die Erwartungsbildung der Kapitalmärkte stabilisieren und Anpassungsprozesse erleichtern. Erodieren diese Institutionen, sinkt die Bereitschaft von Investoren, fiskalische Übergangsphasen zu finanzieren, und die Refinanzierungskosten steigen – ein Mechanismus, der die verfügbare Risikodeckungsmasse zusätzlich reduziert.
Eine dritte, oft unterschätzte Dimension ist die gesellschaftliche Tragfähigkeit von Anpassungsmaßnahmen. Fiskalische Konsolidierung, Strukturreformen oder Steuererhöhungen sind politisch nur durchsetzbar, wenn sie gesellschaftlich akzeptiert werden oder zumindest keine massiven Destabilisierungen auslösen. Steigende soziale Spannungen, politische Polarisierung und Vertrauensverluste in staatliche Institutionen begrenzen somit faktisch den Umfang der wirtschaftspolitischen Reaktionsmöglichkeiten. Auch hier zeigt sich eine klare Parallele zur Unternehmenswelt: Maßnahmen zur Sanierung sind nur wirksam, wenn sie von zentralen Stakeholdern mitgetragen werden.
In der Gesamtschau folgt daraus, dass Staaten – trotz monetärer Souveränität und Besteuerungsrechten – keine unbegrenzte Fähigkeit zur Risikoabsorption besitzen. Überschreiten wirtschaftliche Belastungen, institutionelle Erosion und gesellschaftliche Spannungen gemeinsam bestimmte Schwellenwerte, kommt es zu nichtlinearen Anpassungsprozessen, die sich in abrupt steigenden Finanzierungskosten, Kapitalabflüssen, Inflation oder letztlich in Zahlungsausfällen manifestieren können. Genau diese Schwellenprozesse entsprechen dem, was in der Risikotheorie als Überschreitung der Risikotragfähigkeit bezeichnet wird.
Damit wird deutlich: Staatsbankrotte sind nicht primär Ausdruck kurzfristiger Liquiditätsprobleme, sondern Resultat einer strukturellen Überdehnung der staatlichen Risikotragfähigkeit, die sich über Jahre oder Jahrzehnte aufbaut. Das Konzept der Risikotragfähigkeit bietet somit einen konsistenten Rahmen, um fiskalische Stabilität, politische Steuerungsfähigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gemeinsam zu analysieren – und erklärt, warum auch hochentwickelte Volkswirtschaften nicht immun gegen Schuldenkrisen sind.
Weiterführende Literaturhinweise
- World Economic Forum (2026): Global Risks Report 2026, Cologny/Geneva 2026.
- International Monetary Fund (2025): World Economic Outlook; Global Debt Monitor, Washington 2025.
- Reinhart, C. M./Rogoff, K. S. (2009): This Time Is Different. Princeton University Press, Princeton 2009.
- Dalio, R. (2025): How Countries Go Broke: The Big Cycle. Simon & Schuster, New York 2025.
- Romeike, F. (2026): Wie Staaten bankrott gehen – Die Gesetzmäßigkeit der Risikotragfähigkeit, ZInsO, 29. Jahrgang (Veröffentlichung voraussichtlich in 02/2026).



