Odysseus als Risikomanager

Transparenz schaffen in einer Welt von Unsicherheit


Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]
Odysseus als Risikomanager: Transparenz schaffen in einer Welt von UnsicherheitKolumne

Welche geopolitischen Szenarien entstehen in unserer Weltunordnung? Welche Cybergefahren bedrohen Unternehmen? Wie bewerten wir die Risiken des Klimawandels? Wie bewerten Unternehmen ESG-Risiken (Environmental, Social and Governance-Risiken)? Tragen radikale Strömungen zu einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft bei? Und welche Risiken bestehen bei einem zunehmenden Protektionismus sowie mit Blick auf die Banken- und Schuldenkrise? Das ist nur ein Ausschnitt der aktuellen Risikolandkarte und daraus resultierender Fragen, mit denen sich Unternehmen in unseren Tagen auseinandersetzen müssen.

In diesem Geflecht aus Unsicherheiten wird unser Bild von der Zukunft immer verschwommener. Rund 90-mal kommen die Worte "uncertain" oder "uncertainty" im aktuellen Wirtschaftsbericht der OECD vor. Im Jahresgutachten des Sachverständigenrates kommt der Begriff immerhin 47-mal vor. Und der "Economic Policy Uncertainty Index" liegt mit 350 Punkten auf dem höchsten Niveau, das die Wissenschaftler der Stanford University, der University of Chicago und der Northwestern University jemals gemessen haben. Zusammenfassend kann man ohne Übertreibung sagen, dass Unsicherheit die neue Sicherheit ist ("Uncertainty is the new certainty").

Doch steigende Unsicherheit bedeutet vor allem, dass unser Bild von der Zukunft immer verschwommener wird. Unsicherheit verunsichert. Sie frisst sich in die Köpfe und verhindert Entscheidungen. Und Unsicherheit befördert Unsicherheit.

Risikomanagement schafft Transparenz in einer Welt von Unsicherheit

Das Wissen und das vorausschauende Antizipieren von "Überraschungen" sowie die anschließende Prävention ist die Kernaufgabe eines guten Risikomanager in stürmischen und unsicheren Zeiten. Doch hierfür müssen wir nicht nur eine "gelebte Risikokultur" entwickeln, sondern vor allem auch über Methodenkompetenz verfügen, um unsicherer Szenarien bewerten zu können. Für die Praxis bieten hier neben analytischen Methoden vor allem Kreativitätsmethoden eine wertvolle Unterstützung.
In Zeiten größter Unsicherheit sind diejenigen schlecht beraten, die den Kopf in den Sand stecken und vor Angst gelähmt sind. Den wer von Angst regiert wird, dann ist nur noch wenig Freiheit und Weitblick da. Es bringt das Leben zum Stillstand. Und es bringt keine Transparenz auf die Landkarte der Risiken.

Ein Blick in die Antike liefert uns wertvolle Impulse für einen antizipierenden und professionellen Umgang von Chancen und Risiken in einer Welt von Unsicherheit. Homer, der größte Dichter der Antike, hat die abenteuerliche Geschichte des griechischen Königs Odysseus rund 800 Jahre vor dem Jahr Null geschrieben. Damals lebten die Menschen in einer großen Zeit von Krisen und größter Unsicherheit.

Eine antike Welt voller geopolitischer Konflikte

Odysseus war der König von Ithaka, einer kleinen Insel im Ionischen Meer. Und zu damaligen Zeit bestand Griechenland aus vielen Königreichen. Fast jede Stadt war ein Königreich. Daher waren auch geopolitische Konflikte vorprogrammiert. Und – ähnlich wie heute – lieferte ein goldener Zankapfel die Ursache für einen der ganz großen geopolitischen Konflikte. Heute geht es weniger um einen goldenen Apfel, sondern um Wirtschaftsinteressen, Rohstoffe und persönliche Interessen von autoritären Narzissten. Damals ließ Eris, die Göttin, die Zank und Streit verursachte, während einer Hochzeit einen goldenen Apfel mit der Aufschrift "Für die Schönste" auf den Hochzeitstisch rollen. Und die drei Göttinen Hera, Pallas Athene und Aphrodite streckten gleichzeitig ihre Hände aus …

So begann der Trojanische Krieg, der sehr lange dauern sollte.

Erst zuhören, dann nachdenken und handeln

Trotz einer zehnjährigen Belagerung gelang es den Griechen nicht, die stark befestigte Stadt Troja zu erobern. Doch Odysseus benutzte als Kämpfer auf griechischer Seite nicht nur das Schwert, sondern seinen Verstand, um Troja zu besiegen. Er hatte eine geniale Idee: Auf Empfehlung von Odysseus bauten die Griechen ein großes hölzernes Pferd, in dem sich die tapfersten Krieger versteckten, und täuschten die Abfahrt ihrer Schiffe vor. Die Trojaner holten entgegen den Warnungen das Trojanische Pferd in die Stadt. In der Nacht kletterten die Griechen aus ihrem Versteck, öffneten die Tore und konnten so die Stadt einnehmen.

Odysseus als Risikomanager: Transparenz schaffen in einer Welt von Unsicherheit

Und die Warnungen von Kassandra, der Tochter des trojanischen Königs, verhallten ungehört. Der Gott Apollon gab Kassandra wegen ihrer Schönheit die Gabe der Weissagung. Kassandra hatte damit alle Fähigkeiten, über die eine perfekte Risikomanagerin verfügen sollte. Doch als sie die Verführungsversuche von Apollon zurückwies, verfluchte er sie und ihre Nachkommenschaft, auf dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenken werde. Auch der Seher Laokoon erkannte den Betrug. Doch niemand glaubte ihm. Er war so eine Art Compliance-Manager.

Das Ergebnis kennen wir: Die Stadt Troja ging unter. Die Sieger plünderten die Stadt und Odysseus wurde gefeiert.

Krise ist ein produktiver Zustand

Doch die Rache folgte sofort. Odysseus begab sich auf eine abenteuerliche und 20 Jahre dauernde Rückreise nach Ithaka. Eine Reise ins Ungewisse!

Nach einer stürmischen Seefahrt wurden er und seine Männer zur berüchtigten Insel der Zyklopen gespült. Dort lebten Riesen mit einem Auge so groß wie Melonen. Die Insel lag vor der Küste des Ätna auf Sizilien (daher vermuten einige Experten heute, dass es sich bei dem Auge um die brennende Lava auf dem Gipfel des Ätna handelte). Eingeschlossen in der Höhle des Zyklopen, stellte sich Odysseus dem Zyklopen Polyphem vor als: "Ich bin Niemand!" ("Outis"). Hierbei handelt es sich um ein Wortspiel, da "Outis" im Griechischen zugleich "Odysseuschen" bedeutet.

Odysseus als Risikomanager: Transparenz schaffen in einer Welt von Unsicherheit

Gefangen in einer Höhle begann der Zyklop Polyphem nach und nach Odysseus Truppe zu verzehren. Doch Odysseus war ein kluger, optimistischer und antizipierender Risikomanager: Er schenkte ihm zunächst starken Wein, der Polyphem müde machte. Während der Zyklop mit vollem Bauch und betrunken schlief, rammte ihm Odysseus eine brennende Fackel ins Auge. Dieser rief wutentbrannt seine Zyklopenfreunde um Hilfe: "Niemand hat mich geblendet". Die Freunde des Zyklopen wunderten sich über den unsinnigen Ruf und nahmen ihn daher nicht ernst.

Doch wie sollte Odysseus gemeinsam mit seinen Freunden die Höhle verlassen? Odysseus schmiedete eine geniale Strategie zur Risikosteuerung. Sie klammerten sich jeweils unter den Bauch eines Schafes, die in der Höhle gehalten wurde und nur zum Grasen nach draußen gebracht wurden. Der geblendete Zyklop betastete alle Schafe auf dem Rücken – aber nicht im dichten Fell unter dem Bauch. So wurden Odysseus und seine Seeleute in die Freiheit getragen.

Auch der Klügste ist manchmal dumm

Odysseus hatte zum Abschied dem Zyklopen Polyphem seinen richtigen Namen verraten. Doch er wusste nicht, dass der Zyklop ein Sohn des Gottes Poseidon war. Daher folgte die Rache sofort. Andere Zyklopen kamen ans Meeresufer gerannt und begannen riesige Felsen auf die Schiffe zu schleudern. Und die Wellen wurden immer höher und der Wind immer stärker. Es regnete, blitze und donnerte. Odysseus trotzte diesen Gefahren und segelte weiter durch die stürmische See …

Odysseus als Risikomanager: Transparenz schaffen in einer Welt von Unsicherheit

Zwischen Skylla und Charybdis

Skylla (Szylla) und Charybdis sind Meeresungeheuer, die in der Straße von Messina lebten und jeweils eine Seite der Meerenge besetzten. Durch diese Meerenge musste Odysseus durch. Auch dieses Dilemma kennen Risikomanager nur allzu gut. Man steht vor der ausweglosen Wahl zwischen zwei Übeln. Oder man muss sich zwischen zwei unumgehbaren Gefahren entscheiden.

Auf den Rat von Kirke meidet Odysseus den Meeresstrudel Charybdis, gerät dabei aber unweigerlich so nahe an Skylla, der Meereshündin, heran, dass sie sechs der Gefährten tötet und frisst. Odysseus segelte weiter zur Insel der Sirenen.
Und er lieferte ein weiteres Paradebeispiel für eine Antizipation von Stressszenarien und eine wirkungsvolle Umsetzung von präventiven Maßnahmen. Odysseus befahl allen Seemännern, sich die Ohren mit Watte und Bienenwachs zu verstopfen. Und er selbst wurde von seiner Mannschaft am Schiffsmast festgebunden. Und Odysseus zeigt ein weiteres Mal, dass sein Risikomanagement wirksam war.

Was wir von Odysseus lernen können

Odysseus zeigt uns vor allem, dass es wichtig ist, in einer Welt, die von Unsicherheit dominiert wird, seinen Verstand zu benutzen und nicht etwas den Kopf in den Sand zu stecken. Der griechische Abenteurer präsentiert und "par excellence" in Szenarien zu denken und aus der Zukunft zu lernen. Odysseus zeigt uns, wie wir Unsicherheit professionell managen können. Und Odysseus zeigt uns auch, dass Chancen- und Risikomanagement Spaß machen kann. Er verliert nie sein Ziel aus den Augen, nämlich die Rückreise zu seiner Frau Penelope, die rund 20 Jahre auf seine Rückkehr warten musste.

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[ Bildquelle: Adobe Stock ]
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