Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin ohne jede Selbstkritik

Selbstüberschätzung, Missmanagement und grenzenloser Risikoappetit


Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]

Deutliche Kritik übt Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Neujahrsansprache an "finanziellen Exzessen ohne soziales Verantwortungsbewusstsein" und Managern und Bankern "ohne Maß und Mitte". Merkel weist darauf hin, dass die Welt über ihre Verhältnisse gelebt habe. "Nur wenn wir diese Ursachen benennen, können wir die Welt aus dieser Krise führen. Dazu brauchen wir klare Grundsätze: Der Staat ist der Hüter der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung. Der Wettbewerb braucht Augenmaß und soziale Verantwortung." Auf selbstkritische Worte verzichtet Merkel. Standen nicht am Beginn der Krise staatliche Eingriffe, um den US-Immobilienmarkt zu beleben? Entdeckte nicht eine kleine Schar Prüfer der Deutschen Bank bei der Hypo Real Estate die Finanzlöcher, die den 1.600 Mitarbeitern der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in den vergangenen Jahren verborgen geblieben waren? War es nicht die Deutsche Bank, die auf Risiken bei der IKB Deutsche Industriebank hinwies und anschließend die Kreditlinien kürzen wollte, lange bevor die Finanzaufsicht BaFin bzw. das Bundesministeriums der Finanzen aus ihrem Schlaf mit offenen Augen erwachten?

Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Jahreswechsel 2008/2009Koalition von Inkompetenz und Pseudo-Kontrollorganen schließt Politik ein

Waren es nicht vor allem staatliche Landesbanken, die in den vergangenen Jahren auf den globalen Kapitalmärkten das große Rad drehten? Eigentlich sollten sie ohne Druck von Aktionären und privaten Eigentümern der regionalen und besonders der mittelständischen Wirtschaft dienen, sollen die Flächen bedienen und auch den sogenannten "kleinen Leuten" Geldgeschäfte sichern. Selbstüberschätzung, Übertreibungen, Missmanagement und grenzenloser Risikoappetit sind bei Vorständen und Aufsichtsräten von Landesbanken anscheinend besonders stark ausgeprägt. Sie stehen in der ersten Reihe, wenn auf den globalen Finanzmärkten das schnelle Geld verdient werden kann.

Selbstverständlich weist Angela Merkel nicht darauf hin, dass auch die Politik zur Koalition von Inkompetenz und Pseudo-Kontrollorganen gehört. In den vergangenen Monaten waren Politiker schnell dabei, Vorstände von Banken "gnadenlos" für Ihr Versagen im Zusammenhang mit der aktuellen Finanzkrise zur Verantwortung zu ziehen. Ausgeblendet wird regelmäßig das massive Versagen der Politik, u. a. auch in der Rolle ihrer Aufsichtstätigkeit der in den Subprime-Strudel geratenen Banken (allen voran die IKB, die SachsenLB, die WestLB und die BayernLB).

Vorgabe von Renditezielen ohne Risikoadjustierung

Ein Vorstand agiert nicht im luftleeren Raum. Vielmehr trifft der Aufsichtsrat auch die Entscheidung darüber, welche Renditen das Unternehmen anstreben soll und welche Risiken dafür eingegangen werden. Leider haben die wenigsten Aufsichtsräte jemals etwas von einer risikoadjustierten Rendite gehört. Eine ganz wesentliche Ursache für die aktuelle Krise liegt darin, dass das Grundprinzip einer wertorientierten Unternehmensführung verletzt wurde, nämlich das Abwägen der erwarteten Rendite und der Risiken. Ob 25 Prozent prognostizierte Rendite gut oder schlecht sind, kann man nicht beurteilen, wenn keine quantitativen Informationen über den Risikoumfang zum Vergleich verfügbar sind. Die Vorgabe eines Renditeziels ohne Risikoadjustierung führt zur gezielten Auswahl riskanter Geschäfte und dem Bestreben, deren Rendite durch den Einsatz von Fremdkapital immer mehr zu hebeln.

Frau Merkel unterstellt mit ihrer Kritik an Managern, dass es keine Aufsichtsräte gegeben hat, die von ihren Vorständen eine immer höhere Rendite verlangt haben und damit auch das Eingehen höherer Risiken gebilligt oder sogar darauf gedrängt haben. Liebe Frau Merkel, wenn Sie mit der Gier argumentieren, dann müssen sie möglicherweise woanders suchen.

Ein Blick in die Kontrollorgane der Landesbanken und Staatsbanken zeigt, dass Bankfachleute oder Risikomanagement-Experten extrem rar gesät sind. Weder die Politiker noch die Finanzaufsicht hat die Struktur und Komplexität von Conduits und Structured Investment Vehicles durch Asset-backed Commercial Papers (ABCP) und ähnliche Papiere verstanden. Jedoch hätte ein einfacher Blick in die reale Welt der US-Immobilienmärkte auch dem Nicht-Experten relativ schnell verdeutlicht, dass alle Marktteilnehmer auf einem Pulverfass saßen und die einzige Unbekannte im Spiel der Zeitpunkt der Explosion war.

Der Bundespräsident war deutlicher

Bundespräsident Horst Köhler hatte vor wenigen Wochen deutlichere Worte gefunden. Ende November wies er darauf hin, dass die Kette des Versagens viele einschließt, sowohl den Markt als auch den Staat. Daraus ergibt sich eine Verantwortlichkeit, so Köhler. "Alle Verursacher der Krise müssen sich dieser Verantwortung stellen. Deshalb sage ich auch: Allen wäre geholfen, wenn der Aufarbeitung der Krise eine sorgfältige Ursachenanalyse zugrunde gelegt würde – erstellt von Leuten, die wissen, worum es geht, und die in ihrem Urteil unabhängig sind." In den üblichen Lobbyismus zurückzufallen, um den eigenen Beitrag klein zu halten, ist keine angemessene Haltung, so der Bundespräsident. Es ist an der Zeit für uns alle, über den Tellerrand hinaus zu denken." Frau Merkel hat leider noch nicht über den Tellerrand hinaus geschaut ...

Kommentare zu diesem Beitrag

Manuel /31.12.2008 10:08
viel heisse luft ohne etwas konkretes. "die welt hat über ihre verhältnisse gelebt" kommt beim volk immer gut an. und wer ist schuld, na klar: die manager, wer sonst?
seit einiger zeit nun schon stehen deutschlands manager im kreuzfeuer der kritik. dabei wird leider immer wieder übersehen, dass es sicherlich schwarze schafe gibt. pauschalschelte schadet sowohl dem standort d als auch unserer wirtschaft ingesamt. etwas mehr selbstkritik wäre angebracht, frau bundeskanzlerin!
risk-to-go /31.12.2008 10:32
Das "Jahr der Nullen" schließt auch die Politiker mit ein. Null-Ahnung, NullPerspektive, Null-Strategie etc. Waren nicht auch die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac halbstaatlich und ein Instrument der Politik?
Quant@Swiss /31.12.2008 11:52
Liebe Frau Merkel, alles halb so wild. Zockereien und Spekulationsblasen sind mindestens so alt wie der Finanzkapitalismus. Siehe Tulpenspekulation in Holland im frühen 17. Jahrhundert, New Economy etc etc. Und die Logik ist recht einfach zu verstehen - auch für Physiker: Am Anfang steht meistens die tolle neue Geschäftsidee (Tulpen, Internet, Verbriefungen von US-Hypothekenrisiken und so weiter). Investoren wollen Geld verdienen und stecken ihr Geld in das neue "Geschäftsmodell". Dann folgt ein Herdentrieb. Alle machen mit, da man ja recht dumm dastehen würde, wenn man nicht auch mitverdienen würde (siehe Landesbanken). Nein, das Geschäft versteht man nicht ... aber die anderen machen es ja auch und verdienen sich eine goldene Nase ....

Alle sind im Rausch, der in der Regel auch lange gut geht. Doch plötzlich bekommt ein Zocker/Spieler kalte Füsse und steigt aus (beispielsweise bei der Tulpenblase, als im 17. Jahrhundert ein Händler nicht mehr bereit war, 5.500 Gulden = etwa 87.000 Euro heute für eine Tulpenzwiebel zu zahlen). Das Vertrauen bricht zusammen und die Blase platzt. Die Manager und Banker landen auf der Guillotine und irgendwann geht das Spiel wieder von vorne los.
Panzerknacker /31.12.2008 12:50
Also in erster Linie haben mal die Amerikaner über ihre Verhältnisse gelebt und das war ja schon immer so, also nix Neues! Gut, staatliche Prüfer waren überfordert und dass inbesondere die ERTRAGSORIENTIERTEN privaten Wirtschaftsprüfer deutlich mehr Schein als Sein sind, ist auch nicht neu. Den Aufsichtsrat, der eine risikoadjustierte Rendite, einen die Funktionsweise von Derivaten, Kreditrisikomodellen etc. versteht, würde ich auch noch gerne kennenlernen. Von den oben genannten special vehicles mal ganz zu schweigen...

Aber Neujahrsansprachen sind ja auch nicht ernst zu nehmen. Der Vergleich von politischen Ansprachen mit Horoskopen gefällt mir gut: Immer was zu sagen, es kommen auch zur aktuellen Lage passen Schlagwörter vor, aber dennoch unverbindlich und der Zuhörer weiß anschließend weder was konkret gesagt wurde geschweige denn was er nun für einen Handlungsnutzen daraus ziehen soll ... Einen guten Rutsch, wohin auch immer...
Manuel /31.12.2008 13:39
wahrscheinlich hast du recht, panzerknacker. sollten wir dann nicht eher über eine qualifizierungsinitiative für aufsichtsräte und staatliche prüfer diskutieren? im swiss code of corporate governance steht zumindest, dass der verwaltungsrat für eine geeignete einführung neuer gewählter mitglieder und, bei bedarf, für eine aufgabenbezogene weiterbildung sorgt. nun fehlt nur noch die umsetzung.
Panzerknacker /31.12.2008 21:08
@Manuel: Ich habe mir einem Mediziner sagen lassen dass die Ärzte in den USA immer wieder ihre Prüfung wiederholen müssen (alle paar Jahre, in regelmäßigen Abständen, wird wohl online gemacht). Bei Aufsichtsräten zeigt die Erfahrung dass diese Aus- und Weiterbildung scheuen. Das Einzige was sie prüfen ist ihre Kontoverbindung und die Zahlungseingänge aus Aufsichtsratsmandaten... Wäre doch mal eine Anregung, schließlich gibt es in anderen Berufszweigen auch eine Verpflichtung zur regelmäßigen Weiterbildung.
Manuel /01.01.2009 23:01
vor kurzem hat mir ein arbeitsjurist erzählt, worum es bei den meisten gerichtlichen auseinandersetzungen bei ar-mitgliedern geht: darf ein ar-mitglied von mallorca aus an einer ar-sitzung virtuell teilnehmen. darf er seine sekretärin als backup schicken und so weiter. das sagt bereits viel aus über die einstellung vieler ar-mitglieder ...
Basti /05.01.2009 17:02
"Dass rücksichtsloser Egoismus in moralischer Hinsicht falsch ist, wussten wir schon; jetzt wissen wir, dass er auch in wirtschaftlicher Hinsicht falsch ist", sagte US-Präsident Franklin D. Roosevelt schon vor mehr als siebzig Jahren.
PeterPan /12.01.2009 00:21
Was versteht Frau Merkel und deren Lobby-Organisationen schon von Volkswirtschaft und Finanzmärkten. Bitter, bitter ...
Makkaroni /14.01.2009 22:34
Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut hat es richtig und scharfsinnig formuliert: Die Teilverstaatlichung der Commerzbank ist ein ordnungspolitischer Sündenfall. Nicht nur, weil der Staat in das freie Spiel der Marktkräfte eingreift, sondern auch, weil mit Steuergeldern eine mehr als zweifelhafte Fusion subventioniert wird. Ebenso wenig ist zu rechtfertigen, dass der Staat der bereits angeschlagenen Commerzbank die Übernahme der mit Milliardenverlusten belasteten Dresdner Bank ermöglicht. So wird ein nicht marktkonformes Streben nach Größe gefördert. Dabei hat gerade die Finanzmarktkrise überdeutlich offenbart, wie sehr Großbanken zu einem Systemrisiko für die gesamte Wirtschaft werden können. Das "too big to fail"-Argument lieferte die Legitimation, große Finanzinstitute zu retten und einen allgemeinen Kollaps des Bankensystems zu verhindern. Deshalb müsste gerade auch aus der Finanzmarktkrise die Lehre gezogen werden, dass der Staat eher für eine Redimensionierung und Zerschlagung zu großer wirtschaftlicher Gebilde sorgt - so wie es die Grundväter der sozialen Marktwirtschaft mit dem Kartellrecht und der Fusionskontrolle grundsätzlich anstrebten, weil sie Macht und Größe per se für wettbewerbshemmend und -verzerrend hielten.
risk-to-go /15.01.2009 23:09
2008 ist der Kasinokapitalismus untergegangen. Nun dürfen wir uns mit einem Mischsystem aus Kapitalismus und Sozialismus anfreunden. Mit Letzterem kennt sich Angela Merkel ja perfekt aus. Und was sagt die Statistik? 74 Prozent im Osten halten den Sozialismus für eine gute Idee, die schlecht ausgeführt wurde. 47 Prozent sind es im Westen.
Bernd /16.01.2009 21:59
Der Zusammenbruch der Finanzriesen (siehe Citibank, die im Schlussvierteljahr 2008 einen Fehlbetrag von 8,3 Mrd. US-Dollar erwirtschaftete und die nun durch Teilung gerettet werden soll) markiert das Ende einer Ära des Gigantismus. Die Gewinner sind die Kleinen und Flinken. Das war immer so und wird auch immer so bleiben. Zum anderen endet eindeutig eine Zeit, in der das Bankgeschäft um seiner selbst Willen betrieben wurde. Auch das war immer so ... Back to the roots ...
Die Wahrheit /17.01.2009 17:59
Angie, man kann es auch in einfachen Worten sagen: Die Party ist vorbei und die Zeche zahlt der Steuerzahler ;-(
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