Supply-Chain-Risiken

Rückkehr in die Normalität bedingt Transparenz


Redaktion RiskNET
Supply-Chain-Risiken: Rückkehr in die Normalität bedingt TransparenzInterview

Die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte COVID-19-Pandemie liefert uns ein sowohl eindrückliches als auch schmerzhaftes Beispiel für massiven Auswirkungen auf die gesamten globalen Lieferketten in vielen Branchen. Die Risiken für die Fracht bei der Lagerung und dem Transport haben erheblich zugenommen. In der Veröffentlichung "Coronavirus: Loss Prevention Measures For Cargo Storage And Transportation" (Maßnahmen zur Schadenverhütung bei der Lagerung und beim Transport von Gütern) haben Experten des Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) eine Reihe von präventiven Maßnahmen zusammengestellt, die sich insbesondere auf zwei Bereiche konzentrieren: Risiken für die Lagerung der Fracht und Risiken für Waren im Transit. Die RiskNET-Redaktion sprach mit Björn von Diepenbrock, Senior Risk Consultant Marine bei der Allianz Global Corporate & Specialty, über die Auswirkungen der Pandemie auf die globalen Wertschöpfungsnetze und präventive und reaktive Maßnahmen beim Gütertransport.

Noch vor wenigen Monaten konnten sich weder Supply-Chain-, Risikomanager oder andere Experten vorstellen, dass SARS-CoV-2 die Welt zum Stillstand bringen würde. Wie bewerten die AGCS-Experten den aktuellen Status Quo der Supply-Chain-Risiken in der Folge der Corona-Pandemie?

Björn von Diepenbrock: Aus unserer Sicht ist das Risiko einer Betriebs- und Lieferkettenunterbrechung (BU) das größte Risiko für Unternehmen. Das Risiko hat in den letzten Jahren aufgrund einer Reihe von Faktoren zugenommen, die von der Globalisierung bis hin zu modernen Produktionsverfahren reichen.  Die Widerstandsfähigkeit von Unternehmen kann durch eine zunehmende Fragmentierung der Produktions- und Lieferketten und die Rationalisierung von Prozessen zur Maximierung der Nutzung von Produktionskapazitäten auf die Probe gestellt werden. Obwohl dies aus geschäftlicher Sicht durchaus sinnvoll ist, bedeutet es aus Sicht des BU-Risikos auch, dass jede kleine Widrigkeit oder Störung unmittelbare Auswirkungen auf die Produktion haben kann und wird. Unternehmen werden sich dieser Bedrohungen zunehmend bewusst und unterschätzen sie nicht. Viele verbessern ständig ihre BU- und Supply-Chain-Risikomanagement-Ansätze. Das Risiko einer Pandemie von den Unternehmen weltweit eher als geringeres Risiko eingeschätzt. Nachdem der SARS-Ausbruch in den Jahren 2002/2003 bereits länger zurückliegt, standen Pandemierisiken im Vergleich zu vielen anderen drängenden Unternehmensrisiken nicht so weit oben auf der Unternehmensagenda. Daher gab es bis zum Ausbruch des Coronavirus nur eine begrenzte Nachfrage und ein geringes Kundeninteresse an Pandemie-Versicherungslösungen.

Seit Jahren rangiert das Betriebsunterbrechungsrisiko an der Spitze des "Allianz Risk Barometers", der globalen Top-Ten-Liste der Unternehmensrisiken. Welche Folgen erwarten Sie auf Betriebsunterbrechungsszenarien in der Folge der fragilen Wertschöpfungsnetze in der Folge von COVID-19?

Björn von Diepenbrock: Die Corona-Pandemie beeinträchtigt die globalen Lieferketten in noch nie dagewesener Weise. Risiken für die Fracht bei der Lagerung und dem Transport haben erheblich zugenommen – insbesondere für hochwertige und temperaturempfindliche Güter.

Wie lange wird es nach einem Ende des "Lock Downs" dauern, bis die Wertschöpfungsnetze wieder ohne größere Reibungsverluste und Betriebsunterbrechungen laufen werden?

Björn von Diepenbrock: Wenn nach Wochen oder gar Monaten des Stillstands die Logistik wieder hochgefahren wird, sollte dies gut vorbereitet sein und mit Umsicht erfolgen. Die Rückkehr in die Normalität wird davon abhängen, wie gut die Vernetzung und der Informationsstand der Betriebe ist und wie gut sich die Logistikdienstleister proaktiv darauf vorbereiten. Mit Sicherheit wird es branchen- und länderspezifisch unterschiedliche Entwicklungen geben.

Sehen Sie branchenspezifische Unterschiede bei der Risikobewertung und dem Reifegrad des Supply-Chain-Risikomanagements?

Björn von Diepenbrock: Die führenden Unternehmen haben ausgewogene regionale und internationale Strategien entwickelt, die ihre Fragmentierung begrenzen und die Funktionen und das Know-how des produzierenden Unternehmens in einer Reihe von internationalen Knotenpunkten beibehalten. Wenn ein Unternehmen seine Risiken in seiner Lieferkette begrenzen kann (durch Zugang zu Sicherheitsbeständen und die Diversifizierung seiner Lieferanten), ist es wahrscheinlich gut aufgestellt. Kurz gesagt, Unternehmen mit einem soliden Plan können schnell reagieren, die notwendigen Ressourcen erhalten und den Betrieb wieder aufnehmen, bevor es zu spät ist.

Was empfehlen Sie Unternehmen, wie sie möglich schnell Transparenz in ihre Wertschöpfungskette bringen und Risiken identifizieren, die von COVID-19 betroffen sein könnten?

Björn von Diepenbrock: Kurzfristig sollte sichergestellt werden, dass die digitale Datentransparenz zwischen den beteiligten Unternehmen und Logistikdienstleistern der Wertschöpfungskette deutlich erhöht wird. Langfristig bedeutet es, die digitale Transformation massiv voranzubringen, um die Handlungsfähigkeit sowie schnelle und angemessene Reaktionsfähigkeit auf sich ändernde Bedingungen sicherzustellen

Wie bewerten Sie die Resilienz globaler Lieferketten? Welche branchenspezifischen Unterschiede sehen Sie aktuell?

Björn von Diepenbrock: Wir erkennen, dass die Widerstandsfähigkeit der Supply Chain branchenspezifisch unterschiedlich ausgeprägt ist. Abhängig von Beschaffenheit der Güter, Transportwege, Länderrestriktionen, Produkt- und Produktionsstufen sowie Auswahl der Logistikdienstleister und deren Transport- und Lagerkapazitäten steht die Industrie teilweise vor unterschiedlichen Problemen. Es scheint, dass Agilität der Systeme und Ankopplung durchgängiger IT-Systeme eine Herausforderung darstellen.

In der Veröffentlichung "Coronavirus: Loss Prevention Measures For Cargo Storage And Transportation" liefern Sie sehr konkrete und praxisrelevante Empfehlungen zur Schadenverhütung sowohl bei der Lagerung als auch beim Transport von Gütern. Was sind die wesentlichen Risiken bei der Lagerung?

Björn von Diepenbrock: Verschlossene und nicht besetzte Einrichtungen bedeuten nicht nur ein erhöhtes Diebstahl- und Brandrisiko für die Ladung, sondern diese könnte auch durch  längere Lagerzeiten Schaden nehmen. Transportunterbrechungen aufgrund geschlossener Grenzen, verspäteter Zollabfertigung oder einfach aufgrund von Personalmangel können zu langen Verzögerungen der Lieferzeiten führen. Unternehmen benötigen deshalb aktuell eine solide Planung ihrer Frachttransporte, um sicherzustellen, dass sie wegen der weltweit zu beobachtenden Stillstände über geeignete Notfallpläne verfügen.

Welche präventiven und reaktiven Maßnahmen sollten beim Gütertransport ergriffen werden?

Björn von Diepenbrock: Unternehmen sollten vor Beginn des Transports eine Bestätigung einholen, dass am endgültigen Bestimmungsort weiterhin Fracht angenommen werden kann. Da sich dies mitunter sehr kurzfristig ändern kann, gelte es zugleich Vorbereitungen für eine mögliche Nichtannahme zu treffen. Der Einsatz von Fahrzeugen und Aufliegern, die, wann immer möglich, über integrierte GPS-Technologie verfügen sollten sowie die Integration von Internet of Things- (IoT)-Überwachungsgeräten in den Verpackungen der Ladung, können die Transparenz der Sendung erhöhen. Diese Geräte können bei Sendungsabweichungen oder -verzögerungen Standortinformationen in Echtzeit liefern.

Störungen in Lieferketten sind kein neues Phänomen. Erwarten Sie in der Folge der COVID-19-Pandemie grundsätzliche strategische Veränderungen im Supply Chain Management, um die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen? Als Beispiel sei eine Reduktion der Fragilität der Supply Chain in der Folge einer Just-in-Time-Fertigung genannt.

Björn von Diepenbrock: Bereits klimabedingte Störungen im Logistikgeschäft, Cyberangriffe, Unsicherheiten in Bezug auf Handelsströme bewirken ständig strategische Veränderungen im Supply Chain Management. Die COVID-19-Pandemie wird die Prozesse zur Widerstandsfähigkeit beschleunigen. Durch permanente Lernprozesse und dem Kompromiss verschiedener Supply-Chain- Strategien mit höchstem Maß an digitaler Transparenz wird langfristig die Resilienz globaler Lieferketten verbessert werden.

 

Björn von Diepenbrock, Senior Risk Consultant Marine bei der Allianz Global Corporate & Specialty.
Björn von Diepenbrock
, Senior Risk Consultant Marine bei der Allianz Global Corporate & Specialty.

 

[ Bildquelle: Adobe Stock ]
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