Risikoblindheit und Risikoinkompetenz

"Schwarzer Schwan" als faule Ausrede


Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]
Risikoblindheit und Risikoinkompetenz: Eine Pandemie ist kein "Schwarzer Schwan"Kolumne

"Covid-19 ist wie ein schwarzer Schwan: Wir konnten uns nicht direkt darauf vorbereiten", so Daimler-Chef Ola Källenius vor wenigen Tagen in einer Videoansprache an seine 300.000 Mitarbeiter rund um den Globus. Die Hysterie-Pandemie und der Lock-Down wird nun mehr und mehr spürbar: Der Betriebsgewinn des Konzerns ist im ersten Quartal 2020 um 78 Prozent von 2,8 Milliarden auf 617 Millionen Euro (Q1/2019) eingebrochen. Täglich wird Liquidität verbrannt und der Free Cashflow beträgt minus 2,3 Milliarden Euro. Und Daimler ist nur ein Beispiel, dem viele weitere folgen werden. Denn wir stehen erst am Anfang einer systemischen Dominorallye.

Als Risikomanager stellen sich mir viele Fragen: Ist die Aussage von Källenius richtig, dass es sich bei COVID-19 um einen "Schwarzen Schwan" handelt? Für was steht das verwendete Symbol des Schwarzen Schwans? Bevor Australien entdeckt wurde, waren die Menschen in der Alten Welt überzeugt, alle Schwäne seien weiß. Diese Überzeugung war unanfechtbar, da sie durch die empirische Evidenz anscheinend völlig bestätigt wurde. Als der erste schwarze Schwan gesichtet wurde, wurde das bisherige Gedankengebäude schwer erschüttert. Die Schwarze-Schwan-Illustration veranschaulicht eine schwerwiegende Beschränkung und Blindheit bei unserem Lernen durch Beobachtung oder Erfahrung und die Zerbrechlichkeit unseres (historischen) Wissens. Da die meisten Beobachter über den eigenen Tellerrand nicht hinausschauen, war für sie klar, dass alle Schwäne weiß sind. Es lag schlichtweg außerhalb der eigenen Erfahrungen und Vorstellungskraft, dass schwarze (Trauer-)Schwäne in allen Bundesstaaten Australiens vorkommen, sowohl auf dem Festland wie auch in Tasmanien.

Warum sind wir blind für Extremszenarien?

Es ist bekannt, dass Menschen systematisch die schmerzhaften Folgen von Extremereignissen unterschätzen. Die Gründe hierfür sind einfach und schlicht: Wir denken in schlüssigen Geschichten, verknüpfen Fakten zu einem stimmigen Bild, nehmen die Vergangenheit als Modell für die Zukunft. So schaffen wir uns eine Welt, in der wir uns zurechtfinden. Aber die Wirklichkeit ist anders: chaotisch, überraschend, unberechenbar. Oftmals ist für diese Fälle die Vergangenheit ein sehr schlechter Berater und führt zu einer eingeschränkten Sicht. Auch ein Autofahrer steuert sein Gefährt nicht über einen Blick in den Rückspiegel.

Bereits der im Jahr 2010 verstorbene französische Mathematiker Benoît B. Mandelbrot kritisierte immer wieder den unprofessionellen Umgang mit Risiken und Unsicherheit. Basierend auf seinen Analysen sind die meisten Risikomanagement-Systeme blind für Extremereignisse. Mandelbrot wies darauf hin, dass Risiken falsch gemessen werden und schmerzhafte "Worst case"-Szenarien ausblendet würden: "Jahrhunderte hindurch haben Schiffbauer ihre Rümpfe und Segel mit Sorgfalt entworfen. Sie wissen, dass die See in den meisten Fällen gemäßigt ist. Doch sie wissen auch, dass Taifune aufkommen und Hurrikane toben. Sie konstruieren nicht nur für die 95 Prozent der Seefahrttage, an denen das Wetter gutmütig ist, sondern auch für die übrigen fünf Prozent, an denen Stürme toben und ihre Geschicklichkeit auf die Probe gestellt wird. Die Finanziers und Anleger der Welt sind derzeit wie Seeleute, die keine Wetterwarnungen beachten." [Mandelbrot 2004, S. 52 sowie Romeike 2015, S. 199].

Das Phänomen der Schwarzen Schwäne ist eng verbunden mit dem grundlegenden (philosophischen) Problem der Induktion, also dem Schließen von (endlichen) Vergangenheitsdaten auf die Zukunft. Es besteht immer das Problem, dass möglicherweise sehr relevante Extreme (aber seltene) Ereignisse im betrachteten Vergangenheitszeitraum nie eingetreten sind. Wären diese Ereignisse eingetreten, hätten sie auf Grund ihrer außerordentlichen Höhe jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Bewertung zukünftiger Szenarien. Man erkennt hier die unmittelbare Nähe zum wissenschaftlichen Falsifikationismus-Prinzip in Poppers kritischen Rationalismus. Dem zu Folge sind auf Grund empirischer Daten abgeleitete Erkenntnisse immer als vorläufige (ggf. bewährte) Hypothesen aufzufassen. Der wissenschaftliche Fortschritt resultiert damit primär aus dem Versuch eine derartige Hypothese zu verwerfen (zu falsifizieren). In der Praxis gehen Menschen jedoch meist umgekehrt vor und gerade die psychologische Forschung zeigt, dass Menschen insbesondere versuchen, eine vorhandene Meinung durch zusätzliche Daten abzusichern bzw. sogar gezielt nur diejenigen Informationen zu Kenntnis zu nehmen, die ihre eigene bestehende Einschätzung und Vorstellungskraft unterstützen. Die irrationalen und hoch emotionalen Diskussionen rund um COVID-19 liefern uns hier ein nahezu perfektes Beispiel.

Lieber Herr Källenius, Sie irren sich …

Nein, lieber Herr Källenius, eine Pandemie ist das Gegenteil eines "schwarzen Schwans". COVID-19 war eindeutig ein weißer Schwan, also ein Ereignis, das mit Gewissheit irgendwann eintreffen wird. Die einzige Unbekannte war der genaue Zeitpunkt – aber eben gerade nicht das Ereignis. Und Risikomanagement sollte genau solche Stressszenarien antizipieren und Maßnahmen definieren, damit Unternehmen in der stürmischen See nicht untergehen. Sie haben schlicht und einfach die Wetterwarnungen ignoriert und es versäumt Rettungsboote zu bauen. Denn Rettungsboote werden nicht erst im Sturm gebaut.

Infektionsrisiken und Pandemien bereiten Wissenschaftlern sowie weitsichtigen und seriös arbeitenden Risikomanagern seit vielen Jahren schlaflose Nächte (wie übrigens auch das Szenario eines "Black Outs" und eines globalen Finanzkollaps). In renommierten Fachzeitschriften, wie etwa Nature, Science und Nature Reviews Microbiology, wurden Studienergebnisse über die Risiken einer globalen Epidemie veröffentlicht, die beispielsweise durch Coronaviren verursacht werden können. "Der Ausbruch von Wuhan war kein Zufall", so Ralph Baric, Virologe an der University of North Carolina in Chapel Hill. Oder anders formuliert: Die Epidemie war geradezu unvermeidbar. Der exzellente Statistiker und Professor für internationale Gesundheit, Hans Rosling, hat bereits vor vielen Jahren auf die fünf globalen Risiken hingewiesen, die uns beunruhigen sollten. Als Top-1-Risiko beschreibt er in seinem Buch "Factfulness" das Risiko einer globalen Pandemie.

Erwähnt sei an dieser Stelle auch die detaillierte Risikoanalyse "Pandemie durch Virus Modi-SARS", die von Wissenschaftlern und Experten des Robert Koch-Instituts (RKI) und zahlreichen Bundesämtern, bereits im Jahr 2012 erstellt wurde. Das fiktive Szenario beschrieb eine von Asien ausgehende, globale Verbreitung eines neuartigen Erregers "mit außergewöhnlichem Seuchengeschehen". Hierfür wurde der hypothetische, jedoch mit realistischen Eigenschaften versehene Erreger "Modi-SARS" zugrunde gelegt. So stellt sich die Frage, ob im Vorfeld der COVID-19-Pandemie wirksame Methoden eines präventiven Risiko- und Krisenmanagements bewusst oder fahrlässig falsch oder gar nicht angewendet wurden?

Bereits im Jahr 2006 haben wir auf RiskNET den Artikel "Risiken einer Pandemie werden unterschätzt" veröffentlicht, der auf die massiven Risiken einer globalen Pandemie und die Notwendigkeit entsprechender Notfallpläne hinweist ("Unternehmen müssen sich durch Business-Continuity-Pläne einen individuellen Rahmen schaffen, statt sich auf allgemeine staatliche Abwehrpläne, die für die Unternehmensrisiken nicht ausreichend sein können, oder auf die Herstellung von unerprobten Impfstoffen und Medikamenten zu verlassen."). Und nun werden Staaten und Unternehmen von der Realität überholt, da Schlechtwetterwarnungen ausgeblendet werden. Denn Schlechtwetterwarnungen sind nur etwas für Hypochonder und "Schwarzmaler". So habe ich es in den letzten drei Jahrzehnten von vielen Vorständen immer wieder gehört.

Ablenkung von einem nicht wirksamen Risikomanagement

Es wird deutlich, dass ein "Schwarzer Schwan" immer wieder gerne als Entschuldigung für die eigenen Fehler und unzureichend ausgeprägten Antizipationsfähigkeiten potenzieller Überraschungen herangezogen wird. Die COVID-19-Pandemie hat einmal mehr bestätigt, was in der Risikoforschung seit vielen Jahrzehnten bekannt war: Es mangelt bei den Verantwortlichen im Staat, bei vielen Unternehmenslenkern und vielen Menschen an der notwendigen Risikokompetenz. Es fehlt an der Fähigkeit, die bei einer unsicheren Zukunft vielfältigen Chancen und Gefahren (Risiken) adäquat einzuschätzen und diese in den eigenen Entscheidungen und Handlungen zu berücksichtigen.

Oder wie es Nikolaus von Bomhard (Ex-Vorstandsvorsitzender der Munich Re) vor einigen Jahren bestätigt hat: "Die vermeintliche Unvorhersehbarkeit von Ereignissen muss nur allzu oft als Ausrede für fehlendes Risikomanagement herhalten."

Literatur

  • Mandelbrot, Benoît B. (2004): Fraktale und Finanzen – Märkte zwischen Risiko, Rendite und Ruin, München, Piper Verlag.
  • Romeike, Frank (2015): Beautiful, Colourful Risk: Benoît B. Mandelbrot - Remembering the Father of Fractals, in: Union Investment Institutional [Hrsg.]: The Measurement of Risk, Frankfurt am Main 2015, S. 197-207.

 

[ Bildquelle: Adobe Stock ]
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