Risikowahrnehmung und Realität

Risikokompetenz abhängig von Alter und Intelligenz


Redaktion RiskNET
Risikowahrnehmung und Realität: Risikokompetenz abhängig von Alter und IntelligenzStudie

Ein Leben ohne Risiko gab es noch nie und wird es auch nie geben. Doch wer Chancen – als die Kehrseite der Gefahr – ergreift und Risiken gut antizipieren und steuern kann, ist für die Zukunft besser gewappnet. Um Risiken fundierter und besser beurteilen zu können, sollte man sein eigenes Können realistisch einschätzen, langfristig denken und vor allem Informationen und Zahlen kritisch hinterfragen.

Der vor wenigen Wochen veröffentlichte "Risiko-Report 2019", den die ERGO in Zusammenarbeit mit dem Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erstellt hat, zeigt, dass wir in Deutschland noch einen weiten Weg zur Risikokompetenz vor uns haben. Doch wie können wir Risikokompetenz lernen? "Unsere Kinder lernen in den Schulen vieles Nützliche, aber nicht, mit Risiken informiert und verantwortlich umzugehen. Hier sollte eine nachhaltige Politik ansetzen: jungen Menschen den informierten Umgang mit Gesundheit, Geld und digitalen Medien beibringen. Es hilft wenig, im Digitalpakt Milliarden auszugeben, um Schulen mit Laptops und digitaler Technologie auszustatten, gleichzeitig aber so gut wie nichts zu investieren, um die Menschen kompetent zu machen, so dass sie die Technologie kontrollieren können, statt von ihr kontrolliert zu werden. Digitalisierung öffnet uns Türen, aber sie erfordert auch kritische Urteilskraft, um zu verstehen, was hinter den Türen zu finden ist", so Professor Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Intelligenz und Alter haben einen Einfluss auf Risikokompetenz

Die Auswertungen des Risikokompetenzindexes belegen: Alte Menschen können Risiken am besten abschätzen. Ihnen scheint ihre Lebenserfahrung zugutezukommen. Auch Männern fällt es insgesamt etwas leichter als Frauen, Risiken gut einzuschätzen. Die Studienautoren konnten auch beobachten, dass die Risikokompetenz der Deutschen steigt, je besser sie gebildet sind. Mit aktuell 3,2 Punkten haben Promovierte das beste Risikoverständnis. "Ein Grund mehr, vor diesem Hintergrund einen Appell an die Politik zu richten, die Weichen für ein fundiertes Grundlagenwissen im Sinne der Risikokompetenz zu stellen", so die Forderung der Studienautoren.

Bei unterschiedlichen Fragen, beispielsweise zur Nutzung des Mobiltelefons am Steuer, zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Risikobewertung und Bildungs- und Berufsstand. Je geringer das Haushaltsnettoeinkommen der Befragten und je niedriger ihr Bildungs- und Berufsstand ist, desto höher bewerten sie Risiken.

Risikowahrnehmung und Realität klaffen auseinander

Terrorgefahr, Umweltkatastrophen, Kriminalität – in den Nachrichten lesen, hören und sehen wir täglich Beunruhigendes. Dabei sprechen die Statistiken eine andere Sprache: Seit Jahren ist die Zahl der Straftaten insgesamt rückläufig. Das gilt auch für den Anteil der Gewaltkriminalität: Der lag 2018 bei etwas über drei Prozent.

So werden sich viele an den Pressehype rund um die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) erinnern. Hierbei handelt es sich um eine beim Menschen sehr selten auftretende, tödlich verlaufende und durch atypische Eiweiße (sogenannte Prionen) gekennzeichnete übertragbare spongiforme Enzephalopathie. Wir erinnern uns an die kollektive Entrüstung über ein landwirtschaftliches System, das Tiermehl an vegetarische Kühe verfüttert und die dabei auftretenden Risiken offenkundig unterschätzt hat. Und auf der anderen Seite zeigen uns die Statistiker auf, dass in den letzten 25 Jahren ungefähr so viele Menschen an der neuartigen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung in Europa gestorben sind, wie am unachtsamen Trinken von parfümiertem Lampenöl. In Deutschland starben seit 1990 fünf Menschen an einer Vergiftung durch Lampenöl, meist Kinder, die die bunten duftenden Flüssigkeiten für Saft hielten – und kein Einziger an der neuartigen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung. Die Öffentlichkeit wird einem Wechselbad von Dramatisierungen und Verharmlosungen ausgesetzt, so Ortwin Renn, Ordinarius für Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart. Die Folge dieses heillosen Durcheinanders ist schlichtweg Verunsicherung. Nach Fukushima, BSE und Noroviren in Erdbeeren suchen die meisten Menschen nach Orientierung im Wirrwarr widersprechender Einschätzungen, sensationslüsterner Berichterstattung und hilfloser Reaktionen aus Wirtschaft und Politik.

In einem Interview mit RiskNET führt Ortwin Renn drei Gründe auf: Erstens halten wir alles Natürliche für risikolos oder risikoarm und alles Künstliche für hoch gefährlich. Zum zweiten fürchtet sich der Mensch eher vor Gefahren, die er nicht aus eigener Erfahrung kennt oder direkt sinnlich wahrnehmen kann (bspw. radioaktive Strahlung, BSE-Erreger oder Innenraumbelastung durch Formaldehyd). Zum dritten werden wir heute in der virtuellen Welt tagtäglich Zeuge von unzähligen Katastrophen und Unfällen.

Angst vor Naturkatastrophen rückt in den Vordergrund

Im "ERGO Risiko-Report 2019" steht die Angst vor Terrorismus oder Krieg nach wie vor auf Platz eins (55 Prozent) der von den Deutschen am meisten gefürchteten Sicherheitsrisiken. Gegenüber dem Risiko-Report 2018 ist die Einschätzung allerdings deutlich zurückgegangen (2019: 55 Prozent, 2018: 68 Prozent). Hingegen hält sich die Sorge, Opfer einer Naturkatastrophe zu werden, hartnäckig mit 40 Prozent. Auch für die Zukunft bereitet diese Vorstellung den Deutschen immer mehr Bedenken. 23 Prozent von ihnen befürchten, dass das Risiko einer Naturkatastrophe in den nächsten 10 Jahren steigen wird (2018: 16 Prozent). Diese Angst spiegelt sich auch im Sicherheitsempfinden wider: Während die Forderung nach mehr Polizeipräsenz, mehr Überwachung oder strengeren Gesetzen für die zukünftige Steigerung der Sicherheit weniger ausschlaggebend zu sein scheint, wird der Ruf nach Bewusstseinsveränderungen im Umgang mit der Natur immer lauter. Über ein Drittel der befragten Teilnehmer (35 Prozent) gibt an, dass ein gestiegenes Umweltbewusstsein dabei helfen könnte, Naturkatastrophen zu verringern.

Weitere Informationen

Zum Studiendesign: Im Auftrag von ERGO hat das Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung die vorliegende repräsentative Umfrage zur Risikobereitschaft der in Deutschland lebenden Menschen realisiert und ausgewertet. Es ist bereits die zweite Auflage des ERGO Risiko-Reports "Über die Risikokompetenz und Eigenverantwortung der Deutschen". Vom 22. März bis zum 9. April 2019 führte das unabhängige Marktforschungs- und Beratungsinstitut "Heute und Morgen" eine Befragung bei 3.200 Personen im Alter ab 18 Jahren durch. Im Rahmen einer durchschnittlich 20-minütigen Online-Befragung über ein Verbraucherpanel wurden die Personen auch in diesem Jahr zu folgenden Themenkomplexen befragt: Risikokompetenz, Eigenverantwortung, Digitalisierung, Alter, Geld, Gesundheit und Sicherheit. Die Stichprobe wurde nach den Merkmalen Geschlecht, Alter, Beruf, Familienstand, Bildungsabschluss, Orts- und Haushaltsgröße sowie -nettoeinkommen und Bundesland gewichtet. Es wurden 200 Befragungen pro Bundesland durchgeführt. Der Risikokompetenzindex zeigt, wie gut die befragten Personen Risiken einschätzen können.

 

[ Bildquelle: Adobe Stock ]
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