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Risikomanagement 2.0

Mittelstand sieht Nachholbedarf beim Risikomanagement

Redaktion RiskNET

Mittelstand sieht Nachholbedarf beim Risikomanagement

Der deutsche Mittelstand setzt nach den Erfahrungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf ein effektives Risikomanagement. Gut vier von fünf Unternehmen messen der frühzeitigen, systematischen Identifizierung, Bewertung und Verfolgung von Risiken eine hohe oder sehr hohe Bedeutung bei, jedes Dritte hat sein Risikomanagement in Folge der Finanzkrise angepasst. Zufrieden im eigenen Betrieb ist damit allerdings nur eine Minderheit von 28 Prozent, wie aus einer Studie des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) und der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hervorgeht. Optimierungsbedarf sehen knapp 70 Prozent der Befragten sowohl bei der Risikoerkennung und -bewertung als auch bei der Vermeidung und Reduzierung von Risiken.

Als Nutzen werden vor allem Beiträge zur Existenzsicherung, Verbesserung der operativen Leistung und strategischen Ausrichtung genannt. Um diesen zu generieren, müssen gezielte Maßnahmen ergriffen werden.

Die Risikolandkarte im Mittelstand

Die größten Risikopotenziale stecken nach Ansicht von 70 % der Befragten in Konjunktur und Wettbewerb. 63 % nannten gesetzliche und regulatorische Vorgaben, 58 % den Fachkräftemangel.

Abb: Risikopotenziale in mittelständischen Unternehmen (n = 1.021)

Abb: Risikopotenziale in mittelständischen Unternehmen (n = 1.021)


Je nach Unternehmensgröße, Branche und Art – Familienunternehmen oder nicht – sind Unterschiede erkennbar:

Konjunktur und Wettbewerb

Dieses Risiko wird von Unternehmen mit weniger als 100 Mio. Euro Umsatz weniger häufig genannt (59 %) als von Unternehmen mit mehr Umsatz. Vermutlich agieren kleinere Unternehmen auf überschaubaren Märkten oder besetzen Nischen, in denen das Geschehen der Gesamtwirtschaft nicht ganz durchschlägt. Konjunktur- und Wettbewerbsrisiken werden auch von Unternehmen der Automobilbranche deutlich seltener genannt (38 %).

Gesetzliche und regulatorische Vorgaben

Unternehmen mit mehr als 1 Mrd. Euro Jahresumsatz nennen viel häufiger Risikopotenziale durch gesetzliche und regulatorische Vorgaben (75 %) als kleinere, das gilt auch für Unternehmen, die nicht in Familienhand sind (72 %). Die regulatorischen Anforderungen steigen mit wachsendem Geschäft, komplexeren Geschäftsbeziehungen und der jeweiligen Rechtsform. In der Energiebranche (92 %); der Gesundheitsbranche (87 %) werden Risiken aus gesetzlichen und regulatorischen Vorgaben besonders häufig genannt – was wegen der starken Branchenregulierung kein Wunder ist.

Fachkräftemangel

Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern nennen diesen Faktor wesentlich seltener (37 %) als der Gesamtdurchschnitt. Für Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern ist er viel wichtiger (70 %). Erklärung: Große mittelständische Unternehmen konkurrieren zwar mit deutschen Großkonzernen, sind aber im "war for talents" tendenziell unterlegen – beispielsweise wegen der größeren Attraktivität und der Karrierewege in Großkonzernen.

Finanzielle Risiken

43 % der Befragten nennen diesen Faktor, allerdings gibt es auch hier branchenspezifische Unterschiede. Mehr als die Hälfte der Unternehmen aus der Gesundheits- (67 %) und der Energiebranche (51 %) vermuten solche Risiken. Unternehmer aus dem Konsumgüterbereich (29 %) und dem Handel (30 %) sind da wesentlich zurückhaltender. Familienunternehmen bewerten finanzielle Risiken deutlich niedriger (33 %) als Unternehmen, die sich nicht als solche bezeichnen (50 %).

Weitere Risiken

Weniger relevant sind steuerliche Risiken (26 %) sowie solche im Zusammenhang mit Internationalisierung (19 %) und Unternehmensnachfolge (12 %). Allerdings verwundern die geringen 26 % beim Thema Steuern: Wegen der umfassenden Regelungen hierzulande bestehen nämlich latent grundsätzlich entsprechende Risiken – beispielsweise durch den Wegfall der Absetzbarkeit der Gewerbesteuer als Betriebsausgabe, eine Folge der Unternehmenssteuerreform in 2008. Vor allem mittelständische Unternehmen haben häufig mit den daraus resultierenden Anforderungen zu kämpfen, hier sei als Beispiel das Stichwort "Dokumentation" genannt.

Auch beim geringen Wert bezüglich Internationalisierung ist ein Fragezeichen zu setzen. Denn viele Mittelständler versuchen nach überstandener Krise, ihr Wachstum durch Internationalisierung zu befördern – was viele organisatorische, rechtliche und finanzielle Herausforderungen mit sich bringt beispielsweise im Zusammenhang mit bürokratischen Hürden, Qualifikationsdefiziten oder staatlichen Eingriffen.

Auffällig ist darüber hinaus die geringe Risikoeinstufung der Unternehmensnachfolge. Zwar bestätigen die befragten Familienunternehmen erwartungsgemäß hier häufiger Risikopotenziale (19 %) als Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 1 Mrd. Euro (lediglich 3 %). Doch das Thema müsste einen viel höheren Stellenwert haben – schließlich steht bei rund einem Viertel der deutschen Familienunternehmen innerhalb der nächsten fünf Jahre ein Eigentümerwechsel an. Die Nachfolge ist jedoch häufig ungeklärt.

Wichtig für die Unternehmenssteuerung

Die große Mehrheit der Mittelständler sieht Risikomanagement nicht nur als Instrument zur Identifizierung möglicher Gefahren, sondern auch potenzieller Chancen. Fast neun von zehn (85 Prozent) der Befragten verbinden mit einem effizienten Risikomanagement positive Effekte für die Umsatz- und Ertragsentwicklung, fast ebenso viele (82 Prozent) erwarten sich Aufschlüsse für die strategische Ausrichtung ihres Unternehmens.

Entsprechend ist das Risikomanagement bei den meisten Befragten eng mit der Unternehmenssteuerung verzahnt. In fast drei Vierteln aller Unternehmen ist die Controllingabteilung hierfür verantwortlich, und gut 60 Prozent der Betriebe haben sogar eine eigene Abteilung für das Risikomanagement. "Die Vorteile eines zentral angesiedelten Risikomanagements liegen auf der Hand. So können die Informationen aus allen Bereichen gesammelt, ausgewertet und anschließend im gesamten Unternehmen zielgerichtet genutzt werden", betonte Arndt G. Kirchhoff, Vorsitzender des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses.

Compliance- und Nachhaltigkeitsrisiken kommen zu kurz

Viele mittelständische Unternehmen beziehen nur einen Ausschnitt ihrer Aktivitäten in das Risikomanagement ein. Die weitaus meisten Befragten nehmen zwar operative Risiken (95 Prozent) ins Visier. Mit Querschnittsthemen, die mehrere Geschäftsbereiche und -abteilungen betreffen und seltener im Controlling auflaufen, befassen sich deutlich weniger Unternehmen. Dies betrifft beispielsweise IT- und Compliance- sowie Umwelt- und Nachhaltigkeitsrisiken.
"Risikobetrachtungen sind in der Regel auf planungsnahe Themen mit starkem Bezug zu Umsatz und Kosten fokussiert. Großunternehmen haben mittlerweile die Bedeutung von Querschnittsrisiken erkannt und fahren integrierte Ansätze, um diese Risiken zu managen. Hier besteht bei vielen Mittelständlern noch Nachholbedarf", so Kirchhoff.

Für die Studie, die zahlreiche Handlungsempfehlungen zur Optimierung beinhaltet, befragten BDI und PwC von April bis Juni 1.021 Unternehmen. Drei von vier Befragten beschäftigten weniger als 1.000, knapp die Hälfte weniger als 500 Mitarbeiter.


Download der Studie:

 

[Bildquelle: iStockPhoto]



Kommentare zu diesem Beitrag

roland /16.03.2012 06:26
wow, was fuer bahnbrechende erkenntnisse. welche ergebnisse erwartete man von einer studie, die ein wp+beratungsunternehmen durchfuehrt. klar gibt es da nachholbedarf ... und selbstverstaendlich dringenden beratungsbedarf. waeren da dummerweise die wps in den vergangenen jahren nicht gerade durch ihre inkompetenz beim erkennen von bestandsgefaehrdenden entwicklungen negativ aufgefallen. nein, beim thema risikomanagement haben sich die wps und die angehaengten beratungseinheiten alles andere als mit ruhm bekleckert.

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