Wirksames Risk Management

Maßnahmen entscheiden über Erfolg im Risikomanagement


Maßnahmen entscheiden über Erfolg im RisikomanagementKolumne

Ein qualifizierter Risikomanagementprozess besteht im Wesentlichen aus den drei Schritten Risikoanalyse, Risikosteuerung und Risikobeobachtung. Der wesentliche Erfolgsfaktor eines jeden Risikomanagements ist dabei die Umsetzung von Maßnahmen innerhalb der Risikosteuerung, um beispielsweise das Restrisiko unter Kosten-Nutzen-Effekten zu minimieren. Dies gilt sowohl für mikro- (unternehmerische) wie auch makroökonomische (staatliche) Risikomanagementsysteme.

Bezogen auf ein Umweltrisiko bedeutet das mikroökonomisch, also für ein Unternehmen, welche Maßnahmen ergreife ich, um die Konsequenzen der Realisierung eines Umweltschadens auf ein Minimum zu reduzieren. Nicht selten glaubt man, dass man mit Abschluss einer entsprechenden Versicherung "auf der sicheren Seite" sei. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen aber, dass man hier zu kurz greift. 

Mit an vorderster Front kann hier die Umweltkatastrohe "Deepwater Horizon" angeführt werden, einer Bohrplattform für die Erdölexploration im Golf von Mexiko. Die Firma Transocean stellte sie 2001 in Dienst und betrieb sie im Auftrag des Leasingnehmers BP. Am 20. April 2010 kam es infolge verschiedener schwerer Versäumnisse zu einem Blowout, bei dem die Plattform in Brand geriet und infolgedessen zwei Tage später unterging. 87 Tage lang strömten etwa 800 Millionen Liter Öl ins Meer, was zur Ölpest im Golf von Mexiko führte, der schwersten Umweltkatastrophe dieser Art in der Geschichte. Die vom US-Justizministerium infolge der Ölpest dem BP-Konzern im Deepwater-Prozess auferlegte Strafe von 4,5 Mrd. US-Dollar ist die höchste jemals verhängte Strafe für ein Umweltdelikt. Letztlich hat BP die Katastrophe knapp 62 Mrd. US-Dollar gekostet. Die Versicherung half hier höchstens marginal. Sinnvoller wäre sicherlich eine bessere Kontrolle an der Bohrplattform gewesen.

Präventives Risikomanagement geht vor Versicherungsschutz

Andere Beispiele für den Einsatz falscher Maßnahmen können aus dem Produkthaftungsbereich angeführt werden – dies musste auch Bayer in 2001 im Rahmen des Lipobay-Rückzugs leidlich erfahren. Der Gesamtschaden betrug letztlich mehr als das zehnfache der Versicherungssumme (von 1,3 Mrd. Euro). Allein die Marktkapitalisierung reduzierte sich an einem einzigen Tag um knapp sieben Milliarden Euro. Das Unternehmen rutschte erstmals in seiner Geschichte in die roten Zahlen, von einem Gewinn im Jahr 2000 von rund drei Milliarden Euro auf einen Verlust von rund zwei Milliarden in 2003. Zudem war die Reputation für lange Zeit stark beschädigt und Bayer strich 15.000 Stellen. Versicherer zogen sich zurück, Verbliebene verlangten ein Vielfaches der früheren Versicherungsprämie und noch heute, zwei Jahrzehnte später, sehen manche Versicherer das "Bayer-Produkthaftpflichtrisiko" kritisch.

Kern-Maßnahme wäre für Bayer sicherlich in Phase III, dem Test an potenziellen Patienten, eher ein längerer bzw. intensiverer Testzeitraum des Medikaments gewesen, um den negativen Folgen nach Markteinführung zuvorzukommen. Noch heute weisen rund die Hälfte der zugelassenen Medikamente Bedenken über ernste Nebenwirkungen auf und 85 % der neuen Medikamente haben einen nur sehr geringen Nutzen – wenn überhaupt, bergen aber allesamt das Risiko, ernsthaften Schaden bei den Patienten zu verursachen. Dafür geben die Pharmaunternehmen aber ein Mehrfaches der Forschungsausgaben für Marketing aus, um die Ärzte davon zu überzeugen, diese neuen Medikamente auch zu verschreiben.

Nicht anders verhält es sich makroökonomisch, also beim Risikomanagement eines Staates. Schaut man sich hier die Maßnahmen in Deutschland zum Umweltrisiko, speziell zum CO2-Ausstoß, an, sieht man schnell, dass auch hier "an den falschen Schrauben gedreht" wird. 

Maßnahmen zur CO2-Reduktion 

Eine immer wieder, aktuell wohl einstweilen zurückgestellte Maßnahme ist bekanntlich "Tempo 130". Nachdem das Argument für eine Einführung, eine erhöhte Verkehrssicherheit infolge immer weiter sinkender Anzahl von Verkehrstoten, schwindet, möchten einige Parteien nun das Tempolimit zur CO2-Reduktion nutzen. In der Tagesschau vom 14.06.2021 wurde berichtet, dass sich mit Tempo 130 jährlich 1,9 Mio. t CO2 oder 0,25% aller ausgestoßenen Treibhausgase in Deutschland, einsparen ließen, mit Tempo 120 gar 2,6 und mit Tempo 100 gar 5,4 Mio. t – das ist sicher immer noch besser als nichts, reduziert sich aber mit steigender E-Mobilisierung.

Niemand greift aber auf, wieviel CO2 eingespart werden könnte, wieviel CO2 durch weniger Wartezeiten an den laut Siemens 1,5 Mio. Ampeln in Deutschland und in den im Durchschnitt der letzten fünf Jahre 680.000 jährlichen Staus eingespart werden könnte. Zweieinhalb Mal so viel Treibstoff verbraucht ein Auto, das im Stop-and-Go-Tempo fährt, wie ein Auto, das mit 130 Kilometern pro Stunde unterwegs ist.

Autofahrer warten im Laufe ihres Lebens im Durchschnitt etwa zwei Wochen an roten Ampeln, haben Forscher ermittelt (Augsburger Allgemeine vom 5.8.14), Der Einsatz intelligenter Ampelsysteme oder gar die Umstellung auf Kreisverkehr würde den CO2-Ausstß nach eigenen Berechnungen um mind. 3 Mio. t reduzieren. Ganz zu schweigen von den Einsparungen der Wartungskosten der Ampeln, die laut Spiegel vom 9. März 2019 rund fünftausend Euro je Ampel betragen – bei laut Siemens 1,5 Mio. Ampeln in Deutschland 7,5 Mrd. Euro.

Und die allgegenwärtigen Staus lassen sich laut Verkehrsforscher Frank Schmid zu einem Drittel verhindern. Bei 256.000 Staustunden im Jahr 2020 (ADAC) ergäbe sich bei 2,5 COt-Ausstoß je Mio. Liter Treibstoff eine CO2-Ausstoß-Einsparung von 8,3 Mio. t. Zusammen mit den 3 Mio. t-Einsparungspotential an Ampeln, also 11,3 Mio. t oder knapp das Sechsfache einer Tempo 130-Einführung. Hinzu kommt der volkswirtschaftliche Schaden infolge der Wartezeiten. Auch wenn es hierzu erstaunlicherweise noch kein einheitliches Modell gibt, reichen die Schätzungen von rund zehn Milliarden Euro im Minimalszenario bis hin zu 100 Milliarden Euro pro Jahr. Die Analysten vom Verkehrsinformationsanbieter Inrix, die in ihre Berechnungen nicht nur Autobahnen einbeziehen, sondern auch den innerstädtischen Verkehr, kommen auf rund 80 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten (WirtschaftsWoche vom 12. September 2019).

Evidenzbasierte Maßnahmen zur Reduktion von Umweltrisiken

Eine andere wenig sinnvolle Maßnahme zur Eingrenzung des Umweltrisikos ist der im Nachgang zur Nuklearkatastrohe in Fukushima im Jahre 2011 seitens der Regierung beschlossene schrittweise Ausstieg aus der Atomkraftgewinnung bis 2022. Zum einen ist die Gefahr aus benachbarten Anlagen damit nicht gebannt, zum anderen hat man sich mit dieser Entscheidung neuerer, vermeintlich sicherer "Mini-Reaktoren" verschlossen und zu guter Letzt hat man bis heute keine ausreichenden Alternativen aufgebaut, dafür aber zwischenzeitlich in 2020 den vollständigen Kohleausstieg bis 2038 beschlossen, der im Rahmen der Koalitionsverhandlungen im Herbst 2021 noch um acht Jahre vorgezogen werden soll. Als Zwischenergebnis sind einstweilen noch nie dagewesene Energiepreissteigerungen zu konstatieren. 

Sinnvoller wäre es sicherlich, im ersten Schritt bei allen Neubauten regenerierbare Energie zu 100 Prozent vorzuschreiben (aktuell soll nun in der nächsten Legislaturperiode eine Photovoltaikanlage bei allen Neubauten und Dacherneuerungen vorgeschrieben werden) – mancher Discounter hat dies bereits umgesetzt, nicht nur der Umwelt zur Liebe, sondern (zumindest auch) aus Kostengründen. Nichts ist günstiger als Stromgewinnung aus PV-Anlagen. Das Fraunhofer-Institut geht von Entstehungskosten von 3-11 Cent/kWh aus, je nach Anlagentyp und Sonneneinstrahlung. Irritierend ist, dass im Herbst 2021 der durchschnittliche Strompreis 32 Cent/kWh beträgt und auch nach dem gerade beschlossenen Verzicht der EEG-Umlage kaum sinken wird (NZZ vom 15. Oktober 2021). 

Die Gründe für den Einsatz suboptimaler Maßnahmen innerhalb der Risikosteuerung sind wahrscheinlich in mikro- wie makroökonomischen Risikomanagementsystemen ähnlich: sie sind einfach umzusetzen, verursachen keine oder nur relativ geringen Kosten und versetzen Unternehmen oder Staaten in den Glauben, "etwas getan zu haben". Aber wer ein Unternehmen umfangreich schützen möchte oder Klimaziele ernst meint, sollte nicht auf Einfachheit setzen, sondern auf Wirkungsgrad. Und Höchststrafen, wie sie in den USA verhängt werden (im Rahmen von Deepwater Horizon einigten sich die US-Behörden mit BP auf rund 20 Mrd. Dollar), wirken zwar abschreckend, können aber weder Umweltzerstörung rückgängig machen noch Verstorbene zum Leben zurückführen. Mikro- wie Makromanagement ist kein "Showkampf", sondern verstärkt einen verantwortungsvollen Umgang mit Mensch und Natur.

Autor:

Dr. Bodo Herold

 

[ Bildquelle Titelbild: Adobe Stock.com / Kenishirotie ]
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