Warum das Verständnis von Risiko als Gefahr und Chance so wichtig ist

Hommage an die Chance


Florian Worm
Kolumne

Die Definition von Risiko wurde und wird in der Literatur diskutiert. Während der ursprüngliche Gedanke besonders die beidseitigen Schwankungen um einen Wert darunter verstand, wird heute, vor allem in der Industrie, eher die negative Betrachtungsseite interpretiert. Risiko ist häufig etwas Schlechtes und soll wenn möglich vermieden werden. Teilweise wird es auch fälschlicherweise mit dem Begriff Problem verwechselt und die negative Betrachtungsweise durch Verwendung von Downside-Risikomaßen (beispielsweise dem Value at Risk) und gerne verwendeten Begriffen wie Schaden und Kosten verstärkt. Hinzu kommt das Phänomen der Kontrollillusion, also die fälschliche Einschätzung von Menschen definitiv zufällige Dinge beeinflussen zu können. Es widerstrebt dem Menschen zu akzeptieren, Dinge nicht vollständig im Griff zu haben.

Wird diese Sichtweise dem ursprünglichen Gedanken von Risiko gerecht? An welchen Stellen kann die Bedeutung der beidseitigen Betrachtung sichtbar gemacht werden? Welche Herausforderungen bringt diese jedoch mit sich? Fragen, die im Folgenden beantwortet werden sollen.

Die unzertrennbare Verbindung von Risiko und Plan

Trotzdem es in der Praxis häufig anders gelebt wird, definiert die Literatur Risiko überwiegend als Möglichkeit der beidseitigen Abweichung von einem Planwert. Daraus wird – zunächst unabhängig von ein- oder beidseitiger Definition – deutlich, dass es ein Risiko nur dann geben kann, wenn es auch einen Planwert gibt. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wo kein Plan, da kein Risiko. Ein geplanter Wert sollte stets dem erwarteten Wert entsprechen, also jenem, der im Mittel auftritt (Erwartungstreue). Und wenn es ein Mittel gibt, so muss es davon auch Abweichungen geben. Hier beginnt das Risiko.

Machen wir ein Beispiel: Eine Familie möchte am morgigen Tag in den Urlaub fahren und plant (!) die Abfahrt. Die Mutter legt die geplante Abfahrtszeit auf 9 Uhr morgens fest, um noch rechtzeitig zum Abendessen am Zielort zu sein. Sie stellt die Familie darauf ein, damit alle ihre Wecker entsprechend stellen können.

Hier wird die Verbindung von Plan und Risiko deutlich. Zunächst gibt es einen festgelegten Plan der Abfahrtszeit um 9 Uhr. Nun besteht jedoch, solange die Familie nicht losgefahren ist, (also aus dem Planwert ein Istwert wurde) das Risiko, von diesem Plan abzuweichen. Es dürfte klar sein, dass diese Abweichung in beide Richtungen möglich ist. Wenngleich es vermutlich wahrscheinlicher ist, dass die Familie später als früher losfährt, so ist doch beides möglich. Hätte die Mutter im Vorhinein nicht die Abfahrtszeit festgelegt, also keinen Plan erstellt, so gäbe es auch keine Möglichkeit davon (positiv oder negativ) abzuweichen. Es wird also deutlich, dass das Vorhandensein von Risiko das Vorliegen eines Plans bedingt. Andersherum ist dies nicht so, wenngleich gesagt werden muss, dass bei einer definitiv sicheren Situation (also ohne jegliches Risiko) auch kein Plan notwendig ist.

Das in der Praxis vermehrt vorhandene Verständnis von Risiko als Gefahr führt zu Problemen, die im Folgenden skizziert werden sollen.

Das erste Problem: Die Risikokultur

Wird Risiko stets negativ als Gefahr interpretiert, können Mitarbeiter und Führungskräfte verstärkt dem Anreiz ausgesetzt sein, Risiken nicht über die etablierten Risikomanagementprozesse transparent zu machen. Risiko wird oft als Scheitern oder als schlechte Leistung interpretiert. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die zugrundeliegenden Planwerte auch noch gleichzeitig Zielwerte für entsprechende Mitarbeiter oder Führungskräfte sind. Hier können sogenannte Tones-from-the-Top durch die oberste Führungsebene hilfreich sein, lösen das Problem jedoch nicht in Gänze. Ehrgeizige Ziele sollten im Unternehmen daher nicht als erwartungstreue Planwerte verwendet werden. Vielmehr sollte prämiert werden, wenn der tatsächliche Ist-Wert nach Ablauf der Planperiode möglichst nah am ursprünglich geplanten Erwartungswert liegt.

Das zweite Problem: Die Verbindung von Risikomanagement und Controlling

Um eine problemlose Überleitung von Informationen aus Risikomanagement und Controlling zu ermöglichen, muss die beidseitige Definition von Risiko zugelassen werden.

Ein Unternehmen plant den Absatz von 100 Stück seines Produkts im Jahr 2022. Nehmen wir an, die Risikomanagement-Methodik des Unternehmens sähe vor, dass Risiko nur als Möglichkeit der negativen Planabweichung verstanden und mittels einfacher stochastischer Verteilungen bewertet werden dürfe. Eines der Risiken, dessen Auswirkung sich in den Absatzzahlen niederschlägt, wird unter Verwendung einer Dreiecksverteilung bewertet. Als bester Fall wird ein Produktabsatz von 100 Stück, als schlechtester Fall ein Produktabsatz von 0 Stück angenommen. Als wahrscheinlichster Fall wird ein Absatz von 80 Stück angenommen.

Unter der Annahme, dass dies das einzige Risiko mit Auswirkung auf die Absatzzahlen ist, ergibt sich ein erwarteter Produktabsatz von 60 Stück. Es wird deutlich, dass dieser Erwartungswert nicht dem ursprünglichen Planwert entspricht. Tatsächlich ist der ursprünglich geplante Wert nunmehr der bestmögliche Wert. Soll erwartungstreu geplant werden, müsste der Planabsatz nun auf 60 Stück reduziert werden.

Wäre an diesem Beispiel stattdessen die beidseitige Definition von Risiko eingesetzt worden, ermöglichte dies auch die Berücksichtigung von Chancen, also eines Produktabsatzes der größer als 100 Stück ist. Nach wie vor muss auch hier der geplante Wert unter Berücksichtigung des Risikos (bzw. der Risiken, falls es mehrere sind) überprüft werden, jedoch nicht derart drastisch wie zuvor.

Das dritte Problem: Die schwierige Aussage zur Insolvenzwahrscheinlichkeit

Eines der beiden großen Ziele des Risikomanagements ist die im Auftrag des Vorstands durchzuführende Überwachung von Einzel- und Gesamtrisiko, um mögliche, den Fortbestand der Gesellschaft gefährdende Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Die Anforderung ergibt sich aus §91 Abs. 2 AktG. 

Definiert ein Unternehmen Risiko nun ausschließlich negativ als Gefahr, gingen eine Vielzahl an Einzelrisiken in die Aggregation des Gesamtrisikos ein, welche keinerlei positive Planabweichungen enthielten. Etwaige Chancen aus den Risiken als auch sich gegenseitig aufhebende Effekte zwischen den Risiken würden also nicht berücksichtigt werden und die Gesamtrisikosituation wäre systematisch zu negativ dargestellt. Es lässt sich jedoch argumentieren, dass es zumindest ein zu negatives und kein zu positives Bild des Gesamtrisikos zeichnet, was sicherlich weniger im Sinne der Anforderungen aus §91 Abs. 2 AktG wäre. Ein negativeres Bild führt automatisch zu einer noch frühzeitigeren Erkennung bestandsgefährdender Entwicklungen.

Das vierte Problem: Entscheidungsorientiertes Risikomanagement

Das zweite große Ziel des Risikomanagements ist die Unterstützung der Geschäftsleitung bei der Entscheidungsfindung. Dabei wird der Gesamtrisikoumfang (beziehungsweise das Rendite-Risiko-Profil) für einzelne Handlungsalternativen einer wesentlichen Entscheidung untersucht und anschließend eine Aussage zur im Sinne des Rendite-Risiko-Profils optimalen Handlungsalternative getroffen.

Auch hier taucht das oben bereits skizzierte Problem auf: Bei der Entscheidungsunterstützung wird das Gesamtrisiko betrachtet, welches negativ verzerrt ist. Gleichzeitig werden auch die fiktiven Risiken, welche für die Handlungsalternativen in das Gesamtrisiko aggregiert werden, nur unter Verwendung der negativen Risikodefinition bewertet, sodass die Vergleichbarkeit der Alternativen zumindest nicht leidet.

Was nun?

Aus den oben Genannten Problemen und Beispielen wird deutlich, dass die Berücksichtigung von Chancen und Gefahren übergeordnet durch Risiko von großer Bedeutung ist und Vorteile liefert. Nichtsdestotrotz darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die Umstellung eines bisher auf der negativen Seite arbeitenden Risikomanagementsystems in eine beidseitige Betrachtung ein langer Weg ist, der insbesondere risikokulturell und prozessual einige Herausforderungen mit sich bringt. Ein erster Schritt wäre die Sensibilisierung, dass Risiko nichts Schlechtes, sondern lediglich eine vorhandene Tatsache ist. Dies gelingt zumeist anhand von einfachen Beispielen wie dem Familienurlaub.

Auch kann die enge Verzahnung von Planung und Risikomanagement unterstützend beitragen. Während der Entwicklung von Planwerten kommt es immer zur Festlegung von (explizit notierten, zumindest aber impliziten) Prämissen über Variablen. Diese Variablen sind jedoch eigentlich Zufallsvariablen (oder basieren auf solchen), deren zukünftiger Punktwert zu einem Zeitpunkt gänzlich unsicher ist, der jedoch stochastisch modelliert werden kann. Würden im Rahmen der Entwicklung von Planwerten also gleichzeitig die Risikoidentifikation und Risikoquantifizierung erfolgen, so reduzierte dies den Anreiz möglichst wenige Risiken für seine Ziele transparent zu machen. Die Risiken wären schlichtweg bereits mit der Planung erfasst und Planwerte könnten noch genauer erwartungstreu abgeleitet werden. Das Vorgehen wird auch als stochastische Planung bezeichnet.

Fazit und Ausblick

Während Risiko in der Praxis vielfach als Möglichkeit der negativen Planabweichung interpretiert wird, ist das theoretische Verständnis eher beidseitig als Möglichkeit der negativen und positiven Planabweichung. Trotzdem das menschliche Verständnis von Risiko durch Phänomene wie der Kontrollillusion ebenfalls negativen Bezug hat und Interpretation von Risiko als Chance und Gefahr häufig schwerfällt, gibt es gute Gründe sie anzuwenden. 

Dem Ziel einer möglichst vollständigen Gesamtrisikosituation mit allen wesentlichen Einzelrisiken steht der Anreiz von Führungskräften und Mitarbeitern entgegen, diese, die als etwas Schlechtes oder gar als Scheitern verstanden werden, transparent zu machen. Darüber hinaus fällt es durch die ausschließlich einseitige Betrachtung der Risikodefinition schwerer, Planwerte aus dem Controlling mit Risikodaten miteinander in korrekten Bezug zu setzen. Weiterhin können die zwei großen Ziele des Risikomanagements, nämlich die frühzeitige Erkennung von Bestandsgefahr und die Entscheidungsunterstützung, zwar auch mit einseitiger Risikodefinition erreicht werden. Die Aussagen über Gesamtrisikoumfang und dessen Veränderungen durch Handlungsalternativen würden jedoch bei beidseitiger Risikodefinition an Qualität gewinnen.

Autor:

Florian Worm

Risikomanager in der Automobilindustrie

 

[ Bildquelle: Adobe Stock.com / pixelkorn ]
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