Mit zum Teil massiven Verlusten reagieren die Börsen auf die Wahlergebnisse in Frankreich und Griechenland. Mit Francois Hollande als neuem Präsidenten steuert Frankreich auf Konfrontationskurs mit Deutschland. Hollande fordert Wachstum und wettert gegen das Berliner Spardiktat. Aber es ist vor allem der Ausgang der Parlamentswahl in Griechenland, der die Investoren in Angst und Schrecken versetzt. Die Bildung einer stabilen Regierung, die die Auflagen von EU, IWF und EZB umsetzen kann, ist ungewiss. Damit geht erneut das Gespenst einer Pleite des Landes und eines mögliches Ausscheidens aus der Eurozone um.
Die griechische Börse bricht in der Spitze um über zehn Prozent ein. Dem Land bleibt nicht viel Zeit. Griechenland muss bis Juni Einsparungen mit einem Volumen von zwölf Milliarden Euro für 2013 und 2014 finden. Das dürfte kaum zu schaffen sein. Pasok und Nea Demokratia, die einzigen Parteien im griechischen Parlament, die die Vereinbarungen mit den internationalen Geldgebern mittragen, verfügen nicht über die ausreichenden Stimmen für eine Regierungsbildung.
"Grexit" wird wahrscheinlicher
Angesichts der Radikalisierung der politischen Landschaft droht ein Zahlungsstopp durch die Gläubiger in den kommenden Monaten und eine unkontrollierte Insolvenz des Landes. Die Citigroup schätzt die Wahrscheinlichkeit eines "Grexit" - also des Austritts aus dem gemeinsamen Währungsraum - in den kommenden zwölf bis 18 Monaten auf 50 bis 75 Prozent. Die Berenberg Bank hatte bereits vor den Wahlen ein 40-prozentiges Risiko ausgemacht. "Und dieses Risiko ist mit den Ergebnissen sicherlich nicht gefallen", stellt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, fest.
An und für sich ist eine Pleite des Landes verkraftbar. Zwar wäre der dortige Finanzsektor insolvent und müsste rekapitalisiert werden. Mit dem Schuldenschnitt im März hat sich das Restengagement des europäischen Bankensektors aber auf vergleichsweise moderate 20 Milliarden Euro reduziert. "Das wird den Sektor nicht umhauen", ist Christoph Weil von der Commerzbank überzeugt. Was die Investoren umtreibt, ist vielmehr die Gefahr von Ansteckungen in der Peripherie der Eurozone.
Eurozone vor Panikattacken noch nicht sicher
Mit den Mittelzusagen des IWF sind die Schutzmauern um die Eurozone zwar in den vergangenen Wochen höher gezogen worden. Dennoch haben Marktbeobachter Zweifel, dass das für den Fall von Panikattacken der Anleger ausreichen wird. Nach der Entspannung an den Anleihemärkten der Peripherie nach den beiden Dreijahrestendern der EZB haben die Renditen für italienische und spanische Benchmarkanleihen zuletzt wieder angezogen. Die Sparauflagen und die sich vertiefende Rezession in Europa machen den Ländern spürbar zu schaffen.
Nach Angaben der Commerzbank verfügen die Rettungsschirme in Europa aber über ausreichend Mittel, um Spanien und Italien notfalls für die nächsten drei Jahre durchzufinanzieren. Das sollte ausreichen, um das Schlimmste - nämlich ein Auseinanderbrechen der Eurozone - bis auf weiteres zu vermeiden. Dennoch gibt Analyst Weil zu bedenken: "Die Märkte werden auf jeden Fall nervös reagieren."
Zwar ziehen die spanischen und italienischen Renditen auf Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit am Vormittag an. Mit Aufschlägen von 9 Basispunkte auf 5,49 Prozent bei italienischen Papieren und 8 Basispunkten auf 5,76 Prozent in Spanien halten sich die Anstiege aber noch im Rahmen und liegen klar unter den Höchstständen gegen Ende des vergangenen Jahres.
Im Vergleich zur einstürzenden Börse in Griechenland geht es am Pariser Parkett mit Verlusten von 1,1 Prozent moderat nach unten. Damit hält sich der CAC-40 sogar besser als der DAX mit einem Minus von 1,3 Prozent. Auch an den französischen Anleihemärkten herrscht Ruhe. Die Reaktion an der Pariser Börse macht deutlich, dass der Wahlsieg Hollandes an den Finanzmärkten erwartet wurde. Und: Seine Forderungen nach Nachverhandlungen beim Fiskalpakt und mehr Wachstum in Europa werden nicht nur in der Peripherie sondern auch von den Anlegern gerne gehört.
"Das Vertrauen der Märkte in die Sparpolitik schwindet", sagt Michala Marcussen, Chefvolskwirtin der Societe Generale. Selbst in Berlin scheint wegen der drohenden Austeritätsfalle zunehmend ein Umdenken einzusetzen. Auch wenn sich der Ton zwischen Paris und Berlin in den kommenden Wochen bis zu den Parlamentswahlen in Frankreich im Juni verschärfen könnte, glauben Marktbeobachter nicht an einen Bruch zwischen beiden Ländern. Einen solchen würde die Eurozone vermutlich auch nicht überstehen.
Schulterschluss zwischen Paris und Berlin absehbar
So läuft alles auf eine gesichtswahrende Formel hinaus. Ein komplettes Abrücken vom Spardiktat ist unwahrscheinlich, denkbar ist aber eine Ergänzung des Fiskalpakts durch eine Wachstumskomponente. Mittel hierfür könnten etwa über EU-Strukturfonds aktiviert werden. Dies bedeutet nicht, dass der Machtwechsel im Elysee-Palast ohne Gefahren für die Märkte ist. Frankreich leidet unter einer hohen Staatsverschuldung, zu hohen Arbeitskosten und Wettbewerbsproblemen.
Bislang ist Hollande die Antworten schuldig geblieben, wie das Land wieder flott gemacht werden kann. Die Finanzmärkte werden nicht ewig auf die notwendigen Reformen warten. Die Ratingagentur S&P hat Frankreich zu Jahresbeginn die Spitzenbonität bereits entzogen und auf "AA+" gesenkt. S&P sieht nach der Wahl keinen unmittelbaren Handlungsbedarf - betont aber zugleich die Möglichkeit weiterer Herabstufungen in diesem oder im nächsten Jahr.
Hollande kann es sich nicht leisten, das Vertrauen der Finanzmärkte zu verlieren. Zwei Drittel der französischen Staatspapiere befinden sich in ausländischer Hand. Und diese sind erfahrungsgemäß viel schneller bereit die Notbremse zu ziehen, als inländische Anleger. Ein Bruch mit der Regierung Merkel passt da nicht ins Bild. Vieles spricht dafür, dass sich Paris und Berlin letztendlich zusammenraufen werden.
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