Krisenresilienz

Geopolitische Risiken mit Data Analytics analysieren


Christian Hellwig | Michael Mueller [Deloitte]
Krisenresilienz: Geopolitische Risiken mit Data Analytics analysierenKolumne

Die globale COVID-19-Pandemie, ein "klassischer" geopolitischer Risikomultiplikator, hat die bereits bestehende Sorge über die geschäftlichen Auswirkungen geopolitischer Veränderungen in einer heute stark fragmentierten Welt erheblich verstärkt. Entscheidungsträger, Investoren, Unternehmen und andere Organisationen müssen gleichermaßen proaktiv auf diese wachsenden Herausforderungen reagieren, indem sie geopolitische Risiken identifizieren, verstehen, bewerten, mindern und für sich strategisch zunutze machen. Auf diese Weise verbessern und erweitern sie spürbar ihre eigenen Krisenreaktions- und Resilienzkapazitäten und vermeiden, von einem weiteren geopolitischen Schock überrascht zu werden. Trotz ihrer weitreichenden wirtschaftlichen Auswirkungen fehlt Akteuren, die direkt oder indirekt von geopolitischen Risiken betroffen sind, oft eine umfassende Strategie, um auf eine sich ständig verändernde globale Risikolandschaft vorbereitet zu sein. Vor diesem Hintergrund ist es unumgänglich geworden, die Ansätze des Risikomanagements zu überdenken und geopolitische Risiken auf eine strategische Stufe mit allen anderen Geschäftsbereichen zu stellen. KI-basierte Datenanalysen, die in einem geopolitischen Risikomanagement-Rahmenwerk in mehreren Stufen eingesetzt werden können, tragen entscheidend dazu bei, geopolitische Ereignisse und Krisen tiefgründig zu verstehen und Akteure durch diese hindurch zu navigieren, um so widerstandsfähigere Geschäftsmodelle, Anlageportfolios und Wertschöpfungsketten aufzubauen.

Was ist ein geopolitisches Risiko?

Politisches Risiko bezieht sich auf die mikro- und innenpolitische Ebene (und konzentriert sich auf einen Sektor, ein Unternehmen oder fallspezifische Ereignisse). Geopolitisches Risiko nimmt indes eine breitere Perspektive ein: Die Machtprojektion im geographischen Raum wird in eine globale Perspektive gestellt, indem es die Strukturen der internationalen politischen Beziehungen, ihre Interdependenzen und Rekonfigurationen beschreibt und analysiert. Allgemein definiert, ist geopolitisches Risiko die ungewisse Gefahr eines (monetären) Verlustes oder die mögliche Gewinnchance für Regierungen, Unternehmen, Investoren, zentrale Entscheidungsträger und Einzelpersonen, die durch das Handeln politischer Akteure, politische Ereignisse oder sich verändernde politische Bedingungen entstehen. Im Gegensatz zum traditionellen politischen Risikoparadigma muss die Typologie geopolitischer Risiken über originäre geopolitische Risiken und Faktoren hinaus auf finanzwirtschaftliche, technologische, soziokulturelle und ökologische politische Risikomultiplikatoren ausgeweitet werden (siehe auch Abb. 01), da diese spürbare Spillover-Effekte nach sich ziehen und tiefgreifende politische Umwälzungen auslösen können – was nicht zuletzt mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie deutlich wurde.

Abb. 01: Typologie geopolitischer Risiken [Quelle: Deloitte Risk Advisory Germany 2020]Abb. 01: Typologie geopolitischer Risiken [Quelle: Deloitte Risk Advisory Germany 2020]

Die geopolitische Risikoanalyse zollt dem menschlichen Verhalten, das die Politik antreibt, Tribut – ein Faktor, der in der ökonomischen Risikoanalyse weitgehend ignoriert wird. Außerdem fungiert sie als informationsbasiertes "Frühwarnsystem", das darauf abzielt, Veränderungen innerhalb des Systems der Internationalen Beziehungen idealerweise zu erkennen, bevor sie entstehen.

Warum geopolitische Risiken von größter Bedeutung sind – für jedermann

"Geopolitische und geoökonomische Spannungen nehmen unter den Großmächten der Welt zu. Diese Spannungen stellen derzeit die dringendsten globalen Risiken dar." [World Economic Forum 2019, S. 6]. Wie im Global Risk Report 2019 des Weltwirtschaftsforums festgestellt wird, sind geopolitische Risiken in jüngster Zeit wieder als Hauptursachen und bestimmende Triebkräfte für Konflikte und Instabilität im System der internationalen Beziehungen in Erscheinung getreten, was bereits zu kurz- und mittelfristigen wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen auf die globale Wirtschaft und ganze Länder geführt hat – und langfristig weiter führend wird. Diese Schlussfolgerung gilt auch für das Jahr 2020 und wird potenziell auch noch im Jahr 2021 und darüber hinaus ihre Gültigkeit haben [vgl. World Economic Forum 2020].

Wie die COVID 19-Pandemie deutlich gezeigt hat, wirken geopolitische Risiken und Risikomultiplikatoren abrupt und disruptiv und können eine Kaskade von Folgedisruptionen auslösen, die über einen längeren Zeitraum wirksam werden. Vor diesem Hintergrund überrascht es, dass viele Entscheidungsträger, Unternehmer, Investoren und internationale Institutionen noch immer zögern, wie sie sich in der Praxis auf geopolitische Risiken, Trends und Veränderungsfaktoren vorbereiten und damit umgehen sollen. Sie folgen überwiegend dem "alten" Risikomanagement-Paradigma. Dieses geht davon aus, dass sich jede bestehende Risikomanagementmethodik als zentrales Element auf nichtpolitische, d.h. finanzielle, marktbezogene und wirtschaftliche Indikatoren zur Definition der Risikoexponierung konzentrieren sollte. Dabei modellieren und tracken solche Risikomanagementsysteme in erster Linie operationelle, reputationsrelevante, Marktpreis-, Ausfall- und Absatz-/Beschaffungsrisiken, sowohl qualitativ als auch quantitativ [Wolke 2017]. Geopolitische Risiken sind nur dann von Bedeutung, wenn sie eine unmittelbare Bedrohung darstellen [vgl. Ponczek 2018]. Dieser Ansatz kann sich letztlich als ineffektiv erweisen, da er der Komplexität und Langlebigkeit der Auswirkungen geopolitischer Schocks eklatant unterschätzt.

Wie das Risikomanagement mit geopolitischen Risiken umgehen sollte

Entscheidungsträger, Investoren, Unternehmen und alle anderen Akteure, die potenziell von geopolitischen Risiken betroffen sind, sollten einen umfassenden strategischen Ansatz entwickeln und institutionalisieren, um deren negative Auswirkungen zu identifizieren, zu analysieren, zu verstehen, zu mitigieren und zu bewältigen. Im gleichen Atemzug können geopolitische Risiken auch in wichtige Opportunitätsfenster verwandelt werden, indem beispielsweise neue Märkte erschlossen, alternative Investitionsszenarien aufgezeigt oder der geopolitische Wettbewerbsvorteil durch Wissensfortschritte und sachkundigere Entscheidungen gestärkt wird. Dementsprechend ist es von entscheidender Bedeutung, geopolitische Risikoanalyse und -strategieentwicklung in (bereits bestehende) Risikomanagementsysteme zu integrieren, so dass beide Elemente zu einem Top-Level-Thema innerhalb einer Organisation erhoben werden, das von allen Entscheidungsgremien gesteuert und strategisch mit jedem anderen Geschäftsbereich abgestimmt wird.

Die Perspektive einer jeden Organisation muss dabei über den traditionellen, analytisch getriebenen geopolitischen Risikoansatz hinausgehen, der lediglich eine Liste der analysierten Ereignisse und eine Kategorisierung der daraus ableitbaren Risiken vorsieht. Im Gegensatz dazu geht ein umfassender, interdisziplinärer Ansatz von einer realistischen Darstellung und Bewertung des Bedrohungs- und Chancenumfelds über verschiedene Zeitdimensionen hinweg aus, mit denen ein Akteur konfrontiert ist. Darauf aufbauend muss die geopolitische Risikoberatung dann in der Lage sein, konkrete, praktische, aber situative (d.h. unternehmens- und branchenspezifische) Empfehlungen zu formulieren, die in Relation zu der Entwicklung und Zukunftsfähigkeit von Geschäftsmodellen, Unternehmens(investitions)strategien und Wertschöpfungsketten gestellt werden. Welche wichtigen geschäftsbezogenen Probleme sollte das geopolitische Risikomanagement nun folglich lösen? Siehe dazu Abb. 02.

Abb. 02: Geopolitisches Risikomanagement in der Praxis [Quelle: Deloitte Risk Advisory Germany 2020]Abb. 02: Geopolitisches Risikomanagement in der Praxis [Quelle: Deloitte Risk Advisory Germany 2020]

Die Schlüsselrolle der KI-basierten Forschung und Datenanalyse im geopolitischen Risikomanagement
Für jeden Risikomanagement-Ansatz in Bezug auf geopolitische Risiken empfiehlt es sich, fortschrittliche technologische Instrumente und künstliche Intelligenz einzusetzen, um deren Gesamtmanagement und Mitigierung als Teil eines siebenstufigen geopolitischen Risikomanagement-Frameworks zu erleichtern (siehe dazu Abb. 03).

Abb. 03: Das geopolitische Risikomanagement-Framework [Quelle: Deloitte Risk Advisory Germany 2020]Abb. 03: Das geopolitische Risikomanagement-Framework [Quelle: Deloitte Risk Advisory Germany 2020]

Dies wird hauptsächlich durch den Einsatz von KI-basierten Datenanalyse-Tools erreicht, die innovative Algorithmen zur automatischen, computerbasierten Analyse und Darstellung der menschlichen Sprache (engl. Natural Language Processing) verwenden. So lassen sich Ideen und Meinungen, die in schriftlicher Sprache ausgedrückt werden, aufnehmen und Informationsbits nach Themengruppen clustern. Der fallspezifische Einsatz von Datenanalyse-Technologien ermöglicht eine langfristige, faktenbasierte Analyse zentraler geopolitischer Risikotreiber (wie z.B. Trends und Veränderungsfaktoren) im Einklang mit menschlicher Erfahrung und Intuition. Dementsprechend generieren solche Technologien entscheidende Erkenntnisse als Teil des ersten (antizipieren und identifizieren), zweiten (sammeln und analysieren) und letzten Schritts (überwachen) des geopolitischen Risikomanagement-Frameworks. Sie helfen somit auch dabei:

  • kunden- und branchenspezifische geopolitische und datengesteuerte Szenarien zu entwerfen, zu modellieren und zu planen,
  • dynamische, robuste und widerstandsfähige unternehmens- und geopolitische Diplomatie-strategien durch gleichzeitige Anpassung bereits bestehender strategischer Imperative zu entwickeln,
  • statisches Denken zu reduzieren, fundiertere Entscheidungen zu ermöglichen und die Entscheidungsfindung insgesamt zu beschleunigen, dank zeitsparender technologischer Fortschritte in den initialen Phasen des Risikomanagementprozesses,
  • Risiken in Echtzeit zu überwachen,
  • eine langfristige Trend- und strategische Wirkungsanalyse umzusetzen und
  • durch den Einsatz unvoreingenommener Technologie ein hohes Maß an Ergebnisobjektivität zu gewährleisten.

Schlussfolgerung

Geopolitik ist ein zweischneidiges Schwert: Sie kann das Entstehen von Risiken provozieren, die mitigiert und bewältigt werden müssen. Und wenn diese Risiken nicht rechtzeitig und angemessen gehandhabt werden, können sie für Unternehmen und Organisationen mitunter existenzbedrohend sein sowie negative Spillover-Effekte auf ganze Industrien und Länder nach sich ziehen. Gleichzeitig eröffnet sie aber auch neue Chancen, die es zu erkennen und zu nutzen gilt, wodurch sich ein erhöhtes Maß an Krisenresilienz und Risikovorsorgekapazitäten erreichen lässt. Dies kann sich jedoch nur dann als erfolgreich erweisen, wenn ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt wird, der auf der Synergie aus geopolitischer Risiko-, Trend- und Wirkungsanalyse, KI-basierten Data Analytics, Szenarienplanung, Krisenmanagement und Public Affairs aufbaut.

Autoren

Christian Hellwig ist seit 2,5 Jahren als Senior Consultant bei Deloitte tätig und ist Experte für Geopolitik, globale und Länderrisiken sowie Risiko- und Krisenmanagement. Vor seiner Tätigkeit bei Deloitte war er mehrere Jahre in den Bereichen geopolitische Risiko-, Trend- und Wirkungsanalyse sowie Public Affairs und strategische und Krisenkommunikation tätig. Er hat einen BA in Governance & Public Policy von der Universität Passau und einen MSc in Internationalen Beziehungen von der London School of Economics & Political Science.

Michael Mueller ist Partner bei Deloitte und verantwortlich für die Themenbereiche Crisis & Resilience. Er ist Experte für Unternehmenssicherheit, Resilienz und Krisenmanagement. Seit mehr als 20 Jahren unterstützt er multinationale Unternehmen aus verschiedenen Branchen in den Bereichen Sicherheits-, Krisen- und Business Continuity Management und Resilienzsteigerung. Seine Schwerpunkte dabei liegen in der Entwicklung und Umsetzung globaler Sicherheitsstrategien, in der Beratung hinsichtlich technischer Systeme zur Überwachung und Analyse betrieblicher Risiken sowie in der Unterstützung von Unternehmen in Notfällen und akuten Krisen.

 

Literatur

 

[ Bildquelle: Adobe Stock.com / NicoElNino ]
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