Kolumne

Marktanalyse

Die drei Krisen, die nicht enden wollen

Christopher Smart

Marktanalyse: Die drei Krisen, die nicht enden wollen

Nach einer erfreulichen nachweihnachtlichen Erholung scheinen die Märkte stillzustehen, offenbar unschlüssig über den Umfang der globalen Konjunkturabschwächung. Viele harte makroökonomische Daten bleiben solide, insbesondere was die Möglichkeit und Bereitschaft der Amerikaner angeht, Geld auszugeben. Die globale Anlegerstimmung hat jedoch deutlich unter der Marktvolatilität und drei dunklen politischen Wolken gelitten, die sich wesentlich länger halten, als erwartet: 1. dem Shutdown in den USA, 2. den Handelsstreitigkeiten und 3. dem Brexit.

Selbst wenn der IWF seine globale Wachstumsprognose für 2019 von 3,7 Prozent auf 3,5 Prozent korrigiert hat, bleibt es schwer vorstellbar, dass ein Großteil der Weltwirtschaft in diesem Jahr in eine Rezession abrutscht. Für Anleger scheint es jedoch so, als würden sich die größten politischen Störfaktoren eher noch verschlimmern, bevor es nach oben geht, was ein erhöhtes Risiko für das kurzfristige Klima und für langfristige Investitionen bedeutet.

1. Der Shutdown in den USA

Ende 2018 schien es möglich, dass die US-Regierung für ein paar Tage die Arbeit einstellen könnte. Allgemein rechnete man jedoch damit, dass Präsident Trump und die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi sich anderen Problemen widmen würden, wenn beide ihre "Entschlossenheit" demonstriert hätten. Entgegen den Erwartungen sorgte das Patt für eine fünf erbitterte Wochen andauernde Fehde. Die Regierung arbeitet nun vorübergehend wieder, doch der Weg hin zu einer Lösung des Streits über Grenz- und Einwanderungsfragen ist weiterhin sehr steinig. Für Anleger von größerer Bedeutung sind die trostlosen Aussichten auf Fortschritte bei anderen zentralen Fragen.

Wie schlimm ist das für die Wirtschaft? Zwar hatten die Staatsdiener trotz der Nachzahlung ihrer rückständigen Gehälter schwer zu leiden, doch dürfte die Gesamtwirtschaft nur in geringem Umfang direkt betroffen sein, sofern es nicht zu einem zweiten Shutdown kommt. Wie schlimm ist das für die Finanzmärkte? Abgesehen von dem direkten wirtschaftlichen Schaden müssen Anleger ihre leise Hoffnung auf begrenzte Fortschritte in Richtung einer wirtschaftsfreundlichen Gesetzgebung praktisch begraben.

Nicht nur eine Einigung bezüglich der Infrastrukturausgaben scheint unwahrscheinlicher denn je, sondern auch die Ratifizierung des überarbeiteten Handelsabkommens mit Mexiko und Kanada. Ach ja, und außerdem müssen die beiden Parteien einen Weg finden, die Schuldengrenze in den nächsten paar Monaten anzuheben. Die Demokraten werden laut eigener Aussage nicht das Kreditrating des Landes mit einem politischen Patt in Gefahr bringen, doch können die Anleger erst aufatmen, wenn eine Vereinbarung vorliegt.

2. Handelsstreitigkeiten

Die Verhandlungen über den Handel mit China gingen angesichts der am 1. März drohenden neuen US-Zölle auf chinesische Einfuhren gut voran, obwohl auch das Büro des Handelsbeauftragten der Vereinigten Staaten viele seiner Mitarbeiter in den Zwangsurlaub geschickt hatte. Auf Twitter ließ Präsident Trump verlauten, dass ein guter Deal mit China bevorstehe, aber es gab genügend Störungen, um die Anlegerstimmung gereizt zu halten.

Besonders schwierig ist es zu beurteilen, wie genau die Märkte auf eine denkbare Übereinkunft reagieren würden, bei der China sich zum Kauf von mehr US-Exporten, zu einem stärkeren Schutz amerikanischen geistigen Eigentums und zur Einschränkung der staatlichen Unterstützung für Schlüsselbranchen verpflichtet. Selbst Optimisten räumen ein, dass die Durchsetzung einer solchen Vereinbarung eine Herausforderung wäre, und zwar sogar unter der Annahme, dass andere Fragen der chinesischen Politik und der nationalen Sicherheit nicht die weitere Zusammenarbeit mit den USA vergiften.

Eine nachlassende Konjunktur (auf 6,4 Prozent im letzten Jahr) liefert China einen großen Ansporn, sich zu arrangieren, aber der Kompromiss wird durch die mögliche Auslieferung der Spitzenmanagerin eines chinesischen Telekom-Konzerns von Kanada in die USA zusehends erschwert. Außerdem hat US-Außenminister Mike Pompeo in seiner jüngsten Video-Ansprache in Davos weitere Bedenken hinsichtlich Schifffahrtsfreiheit und offener Märkte geäußert. Je länger der Handelskonflikt andauert, umso stärker müssen Anleger die Risiken von Zöllen und Störungen der weltweiten Lieferketten einpreisen.

3. Brexit

Der dritte Störfaktor hat seinen Mittelpunkt selbstverständlich in London, wo Großbritanniens bevorstehender Austritt aus der Europäischen Union der Wirtschaft wahrscheinlich weiteren Schaden zufügen wird. Der Januar war dazu gedacht, offene Fragen rund um das geplante Ausscheiden Großbritanniens am 29. März zu klären. Stattdessen zeigt sich die "Mutter aller Parlamente" mit zunehmend unnachgiebigen Fraktionen gespalten, was die Wahrscheinlichkeit von Neuwahlen oder eines zweiten Brexit-Referendums weiter erhöht.

Es besteht noch immer die Möglichkeit, dass Premierministerin May die unerbittlich tickende Uhr zu ihrem Vorteil nutzen könnte. Sie hat einen Plan vorgestellt, den so ungefähr jeder ablehnt, doch die Alternativen zu ihrem Plan scheinen allen Seiten noch weniger zu gefallen. In Erwartung der Möglichkeit eines verzögerten Brexits hat sich das Pfund Sterling leicht erholt. Der Aufschub kann allerdings nicht mehr als ein paar Wochen dauern, da für den 23. Mai Europawahlen anberaumt sind und eine Neuverteilung der Sitze Großbritanniens an andere Länder erforderlich ist.

Die große Frage, die sich Anlegern stellt, ist, welchen Schaden der nächste Akt des Dramas jenseits von Großbritannien anrichten könnte. Lange Zeit war es die Grundannahme, dass Großbritannien selbst den Großteil der Kosten des Brexits tragen würde, doch hat die anhaltende Unsicherheit angesichts sinkender Konjunkturdaten auf dem europäischen Festland die allgemeinen Sorgen um Europa verstärkt.

Das Fazit

Die globalen Märkte werden wahrscheinlich weiterhin in erster Linie auf die Aussichten auf wirtschaftliche Gewinne reagieren; aktuelle Trends bei Lohnzuwachs und Unternehmenserträgen dürften Anlegern etwas Trost spenden. Konsum und Investitionen setzen jedoch auch eine relativ klare Vorstellung von der politischen Zukunft der Welt voraus. Und die rückt mit jeder Woche, die diese drei weltweiten Krisen andauern, in weitere Ferne.

Autor

Christopher Smart (Ph.D., CFA) ist Leiter des makroökonomischen und geopolitischen Research-Teams und leitet Analysen, die aus den unterschiedlichen Perspektiven der Investmentteams von Barings heraus entstehen, um die Auswirkungen wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen auf die Finanzmärkte zu erforschen. Er ist seit 1995 in der Branche tätig. Bevor er dem Unternehmen im Jahr 2018 beitrat, war Smart ein Senior Fellow im Geowirtschafts- und Strategieprogramm beim Carnegie Endowment for International Peace und Senior Fellow des Mossavar- Rahmani Center for Business and Government der Harvard Kennedy School.

Christopher Smart (Ph.D., CFA) ist Leiter des makroökonomischen und geopolitischen Research-Teams und leitet Analysen, die aus den unterschiedlichen Perspektiven der Investmentteams von Barings heraus entstehen, um die Auswirkungen wirtschaftlicher und pol

Zwischen 2013 und 2015 arbeitete er als Special Assistant des Präsidenten beim National Economic Council [Nationaler Wirtschaftsrat] und beim National Security Council [Nationaler Sicherheitsrat] der USA, wo er Hauptberater für Handel, Anlagen und viele globale wirtschaftliche Themen war. Smart verbrachte außerdem vier Jahre als Assistent des US-Vize-Finanzministers, wo er bei der Reaktion auf die europäische Finanzkrise die Richtung vorgab und das finanzpolitische Engagement der USA in Europa, Russland und Zentralasien konzipierte. Vor seiner Tätigkeit im Staatsdienst arbeitete Christopher Smart als Director of International Investments bei Pioneer Investments, wo er Wachstumsmärkte und internationale Portfolios verwaltete. Er hat einen B. A. in Geschichte von der Yale University und einen Ph.D. in internationalen Beziehungen von der Columbia University. Er ist Mitglied der Denkfabrik Council on Foreign Relations und trägt den Titel Chartered Financial Analyst [zugelassener Finanzanalyst].

[ Bildquelle: Adobe Stock ]


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