Volatilitätsrisiken 

Das sichere Schwanken


Volatilitätsrisiken: Das sichere Schwanken Kolumne

Fast jeder kennt die Szene: der kurze Blick auf die Preistafel der Tankstelle auf dem Weg zur Arbeit. Gestern stand dort ein anderer Preis als heute, und morgen wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder anders aussehen. Niemand würde ernsthaft behaupten, Kraftstoffpreise seien stabil. Sicher ist nicht der Preis, sondern seine Veränderung. Und genau darin liegt ein Missverständnis, das ich in der Praxis immer wieder beobachte: Sobald eine Veränderung als sicher gilt (100 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit), wird sie von manchen Wirtschaftsprüfern gedanklich aus dem Risikobegriff herausgenommen. Aus meiner Sicht ist das methodisch falsch.

Denn bei zahlreichen wirtschaftlichen Sachverhalten liegt das Risiko gerade nicht im Eintreten eines isolierten Ereignisses, sondern in der Schwankungsbreite eines Faktors über die Zeit. Bei Rohstoffen, Wechselkursen, Zinsen oder Strompreisen ist nahezu sicher, dass sich Preise permanent verändern. Unsicher sind jedoch Richtung, Ausmaß, Geschwindigkeit und Dauer dieser Bewegung. Für die Unternehmensplanung ist genau diese Unsicherheit relevant – nicht die triviale Feststellung, dass sich ein Preis überhaupt verändert.

Zwei Risikotypen, die in der Praxis auseinandergehalten werden müssen

Ereignisorientierte Risiken und Volatilitätsrisiken folgen unterschiedlichen Logiken. Ereignisorientierte Risiken sind typischerweise diskrete Sachverhalte: Eine Maschine fällt aus, ein Cyberangriff legt die Produktion still, ein Großkunde springt ab oder ein Gerichtsverfahren geht verloren. Die zentrale Frage lautet hier: Tritt das Ereignis ein oder nicht? Solche Risiken lassen sich häufig über Eintrittswahrscheinlichkeit bzw. -häufigkeit und Schadensszenarien strukturieren.

Volatilitätsrisiken funktionieren anders. Hier ist das Grundereignis – etwa die tägliche Neubewertung eines Rohstoffpreises oder eines Wechselkurses – kein Ausnahmefall, sondern Normalität. Methodisch gesprochen handelt es sich in der Regel um stochastische Prozesse, also um die zufällige Veränderung eines Faktors über die Zeit. Die Unsicherheit liegt deshalb nicht in einem binären Eintreten, sondern in der Verteilung möglicher Pfade und Ausprägungen. Das Risiko ist nicht das Ob der Bewegung, sondern die Planabweichung, die aus der zufälligen Intensität, Richtung und zeitlichen Dynamik dieser Bewegung entsteht.

Gerade weil Preis- und Währungsschwankungen sicher stattfinden, müssen Unternehmen die Unsicherheit ihrer Amplitude, ihrer Korrelationen und ihrer Wirkungen auf Ergebnis, Liquidität und Covenants modellieren. Eine sichere Schwankung ist weder bilanziell noch ökonomisch harmlos.

Risiken als unerwünschte Streuung von Zielgrößen

Die betriebswirtschaftlich relevante Größe ist die potenzielle Abweichung von der Planung. Eine Planung enthält implizit oder explizit Annahmen über Preise, Mengen, Kurse, Margen und Fristen. Selbst wenn ich sicher weiß, dass ein Wechselkurs morgen anders sein wird als heute, weiß ich eben nicht, ob die Änderung für mein Geschäft marginal, verkraftbar oder existenziell sein wird. In der Sprache des Risikomanagements ist Risiko daher nicht sinnvoll auf seltene, scharf abgrenzbare Ereignisse beschränkt. Risiko umfasst ebenso die unerwünschte Streuung von Zielgrößen.

Wer hier allein auf die Eintrittswahrscheinlichkeit abstellt, verwechselt Determinismus mit Prognosesicherheit. Dass sich ein Marktpreis bewegt, ist deterministisch erwartbar; wie sich dieser Preis im relevanten Zeitraum verteilt, ist es gerade nicht. Unternehmen scheitern selten daran, dass sie Preisveränderungen als solche übersehen. Sie scheitern daran, dass die Verteilung extremer Ausschläge unterschätzt wird.

Ein anschauliches Beispiel liefert zunächst der Vergleich zwischen Erdgas und Gold. Erdgas - insbesondere europäische Gasbenchmarks wie TTF oder marktnah gehandelte LNG-Preise – zählt zu den besonders volatilen Rohstoffmärkten. Gründe sind Wetterabhängigkeit, begrenzte Speicher- und Transportkapazitäten, geopolitische Störungen, regionale Engpässe und die enge Verzahnung von Spot-, Termin- und physischen Märkten. Gold schwankt ebenfalls, aber typischerweise in einer deutlich gedämpfteren Weise als Gas, weil der Markt tiefer, liquider und weniger stark von kurzfristigen physischen Engpässen geprägt ist.

RohstoffTypische RisikotreiberCharakter der Volatilität
Erdgas / LNGWetter, Speicherstände, LNG-Logistik, Geopolitik, regionale EngpässeSehr hoch; sprunghaft, teils mit starken kurzfristigen Ausschlägen und Regimewechseln
GoldRealzinsen, Dollarentwicklung, Krisennachfrage, ETF- und NotenbankströmeEher moderat im Vergleich zu Gas; Schwankungen vorhanden, aber meist geringere Ausschlagsbreite

Tab. 01: Vergleich Erdgas / LNG und Gold hinsichtlich Volatilität

Dass diese Einordnung nicht nur theoretisch ist, zeigen aktuelle Analysen und die jüngsten geopolitischen Verwerfungen besonders deutlich. Die Internationale Energieagentur weist darauf hin, dass die Gaspreisvolatilität in Europa im Jahr 2024 noch immer rund 50 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2019 lag; bei asiatischen Spot-LNG-Preisen lag sie sogar etwa 90 Prozent darüber. Hinzu kommt aktuell der Krieg mit Iran-Bezug, der die Märkte erneut in einen Zustand erhöhter Nervosität versetzt: Die Sorge um Störungen im Persischen Golf und in der Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und LNG-Handels läuft, hat die Risikoaufschläge spürbar erhöht. Reuters berichtete am 26. März 2026, dass Barclays bei einer länger anhaltenden Störung der Hormus-Route ein potenzielles Ausmaß von 13 bis 14 Millionen Barrel Ölangebot pro Tag als gefährdet ansieht; Brent stieg zwischenzeitlich auf über 104 US-Dollar je Barrel. Gleichzeitig wurde für den LNG-Markt von erheblichen Angebotsrisiken berichtet: Beschädigungen an katarischer Exportinfrastruktur und Behinderungen auf der Hormus-Route treffen nach Reuters rund 20 Prozent des globalen LNG-Handels; asiatische LNG-Preise lagen infolgedessen seit Ende Februar zeitweise um 143 Prozent höher. Gerade daran zeigt sich der Kern von Volatilitätsrisiken: Nicht das 'Ob' von Preisbewegungen ist unsicher, sondern ihre Richtung, Geschwindigkeit und ihr Ausmaß – und genau daraus entstehen massive, planrelevante Abweichungen.

Volatilität ist hier also kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Merkmal des Marktes. Für ein Industrieunternehmen bedeutet das: Wer Erdgas, Strom oder petrochemische Vorprodukte einkauft, trägt ein fundamental anderes Risikoprofil als ein Unternehmen, das etwa Gold als Reserve- oder Sicherungsasset hält.

Noch plastischer zeigt sich das bei den Strompreisen. Gerade die Energiewende erhöht die kurzfristige Volatilität an den Großhandelsmärkten, weil sehr hohe Einspeisungen aus Wind und Photovoltaik in einzelnen Stunden auf geringe Nachfrage treffen können, während in anderen Stunden Dunkelflauten, knappe flexible Kraftwerkskapazitäten oder teure Grenzkraftwerke den Preis nach oben treiben. Für Deutschland weist SMARD für das Gesamtjahr 2025 im Day-Ahead-Markt einen Mindestwert von -250,32 EUR/MWh und einen Höchstwert von 583,40 EUR/MWh aus; der durchschnittliche Großhandelsstrompreis lag bei 89,32 EUR/MWh. Besonders aufschlussreich ist dabei nicht nur die Spannweite selbst, sondern auch ihre strukturelle Einbettung: In 573 von 8.760 Stunden traten 2025 negative Großhandelspreise auf, zugleich lag der Preis in 3.494 Stunden über 100 EUR/MWh und in 40 Stunden sogar über 300 EUR/MWh. Gerade diese Gleichzeitigkeit von negativen Preisen, häufigen Preisspitzen und einem gegenüber 2024 höheren Jahresdurchschnitt zeigt, dass Strompreisrisiken im Zuge der Energiewende nicht verschwinden, sondern sich in Form ausgeprägter Volatilität und zeitweiser Knappheit neu konfigurieren.

Was stochastisch dahinterliegt

Methodisch geht es um Zufallsprozesse und Zeitreihen. Preise und Wechselkurse werden in der Risikomodellierung nicht als starre Punktwerte verstanden, sondern als stochastische Prozesse. In einfachen finanzmathematischen Modellen werden logarithmierte Renditen als Zufallsvariablen beschrieben; in kontinuierlicher Zeit arbeitet man oft mit Diffusionsprozessen wie der geometrischen Brownschen Bewegung. Für viele Rohstoffe und insbesondere für Energiepreise reicht dieses Grundmodell jedoch nicht aus, weil empirisch Sprünge, Volatilitätscluster, Fat Tails, Regimewechsel und teilweise Mean-Reversion beobachtet werden. Deshalb greifen praktikable Modelle in der Unternehmenspraxis häufig auf historische Simulationen, Szenarioanalysen, GARCH-ähnliche Volatilitätsmodelle, Jump-Diffusion-Ansätze oder zumindest auf Bandbreiten- und Stressszenarien zurück. Der entscheidende Punkt lautet: Die Unsicherheit sitzt in der Verteilung des Prozesses, nicht im Basistatbestand. Ein Wechselkurs existiert jeden Tag, ein Strompreis für die nächste Stunde ebenfalls. Unsicher ist die zukünftige Ausprägung innerhalb des Planungszeitraums. Genau daraus entstehen Beschaffungsmehrkosten, Margin Calls, Bewertungseffekte oder Verletzungen von Finanzkennzahlen.

Aus stochastischer Sicht wird damit auch klar, warum Volatilitätsrisiken oft korrelations- und pfadabhängig sind. Rohstoffpreise, Währungen, Absatzmengen und Finanzierungskosten bewegen sich nicht unabhängig voneinander. In Stressphasen steigen Korrelationen häufig an oder drehen ihre Richtung. Zudem ist es für viele Geschäftsmodelle nicht egal, ob ein Preisschock abrupt auftritt oder sich schrittweise aufbaut. Wer nur mit isolierten Einzelwahrscheinlichkeiten arbeitet, unterschätzt deshalb systematisch die aggregierte Planabweichung.

Warum die klassische Prüferlogik häufig zu kurz greift

Wirtschaftsprüfer können ereignisorientierte Risiken meistens gut greifen. Sobald jedoch eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 100 Prozent im Raum steht, folgt häufig der Einwand, es handele sich dann ja um ein sicheres Ereignis und damit nicht mehr um ein Risiko, das im Risikomanagement zu erfassen sei. Genau hier liegt ein methodischer Denkfehler. Bei Volatilitätsrisiken verschwindet die Unsicherheit nicht; sie verschiebt sich lediglich von der Frage des Eintretens auf die Frage des Ausmaßes der Schwankung.

Denn sie blendet die eigentliche Risikodimension aus: die Streuung um die Planannahme. Ein Unternehmen plant nie mit einem beliebigen Strompreis, einem unbestimmten Wechselkurs oder irgendeinem Rohstoffpreis, sondern mit konkreten Annahmen. Selbst wenn vollkommen sicher ist, dass sich diese Marktpreise laufend verändern, bleibt unsicher, wie stark die Abweichung von der Planung ausfällt – und genau diese Bandbreite ist im Risikomanagement relevant.

Rückstellungen: die 50-Prozent-Logik und ihre Schwächen

Die Rückstellungslogik folgt einer anderen Denktradition. Nach IAS 37 ist eine Rückstellung unter anderem dann anzusetzen, wenn ein gegenwärtiger Verpflichtungstatbestand besteht, ein Ressourcenabfluss wahrscheinlich ist und die Höhe verlässlich geschätzt werden kann. Dabei wird "probable" ausdrücklich als "more likely than not" verstanden, also als mehr als 50 Prozent. Zugleich ist die Rückstellung mit der "best estimate" zu bewerten; Risiken und Unsicherheiten sind dabei zu berücksichtigen. Für klassische Verpflichtungssachverhalte – etwa Prozessrisiken, Gewährleistungen oder belastende Verträge – ist diese Logik nachvollziehbar. Kritisch wird sie jedoch, wenn sie gedanklich verallgemeinert und als allgemeine Risikotheorie missverstanden wird. Denn ökonomische Risiken beginnen nicht erst oberhalb einer 50-Prozent-Schwelle. Ein Szenario mit 2 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit, aber massivem Verlustpotenzial (etwa eine Ransomware-Attacke auf die IT-Infrastruktur), kann für die Unternehmenssteuerung weitaus relevanter sein als ein leicht wahrscheinlicher Kleinschaden. Dass eine Rückstellung bilanziell nicht anzusetzen ist, bedeutet gerade nicht, dass risikoseitig Entwarnung gegeben werden kann.

Hinzu kommt ein zweites Problem: Die Rückstellungslogik ist auf Verpflichtungen zugeschnitten, nicht auf Marktpreisvolatilität als laufende Ergebnisunsicherheit. Sie beantwortet die Frage, wann eine bilanzielle Passivierung notwendig ist. Sie beantwortet aber nicht die Frage, welche Streuung im Ergebnis, in der Liquidität oder in der Risikotragfähigkeit ökonomisch beherrscht werden muss. Wer beide Ebenen vermischt, erzeugt Scheingenauigkeit. Bilanzierung ist kein Ersatz für Risikomodellierung. Für Steuerungszwecke benötigen Unternehmen keine starre Ja-Nein-Schwelle, sondern Verteilungen, Erwartungswerte, Quantile, Stressszenarien und – vor allem – die Frage, welche Abweichung von der Planung ein Unternehmen aushalten kann. Das ist eine andere Denkwelt als die bilanzielle Frage, ob eine Rückstellung passivierungspflichtig ist.

Fazit: Risiko ist nicht nur das seltene Ereignis

Unternehmen leben nicht nur mit seltenen Schadensereignissen, sondern ebenso mit permanenter Unsicherheit in Preisen, Kursen und Märkten. Wer Risiko allein als Eintritt eines diskreten Ereignisses versteht, verfehlt einen wesentlichen Teil der ökonomischen Realität. Gerade Rohstoffpreis-, Währungs- und Strompreisrisiken zeigen, dass erst die Analyse der Volatilität etwas über das Risiko aussagt. Die Unsicherheit wird vom Ob zum Ausmaß verschoben.

Aus meiner Sicht wäre schon viel gewonnen, wenn in der Praxis diese Unterscheidung konsequenter auseinanderhalten würden. Risikomanagement muss gerade dort präzise werden, wo keine saubere Ja-Nein-Logik mehr greift, sondern Verteilungen, Volatilitätsregime, Korrelationen, Liquiditätswirkungen und Stressphasen über die wirtschaftliche Tragfähigkeit entscheiden. Wer Beschaffung, Finanzierung und Ergebnisstabilität steuern will, muss Volatilitätsrisiken daher als eigenständige Risikokategorie verstehen, quantifizieren und aktiv managen – mit Szenarien, Sensitivitäten, Limits, Hedging-Überlegungen und ausreichenden Puffergrößen. Oder, mit meinem ehemaligen IBM-Kollegen Benoît Mandelbrot gesprochen: "The techniques I developed for studying turbulence, like weather, also apply to the stock market."
 

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
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