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Das weltgrößte Kreuzfahrtschiff auf Jungfernfahrt

"Allure of the Seas": groß, schön - riskant?

Redaktion RiskNET

"Allure of the Seas": groß, schön - riskant?

Das derzeit größte Kreuzfahrtschiff mit Platz für 5.500 Passagiere und 2.200 Crew-Mitglieder ist Anfang Dezember 2010 auf seiner Jungfernfahrt in die Karibik ausgelaufen. Was bedeutet der Trend zum Mega-Schiff aus Sicht des Risikomanagements?

"Allure of the Seas" (auf Deutsch: "Verlockung der Meere") wird angetrieben von einer vibrationsarmen dieselelektrischen Maschinenanlage, ist 360 Meter lang und 36 Meter breit: Die "Allure of the Seas" gleicht einer schwimmenden Kleinstadt. Das Unterhaltungsprogramm hat Großstadtniveau: Lifestyle-Areas wie zum Beispiel ein "Centralpark" mit 12.000 tropischen Pflanzen, ein hochwertiges Einkaufszentrum, 30 verschiedene Restaurants sowie das größte Kinderspielareal auf dem Wasser buhlen um die Gäste das Klientel an Bord. Bei der  "Allure" werden bei maximaler Belegung rund 6300 Gäste Platz haben, betreut von 2165 Crew-Mitgliedern.

Schon seit einigen Jahren ist der Trend zu immer größeren, luxuriöseren und vergnügungsparkähnlichen Kreuzfahrtschiffen ungebrochen. Reeder und Betreiber dieser Flotten wollen attraktiv werden für jüngere und anspruchsvollere Kundengruppen als die bisher umworbene 55-plus-Generation.

Brandschutz sind State-of-the-Art

Technische Ausrüstung sowie Brandschutz sind State-of-the Art. Das reicht von der doppelt ausgelegten Maschinenanlage (Pod-Antrieb) über aufwendige Sprinkler- und Hi-Fog-Systeme (Wassernebel-Brandschutz) bis hin zur schwer entflammbaren Textilausstattung in den Kabinen. Der Passagier brauche sich also keine Sorgen machen, meint Edwin Mast, nautisch-technischer Experte beim Rückversicherer Munich Re. Der Kapitän eines Luxusdampfers dagegen sieht das oft mit anderen Augen: Ein steigender Risikofaktor für die Sicherheit an Bord sind seines Erachtens die Passagiere selbst. In luxuriöser Umgebung und versorgt mit den entsprechenden Wohlfühl-, Abenteuer- und Entspannungspaketen fühlen sie sich an Bord so geschützt, dass sie selbst im Fall einer konkreten Gefahr und einer Evakuierung nicht mehr ausreichend beherrschbar sein können ("Crowd-Control").

"Kreuzfahrtschiffe der Kategorie 'Allure of the Seas' gehören in der Transportversicherung zu den höchsten Kasko-Einzelexposures, deren Versicherungswerte deutlich über einer Milliarde US-Dollar liegen können", sagt Edwin Mast. Der versicherte Kaskowert beinhaltet dabei allerdings nur den Sachwert des Schiffes und seine Ausstattung. Insbesondere potenzielle Haftpflichtschäden erhöhen das eigentliche finanzielle Schadenpotential für die Reeder und Betreiber von Kreuzfahrtschiffen nochmals bis in den Milliardenbereich. Das macht für die Versicherer in Summe ein sehr sorgfältiges eigenes Risikomanagement notwendig.

Potenziell hohe Entschädigungssumme - vor allem im US-Rechtsraum

Haftungssummen sind international zwar nach dem noch gültigen Protokoll der "Athens Convention" von 1990 auf konkrete Beträge pro Passagier, abhängig vom jeweiligen Buchungsland, begrenzt. Die Convention wird allerdings seit einigen Jahren überarbeitet und veranschlagt inzwischen bis zu fünffach erhöhte Entschädigungssummen, wurde aber bis heute noch nicht ratifiziert. Natürlich können Haftungsbegrenzungen auch durchbrochen werden, dies gilt vor allem für Fälle im US-Rechtsraum. Für hohe Entschädigungssummen braucht es im Übrigen keine gefährliche Katastrophe: Zum Beispiel wird ein kleineres Feuer an Bord schnell und umfassend gelöscht. Danach bleibt das Essen dennoch möglicherweise kalt und sanitäre Anlagen funktionieren nicht – und schon entstehen erhebliche Entschädigungsansprüche der Passagiere.

Ein weiteres Risiko für Reeder und Betreiber ist eine mögliche Betriebsunterbrechung, die Munich Re unter der so genannten "Cruise Consequential Losses (CCL)"-Deckung versichert. Derzeit sind solche Schäden nach einer Betriebsunterbrechung standardmäßig nur dann gedeckt, wenn am Schiff konkret ein Sachschaden, beispielsweise ein Motorschaden, vorliegt. Unterbrechungen einer Kreuzfahrt durch externe Auslöser, wie der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Frühjahr 2010 können allerdings ebenfalls folgenschwere finanzielle Verluste für die Reeder haben.

Die europaweite Stilllegung des Flugverkehrs aufgrund der Vulkanasche führte dazu, dass die Kreuzfahrtpassagiere und Crews weder termingerecht an- noch abreisen konnten. Dies sorgte wiederum für teilweise immensen logistischen Aufwand und entsprechende Kosten – sowohl für die Reeder als auch für die Passagiere. Für solche Sonderfälle suchen die Reeder und Betreiber vermehrt nach maßgeschneiderten Deckungen. Derartige Versicherungslösungen können im Bedarfsfall mit Munich Re gesondert vereinbart werden.

Titanic-Szenario versicherungsmathematisch nicht gering

Edwin Mast beobachtet die sich fortwährend verändernden Bedingungen und Gefährdungen für die Kreuzschifffahrt unter Risikomanagement-Gesichtspunkten und diskutiert bestimmte Entwicklungen auch mit den Kollegen des "Emerging-Risk-Thinktanks" von Munich Re. In die Risikobetrachtung fällt auch der Totalverlust eines großen Kreuzfahrtschiffs, das sogenannte "Titanic-Szenario". Die Wahrscheinlichkeit ist versicherungsmathematisch gar nicht so gering. Gab es 1913 nur gut ein Dutzend Passagierschiffe dieser Größe, schippern heute mehr als 200 Ozeanriesen über die Weltmeere – mit deutlich höheren Passagierzahlen, zu immer exotischeren Zielen. Dies zwar mit besseren Navigationssystemen und entsprechender Technik, aber durch die Anzahl auch insgesamt größerem Risiko.

Eine wichtige Aufgabe der Experten ist es also ebenfalls, die neuesten Entwicklungen der Schiffe sorgfältig zu beobachten, damit die internationalen Versicherer einen umfassenden Versicherungsschutz zu risikoadäquaten Preisen anbieten können. Denn immer größere und schönere Schiffe bedeutet in jedem Fall: immer höhere Versicherungssummen.


[Bildquelle oben: Wikipedia / Eigener Text basierend auf Informationen der Munich Re]



Kommentare zu diesem Beitrag

Jens /13.12.2010 07:46
In dem Zusammenhang kommt mir die Aussage von E. J. Smith, dem Kapitän der Titanic in den Sinn:

"When anyone asks me how I can describe my experience of nearly forty years at sea, I merely say uneventful. Of course there have been winter gales and storms and fog and the like, but in all my experience, I have never been in an accident of any sort worth speaking about. I have seen but one vessel in distress in all my years at sea ... I never saw a wreck and have never been wrecked, nor was I ever in any predicament that threatened to end in disaster of any sort."
Rudolf /12.01.2011 10:39
Sehr interessant, dieses Schiff aus Sicht des Versicherungsrisikos zu beleuchten. Ich war gerade zehn Tage mit dem Schwesterschiff der gleichen Klasse der "Oasis of the Seas" unterwegs. Als Passagier jedenfalls habe ich mich jederzeit sicher und gut aufgehoben gefühlt. Natürlich kann immer etwas passieren. Das grösste Sicherheitsrisiko sind in meinen Augen die Passagiere, die Anweisungen nicht Folge leisten oder aber eine Panik. Am ersten Tag wurde gleich eine Sicherheitsinstruktion durchgeführt, die für alle Passagiere verpflichtend war. Ob dies im Notfall dann so funktioniert ist immer die Frage. Jedenfalls merkt man nicht unbedingt, dass man auf einem Schiff ist. Ich schliesse mich der Meinung des Kapitäns an, dass man keine noch grösseren Schiffe bauen wird, da es schwierig ist und wird, für diese Schiffe entsprechende Anlegehäfen zu finden.

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