Leben mit einer Pandemie

Im Ozean der Ungewissheiten


Rezension

Kluge und mitunter dogmatische (oder auch interessengeleitete) Ratgeber rund um die Bewältigung der aktuellen Pandemie gibt es reichlich. Denn die größten Experten sind immer diejenigen, die später immer schlauer sind und erst plötzlich hinter dem Ofen herkommen. Die Mehrzahl der Ratgeber, die sich dem Thema aus einer epidemiologischen, virologischen oder auch medizinischen Sicht nähern, diskutieren das Thema aus einer eher monodisziplinären Perspektive. 

Das dünne Büchlein von Klaus Heilmann ist anders. Der emeritierte Medizinprofessor und Risikoforscher nähert sich dem Thema Pandemie interdisziplinär und diskutiert die Themen Risikowahrnehmung, Risikokommunikation sowie das Leben mit Ungewissheiten. Das 145 Seiten umfassende Buch liefert einführend eine Zusammenfassung der vergessenen Pandemien. So skizziert der Autor seine persönlichen Erfahrungen der Pandemie der Jahre 1957/58 und 1968 bis 1970. Die zweitschlimmste Influenza-Pandemie – nach der Spanischen Grippe – brach 1957 in der Volksrepublik China aus und wurde von einem Virus-Subtyp ausgelöst, der aus einer Kombination eines menschlichen mit einem Geflügelpest-Virus entstanden war. Weltweit fielen ihr Schätzungen zufolge rund ein bis zwei Millionen Menschen zum Opfer, so der Autor. Zehn Jahre später, in den Jahren 1968 bis 1970, wurde die Welt von einer weiteren schweren Virus-Pandemie heimgesucht. Auch diesmal war das Ursprungsland China. Klaus Heilmann: "Auslöser war die Virusvariante A/HongKong/1/1968/H3N2, weswegen man von der Hongkong-Grippe sprach." An der Hongkong-Grippe starben weltweit zwischen 750.000 und 2 Millionen Menschen. Allein in Deutschland soll es etwa 30.000 und 40.000 Todesfälle gegeben haben. An Diskussionen hierüber oder Berichte dazu im Fernsehen oder anderen Medien kann sich Klaus Heilmann nicht erinnern.

So fragt sich der Autor, warum die Asiatische Grippe 1957/58 und die Hongkong-Grippe 1968/70, bei den Menschen derart in Vergessenheit geraten ist, obwohl sie wie bei Covid-19 weltweit viele Opfer forderten? "Auch die späteren saisonalen Grippewellen verliefen in Deutschland ohne großes Aufsehen, forderten aber Opfer. Während der Epidemie 1995/96 und in der Saison 2012/2013 erkrankten jeweils etwa 8,5 Millionen und starben circa 20.000 Menschen", so der Autor weiter.

Die durch das schwere akute Atemwegssyndrom-Coronavirus-Typ 2 (SARS-CoV-2) ausgelöste Pandemie unterscheidet sich hinsichtlich ihren Wirkungsszenarien und globalen Dimension in nichts von Pandemien früherer Zeiten, so Klaus Heilmann. Der Autor weiter: "Pest und Syphilis, Pocken und Cholera verliefen ebenfalls tödlich. Doch gibt es zwischen damals und heute einen großen Unterschied: Die Welt war noch nicht globalisiert, nicht durch Internet und Mobiltelefone vernetzt, kannte noch keine Massenmedien, noch nicht die sozialen Netzwerke und noch nicht das Fernsehen." Es gab keine Pandemie der Informationen, so das Fazit des Medizinprofessors und Risikoforschers. Im Zusammenhang mit Corona haben wir es mit einer Infodemie zu tun. Der Begriff wurde durch den Politikwissenschaftler David. J. Rothkopf geprägt. Bereits im Zusammenhang mit dem SARS-Ausbruch im Jahr 2003 konnte er aufzeigen, dass die inflationäre, schnelle, ungefilterte weltweite Verbreitung massenhafter Informationen kommunikative Schäden verursacht, die schwerer wiegen als die Schäden aus der zugrundeliegenden Epidemie. Auch die WHO bezeichnet in ihrem "Situation Report" vom 2. Februar 2020 den Covid-19-Ausbruch als "Infodemic" und beschreibt dies als große Herausforderung: "The 2019-nCoV outbreak and response has been accompanied by a massive 'infodemic' - an over-abundance of information – some accurate and some not – that makes it hard for people to find trustworthy sources and reliable guidance when they need it.” Diese "Infodemie" erschwere vielen Menschen das Auffinden zuverlässiger Quellen und benötigter Ratgeber sowie eine fundierte und evidenzbasierte Risikobewertung. Neben der Frage nach ihrer Unabhängigkeit fallen viele Wissenschaftler und Experten vor allem dadurch auf, dass "Eitelkeit und Geltungsbedürfnis" keine fremden Eigenschaften sind. Klaus Heilmann: "Und so beginnt man sich allmählich zu fragen, wie die Forscher bei all der Medienpräsenz auch noch die Forschungsarbeit im Labor, von der sie ständig berichten, eigentlich schaffen können." Kritisch wird ergänzt, dass sich die politischen Entscheidungsträger sich zunächst vor allem auf die Virologen verlassen haben, weniger auf Experten anderer Fachrichtungen wie der Hygiene, der Epidemiologie und Immunologie, der Sozial- und Kommunikationswissenschaften sowie weitere Disziplinen.

In diesem Zusammenhang weist der Mediziner und Risikoforscher auch darauf hin, dass das starre Handeln des Staates basierend auf statistischen Zahlen und mathematischen Kurven bei einer Pandemie nur wenig hilft, vor allem wenn gleichzeitig die Bevölkerung mit im Boot sitzt. Der einzelne Bürger kann mit R-Werten und Corona-Neuinfektionen nur sehr wenig anfangen. Der einzelne Bürger will vor allem zwei Dinge wissen: Wie hoch ist mein persönliches Risiko, mich zu infizieren (Infektionsrisiko), und wie hoch ist mein Risiko, im Infektionsfall zu sterben (Infektionssterblichkeit). "Statt zu sagen, dass es 93.098 bestätigte Corona-Neuinfektionen gegeben habe und die Ansteckungsquote somit 111,9 Menschen pro 100.000 betrage, kann man verständlicher sagen, dass bei uns für den einzelnen das Infektionsrisiko bei eins zu achthundertvierundneunzig (1:894) liegt. Das Todesrisiko könnte mit 1:1.520 angegeben werden (Stand: 27.01.2021). Das bedeutet, dass von 1.520 Bundesbürgern einer am Covid-19-Virus gestorben ist. Hierbei wiederum ist zu berücksichtigen, dass bei den Verstorbenen eine Infektion von SARS-CoV-2 zwar nachgewiesen, aber nicht geprüft wurde, ob diese Menschen an Covid-19 oder an einem anderen Leiden gestorben sind, erläutert Klaus Heilmann. Im Vergleich seien an dieser Stelle andere Krankheitsrisiken aufgeführt:

  • An Krebs zu sterben: 1:360
  • Am akuten Myokardinfarkt (auch bekannt als Herzinfarkt oder Koronarinfarkt) zu sterben: 1:1.875
  • An Covid-19 zu sterben: 1:1.520

Erschwerend kommt hinzu, dass sich im Zusammenhang mit der Bewertung der Corona-Pandemie viele "Experten" permanent zu Wort melden, egal ob sie gefragt werden oder auch nicht.

Wir müssen uns bewusst werden, dass wir Chancen in der Zukunft nicht erlangen können, ohne in der Gegenwart Risiken einzugehen. Und Klaus Heilmann kommt zu dem Schluss, dass wir die Lösungen, die wir zur Bewältigung der auf uns zukommenden Probleme benötigen, mit Hilfe unserer Vernunft, des notwendigen Muts und einer gewissen Gelassenheit finden können.

Wenn Risikomanager über Maßnahmen zur Risikosteuerung nachdenken, so versuchen sie vor allem die Ursachen möglicher Risikoeintritte präventiv zu verhindern. Wirkungsbezogene Maßnahmen stehen in wirksamen Risikomanagement-Systemen (die im Kern nur die "Schmerzen" von Risikoeintritten reduzieren) erst an zweiter Stelle. Im Gesundheitswesen ist es eher umgekehrt: "Zweit Drittel aller Krankheiten in der Humanmedizin sind bislang entweder nur in ihren Symptomen oder überhaupt noch nicht medikamentös behandelbar. Das heißt, dass die meisten Medikamente, die heute von der Pharmaindustrie angeboten werden, Stoffe sind, welche Symptome beseitigen, nicht aber die Krankheitsursachen […]", führt Klaus Heilmann aus.

Einführend setzt sich der Autor vor allem mit der mitunter schiefen Risikowahrnehmung auseinander. In diesem Kontext spielt auch die Risikokommunikation eine wichtige Rolle. So fragt sich der Autor, warum die Mehrzahl der Medien über technologische Fehlentwicklungen, technische Zwischenfälle, Naturkatastrophen oder Epidemien nicht so berichten, dass für den Bürger das tatsächliche Ausmaß einer Gefährdung erkennbar wird, ohne dass man in Angst und Schrecken versetzt wird oder sich in falscher Sicherheit wiegt. "[…] ursächlich dafür sind bei vielen Journalisten einerseits der Hang zum Sensationellen und andererseits die Inkompetenz in der Sache", so die klare Antwort des Wissenschaftlers.

Fazit: Das in einer gut lesbaren Sprache geschriebene Buch von Klaus Heilmann lädt zum Nachdenken ein, da es sich dem Thema Corona nicht aus einer rein medizinischen Perspektive nähert, sondern vor allem aus dem Blickwinkel der Risikowahrnehmung und -kommunikation. In der Einführung weist der Mediziner und Risikoforscher darauf hin, dass er unabhängig von jeglichen politischen Parteien, Religionen, Organisationen oder Interessenvertretungen sei und daher auch ohne jegliche Rücksichtnahme sagen kann, was er für richtig oder falsch, notwendig oder überflüssig hält.

Das Buch ist keine wissenschaftliche Auseinandersetzung über Covid-19, sondern ein Impulsgeber für kritisch denkende Menschen. Etwas unscharf verwendet der Autor den Begriff COVID-19 (coronavirus disease 2019) auch als Bezeichnung für das Corona-Virus. Korrekter wäre es, bei COVID-19 von der Infektionskrankheit zu sprechen, die durch eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht wird.

Insgesamt liefert das Buch "Im Ozean der Ungewissheiten - Leben mit einer Pandemie" Antworten auf wichtige Fragen, etwa wie viel Sicherheit wir wollen und wie viel Risiko wir uns leisten können? Das Buch kann nicht nur Risikomanagern uneingeschränkt empfohlen werden, sondern liefert jedem kritischen und mündigen Bürger eine andere Risikowahrnehmung im Ozean der Ungewissheiten.

[ Source of cover photo: BoD ]
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