Grenzen des Wachstums 2.0

Wird die Informationsflut zum Risiko?


Wird die Informationsflut zum Risiko? Grenzen des Wachstums 2.0 News

Nie wurden so viele Informationen gespeichert und vorgehalten wie heute. Die Datenberge wachsen ins scheinbar Unendliche. Die wenig gestellte Frage: Kann es heute noch so etwas geben wie "zu viel" Information?

Gemäß der Strategie des Bundesrates für eine Informationsgesellschaft in der Schweiz sollen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) so eingesetzt werden, dass sie zur Stärkung der gemeinsamen Wohlfahrt beitragen.  Als Handlungsfelder werden mitunter die Infrastruktur und der Zugang zu Behördendaten genannt. Die Strategie lässt aber offen, ob grundsätzlich alle verfügbaren Informationen gesammelt werden sollen. Als Gesellschaft gibt es gute Gründe, sich nicht nur aus Datenschutzgründen über ein "zu viel" an Informationen Gedanken zu machen.

Technik: Der Wert des Speicherplatzes

Noch ist die Trennung vorhanden zwischen strukturierten Daten, die von Computern inhaltlich analysiert und bearbeitet werden, und Informationen, die von Menschen einzeln bearbeitet werden müssen, weil sie zum Beispiel einer semantischen Interpretation bedürfen. Mit dem Aufkommen von Big Data-Applikationen ist diese Trennung unscharf geworden. Auch unstrukturierte Information, die bis vor Kurzem noch nutzlos war, gewann dadurch plötzlich an Wert. Das weckt den Wunsch, möglichst alles zu speichern.

Entgegen aller Marketingversprechungen von Cloudspeicherung und günstigen Speichermedien stößt man dabei aber auch heute noch an physikalische Grenzen – genauer gesagt auf den "storage gap". Er beschreibt die Lücke zwischen der Menge an Daten, die man speichern kann und jener, die man produziert beziehungsweise produzieren könnte. Auch in Zukunft wird sich diese Lücke nicht schließen, da beide Entwicklungen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten verlaufen. Mit der explosionsartigen Generierung neuer Daten kann die Entwicklung bei den Speichermedien nicht mithalten. Der Gap vergrößert sich und es scheint, als würde in Zukunft ein bewussterer Umgang mit IT-Ressourcen wieder notwendiger werden.

Individuum: Der Wert des Unkontrollierten

Das Verhalten von Personen lässt sich heute fast lückenlos protokollieren. Die "Quantified Self-Bewegung" unternimmt sogar aktiv Schritte, um das eigene Leben immer detaillierter aufzuzeichnen. Dadurch lassen sich Präferenzen und Muster erkennen, denen sich niemand bewusst war. Wer aber fortlaufend auf Algorithmen basierende Vorschläge erhält, was gemäß dem früheren Verhalten oder ähnlichen Nutzungscharakteristika als passend berechnet wird, der verhält sich potenziell auch entsprechend dieser Vorschläge. Damit wird das System selbstreferenzierend und verfestigt existierende Verhaltensmuster.

Dies gilt bei geheimen Algorithmen von Suchmaschinen – wie sie Prof. Miriam Meckel in ihrem Artikel "Rettet den Zufall!" beschrieben hat – oder beim eigenen Handy, das individualisierte Restaurantempfehlungen abgibt. Der Wunsch nach Spontanität und Zufall kommt einem Ausbruch aus diesem sich selbst verstärkenden Kreislauf gleich.

Gesellschaft: Der Wert des Unbekannten

Der Zufall wird heute soweit als möglich herausgerechnet. Unser (Wirtschafts-) System braucht aber auch Unbekanntes, um zu funktionieren. Viele Versicherungskonzepte basieren beispielsweise darauf. Wären sämtliche Informationen über individuelle Risikoexpositionen verfügbar, würde die Bereitschaft, sich in ein Versicherungskollektiv zu begeben, auf die Probe gestellt. Die technologischen Entwicklungen gehen aber genau in diese Richtung. Was wäre, wenn alle Versicherungskunden per Gentest ihre gesundheitliche Risikoexposition abklären liessen und sich nur noch bezüglich den individuell relevanten Krankheiten versichern würden? Andere Fragen stellen sich in der pränatalen Diagnostik. Sie wird immer risikoärmer und kostengünstiger, so dass sie zum Test für das individuelle Recht auf "Nicht-Information" wird.

Die Finanzkrise von 2007 zeigte zudem auf, wie der Glaube an Allwissenheit und Algorithmen zur Berechnung der Welt den Markt in den Abgrund reißen kann. Wenn aber alle Teilnehmenden die gleichen Informationen und das gleiche Modell nutzen, verändert das den Markt. Die Erklärungskraft eben dieses Modells nimmt ab, gerade weil sich nun alle uniform und berechenbar verhalten. Das Wired Magazin beschrieb diesen Effekt 2009 mit "The Formula That Killed Wallstreet" und der Economist titelte "Number-Crunchers Crunched”.

Auch sind zukünftige Nutzungen einmal verfügbarer Daten nicht absehbar. Nur schon das Vorhandensein von Informationen weckt erfahrungsgemäß für viele potenziell unerwünschte Begehrlichkeiten. Aktuelles Beispiel hierfür ist der Vorstoß aus dem Nationalrat, der Polizei erweiterten Zugriff auf die biometrischen Daten der Ausweisdatenbank zu gewähren, obschon bei der Volksabstimmung das Gegenteil versprochen wurde.

Leben in der Informationsgesellschaft

Die aufgeführten Beispiele zeigen mögliche aktuelle und zukünftige Konsequenzen von Information auf. Ihre Analyse birgt aber zweifellos riesige Chancen: von der personalisierten Medizin bis hin zur effizienten Steuerung von Energienetzen. Die Rahmenbedingungen für die Informationsgesellschaft in der wir leben, die Trade-Offs zwischen Chancen und Gefahren, sind aber im Rahmen einer  gesellschaftlichen Debatte aktiv auszuhandeln. Vielleicht gelangt man zum Schluss, dass die Maximierung der aggregierten Informationsmenge nicht immer das Ziel ist. Individuell selbstverantwortlich oder als Gesellschaft kann es in Einzelfällen vielleicht besser sein – im Sinne einer selbstauferlegten Wachstumsgrenze – auf das Sammeln von Informationen zu verzichten.


Autor:

Dr. Roman Högg, Stiftung Risiko-Dialog, Winterthur/Schweiz

 

[Bildquelle: © maxkabakov - Fotolia.com]

 

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