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Risikofaktor: Unternehmensnachfolge bei Familienunternehmen

Redaktion RiskNET

Risikofaktor: Unternehmensnachfolge bei Familienunternehmen

Laut einer Studie des Center for Family Business der Universität St. Gallen, die in Kooperation mit der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young durchgeführt wurde, stehen Familienunternehmen in Deutschland vor ernsthaften Nachfolgeproblemen. Für die Analyse wurden über 28.000 Studenten in 26 Ländern befragt, deren Eltern ein Familienunternehmen führen. Von 100 Befragten aus Deutschland wollen demnach 74 nicht in die Fußstapfen der Eltern treten. Nur vier Prozent der befragten deutschen Studenten wollen direkt nach dem Studium die Nachfolge antreten. Mit diesem Wert liegt Deutschland im internationalen Vergleich auf einem der letzten Plätze: Nur in der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich (jeweils drei Prozent) sowie in Pakistan (ein Prozent) finden sich noch niedrigere Werte. Der internationale Durchschnittswert liegt bei knapp sieben Prozent. Der Anteil derer, die das elterliche Unternehmen direkt nach dem Studium übernehmen wollen, ist in Griechenland (17 Prozent), Russland (16 Prozent) und Rumänien (13 Prozent) am höchsten. Einen Einstieg in den elterlichen Betrieb innerhalb der ersten fünf Jahre nach Studienabschluss planen in Deutschland immerhin 13 Prozent der Befragten – und liegen damit im internationalen Schnitt.

Die insgesamt sehr geringe Bereitschaft, in den elterlichen Betrieb einzusteigen, sei ein alarmierendes Zeichen für die deutschen Familienunternehmen – zumal in den nächsten Jahren sehr häufig ein Generationswechsel anstehe. Zwar gebe es auch geeignete Nachfolger außerhalb der eigenen Familie. Langfristig erfolgreich seien aber vor allem diejenigen Unternehmen, in denen sich mehrere Generationen für die Entwicklung verantwortlich fühlten. Werde die Nachfolge nicht auf überzeugende Weise geklärt, so drohten den Unternehmen Turbulenzen und im schlimmsten Fall der Verkauf oder sogar die Geschäftsaufgabe.

Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmerkinder haben der Studie zufolge im Betrieb der Eltern bereits Berufserfahrung und spezifische Branchenkenntnisse gesammelt und dann eine fundierte Ausbildung an den Hochschulen erhalten. Als Unternehmensnachfolger würden sie im Idealfall die Fähigkeit zu professionellem Management mit familiärem Verantwortungsgefühl vereinen. Anstatt den elterlichen Betrieb zu übernehmen, strebten die meisten Unternehmerkinder direkt nach dem Studium eine Karriere als Angestellte an – dieser Wunsch steht laut der Studie bei 76 Prozent der deutschen Befragten ganz oben auf der Wunschliste. Weltweit liegt der Anteil nur bei 65 Prozent. Die Unterschiede im internationalen Vergleich fielen dabei sehr groß aus, was vor allem daran liege, dass die Chancen vor Ort für Studenten stark variierten. So sei es in Ländern, in denen die breite Bevölkerung noch keinen größeren Wohlstand erreicht habe, häufig der Mangel an beruflichen Alternativen, der junge Menschen an das Familienunternehmen binde. So wollen in Argentinien und China direkt nach dem Studium 13 bzw. elf Prozent das heimische Unternehmen führen, fünf Jahre später sehen sich nur noch zwölf bzw. neun Prozent in dieser Position. In Deutschland sei die Lage genau umgekehrt: Hier hätten Universitätsabsolventen sehr viele berufliche Möglichkeiten. Nachdem sie mehr Berufserfahrung gesammelt haben, könne das Unternehmen der Eltern eventuell zu einem späteren Zeitpunkt wieder attraktiv werden.

Insgesamt bleibe das Interesse an einer Nachfolge im Familienunternehmen in Deutschland jedoch sehr gering. Ein insgesamt sehr hohes Interesse an einer Nachfolge im elterlichen Unternehmen findet sich zum einen in Ländern mit einer ärmeren Bevölkerung, zum anderen aber auch in den sehr wohlhabenden Nationen Singapur und Luxemburg. Dort haben 17 bzw. 14 Prozent der Absolventen vor, das Unternehmen ihrer Eltern zu übernehmen. Auch ein starker Familien- und Traditionssinn wie in Japan scheint die Neigung der Studenten zu verstärken, ihren beruflichen Weg im Familienunternehmen zu suchen: 22 Prozent der japanischen Befragten wollen innerhalb der ersten fünf Jahre nach Studienabschluss das elterliche Unternehmen übernehmen, das ist nach Liechtenstein mit 30 Prozent der Höchstwert im internationalen Vergleich. Daran zeige sich, dass auch das gesellschaftliche Umfeld eine große Rolle spiele.

Eine wirklich intensive Beschäftigung mit einer möglichen Unternehmensnachfolge finde sich in Deutschland nur selten. Auf einer Skala von 0 ("ich habe mich nie mit einer Nachfolge beschäftigt") bis 7 ("ich habe bereits die Unternehmensführung übernommen") liegt Deutschland lediglich bei einem Wert von 0,96 (globaler Durchschnitt: 1,02). Der niedrigste Wert ergibt sich für die Niederlande (0,57), der höchste für Liechtenstein (2,01), Argentinien und Russland (1,54 bzw. 1,53).

Bei der Entscheidung für eine Übernahme des elterlichen Unternehmens spielten häufig jedoch auch sehr konkrete Karrieregründe eine Rolle. So hätten große und florierende Unternehmen wesentlich bessere Chancen auf eine familieninterne Nachfolge. Dabei stünden weniger die finanziellen Interessen der Unternehmerkinder im Vordergrund – viel mehr würden sie hier bessere Chancen sehen, sich selbst zu verwirklichen und ein inspirierendes Umfeld für ihr Unternehmertum zu finden.

 

[Bildquelle: © Kaarsten - Fotolia.com]

 



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