Ob aus der Ukraine, aus Syrien, aus Israel, aus Libyen oder Ägypten, dem Irak, ob aus Mali, Afghanistan oder dem Südsudan – die täglichen Bilder von Waffen und Gewalt sind allgegenwärtig. Mehr als 400 weltweite Konflikte haben die Wissenschaftler des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK) im vergangenen Jahr weltweit gezählt. Hiervon gelten 45 als "hochgewaltsame Konflikte", von denen die Forscher wiederum 20 als "Kriege" einstuften. Weltweit gibt es so viele Konflikte wie seit dem Zweitem Weltkrieg nicht mehr. Bei der Analyse eines politischen Konflikts unterscheiden die HIIK-Wissenschaftler zwischen fünf Intensitätsstufen: Disput, gewaltlose Krise, gewaltsame Krise, begrenzter Krieg und Krieg. Diese Konfliktstufen unterscheiden sich nach dem Grad der physischen Gewalt. Kriterien zur Bestimmung des Gewaltgrades sind die eingesetzten Mittel wie Waffen- und Personaleinsatz und ihre Folgen wie Todesopfer, Zerstörung und Zahl der Flüchtlinge.
Und in Europa leben wir scheinbar auf einer Insel der Glückseligen – ohne bewaffnete Konflikt oder gewaltsame Auseinandersetzungen. Doch bei einem Blick Richtung Süden und Osten können wir eine Reihe blutiger Krisenherde beobachten. Und durch die globale Verflechtung der deutschen Wirtschaft haben viele Konflikte direkte Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. So haben allein in Russland in den vergangenen Jahren rund 6.300 Unternehmen mehr als 23 Milliarden Euro investiert. Nicht zu vergessen die deutschen Rüstungsfirmen, die mit ihren Waffenexporten (auch in Krisengebiete – von Israel bis Saudi-Arabien) einerseits Milliarden verdienen und andererseits Konflikte weiter befeuern. Nach Medienberichten erteilte die Regierung im vergangenen Jahr Einzelausfuhrgenehmigungen im Wert von insgesamt 5,8 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 24 Prozent. Und was verboten ist wird nicht selten durch das Umgehen von Waffenexportvorschriften durch illegale Lieferungen vollzogen.
Eine Welt voller Kriege
Mit insgesamt 17 Kriegen waren der Vordere und Mittlere Orient und das Sub-Saharische Afrika die großen Kriegsschauplätze des Jahres 2013. Während die Kriege um nationale Macht in Afghanistan, Irak, Syrien und dem Jemen unvermindert andauern, erreichten die Auseinandersetzungen zwischen der neuen ägyptischen Regierung und den Muslimbrüdern kriegerische Ausmaße. Neben dem Oppositionskonflikt in Syrien zeigte sich im Laufe des Jahres zunehmend eine Spaltung der Regimegegner. Und auch der Westen muss einmal mehr erkennen, dass es "die Opposition" nicht gibt. Vielmehr hat man nicht verstanden, dass diverse Kräfte – von Demokratiefreunden nach westlichem "Exportmuster" über kriminelle Banden bis zu islamistischen Kräften – am Werke sind. Aus dem Irak-Konflikt nichts gelernt und eine destabilisierende Situation in Syrien weiter forciert, zeigen die westlichen Staaten und ihre politischen Vertreter einen erneuten Schlingerkurs par excellence. Gerade am Fall Irak zeigt sich durch das Vordringen von ISIS-Kämpfern, was einem Staat droht, der durch Intervention und daraus folgendem jahrelangem Bürgerkrieg zerrüttet ist. Ein Vakuum, das radikale Kräfte im Handumdrehen füllen. Gerade weil zuvorderst der Westen es nicht schafft, stabile Verhältnisse aufzubauen. Afghanistan, Jemen & Co. lassen grüßen.
Im Norden des Landes eskalierten die Kämpfe um die Vorherrschaft in den Kurdengebieten zu einem Krieg. Durch Millionen Flüchtlinge, transnationale Gewaltakteure und Grenzzwischenfälle destabilisierte der syrische Bürgerkrieg erneut die gesamte Region. Mit insgesamt elf Kriegen fanden über die Hälfte aller Kriege weltweit im Afrika südlich der Sahara statt. Dies war die höchste Anzahl an Kriegen in der Region seit Beginn der Beobachtung. Die Rechnung präsentieren uns immer mehr Flüchtlinge, die versuchen nach Europa zu gelangen. Und was macht Europa? Sich abschotten, Grenzzäune höher ziehen und Menschen in Not ausweisen. Hier bleibt nur zu sagen: Die Geister, die ich rief …
Russland steht auf tönernen Füßen
Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, hat in einem Gastbeitrag im Handelsblatt unter dem Titel "Auf tönernen Füßen" die neuen ökonomischen Risiken aufgrund der Misere in Russland beschrieben. Russlands Volkswirtschaft stehe auf tönernen Füßen, die Entwicklung einer wettbewerbsfähigen Basis jenseits von Erdöl und Erdgas ist seit der Jahrtausendwende nicht vorangekommen, so Michael Hüther. Außerdem hat die Krise zu massiven Kapitalabflüssen geführt. Im ersten Quartal 2014 haben private Investoren 51 Milliarden US-Dollar aus Russland abgezogen. Die ausländischen Direktinvestitionen lagen lediglich bei 9,8 Milliarden Dollar nach 36,6 Milliarden im Jahr zuvor.
Die europäischen Außenminister sehen bisher von weiteren Sanktionen ab, weil die Rückwirkungen auf Europa nicht zu vernachlässigen seien, ergänzt Hüther. "Dabei steht weniger die Gefährdung des Exports im Fokus als vielmehr der Rückschlag auf das ohnehin noch schwächelnde Bankensystem, das bei russischen Unternehmen 190 Milliarden Euro Kredite ausstehen hat."
Hüther ergänzt: "Deshalb ist es bei der Frage nach den möglichen Folgen deutlich verschärfter Sanktionen sinnvoll, den Blick nicht nur auf die ökonomischen Verflechtungen mit Russland zu richten, sondern ebenso auf die strukturellen Veränderungen in der Weltwirtschaft seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009." In diesem Kontext ist auffällig, dass trotz des guten Geschäftsklimas und des fortgeschrittenen Konjunkturzyklus das Investitionsgeschehen eher schwach ist. Dieser Befund gilt auch für die globale Investitionsquote, die mit gut 21 Prozent auf dem niedrigsten Niveau seit 1970 verharrt.
Sicherlich haben die Krisen seit 2000 die Risiko-Aversion erhöht, so Hüther. Zugleich fehlt erkennbar die Fantasie für neue Wachstumsimpulse, vor allem aber: "Die Struktur der geopolitischen Risiken gerät in ein neues Licht, die Selbstverständlichkeiten der vergangenen zwei Dekaden beim Blick auf die dynamischen Antriebe der Weltwirtschaft schwinden – erst schleichend und wegen der regionalen Differenzierung fast unbemerkt. Doch: Die Schwellenländer verlangen eine Neubewertung."
Sorge um Krisenherde dämpft ifo-Geschäftklima kräftig
Erst vor wenigen Tagen konnten wir erkennen, dass die Furcht vor harschen Russland-Sanktionen und der kriegerische Konflikt in Israel die Stimmung in den deutschen Unternehmen stärker als erwartet belastet. Der ifo-Geschäftsklimaindex gab im Juli das dritte Mal in Folge nach und sank auf 108,0 von 109,7 Punkten. "Die geopolitischen Spannungen belasten die deutsche Wirtschaft", erklärte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Das hat zur Folge, dass das verarbeitende Gewerbe seine Exportchancen so schlecht bewertet wie seit über einem Jahr nicht mehr.
Der ifo-Index gilt als wichtigstes Konjunkturbarometer für die deutsche Wirtschaft. Befragt werden rund 7.000 Unternehmen nach ihrer aktuellen Lage und dem Ausblick für das kommende halbe Jahr. Im Juli waren die Firmen in beiden Fällen weniger optimistischer.
Die Lagebeurteilung fiel auf 112,9 von zuvor 114,8 Zählern, während die Geschäftserwartungen auf 103,8 von 104,8 Punkten einbüßten. Die Ergebnisse waren damit deutlich schwächer als die Prognosen der Analysten, die nur einen Rückgang auf 114,5 beziehungsweise 104,5 erwartet hatten.
Nach der Krise ist vor der Krise
Seit der durch die Finanzkrise ausgelösten Rezession haben in den vergangenen Jahren alle großen Notenbanken der westlichen Welt die Leitzinsen in die Nähe von Null gesenkt. So gilt auch für die Europäische Zentralbank (EZB) 0 Prozent als die faktische Orientierungsmarke.
Da die erhofften geldpolitischen Impulse, beispielsweise Vertrauenseffekte zur Stabilisierung der Konjunkturerwartungen und der Finanzmärkte sowie eine erleichterte Aufnahme von Investitions- und Konsumentenkrediten, in der Zwischenzeit keinen oder nur einen äußerste begrenzten Effekt haben, stellt sich die Frage nach einer Rückkehr zur Normalität. Diese Rückkehr wird plötzlich selbst zum Risiko. Und die Nebenwirkungen werden immer deutlicher erkennbar: Das billige Geld führt zu einer Fehlallokationen in der realen Wirtschaft, da unrentable Projekte oder risikoreiche Investments kurzfristig als lukrativ erscheinen. Das Ergebnis dieser Suche nach renditeträchtigen Anlagen führt nicht selten zu Blasenbildungen, etwa bei Immobilien, Aktien oder Rohstoffen. Für die Bürger führt die Geldschwemme in der Regel zu einer "finanziellen Repression", da bei einem länger anhaltenden negativen Realzins die Vermögenssubstanz ausgehöhlt wird. Außerdem führt eine länger anhaltende Niedrigzinspolitik zu einer Zunahme globaler Ungleichgewichte. Die Logik ist einfach: Zunächst fließt das Kapital in Schwellenländer, da dort höhere Renditen erzielt werden können. Bei externen Schocks werden die Kapitalströme panikartig umgelenkt, was nicht selten zu plötzlich sinkenden Wechselkursen führt.
"Die Waffen der Geldpolitik verlieren derzeit an Wirkung", warnte Nikolaus von Bomhard, Vorsitzender des Vorstands des Rückversicherers Munich Re. Die Liquidität in den Märkten sei "atemberaubend". Die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen seien "ungesund" niedrig, ergänzt von Bomhard. "Hier passiert im Augenblick etwas, was uns mit Sorge erfüllen muss." Das System sei "nicht grenzenlos elastisch." Das berge die Gefahr einer nächsten Finanzkrise, so der Risikomanagement-Profi von Bomhard.
Wie kann Risikomanagement einen Mehrwert schaffen?
Alles in allem: Die Risiko-Weltkarte hat sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Die Zeiten für Risikomanager sind alles andere als langweilig geworden. So wird sich zukünftig zeigen, ob Risikomanagement lediglich als "potemkinsches Dorf" oder Alibifunktion im Unternehmen umgesetzt wurde oder tatsächlich einen ökonomischen Mehrwert für das Unternehmen schafft. Risikomanager müssen dabei vor allem auch die Komplexität der Abhängigkeiten der einzelnen Risiken auf dem Radar haben. So werden Unternehmen zukünftig immer häufiger mit dem "Robust, but fragile"-Phänomen zu kämpfen haben. Durch eine dichte Vernetzung wird die Robustheit eines Systems zunächst stark erhöht. Hier seien beispielsweise das Stromnetz, Zahlungssysteme und Interbanken-Geldmärkte genannt. So kann etwa das Stromnetz über lange Zeiträume Spannungsschwankungen, Ausfälle und Störungen einzelner Kraftwerke kompensieren, da eine Vielzahl anderer Kraftwerke angebunden ist. Kommen aber verschiedene Faktoren zusammen, erreicht eine Überspannung ein kritisches Maß oder fällt ein wichtiger Knoten aus, so bricht das gesamte System zusammen.
Fazit: Das Risikomanagement muss sich auf das konzentrieren, was für das Unternehmen wirklich zu Krisen führen kann. Insgesamt muss es im Risikomanagement vor allem darum gehen, mehr Zeit und Ressourcen auf das ernsthafte Nachdenken über die wesentlichen kritischen Zukunftsszenarien und Risiken zu lenken. Dies erfordert ein breites Verständnis, interdisziplinäre Zusammenarbeit und auch den Einsatz neuer szenariobasierter Methoden und Werkzeuge.
Die Konflikte auf der Welt (2013), Quelle: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK)
Die Entwicklung globaler Konflikte von 1945 bis heute, Quelle: Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK)



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