Gasmangellage

Kein Gas, kein Plan? Jetzt Vorsorgen!


Gasmangellage: Kein Gas, kein Plan? Jetzt Vorsorgen! Kolumne

Während öffentliche Stellen die aktuelle Situation der deutschen Gasspeicher mit rund 27 Prozent Füllstand weiterhin herunterspielen, werden die warnenden Stimmen lauter. Die aktuellen Temperaturen verschaffen eine kleine Verschnaufpause, doch die Temperaturaussichten bis in den April hinein lassen Schlimmeres befürchten. Denn ab einem Füllstand von 20 Prozent könnte es bei der Gasversorgung eng und teuer werden. 

Gasspeicher

Gasspeicher wirken wie eine Versicherung gegen Wetterextreme und Importstörungen, sie sind jedoch kein dauerhafter Ersatz für laufende Importe, sondern lediglich ein zeitlich begrenzter Puffer. Von entscheidender Bedeutung ist das Zusammenspiel aus Importströmen (Pipeline und LNG), Transportkapazitäten, Speicherfüllstand und Entnahmeleistung, denn jeder dieser Punkte kann zum Flaschenhals werden. 

Unterschätzte Abhängigkeiten

Was vielen nicht bewusst ist, ist unsere sehr hohe Abhängigkeit von der Gasversorgung, die weit über das Heizen oder Kochen hinausgeht. Unternehmen wären deutlich früher von Einschränkungen und möglichen Preisexplosionen betroffen als Haushaltskunden. Letztere wären jedoch schnell von den indirekten Auswirkungen betroffen, wenn Betriebe ihre Produktion herunterfahren oder sogar ganz einstellen müssen. 

Gas, Lebensmittel, Strom: eine stille Kette

So ist Erdgas beispielsweise in der gesamten Lebensmittelkette von großer Bedeutung. Es wird unter anderem bei der Düngemittelproduktion, in Gewächshäusern, Molkereien, Schlachthöfen, Bäckereien und Kühlhäusern eingesetzt. Fällt Gas hier nur teilweise aus oder wird es extrem teuer, hat das weitreichende Folgen: Die Produktion sinkt, die Preise steigen und es können regionale Versorgungslücken entstehen.  Hinzu kommt, dass derzeit so viel Strom aus Gaskraftwerken produziert wird, wie seit vielen Jahren nicht mehr. 

LÜKEX 2018

Die länderübergreifende Übung LÜKEX 2018 zum Thema Gasmangellage hat eindringlich vor Augen geführt, welche kritischen Folgen es haben kann, wenn ungünstige technische, wirtschaftliche und wetterbedingte Faktoren zusammentreffen und die Gasversorgung von Industriekunden, einzelnen Kraftwerken, Krankenhäusern oder der Lebensmittelindustrie eingeschränkt werden muss.

Wie die LÜKEX 2018 auch gezeigt hat, genügen Notfallpläne und formale Zuständigkeiten allein nicht. Zentrale Erkenntnisse waren Informationsaustausch, Entscheidungsfähigkeit, Priorisierungsketten und die Einbindung der Bevölkerung. Die Lehre daraus ist klar: Wir sind verwundbarer, als es in den offiziellen Szenarien oft angenommen wird – und Üben ersetzt keine Vorsorge in Unternehmen und Haushalten. 

Wie zu befürchten war, wird viel zu spät gehandelt und die Öffentlichkeit eingebunden. Bei einer weiteren Eskalation bleibt somit nur noch wenig Spielraum. Doch letztlich kann jeder die Verantwortung für sich selbst übernehmen.

Vorsorge jetzt!

Aus Sicht des Risikomanagements beginnt eine Gasmangellage nicht erst, wenn physisch kein Gas mehr ankommt, sondern bereits dann, wenn Unsicherheit, Preissprünge und begrenzte Handlungsoptionen zu nichtlinearen Folgewirkungen führen. In einem komplexen Energiesystem ist es fahrlässig, sich auf Hoffnung und milde Temperaturen zu verlassen. Das wäre, als würde man den Brandschutz durch die Annahme ersetzen, dass es nicht brennen wird.

Persönliche und organisatorische Vorsorge schafft Puffer: Wer sich etwa für 14 Tage mit Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten und Wärme selbst versorgen kann, entlastet im Ernstfall das System und gewinnt Entscheidungsspielräume. Unternehmen, die ihre Abhängigkeiten von Gas, Strom und vorgelagerten Lieferketten kennen und Alternativen vorbereitet haben, können länger produzieren, Beschäftigung sichern und zur Stabilisierung beitragen.

Konkrete Fragen für Unternehmen – und Sofortmaßnahmen

Unternehmen sollten sich zumindest folgende Fragen stellen:

  • Wo genau benötigen wir Gas (Prozesswärme, Gebäudeheizung, Dampferzeugung, Stromerzeugung etc.)?
  • Welche Produkte und Dienstleistungen hängen direkt oder indirekt von der Gasversorgung ab – und welche Kunden wären zuerst betroffen?
  • Welche Lieferanten sind selbst gasabhängig, etwa in der Lebensmittel-, Chemie-, Glas- oder Verpackungsindustrie?
  • Welche technischen Alternativen sind kurzfristig noch möglich?
  • Wie lange können wir einen teilweisen oder vollständigen Ausfall überbrücken – organisatorisch, finanziell, logistisch?

Sinnvolle Sofortmaßnahmen:

  • Durchführung eines gezielten Stresstests "Gasmangellage" mit klaren Eskalationsstufen, um die hoffentlich vorbereiteten Prozesse zu üben und mögliche Lücken zu erkennen.
  • Aufbau redundanter Energiepfade, wo noch möglich.
  • Überprüfung und Aktualisierung von Notfall- und Krisenplänen, inklusive Priorisierung von Prozessen und Kunden.

Vorsorge ist kein Alarmismus, sondern eine Form von verantwortungsbewusster Gelassenheit: Je besser wir vorbereitet sind, desto weniger müssen wir uns vor einer möglichen Gasmangellage fürchten – und desto eher bleibt unsere Gesellschaft auch in Stresslagen handlungsfähig.

Autor: 
Herbert Saurugg, MSc, ist ein international anerkannter Experte für Blackout- und Krisenvorsorge sowie der Präsident der Gesellschaft für Krisenvorsorge.
Herbert Saurugg
, MSc, ist ein international anerkannter Experte für Blackout- und Krisenvorsorge sowie der Präsident der Gesellschaft für Krisenvorsorge. Der ehemalige Berufsoffizier beschäftigt sich seit 2011 intensiv mit der zunehmenden Komplexität und Verletzlichkeit unserer Gesellschaft und insbesondere mit dem Szenario eines möglichen überregionalen Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfalls ("Blackout"). Saurugg ist Autor zahlreicher Fachpublikationen und als Keynote-Speaker und Interviewpartner zu diesen Themen bekannt. Sein umfangreicher Fachblog ist eine wertvolle Ressource für Kommunen, Unternehmen und Organisationen, aber auch für Privatpersonen, die ihre Blackout-Vorsorge verbessern und krisenfit werden wollen. Mit seiner langjährigen Erfahrung und seinem fundierten Fachwissen unterstützt er aktiv bei der Entwicklung und Umsetzung von ganzheitlichen Lösungen zur Bewältigung von außergewöhnlichen Krisensituationen.

 

[ Bildquelle Titelbild: Generiert mit AI ]
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