Risikoanalyse

Fünf Haftungsrisiken, die Unternehmen fürchten müssen


Redaktion RiskNET
Risikoanalyse: Fünf Haftungsrisiken, die Unternehmen in Corona-Zeiten fürchten müssenNews

Die Haftungsrisiken für Unternehmen nehmen zu. Eine neue Studie "5 Liability Risk Trends" der Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) zeigt fünf neue Trends auf der Risikolandkarte auf, für die Unternehmen von Dritten in Haftung genommen werden könnten: (1) zunehmende Rechtsstreitigkeiten, Sammelklagen und hohe Abfindungszahlungen für Geschädigte, vor allem in den USA, (2/3) häufigere und teurere Rückrufaktionen in den Branchen Automobil und Lebensmittel, (4) die Folgen von Unruhen und Protestbewegungen in vielen Ländern sowie (5) Umwelthaftungsrisiken wie die Luftqualität in Innenräumen oder Legionellen- und Schimmelbefall. Die genannten Schadenszenarien werden durch die Coronavirus-Pandemie beeinflusst oder sogar verschärft.

"Die Prämienentwicklung auf dem Haftpflichtversicherungsmarkt für Unternehmen hat sich in den letzten Monaten gewandelt, doch der gegenläufige Schadentrend der sozialen Inflation mit Rekordabfindungszahlungen durch Gerichte in den USA hält unvermindert an. Ohnehin sind ausländische Unternehmen in den USA immer stärker exponiert. Zudem registrieren wir eine Zunahme von Rückrufaktionen insbesondere im Automobilbereich. Alle diese Entwicklungen setzen die Haftpflichtversicherer unter Druck", sagt Ciara Brady, Global Head of Liability bei AGCS. "Nimmt man noch die trüben wirtschaftlichen Aussichten, die politische Instabilität in einigen Ländern und die Unsicherheit im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Pandemie dazu, kann man im Bereich Haftpflicht wirklich von einem herausfordernden Markt für Kunden, Makler und Versicherer sprechen. Als Versicherer müssen wir auf neue Schadentrends reagieren, gleichzeitig bietet AGCS ihren Kunden aber weiterhin solide Risikotransferlösungen und Kapazität für die aktuellen Haftungsrisiken."

Haftungstrend 1: Soziale Inflation in den USA und mehr Sammelklagen weltweit

Soziale Inflation ist ein besonders in den USA verbreitetes Phänomen, das durch die wachsende Aktivität von Prozessfinanzierern, hohe Abfindungssummen durch Geschworenengerichte und neue Konzepte für Schadenersatz und Fahrlässigkeit verursacht wird. Die durchschnittliche Vergleichssumme der Top 50 der US-Gerichtsurteile von 2014 bis 2018 hat sich von 28 Mio. auf 54 Mio. US-Dollar fast verdoppelt.

Prozessfinanzierung nimmt aber nicht nur in den USA, sondern auch in Europa zu und trägt zu einer steigenden Zahl kollektiver Rechtsdurchsetzungsverfahren bei. In vielen Ländern werden die Hürden für Verbraucher gesenkt, um Sammelklagen einzuleiten. Dazu gehören Deutschland, die Niederlande, England & Wales, Südafrika oder Saudi-Arabien – alles Länder, in denen laut AGCS-Länderleitfaden zur Prozessfinanzierung das Risiko für Sammelklagen als "mittel" eingestuft wird.

Ein weiterer Faktor, der den Umfang der gerichtlichen Vergleichssummen in den USA beeinflusst, ist die zunehmende Professionalisierung auf Seiten der Kläger und ihrer Anwälte. Diese setzen beispielsweise spezialisierte Berater und Psychologen ein, um die Entscheidung der Jury zu beeinflussen. Das Rechtssystem in den USA ist auch geprägt von wachsendem Misstrauen und sogar Wut von Verbrauchern gegenüber vermeintlich gierigen Unternehmen; dies ließ die Abfindungssummen zuletzt explodieren, auch wenn die Geschworenenurteile dann in Revisionsverfahren durch Berufsrichter häufig nach unten korrigiert wurden.

Die Coronavirus-Pandemie könnte möglicherweise den Social-Inflation-Trend etwas verlangsamen. AGCS-Experten erwarten, dass manche Kläger eher bereit sind, sich außergerichtlich zu einigen, da es durch die Corona-Einschränkungen für die Justiz mitunter Jahre dauern könnte, bis ihr Fall vor einem Geschworenengericht verhandelt wird.

Haftungstrend 2: Mehr Rückrufe und teurere Reparaturen in der Automobilindustrie

In den letzten Jahren hat es in der Automobilindustrie sowohl in den USA als auch in Europa eine wachsende Zahl von Rückrufaktionen gegeben. In den USA gab es im Jahr 2019 966 sicherheitsrelevante Rückrufe, von denen weit über 50 Millionen Fahrzeuge betroffen waren. In Europa erreichte die Zahl der Produktrückrufe im Jahr 2019 475 – die höchste Zahl für ein einzelnes Jahr in den 2010er Jahren und 11% mehr als im Vorjahr. Generell sind nach einer AGCS-Analyse zu weltweiten Haftpflichtschäden in den Jahren 2014 bis 2019 defekte oder mangelhafte Produkte die Ursache für die Hälfte des Schadenvolumens.

Oft liefern einige wenige Zulieferer Bauteile für die gesamte Branche. Beispielsweise könnte ein Airbag oder ein Motor aufgrund eines Defekts zurückgerufen werden. Solche Rückrufe betreffen immer mehr Unternehmen und Fahrzeuge und sind entsprechend teurer geworden. Die technische Komplexität ist eine weitere wichtige Ursache für die steigenden Schäden in der Automobilindustrie: Reparaturen benötigen mehr Zeit und Aufwand und erfordern speziell ausgebildete Mechaniker, zudem steigen die Preise für Ersatzteile.

Haftungstrend 3: Mehr Rückrufe in der Ernährungsbranche und wachsende Anforderungen an Lebensmittelsicherheit

Rückrufe von Lebensmitteln nehmen weltweit zu. Dies ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen: Dazu zählen die globale Herstellung, weniger Lieferanten in komplexen Lieferketten, eine verstärkte Überwachung durch Behörden sowie bessere Technologien, die eine genaue Rückverfolgbarkeit und den Nachweis von Krankheitserregern ermöglichen. Die Hersteller sollten in diesem Umfeld sorgfältig darauf achten, wer ihre Lieferanten sind und regelmäßige Audits durchführen. Die Coronavirus-Pandemie könnte laut AGCS deutliche Auswirkungen auf die Produktsicherheit in der Lebensmittelbranche haben: Einerseits sind die Hygienestandards gestiegen, was Kontaminationsrisiken verringern könnte, die eine Hauptursache für Rückrufe von Lebensmitteln und Getränken sind. Andererseits könnten neue Betriebsabläufe, vorübergehend geschlossene und wieder in Betrieb genommene Fabriken, Heimarbeit der Belegschaft, ein Rückgang der behördlichen Kontrollen sowie Unregelmäßigkeiten in den Lieferketten neue Gefährdungen für die Produktsicherheit und -qualität darstellen.

Haftungstrend 4: Massenproteste und zivile Unruhen

Die "Gelbwesten-Proteste" in Frankreich, Proteste und Unruhen in Chile, Hongkong und Bolivien und aktuell die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA sind prominente Beispiele für die Zunahme von Bürgerunruhen weltweit: Politisch motivierte Gewalt verursacht zunehmend Sachschäden, Betriebsstörungen und den Verlust von Attraktivität und Einkünften für viele Unternehmen. Laut Schätzungen sollen die Massenproteste nach dem Tod von George Floyd in vielen US-Städten Schäden von mehr als einer Milliarde US-Dollar verursacht haben – auch die Versicherungsbranche sieht sich mit zahlreichen Ansprüchen konfrontiert. Zwar könnte der Covid-19-Ausbruch die Unzufriedenheit in einigen Ländern vorübergehend unterdrückt haben.  Experten der AGCS jedoch erwarten weitere Unruhen in den kommenden Monaten, da die zugrundeliegenden sozialen Probleme nicht gelöst sind und mitunter durch die Pandemie sogar verschärft werden.

Haftungstrend 5: Luftqualität in Innenräumen und strengere Umweltauflagen

Unternehmen werden immer stärker daran gemessen, wie sie zu Umwelt- und Gesundheitsschutz und zur Ressourcenschonung beitragen. Zum einen gibt es Sorge hinsichtlich der Luftqualität in Innenräumen, weil sich die Gefahr von Legionellen- und Schimmelbildung durch die vorübergehende Schließung von Geschäftsgebäuden, Hotels, Fitnessstudios und anderen Einrichtungen während der Pandemie verschärft hat. Wenn Belüftungs- oder Wasserinstallationssysteme eine Zeit lang ruhen, sind sie anfälliger für eine Kontamination durch Bakterien. Ein Schimmelbefall wird auch dadurch befördert, dass Immobiliengesellschaften geplante Wartungs- oder Renovierungsarbeiten aufschieben.

Zum anderen drohen Unternehmen im Falle von Umweltverschmutzung immer häufiger Ermittlungen, Bußgelder oder die Verpflichtung zu Abhilfemaßnahmen. Eine interessante Entwicklung ist der Einsatz so genannter "Enforcement Undertakings" in Großbritannien: Als Alternative zur Verfolgung und Bestrafung von Umweltverstößen müssen Unternehmen auf eigene Kosten "freiwillig" Umweltschäden beseitigen.

Hauptursachen von Haftungsansprüchen und Auswirkungen der Pandemie

Die Covid-19-Pandemie verändert die Schadenmuster im Bereich Haftpflicht: Da durch die Pandemie mehr Menschen zu Hause bleiben und viele Geschäfte, Flughäfen und Betriebe vorübergehend geschlossen wurden oder weniger frequentiert sind, gibt es weniger Schäden durch Hinfallen und Ausrutschen – in normalen Zeiten die Hauptursachen für kleinere, aber häufige Haftungsansprüche. Versicherer könnten sich jedoch mit Ansprüchen konfrontiert sehen, weil Kunden oder Mitarbeiter sich unzureichend gegen eine Coronavirus-Infektion geschützt sehen. Produkthaftungs- und Rückrufansprüche folgen in der Regel dem Konjunkturzyklus, so dass in einer Rezessionsphase mit einer gewissen Rückläufigkeit zu rechnen wäre. Hingegen könnten Schäden infolge menschlichen Versagens eher zunehmen, weil sich während des Lockdowns und des folgenden Neustarts betriebliche Abläufe geändert haben.

 

[ Bildquelle: Adobe Stock.com / BillionPhotos.com ]
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