Überschuldung ist ein "nachlaufendes Phänomen"

Frühwarnindikatoren für Überschuldungslage


Redaktion RiskNET
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Nicht jeder Überschuldete geht den Weg über ein formelles Verbraucherinsolvenzverfahren. Das gerichtliche Verfahren und vor allem die anschließende Wohlverhaltensperiode verlangen Menschen, gerade in schwierigen Lebenssituationen viel ab. So ist es zu erklären, dass es zwar fast sieben Millionen überschuldeter Konsumenten in Deutschland gibt, dem aber nur rund 60.000 Verbraucherinsolvenzverfahren (2019) gegenüberstehen.

Die Creditreform Wirtschaftsforschung behält die beiden wichtigsten Parameter, Überschuldung und Insolvenz, seit vielen Jahren im Auge. Aktuell, in der Corona-Krise, gewinnen diese Zahlen besondere Aufmerksamkeit, denn es ist nicht nur die gesundheitliche, sondern auch die wirtschaftliche Situation der Bürger von der Pandemie betroffen. Der aktuelle SchuldnerAtlas der Creditreform mit den Zahlen zur Überschuldung im Herbst 2020 weist – auf den ersten Blick vielleicht überraschend – einen (weiteren) Rückgang der Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland aus. Gezählt wurden zum Stichtag 6,85 Millionen überschuldete Privatpersonen – ein Minus gegenüber 2019 von einem Prozent.

Entsprechend ist die Überschuldungsquote, die Zahl der betroffenen Personen im Verhältnis zur Gesamtzahl der erwachsenen Bevölkerung, in Deutschland gesunken. Sie liegt nunmehr bei 9,87 Prozent gegenüber 10 Prozent im Vorjahr. Damit setzt sich ein Trend leicht geringerer Überschuldung seit dem Jahr 2018 fort – und dies trotz der aktuellen Krise, die vor allem die Arbeitsplätze Hunderttausender getroffen hat, die, wenn sie nicht den Arbeitsplatz verloren haben, Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit hinzunehmen haben. Tatsächlich bildet die Arbeitslosigkeit im Ursachen-Konglomerat der Überschuldung den wichtigsten Faktor. Für fast 1,4 Millionen von Überschuldung Betroffener ist sie der Hauptüberschuldungsgrund. Mit den deutlichen Verbesserungen am Arbeitsmarkt mit historisch geringen Arbeitslosenquoten befindet sich die Arbeitslosigkeit als Grund für Überschuldung auf dem Rückzug. Gegenüber 2008 hat sie bei den Nennungen um 30 Prozent abgenommen.
Dabei ist allerdings in Rechnung zu stellen, dass Überschuldung ein "nachlaufendes Phänomen" ist. Schulden bis zur Überschuldung bauen sich zuerst langsam und zeitverzögert auf, wenn die Einkommenssituation, etwa durch Arbeitslosigkeit, negativ betroffen ist. So ist zu befürchten, dass die genannten Probleme am Arbeitsmarkt durch den Ausbruch des Corona-Virus auch bei einer Lockerung der einschränkenden Maßnahmen erst im nächsten und übernächsten Jahr für die Verbraucher im Sinne der Überschuldung sichtbar werden.

"Unwirtschaftliche Haushaltsführung" als Frühwarnindikator

Darauf deutet noch eine andere vielfach genannte Ursache für die Überschuldung hin: Die "unwirtschaftliche Haushaltsführung" hat deutlich zugenommen. Gegenüber 2008 wird sie um 68 Prozent häufiger genannt, wenn es um den Hauptgrund für Überschuldung geht. Mehr als eine Million Überschuldeter sind einem "irrrationalen Konsumverhalten" zuzuordnen.

Wie dieses Verhalten in Erscheinung tritt, hat das DIW untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass es zu hohe Einkommenserwartungen waren, die zur Überschuldung geführt haben. Umfragen und Experimente zeigten, dass gerade bei unsicheren Arbeitsverhältnissen ein Überoptimismus greift, der gerade bei einem Schock durch einen plötzlichen Einkommensausfall zur Überschuldung führt. Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen neigen wohl dazu, ihre (zukünftige) Einkommenssituation zu überschätzen – und überschulden sich.

Null-Zins als weiterer Treiber für Überschuldung

Die Fehleinschätzung der finanziellen Situation, der Bonität, ist auch Ausdruck eines Mentalitätswandels. Sozioökonomische Modelle zeigen, dass gerade junge und urbane Milieus, die sich als Trendsetter verstehen, ihren Konsum über Kredite finanzieren. Der Konsumentenkredit wird zum üblichen Weg der Bezahlung. Dass dieser Weg zum Königsweg wird, hat aber nicht nur eine Ursache in der Psychologie der Verbraucher. Bargeld wird immer seltener bei Anschaffungen und bei Gütern des täglichen Lebens genutzt. Nicht zuletzt die EZB betreibt, wenn nicht die Abschaffung, so doch die Verringerung des Einsatzes von Münzgeld und Scheinen. Und in der aktuellen Corona-Krise weisen viele Kassen im Einzelhandel schon aus Gründen der Hygiene auf das Bezahlen mit Karte hin.

Eine wichtige Rolle spielt aber auch das Internet. Das gilt nicht nur für die Bezahlmodalitäten im Internethandel und beim E-Commerce, sondern auch beim Konsumentenkredit von Finanzierungsinstituten. Der Konsumentenkredit war einmal ein Exot unter den Krediten. Das hat sich grundlegend und nicht zuletzt durch den verschärften Wettbewerb unter den Banken geändert. Kritisch fragt das DIW, ob die Institute, vor allem beim Onlinekredit, die Einkommenssituation ihrer Kreditkunden vor der Vergabe ausreichend prüfen. Das gilt nach Einschätzung des DIW vor allem für neue Internetplattformen, die oft "marktschreierisch" ihr Angebot mit einem aggressiven Marketing bekannt machen. Werden wichtige Faktoren wie das Monatsgehalt, die Miete oder weitere individuelle Risiken ausreichend geprüft? Inwieweit werden Ausfallrisiken in Kauf genommen? Dabei ist allerdings weiterhin anzumerken, dass die Solidität der privaten Kreditnehmer in Deutschland hervorragend ist. Rund 98 Prozent aller Kredite werden ordnungsgemäß zurückgezahlt. Nur Finnland und Luxemburg haben ein noch besseres Zahlungsverhalten – dagegen fallen rund zehn Prozent der Kredite in Italien, Irland und Portugal aus.

Eine große Rolle für die im langfristigen Trend zunehmende Finanzierung über Konsumentenkredite spielt natürlich auch die Zinssituation. Auch im Zusammenhang mit Verbraucherkrediten ist, jedenfalls in der Werbung, vielfach die Rede vom "Null-Prozent-Kredit" beim Zins die Rede.

Das Volumen der Konsumentenkredite an private Haushalte hat im Februar 2020 einen Höhepunkt mit über 200 Milliarden Euro erreicht. Wohl auch im Zuge des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 war der Umfang der Kredite auf 198 Milliarden zurückgegangen. Destatis weist nun noch aktuellere Zahlen aus: Gegenüber dem Vorjahr habe die Anzahl der Kreditverträge sogar in den letzten Wochen leicht zugenommen. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Online-Transaktionen seit der Corona-Krise ebenfalls gegenüber 2019 im laufenden Jahr zulegten. Der Verbraucher nutzt für den Konsum das Online-Angebot und er finanziert den Kauf. Auch dies wird dann zeitversetzt für eine höhere Überschuldung und schließlich auch für mehr Verbraucherinsolvenzen im nächsten Jahr sorgen.

[Quelle: Text basierend auf Creditreform Risikomanagement Newsletter]

[ Bildquelle: Adobe Stock.com / eranicle ]
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