Risikoanalyse Weltwirtschaft

Epoche der steigenden Unsicherheit


Epoche der steigenden Unsicherheit News

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft im laufenden und kommenden Jahr gesenkt und das vor allem mit zunehmenden Handelsbarrieren und einer steigenden Unsicherheit in Bezug auf Außenhandel und Geopolitik begründet. Die Organisation führt das schwächere Wachstum außerdem auf das niedrigere Produktivitätswachstum und die demografischen Entwicklung in den Industrieländern zurück sowie auf individuelle Faktoren in einigen Schwellenländern, wie sie in ihrem aktuellen Weltwirtschaftsbericht schreibt.

Der IWF rechnet damit, dass das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2019 nur um 3,0 Prozent steigen wird. In ihrem im Juli veröffentlichten Prognose-Update hatte die Organisation ihre Vorhersage schon auf 3,2 Prozent gesenkt. Die Prognose für 2020 wurde auf 3,4 (zuvor: 3,5) Prozent zurückgenommen. Zu den Ländern mit den deutlichsten Prognosesenkungen gehören Indien und Deutschland. Leicht angehoben wurden die Prognosen für aufstrebende Volkswirtschaften in Europa.

Industrieaktivität auf niedrigstem Stand seit der Finanzkrise

"Vor allem im verarbeitenden Gewerbe hat sich die Aktivität auf Niveaus abgeschwächt, die zuletzt während der globalen Finanzkrise beobachtet wurden", schreibt der IWF. Die zunehmenden Handels- und geopolitischen Spannungen hätten die Unsicherheit im Hinblick auf das Welthandelssystem und die internationale Kooperation generell erhöht.

"Eine spürbare geldpolitische Lockerung - sowohl durch Aktionen als auch durch Kommunikation - hat die Auswirkungen dieser Spannungen für die Stimmung an den Finanzmärkten und die Aktivität gedämpft, während zugleich der widerstandsfähige Dienstleistungssektor einen weiteren Beschäftigungsaufbau ermöglichte", urteilt der IWF.

Die Wachstumsprognosen für die USA änderte die in Washington ansässige Organisation auf 2,4 (2,6) und 2,1 (1,9) Prozent. Die prognostizierte Wachstumsabschwächung begründet der IWF mit der Erwartung, dass die Fiskalpolitik im nächsten Jahr nicht mehr expansiv, sondern nur noch neutral sein wird. Die außenwirtschaftliche Unsicherheit dürfte laut IWF von dem auf zwei Jahre angelegten Budget-Deal und den Zinssenkungen der Notenbank ausgeglichen werden. Im ersten Halbjahr seien zwar die Investitionen schwach, aber der Konsum und die Beschäftigung stark gewesen.

Dem Euroraum traut der IWF nur noch 1,2 (1,3) und 1,4 (1,6) Prozent Wachstum zu, was ganz maßgeblich auf geringeren Wachstumserwartungen für Deutschland und Italien beruht. Der IWF begründet seine Prognose mit der schwachen Außennachfrage und einem Lagerabbau im bisherigen Jahresverlauf. Für den Rest dieses Jahres und das nächste Jahr unterstellt er eine leichte Erholung.

Deutschland prognostiziert der IWF ein Wirtschaftswachstum von 0,5 (0,7) und 1,2 (1,7) Prozent. Für die deutliche Abwärtsrevision der 2020er Prognose liefert er keine Begründung. In seinem im Juli veröffentlichten Update hatte der IWF die Prognose für das nächste Jahr noch um 0,3 Prozentpunkte nach oben revidiert. Grund war die Umstellung von kalenderbereinigten auf das nicht-kalenderbereinigte BIP gewesen. 2020 ist ein Schaltjahr mit einem zusätzlichen Tag.

Deutschland sollte sich negative Zinsen zunutze machen

Die Bundesbank prognostizierte im Juni für 2020 ein Wachstum von 1,2 Prozent, die OECD hat ihre Prognose kürzlich auf 0,6 Prozent reduziert. Der IWF rät Deutschland, sich die negativen Kreditzinsen zunutze zu machen und in Humankapital und Infrastruktur zu investieren. Alternativ sei auch eine Senkung der Steuerbelastung des Faktors Arbeit denkbar.

Asien stellt aus Sicht des IWF weiterhin die Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft dar, wobei auch hier eine Abschwächung spürbar wird. In China hat diese Abschwächung laut IWF strukturelle Gründe: "Die Auswirkungen von Zöllen und die sich abschwächende Außennachfrage verstärken die Wirkung der Maßnahmen, die zur Bremsung der Schuldenakkumulation ergriffen wurden", schreibt der IWF in seinem Bericht. Die Organisation geht aber davon aus, dass die Regierung gegensteuern wird und prognostiziert Wachstumsraten von 6,1 (6,2) und 5,8 (6,0) Prozent.

Indiens Wirtschaft traut der IWF nur noch Wachstumsraten von 6,1 (7,0) und 7,0 (7,2) Prozent zu. Grund ist der schwache Ausblick für die Binnennachfrage. Der IWF rechnet damit, dass das Wachstum von den verzögerten Effekten einer lockereren Geldpolitik, von Unternehmenssteuersenkungen und Programmen zur Förderung des Konsums gestützt werden wird.

[ Bildquelle Titelbild: Adobe Stock ]

Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion /17.10.2019 10:15
+++ IWF setzt Wirtschaftsmächte unter Handlungsdruck +++

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die großen Volkswirtschaften aufgefordert, ihre Finanzpolitik zur Bekämpfung des nächsten Wirtschaftsabschwungs anzupassen. Ökonomen warnten davor, dass niedrige oder negative Zinssätze die Fähigkeit der Zentralbanken beeinträchtigen könnten, mit einer Senkung der Kreditkosten zu reagieren. Es sei an der Zeit, dass Länder mit Haushaltsspielraum ihren Überschuss zur Unterstützung der Gesamtnachfrage nutzen, so Vitor Gaspar, Direktor des IWF.

Große Zentralbanken hatten in den vergangenen sechs Monaten Maßnahmen ergriffen, um den zunehmenden Sorgen um die Konjunkturaussichten durch eine Kombination von Konjunkturmaßnahmen zu begegnen. Die US-Notenbank hatte beispielsweise die Zinsen in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2008 gesenkt, während die Europäische Zentralbank die Kreditkosten weiter unter Null gesenkt und Pläne zur Wiederaufnahme des Anleihenkaufs angekündigt hat.

Wirtschaftsexperten sind sich einig, dass die Fülle an Maßnahmen das Ausmaß der Stimuli, die die Zentralbanken in einem Abschwung in die Wirtschaft pumpen können, begrenzt hat. Der IWF stellte in einem separaten Bericht am Mittwoch fest, dass 15 Billionen Dollar von Anleihen weltweit negative Renditen erzielten. Anleger, welche langfristig niedrige Zinsen erwarteten, hätten riskantere Investitionen getätigt, die in einem Wirtschaftsabschwung starke Verluste mit sich bringen könnten.
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