Kolumne

Libra: Chancen und Risiken

Eine Autobahn für den Zahlungsverkehr

Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

Libra: Chancen und Risiken - Eine Autobahn für den Zahlungsverkehr

Versetzen Sie sich 200 Jahre zurück. Als die Dampfmaschine ihren Siegeszug begann, waren die Reaktion der Menschen überwiegend negativ. Den meisten waren die neuen Maschinen unheimlich. Sie hatten Angst vor Unfällen. Sie fürchteten den Verlust ihrer Arbeitsplätze und eine weitere Verarmung. 1844 kam es zu dem berühmten Weberaufstand in Schlesien. Die positiven Wirkungen auf den Wohlstand und das Wachstum, die später eintraten, konnte sich keiner vorstellen. Heute sind wir froh, dass es die Dampfmaschine gegeben hat (wenn sie auch etwas sozial verträglicher hätte eingeführt werden können).
Bei allen großen wirtschaftlichen und technischen Umwälzungen, die wir seitdem erlebt haben, war das Muster ähnlich. Zuerst schroffe Ablehnung, dann zum Teil schmerzhafte Umstrukturierungen, am Ende ein Wohlstandsgewinn, den niemand mehr missen möchte.

Schrumpfende Banken: Beschäftigte im Kreditgewerbe, Deutschland [Quelle: Bankenverband]

Schrumpfende Banken: Beschäftigte im Kreditgewerbe, Deutschland [Quelle: Bankenverband]

Jetzt passiert dasselbe mit Libra. Nun will ich das neue Kunstgeld, das Facebook dieser Tage vorgestellt hat, in seiner Bedeutung nicht mit der Dampfmaschine vergleichen. Es ist bei weitem nicht so grundlegend. Es ist aber doch bemerkenswert, dass die meisten Kommentare auch hier negativ sind. Facebook werde noch unkontrollierbarer. Der Schutz der persönlichen Daten sei gefährdet. Geldwäsche und "Dark Economy" würden gefördert. Die Geldpolitik der Zentralbanken werde unterlaufen. Die Stabilität des internationalen Finanzsystems sei gefährdet.

Alle scheinen sich, bevor sie sich näher mit Libra befasst haben, einig zu sein, dass das neue Geld schleunigst reguliert werden müsste. Facebook dürfe damit nicht an den Markt gehen, bevor nicht gegen alle Eventualitäten Vorsorge geleistet wurde. Wenn wir das mit der Dampfmaschine so gemacht hätten, hätten wir sie vielleicht heute noch nicht.

Angesichts des vielfältigen Widerstandes gegen Libra hier einmal ein Plädoyer dafür. Um was geht es? Libra ist ein Kunstgeld, das den Zahlungsverkehr vor allem mit dem Ausland erleichtern soll. Dieser ist bisher sehr teuer und zeitaufwändig. Man rechnet mit Gebühren von 7 Prozent und einer Bearbeitungszeit von 3 bis 4 Tagen. Das liegt daran, dass nicht nur verschiedene Banken involviert sind, sondern meist auch noch das Telekommunikationsnetzwerk Swift. Besonders kostspielig sind Überweisungen in Entwicklungsländer (zum Beispiel von Gastarbeitern im Ausland). Manche Banken warten mit der Überweisung, bis eine bestimmte Anzahl von Aufträgen zusammenkommt, um sie dann gebündelt auszuführen.

Mit Libra wird das alles viel einfacher. Wer überweisen will, kauft mit seinem nationalen Geld die neue Kunstwährung. Diese kann er mit einem Klick über seinen Facebook Account an den Empfänger schicken. Das Ganze kostet so viel wie eine SMS und wird in Sekunden abgewickelt. Der Empfänger kann die Libra behalten und sie, wenn das in seinem Land möglich ist, hier verwenden. Er kann sie aber auch als Reserve halten. Dafür gibt es spezielle Wallets (Brieftaschen), die aber nicht verzinst werden. Er kann sie aber auch in seine nationale Währung tauschen und hat dann Geld wie jedes andere.

Das Ganze ist wie eine Autobahn für den Zahlungsverkehr. Wer kann da schon konkurrieren?

Vor allem in Entwicklungsländern sind Libra unschlagbar. Viele haben dort zwar ein Handy, aber kein Bankkonto.

Auslandszahlungsverkehr spielt eine große Rolle wegen der Gastarbeiter im Ausland, die ihr Einkommen an ihre Familien überweisen. Nach Schätzungen von Facebook gibt es in der Dritten Welt über 2 Milliarden potenzielle Nutzer für Libra. Das ist ein immenser Markt, der erschlossen werden kann.

Abgewickelt werden Libra-Überweisungen über die Blockchain-Technologie. Sie ist sicherer als normale Überweisungen, weil in den "Blöcken" die gesamte Historie der Zahlungen für alle Teilnehmer dokumentiert ist. Wer eine Transaktion manipulieren will, fällt auf, weil das ganze System in Unordnung gerät.

Manche haben Bedenken wegen der Ähnlichkeit zu Bitcoin und anderen Kunstwährungen. Libra ist aber etwas ganz anderes. Es gibt hier nicht die riesigen Wertschwankungen wie bei Bitcoins. Libra sind relativ stabil. Sie sind vollständig gedeckt durch einen Korb von Staatsanleihen und Bankeinlagen in den großen Währungen der Welt (Stablecoins). Wer Libra kauft, erwirbt ein Stück dieses Währungskorbes. Natürlich gibt es auch hier Schwankungen, wenn sich die Zinsen und Devisenkurse bewegen. Sie sind jedoch viel geringer als die zwischen nationalen Währungen, die sonst beim Auslandszahlungsverkehr anfallen.

Ein großer Nachteil der Bitcoins ist auch die Affinität zu ungesetzlichen oder verbrecherischen Geschäften. Die Organisatoren von Libra versuchen dies auszuschalten, indem sie sich mit großen und renommierten Anbietern im Zahlungsverkehr wie Visa, Mastercard oder Paypal zusammengetan haben. Bei der Eröffnung von Wallets für Libra sollen die gleichen Betrugsbekämpfungsverfahren und Überprüfungen angewandt werden wie bei Banken. Eine Einlagensicherung, wie sie bei Banken existiert, gibt es bei Libra allerdings nicht.

Mit einer endgültigen Bewertung von Libra muss man derzeit vorsichtig sein. Noch sind zu viele Fragen offen. Es muss auch viel reguliert werden. Vieles sind Versprechungen von Facebook, die erst eingelöst werden müssen. Generell aber sollte man nicht zu skeptisch sein. Innovationen sind für Volkswirtschaften und Kapitalmärkte etwas Gutes. Da gibt es Chancen, Geld zu verdienen. Verlierer sind die Banken, die wegen der niedrigen Zinsen und der hohen Regulierung schon jetzt in Schwierigkeiten sind (Grafik). Ihnen entgeht mit dem Zahlungsverkehr nicht nur eine wichtige Ertragsquelle. Sie verlieren auch einen bedeutsamen Zugang zu den Kunden für andere Geschäfte.

Autor:

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.

[ Bildquelle: Adobe Stock | Bild Hüfner: Stefan Heigl / RiskNET GmbH ]


Kommentare zu diesem Beitrag

RiskNET Redaktion /11.07.2019 09:04
+++ Banken bestehen auf Regulierung für Facebooks Kryptowährung +++

Die deutschen Banken pochen darauf, dass die von Facebook initiierte Digitalwährung Libra einer Regulierung unterworfen wird. "Wenn diese Währung ernstgenommen werden will, braucht sie entsprechende Regulierung", sagte Bankenverbandsdirektor Siegfried Utzig bei einer Veranstaltung des Bundesverbandes deutscher Banken in Berlin. In seinen Augen sei es "gar nicht möglich, ohne Regulierung zu arbeiten".

In einem Diskussionspapier des Bankenverbands für die Veranstaltung hieß es zudem, es existierten hohe Hürden bei Regulierung und Datenschutz. Es sei aber derzeit noch nicht absehbar, ob für Libra nicht auch eine Lizenz zum Wertpapierhandel oder gar eine Banklizenz erforderlich sein werde. "Unklar ist ferner, ob die bestehenden Regulierungen auf eine Kryptowährung wie Libra angewandt werden können", betonte der Verband. Es sei "vollkommen offen, wie nationale oder supranationale Regulatoren ihre Regeln gegenüber Libra durchsetzen können".

Die nationalen und internationalen Aufsichtsbehörden müssten Libra genauestens prüfen, damit sichergestellt sei, dass diese Währung auch den hohen internationalen Regulierungsstandards genüge. "Wenn es einen Run auf Libra gibt, gibt es niemanden, der ihn stoppen wird", warnte der Verband in dem Papier unter dem Titel "Fragen und Antworten". Gleichzeitig dürfte die Libra-Reserve rasch in eine Größenordnung vordringen, die sie "too-big-to-fail werden" lasse. "Die systemische Relevanz ist offensichtlich", hieß es.

Utzig betonte, dass es sich hierbei "in ganz großem Maße um eine Frage der Ordnung des Weltwährungssystems" handele. "Je länger ich mich in den letzten Wochen damit befasst habe, um so klarer wurde, dass Facebook und Libra nur die Spitze des Eisbergs ist." Das eigentliche Problem, das dahinterstehe, sei die Frage, ob man überhaupt digitales Geld brauche, und wie die Geld- und Währungsordnung in Zukunft aussehen müsse.

Insgesamt erwarten die Banken durch die neue Währung zudem einen zunehmenden Druck auf die Bankenlandschaft. "Eine erfolgreiche Umsetzung von Libra würde den Konsolidierungsdruck im Bankensektor deutlich erhöhen und beschleunigen", betonten die Banken in dem Papier. Ohne eine alternative Digitalwährung, die von Banken und Staaten getragen werde, sei die Erfolgswahrscheinlichkeit Libras groß.

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