Befunde sprechen gegen eine Blasenbildung

Die Moral der Agrar-Spekulation


Die Moral der Agrar-Spekulation News

Mit Hilfe von Termingeschäften an den Rohstoffbörsen sichern sich Landwirte gegen Preisschwankungen ab. Kontrahenten dieser Geschäfte sind häufig Spekulanten. Sie erfüllen damit wichtige Versicherungsfunktionen. Ihre Aktivität zu verbieten, würde die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter funktionieren lassen.

Als 2008 die Preise für Agrarrohstoffe schnell und überraschend dramatisch stiegen, brachte die Verteuerung der Lebensmittel vor allem von Armut betroffene Menschen in akute Schwierigkeiten. Rund um den Globus kam es zu Hungerrevolten. Schnell gab es aus Kreisen der Finanzwirtschaft erste Selbstbezichtigungen. Hedgefonds-Manager machten eine exzessive Finanzspekulation für den plötzlichen Preisanstieg verantwortlich und forderten von der Politik eine rigide Regulierung. Mittlerweile haben sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen diese Diagnose und die zugehörige Therapieforderung zu eigen gemacht. Sie kritisieren Banken als "Hungermacher". In Deutschland haben schon mehrere Finanzinstitute erklärt, sich aus dem kritisierten Geschäftszweig zurückzuziehen.

Was auf den ersten Blick so aussieht wie ein gelungener gesellschaftlicher Lernprozess, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein moralisches Eigentor zivilgesellschaftlicher Organisationen. Gerade dann, wenn man das Anliegen ernst nimmt, die globale Lebensmittelversorgung zu verbessern, gelangt man zu völlig anderen Schlussfolgerungen, sobald man den Erkenntnisstand der jüngeren Forschung zu diesem Thema zur Kenntnis nimmt.

Der erste Vertragspartner des Weizenbauern auf dem Terminmarkt wird üblicherweise als "Spekulant" bezeichnet. Er ist bereit, eine Wette auf steigende Preise einzugehen und das damit verbundene Risiko zu übernehmen. Aus Sicht des Bauern kommt dies einer produktiven Dienstleistung gleich, die ihn von einer wichtigen Last befreit und insofern einer Versicherung entspricht.

Vor diesem Hintergrund sind zwei Punkte von besonderem Interesse. Erstens kann es vorkommen, dass der Weizenbauer seine Preiserwartungen im Zeitablauf mehrfach ändert und dann jeweils zwei neue Termingeschäfte abschließt. Auf diese Weise wird verständlich, warum das Geschäftsvolumen auf dem Terminmarkt um ein Vielfaches größer sein kann als das auf dem Kassamarkt. Dies hat nichts damit zu tun, dass sich die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft abgekoppelt habe, wie oft gemutmaßt wird. Es ist eher Ausdruck davon, dass die gesellschaftliche Risikoverteilung besser geworden ist.

Zweitens sind Terminmärkte gerade aufgrund ihres Versicherungscharakters eine zivilisatorische Errungenschaft. Interessanterweise sehen das auch die zivilgesellschaftlichen Organisationen so. Sie kritisieren deshalb nicht die Spekulation als solche, sondern ausschließlich ganz bestimmte Formen der Spekulation, von der sie glauben, dass sie die Terminmärkte schlechter funktionieren lassen. Ihre Öffentlichkeitskampagnen und die mediale Berichterstattung hierzu verwischen hingegen oftmals diese Unterscheidung. So entsteht der Eindruck, der Spekulation solle generell Einhalt geboten werden. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Ohne Spekulation gibt es keine Versicherungsleistung für Agrarproduzenten. Aber genau die wird benötigt, wenn man die Angebotsbedingungen verbessern will, um das Nahrungsmittelangebot in der Welt zu erhöhen.

Indexspekulanten im Verdacht

Nun richtet sich die Kritik der zivilgesellschaftlichen Organisationen gar nicht gegen Termingeschäfte an sich, sondern ausschließlich gegen solche Termingeschäfte, die im Zusammenhang mit strukturierten Finanzprodukten erfolgen. Diese "Indexspekulationen" haben in den vergangenen zehn Jahren besonders stark zugenommen. Und von ihnen wird behauptet, dass sie zu einer Blasenbildung auf dem Kassamarkt geführt haben, sodass sie für die sprunghaft steigenden Preise des Jahres 2008 und die damit einsetzenden Hungerrevolten verantwortlich seien. Was ist davon zu halten?

Aber erstens deutet nichts darauf hin, dass die mit großen Geldeinsätzen arbeitenden Indexspekulanten systematisch schlecht informiert sind. Zweitens arbeiten die Indexspekulanten mit einem nachvollziehbaren und leicht beobachtbaren Geschäftsmodell, das auf transparente Investitionsstrategien setzt und insofern die gut informierten Marktteilnehmer einlädt, unverzüglich gegenzusteuern (und mit diesem Gegensteuern Geld zu verdienen), sobald man sich von den Fundamentaldaten entfernt. Drittens ist ein solches Gegensteuern auf Märkten für homogene und leicht handelbare Güter vergleichsweise sehr viel schneller und leichter möglich. Deshalb ist zum Beispiel der Immobilienmarkt für Blasenbildungen weitaus anfälliger als der Markt für Agrarrohstoffe.

Befunde sprechen gegen eine Blasenbildung

Von entscheidender Bedeutung aber sind die empirischen Befunde. Hier ist besonders hervorzuheben, dass ein Preisauftrieb auf dem Terminmarkt nur dann auf den Kassamarkt durchschlagen und dort die Preise anheben kann, wenn der physische Austausch von Angebot und Nachfrage auf dem Kassamarkt tatsächlich beeinflusst wird. Der einzige Transmissionsmechanismus hierfür ist die Lagerhaltung: Im Prinzip wäre es denkbar, dass steigende Terminpreise die Agrarproduzenten veranlassen, ihre Bestände nicht heute zu verkaufen, sondern sie stattdessen einzulagern, um sie später zu einem höheren Preis abzusetzen. Allerdings fallen die dramatischen Preissteigerungsphasen in den vergangenen Jahren zeitlich zusammen nicht mit einem hohen, sondern mit einem historisch niedrigen Niveau der Lagerhaltung. Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass die Diagnose nicht stimmt, derzufolge eine spekulative Blase die Preisexplosion 2008 ausgelöst hat.

Weitere empirische Befunde kommen hinzu. Sie beschäftigen sich mit dem Vorwurf, dass die Indexspekulation durch Blasenbildung die Volatilität, also das Auf und Ab der Preise, erhöht. Träfe dies zu, so würde sie das Preisrisiko nicht sinken, sondern steigen lassen und folglich nicht als Versicherung, sondern als Verunsicherung wirken.

Seit 2008 hat es einen ganzen Schwung methodisch sorgfältiger Studien gegeben, die mit immer besseren Daten und einer immer größeren Trennschärfe des analytischen Instrumentariums der Frage nachgehen, ob es gerechtfertigt ist, die Indexspekulation kausal und dann auch moralisch dafür verantwortlich zu machen, dass im Jahr 2008 von Armut betroffene Menschen in akute Not gerieten, weil sie sich die stark verteuerten Lebensmittel nicht mehr leisten konnten. Die weit überwiegende Mehrheit aller Studien und der stark dominierende Trend der neuen, immer leistungsfähiger werdenden Studien gelangt zu dem Ergebnis, dass die Indexspekulation hohen Preisen zeitlich folgt, anstatt ihnen vorauszugehen. Dies spricht klar für eine funktionale Versicherungsleistung, die sich auch empirisch in einer geringeren Volatilität der Preise niederschlägt.

Mehrere Faktoren kamen gleichzeitig zusammen

Aus ökonomischer Sicht sprechen also durchschlagende Argumente gegen eine Blasenbildung und stattdessen für eine Erklärung der Preisexplosion durch Schocks bei den wirtschaftlichen Fundamentaldaten: Einerseits lässt der zunehmende Fleischkonsum in China und Indien die Nachfrage nach Agrarrohstoffen überproportional ansteigen. Hinzu kommt die in den vergangenen Jahren stark ausgedehnte Subventionierung von Biosprit, die der Nahrungsmittelproduktion beträchtliche Flächen entzieht. Andererseits geht dies einher mit lokalen Ernteausfällen in Folge von Dürren, die – ähnlich wie auch in diesem Jahr – schon 2008 ein beträchtliches Ausmaß annahmen.

Das Niveau der Lagerhaltung war historisch niedrig. Hinzu kam, dass mehr als 20 Länder Exportverbote erließen, um die Nahrungsmittel im eigenen Land zu halten. Sie nahmen dabei freilich in Kauf, die andernorts ohnehin schon strapazierte Versorgungslage nochmals politisch zu verschärfen.

Was tun? Im konkreten Fall gilt: Der zivilgesellschaftliche Alarm ist ein Fehlalarm. Die Diagnose wurde falsch gestellt. Deshalb ist auch die daraus abgeleitete Therapie unzweckmäßig: Wollte man die Indexspekulationen stark einschränken oder gleich ganz verbieten, dann würde dies die Agrarmärkte nicht besser, sondern schlechter funktionieren lassen. Dem moralischen Anliegen, die Nahrungsmittelversorgung in der Welt zu verbessern, würde damit ein Bärendienst erwiesen.

Mittel- und langfristig hingegen lässt sich der Hunger in der Welt nur dadurch wirksam bekämpfen, dass man konsequent auf eine nachhaltige Angebotssteigerung setzt. Hierfür gibt es zahlreiche Optionen, die sich politisch fördern lassen. Das Spektrum reicht von einer Revision der Subventionsprogramme für Bioenergie über neue Verfahren umweltfreundlicher Effi zienzsteigerung bis hin zum Technologie-Transfer in Entwicklungsländer. Hier sollten wir den zuständigen Fachwissenschaftlern genau zuhören, anstatt uns leichtfertig über ihre Erkenntnisse hinwegzusetzen. Diese Sorgfalt sind wir den Hungernden schuldig.

 

Prof. Dr. Ingo Pies ist seit zehn Jahren Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Fachpublikationen. ethik.wiwi.uni-halle.deÜber den Autor

Prof. Dr. Ingo Pies ist seit zehn Jahren Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Fachpublikationen. ethik.wiwi.uni-halle.de

 

 

 Download Jahrbuch 2013

Der Artikel ist im Jahrbuch 2013 von Frankfurt Main Finance erschienen. Das vollständige Jahrbuch können Sie hier herunterladen:

 

 

 



[Eine frühere Version dieses Textes erschien am 31.8.2012 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung]



[Bildquelle: © Sandra Cunningham - Fotolia.com]

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