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Über das Selbstbild des Risikomanagers

Das Berufsbild des Risikomanagers am Scheideweg

Stefan Hirschmann, Frank Romeike

Das Berufsbild des Risikomanagers am Scheideweg

Die Funktion des Risikomanagements hat durch die Finanzmarktkrise an Autorität und Sichtbarkeit gewonnen. Den Fachkräften im Bereich Risikomanagement bietet sich derzeit eine einzigartige Gelegenheit, bei Entscheidungsprozessen auf Führungsebene eine prominentere Rolle einzunehmen. Der jüngste Bericht der Economist Intelligence Unit (EIU) über das Risikomanagement in der Geschäftswelt, der vom Industrieversicherer ACE in Auftrag gegeben wurde, kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Fähigkeiten der professionellen Risikomanager noch immer in Frage gestellt werden, vor allem aufgrund einer überholten Wahrnehmung ihrer Rolle.

Auf der Grundlage einer weltweiten Befragung von 500 Führungskräften und Risikoexperten gibt die Studie einen klaren Kurs für die Entwicklung des Berufsstandes vor, wenn es ihm gelingen soll, sich eine zentrale, dauerhafte Rolle in unternehmensinternen Entscheidungsprozessen zu sichern. Während die Bedeutung des strategischen Risikomanagements von den Unternehmen klar anerkannt wird - fast 60 Prozent der Befragten bestätigen seinen Nutzen für die Identifizierung neuer und künftiger Risiken - waren ihre Ansichten über seine Effektivität weniger eindeutig. Nur 35 Prozent der Befragten sind zum Beispiel der Auffassung, dass ihr Unternehmen künftige Risiken effektiv prognostiziert und misst. Jeder zweite Teilnehmer ist der Ansicht, dass die Risiken in seinem Unternehmen gut verstanden werden, und weniger als die Hälfte der Befragten (46 Prozent) hat den Eindruck, dass ihr Unternehmen das Risikomanagement erfolgreich in seine allgemeine Geschäftsstrategie einbindet.

Risikomanager häufig nicht in strategische Entscheidungen einbezogen

Der fortgesetzte Ausschluss des Berufsstands von der strategischen Entscheidungsfindung vieler Unternehmen wurde auch deutlich, als nur 41 Prozent der Befragten angaben, dass sie von Risikomanagern Analysen erwarten, an denen sich die Unternehmensführung bei der Festlegung der Gesamtstrategie orientiert. Weniger als 50 Prozent gaben an, Risikoteams formell in wichtige strategische Entscheidungen einzubeziehen. "Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, dass Risikomanager zeigen, welchen Wert sie sowohl auf taktischer Ebene als auch im Vorstand schaffen können. Sie müssen sich auch innerhalb ihrer Unternehmen weiterhin für Aufklärung und Dialog einsetzen, um beim Aufbau einer soliden Risikokultur zu helfen und ein klares Verständnis der Funktion des Risikomanagements zu fördern, sowie der Beiträge, die jeder dazu leisten kann", meint Andrew Kendrick, Chairman und CEO der ACE European Group.

Der Bericht deutet außerdem an, dass Risikomanager teilweise aufgrund einer veralteten Wahrnehmung ihrer Rolle Schwierigkeiten haben, sich im Vorstand Gehör zu verschaffen. Auf die Frage, an welcher Stelle Risikomanager den wichtigsten Beitrag leisten können, nannte die größte Gruppe der Teilnehmer (42 Prozent) die "Erfüllung regulatorischer Auflagen", was den Schluss nahe legt, dass viele den Beruf noch immer mit präventiven Prüfungsfunktionen zur Compliancesicherung in Verbindung bringen.

Das Berufsbild des Risikomanagers steht am Scheideweg

Trotz der bestehenden Herausforderungen zeigt die Umfrage eine wachsende Erkenntnis unter Risikomanagern, dass der beste Weg für den Aufbau ihrer Rolle in der stärkeren Betonung ihrer konstruktiven Aspekte liegt, indem sie sich als Geschäftspartner anstatt "Geschäftsverhinderer" darstellen. Die Fähigkeit des Berufs, die Qualität der Entscheidungen des Unternehmens zu verbessern, wurde am zweithäufigsten als wichtigste Funktion zitiert. Dreiviertel der Befragten erwarten von Risikomanagern, dass sie mindestens 25 Prozent ihrer Zeit mit dem "Schaffen von Möglichkeiten" verbringen, und beispielsweise mit Geschäftsmanagern zusammenarbeiten, um Zielsetzungen zu erreichen.

"Seit Beginn der weltweiten Rezession erhalten Risikomanager zunehmend Gehör bei Unternehmen und es wächst das Verständnis des Wertes, den Risikomanager zur strategischen Entscheidungsfindung beisteuern können", so Kendrick weiter. "Aber der Beruf steht nun am Scheideweg. Sollten Risikomanager sich auf die rein technischen Aspekte des Risikomanagements beschränken und die notwendigen Schritte für die Einbeziehung ihrer Kollegen und den Aufbau einer Risikokultur in ihrem Unternehmen unterlassen, werden sie an Einfluss verlieren, sobald bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen zurückkehren."

Wenn Risikomanager jedoch ihren Wert als positive und proaktive Mitarbeiter unter Beweis stellen und zeigen, dass sie ihr Unternehmen dabei unterstützen können, Risiken zu seinem Vorteil einzusetzen, werden sie ihre Position stärken. Auf diese Weise werden sie nicht nur ihre eigene Zukunft als wichtige Unternehmensressource sichern, sondern letztlich auch den langfristigen Erfolg ihres Unternehmens gewährleisten.


[Bildquelle: iStockPhoto]



Kommentare zu diesem Beitrag

Stefan /23.11.2010 06:23
Einige wenige erfolgreiche Unternehmen (Munich RE, Deutsche Bank etc.) - die auch gut durch die Finanzkrise gekommen sind - haben diese Entscheidung bereits vor vielen Jahren getroffen. Andere Unternehmen mussten wohl erst gegen die Wand fahren, um den Sinn eines proaktiven Risikomanagements und eines gelebten Frühwarnsystems als Teil einer wertorientierten Unternehmenssteuerung zu erkennen.
Panzerknacker /23.11.2010 07:59
Gerade im Mittelstand hat das Risikomanagement nach wie vor einen schweren Stand. In den Konzernen sehe ich eine höhere Anerkennung dieser Disziplin. Allerdings ist Risikomanagement wohl häufig mehr eine Pflicht als eine Kür. Aber das haben wir dann geldgeilen Anwälten und Wirtschaftsprüfern mit unsinnigen, aber teuren Auflagen für Unternehmen zu verdanken. Dabei muss Risikomanagement weder teuer noch komplex sein, nur eben lebendig und stetig!
svenja /24.11.2010 12:56
@Panzerknacker: Völlig richtig ... das ganze Compliance-Getöse ist für das Thema Risk Management eher schädlich. Eigentlich geht es doch nur darum, dass sich Unternehmenslenker strukturiert Gedanken über ihre Risiken machen, mit denen ihr Unternehmen in der Zukunft konfrontiert ist. Es geht nicht darum, lange Excel-Listen mit "Controls" (siehe SOX) zu füllen oder Risiken in zentnerschweren Listen zu erfassen. Das füllt nur die Taschen der WPs und Berater ;-(
Risk Management muss auf einer soliden Risk / Corporate Governance basieren - dann ist ein Unternehmen auf einem guten Weg. Das Thema muss schlicht und einfach in der Organisation mit Leben gefüllt werden ...
Corporate Risk Manager /24.11.2010 03:59
Eigentlich ist es recht einfach: "Es gibt Risiken, die einzugehen du dir nicht leisten kannst und es gibt Risiken, die nicht einzugehen du dir nicht leisten kannst!" So hat das Thema Risk Management Peter Drucker zusammengefasst. Daher sollte Risk Management auch fester Bestandteil der Unternehmensführung sein.
Oekoek68 /25.11.2010 12:11
@Corporate Risk Manager: Sehr schönes Zitat!!! Die Bahn AG könnte wahrscheinlich gerade hinsichtlich Kundenzufriedenheit und Investitionen von beiden Seiten des Drucker-Zitats lernen.... Sie hat Investitionsrisiken fälschlicher Weise gemieden und Reputationsrisiken beim Kunden in Kauf genommen.... :- (((
Oekoek68 /25.11.2010 12:17
PS: Und es ist gut wenn Breuel jetzt gefeuert wurde!

"Deutsche Bahn feuert Fernverkehrs-Chef Breuel"
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/nach-langer-pannenserie-deutsche-bahn-feuert-fernverkehrs-chef-breuel-1.1021663

Die sollten jeden Monat einen Teil des Vorstands feuern. Dann könnte das Unternehmen mittelfristig doch noch kundenfreundlich und börsenfähig werden.... Einen Verlust bedeutet der Weggang der Pappnasen allemal nicht!

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