Chemiebranche leidet unter Korruption und Datenklau


Jedes Jahr erleidet die Chemieindustrie Millionenverluste durch wirtschaftskriminelle Handlungen. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der Chemieunternehmen war in den Jahren 2003 und 2004 weltweit mehrfach Opfer von Unterschlagung, Betrug und Fälschung. Im Durchschnitt verzeichnete jedes Unternehmen acht Vorfälle, die jeweils einen Schaden von fast 600 000 US-Dollar verursachten. Die Täter kamen zu 73 Prozent aus den eigenen Reihen. Dies sind die Ergebnisse der jüngsten Analyse des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers (PwC) „Global economic crime survey 2005 – Chemicals industry“. Zur Wirtschaftskriminalität innerhalb der Chemiebranche wurden 168 Unternehmen in 30 Ländern befragt.

Sensible Firmendaten sickern gegen Bargeld durch

Die Zahl der Chemie-Unternehmen, die über Fälle von Wirtschaftskriminalität berichteten, ist im Vergleich zum Untersuchungszeitraum 2001 / 2002 um drei Prozent von 40 auf 37 Prozent gesunken. Gleichzeitig haben sich die Delikte Korruption und Bestechung im selben Zeitraum aber mehr als verdoppelt – von 13 Prozent auf 28 Prozent. In Westeuropa ist zudem die Zahl der Fälschung von Firmendaten wie Produktionsmethoden oder Formeln mit 39 Prozent mehr als doppelt so hoch als anderswo.

Für Volker Fitzner, Partner bei PwC im Bereich Chemicals & Pharma, kommt dieses Ergebnis nicht unerwartet: „In der Vergangenheit gingen viele Führungskräfte in Chemieunternehmen davon aus, dass es in ihrer Firma keine wirtschaftskriminellen Handlungen geben kann. Doch sie lagen häufig nicht richtig. Inzwischen zeichnet sich ein kultureller Wandel ab. Die Führungskräfte haben erkannt, wie real die Bedrohung durch Unterschlagung, Betrug und Fälschung ist und wie stark diese die Finanzsituation, Wettbewerbsvorteile, die Mitarbeitermoral sowie die Beziehungen zu Lieferanten gefährden.

Unterschlagung steht dagegen bei den Befragten mit 60 Prozent an erster Stelle der genannten Betrugsdelikte. Typisch sind Auszahlungen an nicht vorhandene Mitarbeiter, fiktive Verkäufe, überhöhte Rechnungen, unberechtigte Überstunden- und Spesenabrechnungen und der Verkauf von Forschungsdaten. Selten geht es um den Diebstahl von materiellen Gütern, denn in der sensiblen Chemiebranche dreht sich alles um geistiges Eigentum und um Wettbewerbsvorteile.

Fast drei Viertel der Täter stammen aus den eigenen Reihen

Die meisten Führungskräfte konzentrieren sich beim Bemessen des Schadens auf rein materielle Aspekte, ergab die PwC-Analyse. Nur zehn Prozent beziffern den immateriellen Schaden als hoch, 65 Prozent schätzen, dass gar kein Schaden wie Verlust des Wettbewerbsvorteils oder gesunkene Mitarbeitermoral entstanden sei.

Nahezu ein Drittel der Betrugsfälle wird nicht einmal außerhalb der Unternehmen bekannt. Denn 73 Prozent der Täter stammen aus den eigenen Reihen: 16 Prozent aus dem Top-Management, 44 Prozent aus der mittleren Führungsebene. Branchenübergreifend kommt lediglich die Hälfte der Täter aus dem Unternehmen selbst.

Mitarbeiter trauen sich nicht, Vergehen zu berichten

Erstmals hat PwC die Motive der Beteiligten analysieren können: Mangelndes Unrechtsbewusstsein, die Zusammenarbeit mit Externen, unzureichende interne Kontrollen und die damit leicht gemachte Versuchung, die Tat zu begehen, sind die vier Faktoren, die die Befragten am häufigsten bei den Tätern ausmachten.

Rund 45 Prozent der befragten Chemieunternehmen wollen deshalb ihre internen Kontrollen in den nächsten zwei Jahren verbessern. Bislang werden 43 Prozent der Betrugsfälle nur durch Zufall entdeckt, 26 Prozent durch interne Prüfer. Das so genannte Whistle-blowing, das zumeist anonyme Berichten von Vorgängen oder Fehlverhalten wurde nicht ein einziges Mal als Mittel zum Aufspüren von Betrugsfällen erwähnt. „Es genügt nicht, die technische Einrichtung zu schaffen. Die Mitarbeiter müssen sich dieser Einrichtung bewusst sein und sie im Bedarfsfall auch ohne Zögern nutzen“, so Fitzner.

Für die Zukunft sind die Chemie-Unternehmen zuversichtlich – aus Sicht von Claudia Nestler, Partnerin bei PwC und Leiterin des Bereiches Forensic Services, wiegen sie sich jedoch in falscher Sicherheit. „Nur 17 Prozent nehmen an, dass ihr Unternehmen wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich in den kommenden fünf Jahren Einbußen durch Wirtschaftskriminalität hinnehmen muss“, sagt Nestler. Demgegenüber steht die Tatsache von rund 37 Prozent der Unternehmen, die unter Wirtschaftskriminalität leiden.

„Die Chemie-Unternehmen haben verstärkt ihre internen Kontrollen und Verhaltenscodices für ihre Mitarbeiter entwickelt, aber viele Unternehmen müssen noch mehr konkrete Betrugsprävention betreiben – so etwas wie ein umfassendes Bewusstseinstraining gegen Betrug“, fordert Nestler auf.

Die PwC-Analyse „Global economic crime survey 2005 – Chemicals industry“ können Sie hier kostenlos herunterladen.

 

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