Das menschliche Gehirn und Wahrscheinlichkeiten

Alles was lediglich wahrscheinlich ist, ist wahrscheinlich falsch


Frank Romeike [Chefredakteur RiskNET]
Alles was lediglich wahrscheinlich ist, ist wahrscheinlich falschNews

Das Zitat stammt von dem französischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes. Allgemein verstehen wir unter der Wahrscheinlichkeit eine Einstufung von Aussagen und Urteilen nach dem Grad der Gewissheit (Sicherheit). Dieses Urteil über die Wahrscheinlichkeit ist ein Konstrukt, da die Realität permanent durch unsere höchst subjektiven Wahrnehmungen erschaffen wird. Unsere Risikowahrnehmung wiederum ist davon abhängig, was unsere Sinne zu einem Gesamtbild verdichten. Unser Wissen, unsere Emotionen, Moralvorstellungen, Moden, Urteile und Meinungen bestimmen dieses Konstrukt. Was der eine als Risiko wahrnimmt, muss für den anderen noch lange kein Risiko sein.

Des Weiteren basiert Risikowahrnehmung auf Hypothesen. Dadurch werden häufig für gleiche Risiken unterschiedliche Vermutungen und Theorien aufgestellt. Die Diskussion um die Risiken der Gentechnik ist ein Beispiel für die Subjektivität der (gesellschaftlichen) Risikowahrnehmung. Auf der einen Seite ist ein Widerstand als Protest gegen die Überwältigung durch Innovationsprozesse und basierend auf fundamental ethischen Einwänden zu beobachten. Auf der anderen Seite werden die Chancen in der Pflanzenzucht, Tierzucht, Lebensmittelindustrie und Medizin "wahrgenommen". Wahrnehmung wiederum wird durch einen Kontext, d. h. die Berücksichtigung der Raum- und Zeitperspektive, bestimmt. Es gibt keine Wahrnehmung ohne Zusammenhang. Die Wirklichkeit bleibt daher eine Illusion, da es in der Welt der Wahrnehmung kein "falsch" oder "richtig" geben kann.

Kurzum: Unser menschliches Gehirn ist unfähig mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen – und trotzdem arbeiten wir in der Praxis des Risikomanagements mit Wahrscheinlichkeitsaussagen. Wir quälen unsere Risikoverantwortlichen regelmäßig mit Aussagen zu Wahrscheinlichkeiten und präsentieren dem Vorstand Risikolandkarten mit Aussagen zu Eintrittswahrscheinlichkeiten. Dabei wissen wir, dass uns ein intuitives Verständnis für Wahrscheinlichkeiten fehlt. Oder können Sie den Unterschied zwischen 62 und 69 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit erklären? In der Wissenschaft wird hierbei von "Neglect of Probability" (Vernachlässigung der Wahrscheinlichkeit) gesprochen. Dies führt in der Praxis zu Entscheidungsfehlern und regelmäßig auch zu Krisen.

Sie glauben mir nicht? Ein einfaches Beispiel liefert das Geburtstagsparadoxon: Auf einem Fußballspielfeld befinden sich 23 Personen (zweimal 11 Spieler und ein Schiedsrichter). Die Wahrscheinlichkeit, dass hierunter mindestens zwei Personen am gleichen Tag Geburtstag haben, ist größer als 50 Prozent.

Bei Investments vergleichen wir vor allem die Rendite. Die unterschiedlichen Risiken werden nicht selten ausgeblendet. Die jüngste Finanz- und Währungskrise liefert uns den Beweis, dass wir kein natürliches Gefühl für Risiken haben – und daher diese lieber gleich ausblenden. Unter anderem liefert die Ankerheuristik (engl. anchoring effect) aus der Kognitionspsychologie einen Beweis. So haben vor allem Umgebungsinformationen selbst dann einen Einfluss auf die (Risiko-)Einschätzung, wenn sie für die Entscheidung eigentlich irrelevant sind. Kurzum: Wir orientieren uns an einem willkürlichen "Anker": Risiko wird zu einem Konstrukt unserer Wahrnehmungen.

Doch was lerne ich hieraus für die Unternehmenspraxis? Quälen Sie Ihre Kollegen nicht weiter mit Fragen nach Wahrscheinlichkeiten. Arbeiten Sie beispielsweise mit Methoden der Szenarioanalyse. Dort fragen Sie nicht nach einer Wahrscheinlichkeit, sondern nach einer Bandbreite der Auswirkungen. Die der Szenarioanalyse zu Grunde liegende Dreiecksverteilung  (oder Simpson-Verteilung) benötigt lediglich Angaben zum minimalen Wert (worst case), zum maximalen Wert (best case) und zum wahrscheinlichsten Wert (realistic case). Die Dichtefunktion sieht wie ein Dreieck aus. Die y-Achse zeigt die jeweilige Wahrscheinlichkeit für einen Wert x∈[a,b].

Fazit: Wir sollten aufpassen, dass wir Nichtwissen mit nur vermeintlich exakten Wahrscheinlichkeitsaussagen kaschieren.

 

 

[Bildquelle: iStockPhoto]

Kommentare zu diesem Beitrag

Anette /20.04.2012 19:13
Text trifft den Nagel auf den Kopf. Der Text beschreibt die Situation von "Neglect of Probability". Der Mensch hat kein intuitiven Verständnis von Wahrscheinlichkeiten. Basta! Leider haben das viele RIsikonmanager noch nicht verstanden. Empfehlte zum Thema das Buch "Against the Gods" von Peter Bernstein ...
sven /20.05.2012 06:15
Perfekt ... so ist es! Glückwunsch zu dem Text!!!
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