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Fällt jetzt die EZB?


Fällt jetzt die EZB? News

An den Finanzmärkten geht das Gerücht um, die Eurokrise stünde kurz vor dem "Endgame“ der endgültigen Entscheidung. Die Mobilisierung von Finanzmitteln für den Rettungsfonds stößt an Grenzen. Mit dem "Hebel" ist nicht so viel Geld aufzubringen wie gehofft. Es droht eine Rezession mit nochmals steigenden Schuldenquoten. Den neuen Expertenregierungen in Italien und Griechenland, so gut sie auch sind, fehlt die demokratische Legitimation. Die britische Zeitung "Economist" überschrieb diese Woche einen Bericht über den Euro mit "Blick in den Abgrund" ("Staring into the abyss"). Eigentlich, so scheint es, gibt es nur noch eine Alternative: Entweder der Euro zerbricht oder die Europäische Zentralbank beißt in den sauren Apfel und kauft unbeschränkt Anleihen von Mitgliedsstaaten, um den Markt zu entlasten und zu hohe Zinsen für die Schuldner zu verhindern.

Tatsächlich nimmt der Druck auf die EZB in dieser Hinsicht deutlich zu. Die große Mehrheit der Regierungen ist dafür (außer Deutschland). Im "Governing Council" der EZB hat Bundesbankpräsident Weidmann bei seinem Widerstand nur wenig Verbündete. Der Deutsche Jürgen Stark scheidet in 14 Tagen aus der EZB aus. Wie sich der neue EZB-Präsident Draghi positioniert, ist noch nicht klar.

Ökonomisch wird darauf verwiesen, dass inflationäre Gefahren angesichts der schwachen Konjunktur nicht zu befürchten seien. In den USA und in Großbritannien würden die Zentralbanken schon lange auf den Märkten intervenieren, ohne dass es negative Effekte gäbe. Selbst die so stabilitätsbewusste Schweiz sei jüngst über ihren Schatten gesprungen.

Kann Deutschland dem Druck noch länger standhalten? Es gibt fünf Argumente gegen das "Securities Markets Program". Erstens ist Staatsfinanzierung durch die EZB verboten. Im Lissabon Vertrag heißt es in Artikel 123 Absatz 1 ausdrücklich, dass die EZB keine Schuldtitel von Mitgliedsländern erwerben darf. Freilich haben sich die Regierungen schon einmal über juristische Vorschriften hinweggesetzt, als sie Griechenland Kredite gewährten.

Immer mehr Wertpapiere bei der EZB: Bestände im Rahmen des Securities Markets Program [Quelle: EZB]
Immer mehr Wertpapiere bei der EZB: Bestände im Rahmen des Securities Markets Program [Quelle: EZB]

Zweitens sind Staatsanleihekäufe durch die Notenbank nicht mit dem Mandat vereinbar, den Geldwert zu sichern. Die wichtigste Gefahr für den Geldwert geht nach aller historischen Erfahrung von den öffentlichen Defiziten aus. Wenn sich die Notenbank an der Finanzierung dieser Defizite beteiligt, fördert sie die Inflation, die sie bekämpfen soll.

Drittens leistet die EZB damit dem "Moral-Hazard" (der "sittlichen Gefährdung") der Schuldner Vorschub. Denn wenn sie die Haushaltsdefizite finanziert, gibt es für die Regierungen keinen Grund mehr, die Schuldenpolitik zu beenden. Als die EZB im Oktober begann, italienische Staatsanleihen zu kaufen, hat Rom das Sparprogramm prompt wieder abgeschwächt.

Viertens verschlechtert sich die Bilanz (und damit die Glaubwürdigkeit) der Zentralbank. Die EZB hält bereits jetzt EUR 183 Mrd. Staatspapiere. Das sind knapp 8 Prozent ihrer Bilanzsumme. Hierauf müsste sie eigentlich Wertberichtigungen bilden. Je mehr Papiere die EZB hat, umso weniger macht es Sinn, einen Schuldenschnitt für ein Land zu vereinbaren, da immer weniger Papiere in Privathand liegen.

Fünftens wird die Unabhängigkeit der Notenbank unterminiert. Wenn sie einmal mit der Staatsfinanzierung anfängt, kann sie nicht so leicht wieder aufhören, weil sie dann die Staaten in Schwierigkeiten bringen würde.

Für Experten sind das harte Fakten. Der Verzicht auf Wertpapierkäufe durch die Zentralbank ist Teil der Stabilitätskultur. Er macht den Euro attraktiv. Er stärkt sowohl das Vertrauen der Bürger im Innern, als auch das der globalen Investoren. Er führt dazu, dass der Euro eben etwas anderes ist als der US-Dollar oder das Britische Pfund oder der Japanischen Yen.

Für die Politiker und die Öffentlichkeit sind diese Argumente aber nicht zwingend. Sie sehen darin eher soft factors. Ein bisschen Käufe von Staatsanleihen sind, so hört man immer wieder, so wie "ein bisschen Sünde". Es ist nicht gut, aber vertretbar, wenn man damit Schlimmeres verhindert.
Fällt also der Widerstand der EZB? Wenn es nur die Alternative zwischen Anleihekäufen und einem Zerfall des Euro gäbe, würde ich auch ins Grübeln kommen. Aber das ist nicht so. Es gibt noch andere Wege. Der eine ist: In den Schuldnerländern glaubwürdig (glaubwürdig dick unterstrichen) die Schulden reduzieren und Wachstum fördern. Die Richtung muss stimmen, bei den zeitlichen Vorgaben sollte man wegen der Konjunktur nicht zu ehrgeizig sein.

Der zweite ist: Ernst machen mit der Integration, also den Weg zu einer politischen Union gehen, zuerst in der Finanzpolitik, dann in der Wirtschaftspolitik. Das hilft den Märkten. Es ist auch bei Brüssel-kritischen Wählern durchsetzbar, wenn klar wird, dass sonst der Euro zerbricht. Am besten sollte man beide Alternativen zugleich verfolgen.

Autor: Dr. Martin W. Hüfner, Chief Economist, Assenagon Asset Management S.A.


[Bildquelle: iStockPhoto]

 

Kommentare zu diesem Beitrag

Markus /16.11.2011 22:09
Die EZB sollte endlich ihre eigentliche Aufgabe wahrnehmen: Preisstabilität und Euro-Schutz.

-Anleihekäufe einstellen
-Zinsen erhöhen

Sollen doch die Investoren abwandern und in andere Länder investieren.
Das Problem ist, dass zuviel Liquidität im Umlauf ist und die Inflationsschübe noch nicht in der Realwirtschaft angekommen sind.

Soll doch ein Großteil nach Ami-Land gehen. Wer glaubt die Probleme dort seien wirklich kleiner, dem ist nicht mehr zu helfen.

Alternativ kann man ja Staatsanleihen Nicaraguas kaufen; ob dort langfristig stabilere Haushaltspolitik betrieben wird als in Euro-Land....????

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Interessant an obiger Grafik ist folgendes:
Die EZB hatte lange Zeit ca. 80Mrd an Staatsanleihen im Depot. Von Juli bis Oktober stieg die Position um 100 Mrd.
Im wesentlichen wurden dabei klammen Banken/Versicherungen Positionen abgekauft, wenn auch zu Marktpreis. Trotzdem gingen 100 Mrd. in den Finanzsektor. Ob die aktuellen, durch diesen Tausch verbesserten EK--Quoten nun tatsächlich in der gleichen Größenordnung liegen, bezweifle ich doch sehr.

Man schenkt den Banken wieder Unsummen, die dann wieder investiert werden müssen; aber mit besserer Verzinsung, weil man intern extrem abgebläht ist und sonst keine andere Sparte Gewinne einfährt. Folge:höhere Spreads -> neue Panik; von wegen - Regulierungsarbitrage vom feinsten.


Zitat des Tages
Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen.
Henry Ford
RiskNET Redaktion /17.11.2011 12:05
+++ US-Nervosität wegen Schuldenkrise nimmt zu - Spekulationen über EZB +++

Die zunehmende Nervosität in den USA über mögliche Folgen der europäischen Staatschuldenkrise hat am Mittwoch zu deutlichen Aktienkursverlusten und Spekulationen über mögliche Käufe italienischer Staatsanleihen durch die US-Notenbank Fed geführt. Auch an den europäischen Börsen dürfte dies zum Handelsbeginn die Kurse unter Druck setzen.

Am Mittwoch hatte die Ratingagentur Fitch Warnung vor Ansteckungsgefahren für US-Banken durch die Schuldenkrise in der Eurozone gewarnt. Dies ist aus Sicht von Marktteilnehmern eine schlechte Nachricht für den Bankensektor insgesamt. Ein Händler einer internationalen Großbank sagte am Donnerstagmorgen, es bestehe die Gefahr, dass sich die Liquiditätsprobleme im Sektor weiter verschärfen und stärker ausbreiten könnten. Der praktische Rückzug von US-Geldmarktfonds aus der Eurozone im Sommer hatte schwere Verwerfungen an den internationalen Märkten ausgelöst. "Bei einer Verschärfung der Krise dürfte der Ruf nach der EZB lauter werden", sagte ein anderer Marktteilnehmer.

Der Präsident der Boston Fed, Eric Rosengren, sagte am Abend, er rechne für den Fall einer Liquiditätskrise mit koordinierten Aktionen der Zentralbanken beiderseits des Atlantik.

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) kommt am Donnerstag in Frankfurt zu seiner monatlichen Sitzung ohne geldpolitische Beschlussfassung zusammen, bei der die Verwerfungen an den Anleihenmärkten diskutiert werden dürften. Ein Bericht der Ratingagentur Fitch über ein Übergreifen der europäischen Krise auf US-Banken führte im späten USD-Handel zu einem deutlichen Kursrückgang.

Rosengren hatte bei einer Veranstaltung in Boston zwar gesagt, Europa könne alleine mit der Staatsschuldenkrise fertig werden, später aber hinzugefügt: Im Krisenfall würde er erwarten, dass es zu einigen koordinierten Aktivitäten der Zentralbanken der USA und Europas zur Absicherung der globalen Liquidität komme. Er prognostiziere keine Krise, aber einige Marktindikatoren deuteten darauf hin, dass es zunehmend Sorgen hinsichtlich "schwererer Störungen" der kurzfristigen Kreditmärkte gebe. Die Fed beobachte das sehr aufmerksam. An Wall Street hatten Rosengrens Äußerungen zu Spekulationen geführt, Fed und Europäischer Zentralbank (EZB) könnten gemeinsam italienische Staatsanleihen kaufen.

In Europa hat der Druck auf die EZB, sich stärker an der Krisenbewältigung zu beteiligen, unterdessen weiter zugenommen. Der französische Finanzminister Francois Baroin erneuerte am Abend den Vorschlag, dem Euro-Rettungsfonds EFSF eine Banklizenz zu erteilen, um seine Schlagkraft mit Hilfe der EZB zu erhöhen - eine Idee, die von Deutschland mehrfach abgelehnt und von den europäischen Finanzminister für "erledigt" erklärt worden war. Baroin sagte dazu: "Deutschland hat im Hinblick auf eine solche Intervention der Zentralbank Bedenken, die mehr als historisch sind, sie sind nahezu soziologisch und strukturell." Frankreich werde weiterhin in dieser Weise denken.

BNP Paribas äußerte in einer in der Nacht veröffentlichten Analyse die Erwartung, dass die EZB über kurz oder lang nicht an einem Quantitative Easing vorbei kommen werde, wolle sie einem voraussichtlich bald negativen Geldmengenwachstum und einem weiteren Deleveraging der Banken entgegen wirken. Chefvolkswirt Paul Mortimer Lee rechnet mit einem Lockerungsvolumen von 300 Mrd bis 500 Mrd EUR.

Die Ratingagentur Fitch warnte am Abend vor einem Übergreifen der europäischen Schuldenkrise auf US-Banken. Sie bezifferte das Engagement der größten Banken des Landes in Staatsanleihen der im Fokus der Schuldenkrise stehenden Länder auf 50 Mrd USD. Das Staatsanleihen-Exposure sei zwar "handhabbar aber nicht ohne Kosten". Der Ausblick für die US-Banken werde sich eintrüben, sollte die europäische Schuldenkrise nicht bald gelöst werden.

Das Engagement der Bank of America in Staatsanleihen europäischer Krisenländer benannte die Agentur mit 13 Mrd USD, Citigroup mit 16,3 Mrd USD, J.P. Morgan Chase & Co mit 15,1 Mrd USD, Wells Fargo mit 3,1 Mrd USD, Goldman Sachs mit 2,5 Mrd USD und Morgan Stanley mit 3,4 Mrd USD.

Die Aktienkurse in den USA gerieten nach dem Fitch-Bericht unter Druck. Der größte Verlierer unter den Banken war am Donnerstag Morgan Stanley mit einem Minus von 8% auf 14,66 USD. Für Citigroup ging es um 4,1% auf 26,86 USD nach unten. Bank of America und JP Morgan büßten jeweils 3,8% ein.
RiskNET Redaktion /18.11.2011 18:40
+++ Commerzbank-Chef: Keiner kauft Staatsanleihen +++

Staatsanleihen der Euro-Zone sind inzwischen eine hochspekulative Anlage. Davon ist Commerzbank-Chef Martin Blessing überzeugt. Zwar höre man derzeit viel über die Fortschritte in den verschuldeten Ländern der Euro-Zone. Zudem seien in Griechenland und Italien neue Regierungen im Amt, die sich verpflichtet haben, die strikten Sparprogramme einzuhalten und notwendige Strukturreformen durchzuführen. Trotz all dieser Ereignisse, blieben "Investoren zurückhaltend und sind nicht willens, bestimmte Staatsanleihen zu kaufen", stellte Blessing in seiner Rede beim European Banking Congress am Freitag fest.

Für diese Zurückhaltung gebe es mehrere Gründe. So seien Staatsanleihen von Euroländern nicht mehr "risk-free". "Der Fall Griechenland hat allen Investoren klar vor Augen geführt, dass Staatsanleihen der Euro-Zone zu hohen Ausfällen führen können", sagte Blessing. Zudem könnten Staatsanleihen nicht effektiv gegen Ausfall versichert werden. "Der anhaltende Vertrauensverlust der privaten Investoren wird die Liquiditätsengpässe in den nächsten Monaten verstärken", sagte der Manager. Zudem steige damit das Risiko eines möglichen "Kollaps des Staatsanleihenmarktes" und damit des Euro deutlich an.

Aus Blessings Sicht gibt es nur einen Ausweg aus der derzeitigen Krise. "Wir müssen die Vertiefung der Integration vorantreiben", sagte er. Nur mit einer Fiskalunion in Europa könne der Euro Bestand haben.
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